Das Bauchgefühl Irritation und Ekel ernst nehmen

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Wie merke ich schon frühzeitig, dass ich einen Mann kennenlerne, der früher oder später übergriffig oder gewalttätig werden könnte? Wie erkenne ich Narzissten?

Es gibt dazu eine sehr gute Seite im Internet (http://umgang-mit-narzissten.de/). Ich möchte aber noch auf einen anderen, sehr wichtigen Aspekt eingehen, der schnell übergangen wird: Dein Bauchgefühl. Für mich war es so, dass ich schon sehr früh ein komisches Bauchgefühl hatte. Wenn Du die Interviews mit Frauen liest, die Gewalt in ihrer Beziehung erlebt haben, beschreiben auch sie, dass sie anfangs ein komisches Bauchgefühl hatten. Dieses Bauchgefühl wird sehr häufig weggedrückt. Ich möchte Dir aber den Rat geben, dieses Gefühl ernst zu nehmen und dem nachzugehen.

Folgende Gefühle können Anzeichen von Übergriffigkeiten Dir gegenüber sein:

  • Ekel
  • Irritation wegen bestimmter übertriebener Verhaltensweisen des anderen (z.B. „Ich liebe Dich“ schon am ersten Abend, ständige Liebesschwüre per Mail und SMS, überschwängliche Geschenke, übertriebene Vergötterung und Bewunderung Dir gegenüber)
  • ein immer wieder aufflammendes starkes inneres Gefühl der Ablehnung dem anderen gegenüber
  • Angst und Mißtrauen und ein diffuses oder klares Gefühl von Gefahr oder Gefährdung
  • Du hast das Gefühl, dass Du innerlich etwas überwinden musst, um Nähe zuzulassen
  • ein Gefühl von Gefangenheit und eingeschränkter Freiheit. Du fühlst Dich in seiner Gegenwart nicht frei.
  • ein Gefühl kontrolliert, fremdbestimmt und vereinnahmt zu werden
  • Du hast irgendwie keine Lust, mit dem Mann ins Bett zu gehen, obwohl er ein grandioser Liebhaber ist. Du fühlst Dich nicht „gesehen.“
  • Du hast evtl. keine Lust, den Mann Deinen Freunden vorzustellen.
  • Du hast oft keine Lust, den Mann in Deine Wohnung zu lassen.
  • Du empfindest ihn als aufdringlich.
  • Du hast das Gefühl, dass er in besonderer Form Beachtung und Bewunderung fordert.
  • Du hast das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, dass Dir ein Schauspiel vorgespielt wird, dass die Sache einen Haken hat oder nicht „echt“ ist.

Vom anderen wirst Du darin bestärkt, dem inneren Bauchgefühl NICHT zu vertrauen. Folgendes wird Dir z.B. vermittelt:

  • Du bist beziehungs- und bindungsgestört.
  • Du übertreibst.
  • Du stellst Dich an.
  • Du fährst einen Film.
  • Du hast Angst vor Nähe.
  • Du kannst Dich nicht wirklich auf einen Mann einlassen.
  • Du solltest Dich einfach fallenlassen.
  • Du brauchst in Wahrheit einen starken Mann.
  • Du weißt nicht, was Du wirklich denkst und fühlst. Ich weiß das besser.
  • Du weißt nicht, was Du wirklich brauchst. Ich weiß das und ich kann es Dir geben.
  • Du bist viel zu mißtrauisch.
  • Du bist frigide.
  • Du liebst mich nicht wirklich. Sonst müsstest Du mich so annehmen wie ich bin und mir diese und jene Wünsche erfüllen.
  • Du kannst nicht wirklich lieben.
  • Du spinnst.
  • Du weißt nicht, was Dir entgeht, wenn Du Dich nicht auf mich einlässt.
  • Du kennst mich noch gar nicht wirklich. Insofern kann Dein Gefühl nicht richtig sein.
  • Du magst das doch, wenn ich gefährlich wirke. Gefahr ist sexy und reizvoll. Du erlebst aufregende Abenteuer mit mir.

Ich möchte Dir ein Beispiel aus meiner eigenen Geschichte erzählen: Als ich noch allein mit meinem ersten Sohn wohnte, kam mein Ex-Freund regelmässig zu Besuch. Er hatte einen Schlüssel. Ich hatte schon ein komisches Gefühl, ihm den Schlüssel zu geben. Im Gegenzug dazu hatte ich das Gefühl, dass der andere es als absolut normal betrachtete, dass ich ihm einen Schlüssel aushändigen muss. Mit diesem Schlüssel kam er dann ohne vorherige Anmeldung und ohne vorher zu klingeln einfach in meine Wohnung und bestückte mit großer Selbstverständlichkeit meinen Kühlschrank mit Bier, Wurst und Remoulade (was ich alles hasse) und mein Badezimmer mit seinen Utensilien. Mich hat das irritiert. Gleichzeitig dachte ich, ich solle mich nicht so anstellen. Es sei doch schön, dass er sich heimisch fühlt.

