„Das hast Du in Dein Leben gezogen.“ Spirituelles #Victim-Blaming

InBeziehungsgewalt, Klartext, Partnerschaft, Victim-Blaming
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In meiner Facebook-Timeline lese ich einiges von Menschen, denen eine spirituelle Ausrichtung wichtig ist. Auch ich habe mich lange mit Spiritualität beschäftigt und es war mir wichtig und hat mir geholfen. Aktuell eher nicht. Ich würde sagen, ich bin in der Realität angekommen, komme damit zurecht, dass ich vieles nicht erklären kann und komme damit zurecht, dass es eine ganze Menge Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen im Leben gibt, die einfach nur Sch*$&# sind. Ich habe mir meine eigene Form der Spiritualität bzw. Lebenseinstellung zurechtgestrickt aus vielen Erfahrungen, die ich gemacht habe und aus vielem, das ich gelesen habe und das sich für mich durch meine persönliche Lebenserfahrung als hilfreich herausgestellt hat. Das ist inzwischen mein Maßstab: Ist es hilfreich für mich? Erleichtert es mein Leben? Fühlt es sich stimmig an? Ist es ehrlich? Umgekehrt frage ich mich: Muss ich mich verbiegen? Muss ich etwas glauben und darf es nicht anhand eigener Erfahrungen überprüfen? Muss ich etwas „müssen“? Muss ich mich bedingungslos unterwerfen? Muss ich mich und mein Bauchgefühl verleugnen? Wird mir etwas unterstellt? Weiß jemand besser als ich selbst, was mit mir los ist?

In letzter Zeit lese ich bei manchen der besagten Menschen ab und zu Kommentare im Sinne von „Überleg mal, warum Du das in Dein Leben gezogen hast?“, wenn jemand ein Problem mit einem anderen Menschen beschreibt. Ich möchte Dir erklären, warum mich das nervt und warum ich inzwischen der Überzeugung bin, dass diese Haltung überhaupt nicht weiterhilft und Dir sogar schaden kann, wenn Du richtig schwierige Erfahrungen in Deinem Leben machst, z.B. eine Gewaltbeziehung oder eine schwere Krankheit oder auch chronische Schmerzen.

Warum sagt jemand so etwas? Welche Überzeugungen stecken hinter so einer Aussage?

Ich bin Gott oder Gott bestimmt mich

Grund 1: „Ich bestimme alles in meinem Leben selbst“
Hinter dieser Haltung liegt die Überzeugung, dass Du alles in Deinem Leben selbst bestimmen kannst und dass alles, was Du erfährst und alle Menschen, die in Dein Leben kommen, mit Dir selbst und Deiner inneren Ausrichtung zu tun haben. Interessant an dieser Haltung ist, dass von einer göttlichen Allmacht ausgegangen wird, die Du selbst über Dein Leben und damit auch über alle um Dich herum hast. Einerseits klingt diese Haltung nach Selbstbestimmung. Andererseits zeugt diese Haltung von einer selbstschädigenden Allmachtsphantasie. Mein Therapeut sagte mal zu mir, als ich mich wieder einmal in Schuldgefühlen badete: „Sind Sie Gott?“ Diese Frage war für mich entscheidend, um die Schädlichkeit dieser Haltung zu verstehen. Nein, ich bin nicht Gott.

Grund 2: „Eine göttliche Macht bestimmt mein Leben.“
Das ist der Glaube an ein Schicksal, an Karma oder eine göttliche Macht, die Dir bestimmte Erfahrungen im Leben beschert, weil Du selbst bestimmte Fehler gemacht hast oder weil Du – angeblich – bestimmte Dinge lernen musst. Hört sich ja erstmal schön an. Diese Haltung klingt nach Glauben im weitesten Sinne – Glaube an einen Sinn von allem. Ich habe mir manchmal gewünscht zu meinem Glauben aus früher Kindheit und Jugend zurückzufinden, denn Glaube hilft und erleichtert. Wenn ich an eine Führung und einen Sinn glaube, kann ich manche schwierige Erfahrungen im Leben leichter ertragen. Umgekehrt kann ich – wenn ich an eine göttliche Führung und einen Sinn glaube – in Lebenssituationen stecken bleiben, die total schädlich für mich sind. Sekten arbeiten z.B. mit dieser Haltung: „Wenn Du nicht bei uns bleibst und alles für uns tust, wird Dich ein schreckliches Schicksal ereilen.“ oder „Es ist Dir bestimmt, bei uns zu bleiben. Es ist Dein Schicksal. Du gehörst zu uns.“ Auch in Gewaltbeziehungen können solche Äußerungen fallen: „Wir sind einander Schicksal“ oder „Niemand anders kann mit Dir leben. Nur ich. Du bist für mich bestimmt.“ Klingt romantisch, kann aber auch von einem ausgeprägtem Macht- und Kontrollwunsch sprechen, also von seelischer Gewalt.

