Das lasse ich nie mit mir machen! Erfahrungen mit einer Gewaltbeziehung

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Möchtest Du wissen, wie andere Frauen sich aus einer Beziehung lösen konnten, in der sie Gewalt erlebt haben? Oder möchtest Du wissen, wie sich eine solche Partnerschaft entwickelt und warum eine selbstbewusste Frau zunächst sogar häufig bei ihrem gewalttätigen Partner bleibt? Wie geht es einer Frau, die solch schwierige Erfahrungen hinter sich hat? Wie sieht ihr Leben danach aus?

Carola Fuchs (46), Lehrerin an einem Gymnasium für Naturwissenschaften und Autorin des Buches „Mama zwischen Sorge und Recht“ erzählt ihre Geschichte. Sie hat eine Tochter, die bald ein Teenie ist.

Bitte beachten: Teile des Interviews können triggern, da Gewalterfahrungen geschildert werden.

Wie war das Verhältnis zu Deinem Partner am Anfang, als Ihr Euch kennengelernt habt?
Er hat mich quasi auf Händen getragen. Es war ihm ganz wichtig, möglichst viel Zeit mit mir zu verbringen.

Wie hat sich die Beziehung im Laufe der Zeit entwickelt?
Er war sehr eifersüchtig auf alles, was ich neben ihm an Leidenschaften hatte. Beruf, Freund, Sport, Lesen, das war alles nur ok, wenn er keine Zeit hatte. Aber dann wollte er mich exklusiv. Er hatte zwei Kinder aus erster Ehe, die er möglichst oft bei sich haben wollte. Auch deshalb hätte er sich gewünscht, dass ich zu ihm aufs Land ziehe und mich für die Betreuung der Kinder, Kochen, Waschen und Putzen zuständig fühle. Zum Teil habe ich das auch gemacht, aber eben nicht immer. Mir war es nämlich auch wichtig, in meinem Beruf Fuß zu fassen und dafür brauchte ich auch am Wochenende etwas Zeit. Wenn ich an den Kinderwochenenden erst am Samstag zu ihnen kam, fühlte er sich von mir alleingelassen.

Zu welchem Zeitpunkt hast Du die Gewalt klar erkennen können?
Klar erkannt habe ich das erst, als die Situation kurz nach der Geburt unseres gemeinsamen Kindes eskalierte. Zu diesem Zeitpunkt waren wir fast sechs Jahre ein Paar, aber wir wohnten erst seit einem knappen Jahr zusammen. Er konnte es nicht ertragen, wenn ich mich um das Baby kümmerte und verlangte von mir, dass ich es schreien lassen sollte. Weil ich das nicht aushielt steigerte er sich in die fixe Idee hinein, ich würde Katja mit meiner Liebe misshandeln und sie ihm damit entfremden. Eines Tages hinderte er mich mit Gewalt daran, mein Kind tröstend auf den Arm zu nehmen und drohte mir an, mich umzubringen Obwohl ich keine blauen Flecken hatte, war für mich eine Grenze überschritten.

Wie bist Du mit dieser Erkenntnis umgegangen?
(Hast Du z.B. direkt an Trennung gedacht, oder hattest Du Hoffnungen, gemeinsam mit Deinem Partner etwas ändern zu können? Habt Ihr z.B. eine Paartherapie begonnen o.ä.?)
Ich konnte nie verstehen, weshalb Frauen bei ihren Männer bleiben, obwohl sie sie schlagen.
Daran erinnerte ich mich, als es mir selbst Gewalt wiederfuhr. Diese vorher getroffene Entscheidung, das niemals mit mir machen zu lassen, half mir dabei, ganz schnell die Reißleine zu ziehen und bei der nächsten Gelegenheit zu meinen Eltern zu flüchten.
Das war aber für mich noch lange keine endgültige Entscheidung. Er hatte mich jahrelang mit Komplimenten und Liebesbezeugungen überschüttet, so dass ich diesen plötzlichen Wechsel von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde als Albtraum empfand, aus dem ich wieder aufwachen könnte. Ich wartete insgeheim darauf, dass sich alles wieder einrenkt, dass er anruft und sich entschuldigt und wir doch noch eine glückliche Familie werden.

Wann war für Dich klar, dass nur noch eine Trennung möglich ist und wer oder was hat Dir bei der Entscheidung geholfen?
Aus heutiger Sicht bin ich sehr dankbar dafür, dass er sich umgehend eine Freundin geschnappt hat, und nicht im entferntesten daran dachte, sich bei mir zu entschuldigen. Denn bestimmt wäre ich dafür empfänglich gewesen. In dieser Zeit versuchten wir, uns als Eltern zu reorganisieren, so dass er bei mir ein und ausgehen konnte, sobald ich eine eigene Wohnung hatte. Diese Besuche liefen überwiegend sehr harmonisch ab. Er war lieb zu Katja und mir tat es gut, den „alten“ Thomas wieder zu erleben. Aber ganz selten brach Mr. Hyde unvermutet durch. Einmal schmeckte ihm z.B. die Suppe nicht, die ich ihm angeboten hatte. „Was ist denn das heute wieder für ein Fraß?“, war sein Kommentar. Solche Momente waren ganz wertvoll für mich. Sie bewiesen mir, dass ich mit der Trennung alles richtig gemacht hatte und ich rief sie mir mantraartig ins Gedächtnis, wenn sich in mir der Wunsch breit machte, wir könnten uns wieder versöhnen.