Ich habe damals noch regelmässig meditiert. Beim Meditieren ist man sehr empfänglich für Stimmungen. Er polterte also in meine kleine Wohnung, setzte sich in die Küche und ich hatte das starke Gefühl, dass er das Verlangen ausstrahlte, beachtet zu werden. Ich wollte aber bei mir sein. Ich hatte keine Lust, ihn zu bewundern und zu beachten. Ich spürte, dass er damit nicht zurechtkam. Als ich dann sehr ruhig die Meditation beendete, um ihn zu begrüßen, war für mich wieder spürbar, dass er es nicht haben konnte, dass ich nicht mit völliger Begeisterung über ihn herfiel, sondern eher in mir ruhte. Er wollte wissen, wie die Meditation war. Mit dieser Fragerei konnte er mich offenbar nicht in meinem inneren Frieden sein lassen. In Wahrheit wollte er wohl endlich beachtet werden. Als ich dann ansprach, dass es mich stört, wenn er einfach so in die Wohnung kommt, fand er das total übertrieben und komisch. Ich solle mich nicht so anstellen. Ich solle mich eher freuen, dass er kommt. Er hat dann zwar ein paar Mal auch geklingelt. Aber im Großen und Ganzen hat er dieses selbstverständliche Hineinplatzen beibehalten.

Mag sein, dass Du diese Geschichte als harmlos empfindest. Aus heutiger Sicht war sie aber alles andere als das. Mein Bauchgefühl hat schon sehr frühzeitig deutlich gewarnt. Ich habe es aber nicht ernst genommen. Ich dachte, ich muss mich ändern und ich dachte, der andere wird sich noch ändern. Wir müssen einfach zusammenfinden. Dann wird sich das schon geben. Es hat sich aber nicht gegeben. Im Gegenteil.

Ekel, Ablehnung und Irritation sind DIE entscheidenden Anzeichen, dass Du übergriffig behandelt wirst. Das gilt nicht nur für Partnerschaften, sondern auch für andere Beziehungen, z.B. auch innerhalb Deiner Familie. Wenn dann noch hinzukommt, dass der andere beginnt, Dir zu sagen, was Du in Wahrheit fühlst und was in Wahrheit mit Dir los ist, sollten die Alarmglocken laut klingeln.

Die Krux an der Sache ist, dass es sich erstmal sehr schön anfühlen kann, von einem anderen so bewundert und angehimmelt zu werden. Es kann auch ein schönes Gefühl sein, wenn der andere sich wie ein rettender Ritter darstellt, der Dich als Prinzessin ins Märchenland entführt, indem er die Kontrolle und Steuerung übernimmt. Das sind archaische Bilder, die viele Frauen als Mädchen wie eine Traumvorstellung von Beziehung verinnerlicht haben. Und in der Tat: Du wirst atemberaubende Nächte mit diesem Mann erleben können und er wird vor Lebensfreude und Liebe nur so strotzen und Dich damit fast erdrücken. Er wird Dir wunderschöne Bilder Eurer gemeinsamen Zukunft malen. Er wird sich als der absolute Traummann präsentieren, den Du Dir nicht entgehen lassen solltest.

Wenn jedoch nur ein Fünkchen komischer Gefühle in Dir aufkommt, solltest Du diese innere Warnung sehr, sehr ernst nehmen und Dich nicht von seinen Einflüsterungen betören lassen oder Dir Deine Wahrnehmung verdrehen lassen. Spätestens, wenn das Gefühl aufkommt, dass der andere beginnt, Kontrolle über Dich übernehmen zu wollen, solltest Du das Weite suchen.


Bild: Pixabay, Nikiko

3 Kommentar

  1. Du hast sowas von absolut recht! Ich würde sogar sagen, das Bauchgefühl, der Instinkt, die Intuition ist IMMER der beste Ratgeber. Ich habe auch am Anfang einer Beziehung nicht darauf gehört, und dann hatte ich den Salat.
    Was mir auch noch einfällt: Wie viele Frauen haben wohl Angst vor dem Alleinsein, und lassen solche harmlos wirkenden Übergriffe wie Du sie beschreibst nur allzu gern zu? Dann kann man es nicht wagen, auf den Bauch zu hören. „Besser so, als ganz allein“.
    LG! Ela

  2. Danke, dass du so offen über diese Dinge schreibst. Als ich an einen narzissten geriet war ich leider so jung und unerfahren, dass ich solche Warnzeichen gar nicht einordnen konnte. Erst sehr viel später kam das und es hat ewig gedauert, bis ich da weg kam. Seit dem hab ich immer eine leise Befürchtung, dass es mir nochmal passiert. Ich versuche jetzt aber auf mein bauchgefühl zu hören und mir zu versichern, dass es richtig ist, auch in anderen Zusammenhängen.

  3. Meine Güte wie wahr! Das, was du beschreibst hatte ich alles: Ekel, Abelehnung, Irritationen. Wenn ich rechtzeitig auf meinen Bauch gehört hätte, wäre mir ein langer Leidensweg erspart geblieben. Doch zunächst war die Angst vor dem Alleinsein größer als alle inneren Warnlampen.

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