Wie brutal und gnadenlos solche Einstellungen werden können wird deutlich, wenn man an Kinder denkt, die z.B. mit einer Behinderung zur Welt kommen oder die misshandelt werden oder die hungern, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort geboren werden. Bestimmen sie das auch selbst? Haben sie das auch selbst in ihr Leben geholt? Tatsächlich gibt es spirituelle Strömungen, die genau das vertreten. Es geht dann sogar so weit, dass behauptet wird, die Kinder hätten sich die Eltern und ihre Lebensumstände ja selbst ausgesucht. Sind sie dann selbst schuld, dass sie in schlechte Lebensumstände geboren werden oder gar misshandelt und missbraucht werden? Für mich hört hier der „Spaß“ eindeutig auf. Wenn man mal tiefer hinter diese Aussage blickt, wird deutlich, dass hier eine Form von Schuldzuweisung stattfindet, die höchst perfide ist. Für mich ist das Victim-Blaming im spirituellen Deckmantel.

I’m human and alive, so Shit happens

Ich bin Mensch und ich lebe, also geschehen mir auch schlimme und schmerzhafte Dinge – Shit eben. Ich glaube, dass man einfach sehr viel Pech im Leben haben kann. Manche Erfahrungen, manche Begegnungen sind einfach nur furchtbar und daran bin ich nicht schuld.

Sie kommen über mich, weil ich vielleicht eine falsche Entscheidung getroffen habe. Diese Entscheidung habe ich aber getroffen, weil ich es zu dem Zeitpunkt einfach nicht besser wusste. Manche Erfahrungen, z.B. eine schwere Krankheit, Krebs oder – wie bei mir – eine Hüftdysplasie sind erblich oder Du bekommst sie einfach, weil Du sie bekommst, weil Du Pech gehabt hast. Manche Menschen, die in Dein Leben kommen, lässt Du aus gutem Willen eintreten, aus Vertrauen. Du lässt Nähe mit diesen Menschen zu aus einer Sehnsucht nach Liebe. Vielleicht hast Du auch in Deiner Kindheit schwierige Beziehungsmuster gelernt und empfindest daher eine destruktive Beziehung als vertraut und „richtig“ – einfach, weil Du es nicht anders kennst oder weil Du es Dir nicht anders vorstellen kannst.

Es kann Dir auch geschehen, dass eine Beziehung einfach nicht funktioniert oder dass Dein Partner sich in eine andere verliebt – ohne bösen Willen und ohne dass Eure Beziehung vorher schlecht war. Er lernt eine andere kennen oder Du lernst einen anderen kennen, es macht „Zoom!“ und Du kannst Dir nicht mehr vorstellen, ohne diesen Menschen weiterzuleben. Und schon steht eine Trennung im Raum. Auch da: Keiner ist schuldig. Es ist das Leben, das da einen Strich durch die Rechnung macht.

Und es kann jedem Menschen (JEDEM!) geschehen, dass er in einer Gewaltbeziehung landet – mit seelischer oder sogar körperlicher Gewalt. Das ist meine feste Überzeugung, da sich diese schleichend aus einer Liebesbeziehung entwickelt.

Menschen möchten dann so gern wissen, warum ihnen das jetzt gerade geschieht und warum es womöglich immer wieder „so dicke“ kommt. Dahinter steckt wahrscheinlich der Wunsch, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen und endlich den Sinn hinter all dem zu verstehen, damit man damit seinen Frieden schließen kann. Man möchte nicht so sehr dem Leben und seinen Höhen und Tiefen ausgeliefert sein. Man möchte nicht so sehr leiden.