Wie ging es Dir in der Zeit nach der Trennung?
Ich weiß noch, dass ich Rotz und Wasser geheult habe, als ich mit Katja und Sack und Pack bei meinen Eltern eintraf. Meine Mutter meinte es sehr gut und sagte: „Aber Kind, jetzt bist du doch zuhause.“ Das machte mich noch trauriger. Es tat einerseits so gut, diesen Halt zu spüren, den mir meine Eltern gaben und doch fühlte ich mich, als wäre ich auf ganzer Linie gescheitert.

Hast Du Dich nach Deinem Expartner gesehnt und vielleicht sogar einen Neuanfang erwogen oder bist sogar zurückgekehrt? Oder hast Du viel mit Gefühlen wie Wut, Verzweiflung, Eifersucht etc. kämpfen müssen? Wie bist Du mit diesen Gefühlen und Situationen umgegangen? Wie konntest Du Dich wieder lösen?
Es waren viele Wochen, in denen ich mir nichts sehnlicher gewünscht hätte, als dass er sich bei mir entschuldigt. Tagsüber habe ich mich um das Baby gekümmert und mich im Haus und im Garten meiner Eltern nützlich gemacht. Das hat mich abgelenkt und hat meinen Tagen Struktur gegeben. Aber die Nächte waren im wahrsten Sinne des Wortes ein Albtraum. Einschlafen war kein Problem, aber zwischen zwei und fünf Uhr morgens lag ich regelmäßig wach. Um diese Uhrzeit fühlte sich mein Leben an wie ein riesiger Scherbenhaufen, der nie wieder heil werden kann. Und ich schwankte hin und her zwischen Wut auf ihn und der Sehnsucht nach dem Thomas, der er einmal war.
Es waren mehrere Faktoren, die mir bei der Lösung aus dieser krankmachenden Beziehung geholfen haben. Zum einen war ich bereits Ende dreißig und hatte reichlich Gelegenheit, indirekt im Freundeskreis oder über ein paar Ecken Erfahrungen zu sammeln. Dabei kam ich zu dem Schluss, dass jemand der einmal geschlagen hat wieder schlägt und wer einmal fremdgegangen ist wieder fremdgeht. Diese Erkenntnis half mir dabei, die Realität gegen die Wunschbilder zu verteidigen. Glücklicherweise kam seine Entschuldigung für die Ausfälle und sein tyrannisches Gebärden sehr spät, nämlich erst über ein Jahr nach der Trennung, als er von einem esoterischen Seminar von den Kanaren zurückkam. Dort sollte durch die Kommunikation mit Engeln die Probleme im Hier und Jetzt bearbeitet werden. Ein Ansatz, dem ich per se sehr skeptisch gegenüberstand. Ich hatte genügend Abstand um die Entschuldigung zu hinterfragen, wie die kleine Passage aus meinem Buch zeigt:

Mir fällt die Kinnlade runter. Dieser Kerl schafft es doch immer wieder, mich vollkommen aus dem Konzept zu bringen. Vorhin stand er vor der Schule und bestand darauf, mich auf einen Kaffee einzuladen. Weil er so enthusiastisch war, habe ich aus Neugierde zugesagt. Die Ex der 9e muss ich dann eben am Abend korrigieren. So sitzen wir an diesem strahlenden Julinachmittag in einem netten Hinterhofcafé, und ich bin wirklich baff, denn ein offenbar ganz „innovierter“ Thomas bittet mich unter Tränen um Verzeihung für alles, was er mir angetan hat. Er sagt haargenau das, was ich mir vor anderthalb Jahren, in den ersten Wochen nach meinem Auszug, so sehr gewünscht hatte: „Es tut mir unglaublich leid, dass ich dich so schrecklich behandelt habe, dass ich so ein Tyrann war und so furchtbar egoistisch. Jetzt ist mir klar, dass ich mich viel mehr um das Baby und dich hätte kümmern müssen. Ich habe dich ja förmlich aus dem Haus getrieben. Bitte komm zurück zu mir! Gib uns noch eine Chance!“

Hatte die Kanarische Insel tatsächlich mehr zu bieten als esoterische Beutelschneiderei und himmlische Schaumschlägerei? Ist er wirklich so weit „erneuert“, dass er ernsthaft etwas ändern will? Unwahrscheinlich. Also frage ich den „Innovierten“ selbst: „Thomas, warum hat es dich eigentlich so in Rage gebracht, wenn ich das Baby versorgt habe?“