An diesem Punkt können durchaus Techniken helfen, die aus spirituellen Strömungen entstanden sind, oder die – sogar umgekehrt – in spirituelle Strömungen verpackt wurden, weil sie so hilfreich sind. Achtsamkeitstechniken, Meditation und Yoga können vielen Menschen – völlig unabhängig von irgendeinem Glauben – bei der Bewältigung schwieriger Lebenserfahrungen helfen. Es sind Techniken, die beim Umgang mit Gefühlen und Gedanken unterstützen und die in die Gegenwart und den Körper zurückholen, was bei traumatischen Erfahrungen sehr hilfreich sein kann. Nicht jeder mag das – klar. Viele gehen auch lieber laufen oder arbeiten im Garten oderoder. Manche finden auch Ruhe, Sinn und Frieden in ihrem Glauben. Das finde ich auch völlig in Ordnung, solange sie ihren Glauben nicht anderen Menschen als Begründung für deren schweres Schicksal „überstülpen“, weil jene vielleicht nicht „richtig“ glauben oder weil jene das selbst in ihr Leben geholt haben.

Also bin ich nicht für mein Leben verantwortlich?

Doch! Ein eigenverantwortliches, selbstbestimmtes Leben ist trotz schlechter Erfahrungen (und sogar trotz mangelndem Glauben ;-)) möglich. Ich kann eine Menge für meine innere Heilung und für die Verbesserung meines Lebens tun. Ich kann auch daran arbeiten, nicht mehr in alte und ungesunde Denk- und Verhaltensmuster zu verfallen, die ich z.B. in meiner Kindheit gelernt habe, oder die ich mir angewöhnt habe, um schlimme Gefühle nicht fühlen zu müssen oder furchtbare Erinnerungen zu verdrängen. Ich kann sehr viel an meiner inneren Haltung tun und an den Botschaften, die ich mir selbst tagtäglich innerlich und höchstwahrscheinlich unbewusst vermittle. Wenn ich z.B. erkenne, dass ich immer wieder in destruktiven Beziehungen lande, kann eine Therapie hilfreich sein, um zu verstehen, warum das so ist. Ich kann lernen, mir selbst mein Glück mehr zu gönnen, was viele nicht gelernt haben. Ich kann lernen, mich wieder an einen anderen Menschen heranzuwagen, auch wenn ich ganz schlimme Erlebnisse in Beziehungen gemacht habe.

Schwierige Erlebnisse und Erfahrungen können auch eine neue Perspektive auf das Leben geben. Es kann sein, dass Du für vermeintlich kleine Dinge plötzlich Dankbarkeit empfindest. Es kann sein, dass Du demütiger wirst, wenn ein anderer von schwierigen Erfahrungen erzählt. Du urteilst nicht mehr so schnell. Es kann sein, dass Dein Leben Dir plötzlich viel wertvoller erscheint als vorher.

Ich glaube, für eine gute Bewältigung schwieriger Lebenserfahrungen ist es ganz besonders wichtig, freundlich zu sich selbst zu sein und sich selbst in all seinen Gefühlen ernstzunehmen und zu „erlauben“. Umgekehrt halte ich es für sehr wichtig, sich von Menschen abzugrenzen, die mir für alle schlimmen Erlebnisse meines Lebens die Schuld in die Schuhe schieben wollen. Ich unterstelle hier sogar, dass viele dieser Menschen eine solche Aussage machen, um nicht mehr mit mir über meine leidvollen Erfahrungen reden zu müssen. Es kann eine Form von Selbstschutz und Hilflosigkeit sein, weil einem einfach nichts vernünftiges dazu einfällt, wenn jemand so furchtbare Dinge erlebt hat.

Ich glaube als Gegenüber eines Menschen mit schwierigen Erfahrungen kann man einfach auch mal aushalten lernen zu schweigen und gar nichts mehr zu wissen. Man kann lernen, dass es oft nur darum geht, da zu sein und zuzuhören – ohne Ratschläge und gute Tipps. Es kann so hilfreich und erleichternd sein, wenn einer einfach nur sagt: „Ja, es ist schwer. Ich weiß. Ich bleibe bei Dir.“

Und wie das in diesem Video über Empathie so schön gezeigt wird: „I know what it’s down here. You’re not alone.“


Bild: Pixabay, Helena

15 Kommentar

  1. Authentische Spiritualität kann ungemein hilfreich sein derartige Beziehungen, Neurosen und Sozial-Psychopathien wie Du Sie auf deinem Blog beschreibst zu vermeiden. Es kann helfen vom Dauerlauf der gescheiterten Beziehungen, zu heilen eben weil es dem Geist und unsere Intuition auf die Sprünge hilft. Wohlgemerkt – authentische Spiritualität, nicht dieses „Konter-Initiatische“ Gesums dass im Allgemeinen propagiert wird. Authentische Spiritualität erfordert Diziplin und ja,auch ein sich einlassen & loslassen von alten Denkmustern und Gewohnheiten um auf die höhere Einsicht (Intuition) in uns zu stossen. Weil soviele Menschen dazu keinerlei Zugang mehr haben und alles nur vorgründig rational (was oft ja gar nicht rational ist) entscheiden wollen, passiert all der Scheiss den du jeden Tag durchkaust. Zurückgeworfen auf reine Materie glauben die Menschen an das Niedere (und das ist eben auch die Gewalt) mehr als an das Höhrere (die höhrere Einsicht, der bessere Mensch in uns). Du weisst also immer noch nicht, dass es eben deine vielgeliebte Rationalität ist, die dich immer wieder aufs Glatteis führt und die dich so einladend für Narzisten machen. Menschen ohne Intuition sind deren Leibspeise.

    Ich habe den Eindruck, dass Du Spiritualität insgesamt nicht wirklich verstanden hast sondern es mit einer Yoga Session verwechselst.

    • Hallo Healing Injustice,

      interessant, dass Du so viel über mich weißt oder zu wissen glaubst. Ich halte durchaus viel von der Ausbildung der Intuition. Ich halte aber nichts davon, jemanden hintenrum über eine vordergründig spirituelle Argumentation für seinen Lebenslauf zu verurteilen. Es gab da mal so einen Mann, der sagte: Der, der ohne Fehl ist, werfe den ersten Stein. Es gibt ganz furchtbare Ausprägungen von Spiritualität und Glauben, die nicht zur Entwicklung von Toleranz und Mitgefühl anleiten, sondern zur Ausbildung von Arroganz und Ignoranz. Diese Formen können schillernd verpackt sein und wirken vordergründig lieb und hilfreich. Hinten herum sind sie gnadenlos. Die meine ich.

      Herzliche Grüße
      Rona

  2. Verstehst du denn warum Narzisten ihre Spiele treiben so wie sie sie treiben? Hast du eine Antwort auf die Natur des Bösen und warum es Menschen gibt die gerne Böses tun? Wenn Ja, erkläre es bitte aus deiner Sicht. Was treibt Menschen in den Missbrauch? Was treibt Menschen dazu andere Wesen zu quälen?

    Ich wollte dich nicht persönlich angehen, dafür entschuldige ich mich, sondern dein Rationalisieren hinterfragen, weil du dich meiner Sicht nach den eigentlichen Fragen entziehst. Das kann ich glaube ich verantworten.

    • Hallo Healing Injustice,

      ja, ich habe schon einiges davon verstanden, warum Narzissten ihre Spiele treiben. Aber ich habe festgestellt, dass mir das „warum“ nicht weiterhilft – im Gegenteil. Wenn ich verstehen will, warum das Böse in manchen Menschen da ist und warum jemand so ist wie er ist, verbleibe ich in einer Beziehung mit diesem Menschen. Und damit es mir wieder gut geht, muss ich mich komplett lösen von einem Narzissten, ohne weiter nach dem Warum zu fragen. Es ist unerheblich für mich geworden, das zu verstehen, denn ich bin – zum Glück – nicht der Therapeut des Narzissten. Außerdem weiß ich inzwischen, dass ich vieles nicht weiß und auch vieles nicht wissen muss. Für mich ist der Maßstab, ob ich mich vom Bauch her wohl mit einer Sache fühle – also Intuition. Und Intuition grübelt nicht.

      • Hallo Rona,

        Sie schrieben:“Wenn ich verstehen will, warum das Böse in manchen Menschen da ist und warum jemand so ist wie er ist, verbleibe ich in einer Beziehung mit diesem Menschen.“
        Ja, leider ist das so, denn…
        Wir alle haben unsere erlernten Lebensmuster. Welcher Qualität diese sind , zeigt sich im Erwachsenenalter.
        Manche bleiben in diesen Mustern, „suchen“ sich Partner, die diese bedienen, d.h. die sie so behandeln, wie sie es von ihren Systemen her kennen gelernt haben.
        Wenn sie sich als Erwachsener dessen und ihrer Bedürfnisse nicht bewusst werden, verbleiben sie in der abhängigen Position.
        Und das ist der Punkt: Bewusst-Sein. Wer bin ich? – Wer will ich sein?
        Um eine gesunde Beziehung leben zu können, sollte ich mich selbst kennen, mich selbst mögen…

  3. Vielen Dank für diesen Blog-Artikel. Er spricht mir so was von aus der Seele. Ich selbst distanziere mich inzwischen auch immer mehr von spirituellen oder auch religiösen Therorien, genau aus diesen oben beschriebenen Gründe. Ich selbst sehe auch, dass hier Menschen häufig nicht wirklich weitergeholfen wird, sondern erst recht neue Schuldgefühle aufgebaut werden, sie eigentlich nicht gestärkt sondern geschwächt werden. Spiritualität ist inzwischen zu einem Megahype geworden. Leider auch im Bereich von Therapie, Coaching etc., doch das was hier oft geschieht, kann zu einem großen Schaden werden. Der Mantel sieht so harmlos aus, doch der Inhalt kann tatsächlich zum Verhängnis werden. Insbesondere, wenn ein Mensch in einer Situation steckt, die ihn zutiefst verunsichert und runterzieht. In meinen Augen wird hier viel zu unsensibel mit den Menschen umgegangen. Vor allem auch was das Thema Karma oder Schuld betrifft. Viele Menschen können mit den traditionellen religiösen Lehren sich nicht mehr identifizieren und glauben, dass Spiritualität die Erfüllung bringt. Doch wenn man sich manches, was hier so angeboten wird mal genauer ansieht, dann wird man schnell merken, dass dies alles andere als harmlos sein kann. Ja teileise sogar sektenhaften Charakter annimmt. Ich denke auch dass es wichtig ist, hier gut auf sein Bauchgefühl zu hören. Spätestens, wenn Du für alles verantwortlich gemacht wirst, wenn Dir gesagt wird es gibt keine schlechten Beziehungen oder vielleicht, Du brauchst das alles oder die Gemeinschaft braucht Dich und dafür musst Du das aushalten, immer dann wenn solche Aussagen gemacht werde, Aussagen, bei denen Dir eigentlich die Luft zum Atmen wegbleibt, dann ist es Zeit zu gehen. Mag sein, dass jetzt gesagt wird ich verwechsle Esoterik mit Spiritualität. Manche unterscheiden das ja. Ich nicht so sehr.

    • Danke für Deinen Kommentar, Andrea. Das hast Du gut beschrieben und es deckt sich mit meinen Erfahrungen.

  4. Ich kann Dir folgen und nachvollziehen, was Dich an solchen Aussagen anko… Dennoch habe ich dazu eine andere Erfahrung. Meine Lebensumstände haben sich immer dann gewandelt, wenn ich bereit war, 100% Verantwortung für die ganze Situation zu übernehmen und hinzuschauen, warum ich mich unbewusst für diese Erfahrung entschieden habe. Meist konnte ich dann sehen, wo ich mich und/oder meine Kraft/Eigenmacht ablehne.
    In dem Moment, wo man „unten“ ist, sind solche Aussagen wie „das hast Du in Dein Leben gezogen“ schmerzhaft.
    Denn wenn dies nicht mit Mitgefühl verbunden ist, ist es wie ein Schlag ins Gesicht. Es gibt in meinem Umfeld Menschen, die bringen mir in „schlechten“ Phasen Mitgefühl und Unterstützung entgegen. Und es gibt Menschen, die zeigen Mitgefühl und erinnern mich mit einer Frage wie dieser an den Anteil in mir, der gerade nicht ins Drama verstrickt ist. Und das bringt mich zurück in meine Eigenmacht und das ist Gold. Das können aber auch nur die Menschen, die diesen Satz nicht als Phrase irgendwo aufgeschnappt haben und sinnlos nachplappern (denn das ist Gift). Es sind die, die diesen Satz nach gelebter und integrierter Erfahrung aussprechen. Nur dann ist er Medizin.
    Ich glaube sehr wohl, dass wir uns auf Seelenebene für bestimmte Erfahrungen entschieden haben. Auch wenn ich auf der Mensch-Ebene auf viele Erfahrungen gern verzichtet hätte.
    All die Gewalt und Armut und Ungerechtigkeit können und dürfen wir nicht abtun mit „die haben sich so entschieden“, auch wenn es stimmt. Wir sind hier, um Mitgefühl für uns und die Mitmenschen zu entwickeln. Dies entwickelt den göttlichen Teil in uns, der eben auch da ist.
    Von daher würde ich diese Aussage nicht grundsätzlich „verteufeln“ sondern differenziert hinsehen:
    Wer sagt das?
    Mit welcher Haltung wird dies gesagt? Schwingen Empathie, Wertschätzung, Mitgefühl, Verständnis und Liebe mit?

    • Ich möchte noch ergänzen, dass wir weder allmächtig noch allem total hilflos ausgeliefert sind. Wir sind selbstwirksam und dennoch wird es immer einen Teil des Mysteriums geben, der sich uns nicht erschließt.

      • Ja, Asja, zu wissen, dass ich vieles nicht weiß und das auch anzunehmen und damit zu leben, halte ich für ganz entscheidend.

  5. Ich glaube, dass die Unterscheidung von Verantwortung und Schuld, die du machst, sehr nützlich ist. Das Prinzip Selbstverantwortung halte ich für besonders wichtig. Ich sehe das so: Es ist nicht meine Schuld, dass ich eine bestimmte Krankheit oder Symptomatik habe, oder mich in unheilsame Beziehungen verstricke oder wie meine Eltern sind und meine Kindheit war. Aber es liegt in meine Verantwortung, daran etwas zu ändern, wenn es mich belastet. Wer sonst sollte mir das abnehmen? Das heißt nicht, alles ganz alleine bewältigen zu müssen, aber das schließt die Verantwortung ein, mir Hilfe zu suchen, wenn ich etwas alleine nicht schaffe.

    Dabei kann es in meinen Augen unter gar keinen Umständen darum gehen, wieder so zu werden (und zu funktionieren) wie vorher. Die Selbst- und Fremdanforderung auf eine bestimmte Art zu funktionieren – sei es in der Familie, im Büro oder woanders – ist wohl meistens (immer?) Teil der Symptomatik. Insofern halte ich Symptome (einschließlich belastender Beziehungen) für eine dringliche, alarmierende Aufforderung einen persönlichen Entwicklungsprozess anzugehen. Das ist letztlich auch meine bisherige Essenz, die ich aus der Esoterik ziehe. Bestimmte Werkzeuge wie Bewegung, Achtsamkeit, Körperwahrnehmung und ein freundlicher Umgang mit mir selbst, finde ich dabei sehr hilfreich. Dazu gehört aber auch, dafür zu sorgen, dass die äußeren Bedingungen stimmen, dass ich z.B. einen sicheren Rückzugsort habe.

    Was brauche ich jetzt? Was würde mir noch helfen oder gut tun? Kann ich irgendwie gut für mich sorgen? Ohne Unterstützung hätte ich meinen Weg nicht geschafft. Der Austausch und Kontakt mit anderen Menschen in einem geschützten Rahmen war sehr wichtig.

    Herzliche Grüße,
    Steven

  6. Sehr schöner Artikel. Und wie jeden anderen glauben kann man natürlich auch diese etwas Buddhistisch angehauchte weltanschauung krass fehl interpretieren. Ich denke auch dass vieles auch einfach Pech ist. Oder haben die Fahrgäste vom bahnunglueck das in ihr Leben gezogen? Oder die Anschlagsopfer von Paris? Und leider muss man wohl auch einfach sich damit abfinden, dass Böses tun eben auch eine Option menschlichen handelns ist. und jeder Opfer davon werden kann, selbst im engsten Umfeld. Und nicht jeder bösartige mensch müsste nur mal therapiert werden, sondern manche sind auch einfach nur A…löcher.

    • Letzteres war eine meiner bittersten Erkenntnisse nach einer intensiveren Beschäftigung mit der Thematik und eigenen Erfahrungen. Nicht jeder (erwachsene!) Mensch hat einen guten Kern. Die Gründe dafür sind vielfältig. Aber – wie gesagt – mit den Gründen beschäftige ich mich nicht mehr.

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