Schlagartig wird klar, dass die Engel nur sehr oberflächlich gearbeitet haben. „Warum fragst du so blöd nach?“, schnauzt mich der reuige Sünder an. „Genügt es denn nicht, dass ich mich entschuldige? Du brauchst nicht zu glauben, dass du mir jetzt bei jeder Gelegenheit in den Ohren liegen kannst, dass ich alles verbockt habe. Es muss auch mal gut sein. Lass uns einfach einen Schlussstrich ziehen und neu anfangen! Komm zu mir zurück! Wir sind füreinander bestimmt. Das wirst du auch bald feststellen, Carola.“

„Ich werde nicht alles wieder aufgeben und zu dir ziehen, wenn du mir nicht mal einen Grund für dein Verhalten geben kannst. Das geht einfach nicht!“

Fatalerweise kommt in seinem Bewusstsein dieses Nein nicht an. Er zuckt nur mit den Schultern und sagt: „Okay, du kannst dir ruhig etwas Zeit lassen.“ Was sind das eigentlich für Engel, die auf den Kanaren ihr Unwesen treiben? Die gehören mit Flugverbot belegt.

Wie fühlst Du Dich heute?
(Bist Du zufrieden mit Deinem jetzigen Leben? Was hat sich in Dir verändert und welche Lehren hast Du aus Deinen Erfahrungen gezogen?)
Heute fühle ich mich so gut, wie noch nie vorher. Auch wenn es seltsam klingt, aber ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich gemacht habe. Es war ja kein Zufall, dass ich mich von Thomas so angezogen gefühlt habe. Jeder bringt irgendwelche Lücken aus der eigenen Kindheit mit. Mir fehlte mir definitiv an Selbstbewusstsein, sonst hätten mich seine übertriebenen Komplimente nicht so beeindruckt. In den sechs Jahren, die wir zusammen waren, habe ich das sehr genossen und fühlte mich so wohl in meiner Haut, dass ich förmlich aufblühte. (Leider konnte er in dieser Zeit seine Defizite nicht ausgleichen, sondern war nach wie vor sehr bedürftig.) Auf die sehr schwierige Zeit, die anfing, als ich eine neue Beziehung einging, weil Thomas Angst hatte, nun auch noch sein Kind an den Neuen zu verlieren, könnte ich eigentlich verzichten. Anderseits stelle ich im Nachhinein fest, dass ich auch daran sehr gewachsen bin. Als die Situation besonders durch die Voreingenommenheit beim Jugendamt und vor dem Familiengericht immer aberwitziger wurde, meinte meine langjährige Freundin empört: „Der Hammer! Findest du nicht, dass du langsam genügend Stoff für ein Buch hast? ‚Die absurden Abenteuer der Carola F. in Sachen Umgang und Unterhalt‘ oder so ähnlich.“
An diesem Nachmittag fing ich zu schreiben an. Es tat so unglaublich gut, die Wut, die Ohnmacht und die Demütigungen zu kanalisieren, dass ich jede freie Minute für das Projekt „Buch“ nutzte. Manchmal saß ich tränenüberströmt am Schreibtisch und manchmal schüttelte ich mich vor lauter Lachen, wenn mir beim Überarbeiten des Manuskripts der Aberwitz des Ganzen bewusst wurde. Irgendwann hatte ich mein Buch „Mama zwischen Sorge und Recht – Die aberwitzigen Erfahrungen einer Mutter in Sachen Umgang“ in der Hand. Damit hatte ich ganz nach Goethe aus den vielen Steinen, die mir in den Weg gelegt wurden, etwas Schönes gemacht und im Schreiben eine neue Leidenschaft entdeckt. Das sehe ich durchaus als Bereicherung in meinem Leben an, die sich nur durch die schweren Zeiten ergeben konnte.

Was sind Deine wichtigsten Tipps für Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind?
Was brauchen Frauen aus Deiner Sicht, um sich aus einer Gewaltbeziehung zu befreien und was hilft ihnen dabei?

  1. Zeit. Bei mir hat sehr lange gedauert, bis ich nicht mehr auf eine Versöhnung gehofft habe.
  2. Abstand: Eine räumliche Trennung gewährleistet den nötigen Abstand, um sich über die eigenen Gefühle und auch über die zugrundeliegende Dynamik klar zu werden.
  3. Fachliche Hilfe: Eine Freundin hat mir einen Psychologen und Psychiater empfohlen. Bei diesem Mann habe ich mir fünf Stunden gegönnt. Dort habe ich zum ersten Mal von einer narzisstischen Persönlichkeit gehört und ich habe verstanden, dass es keine Schuld gibt. Ich bin nicht schuld, weil ich mich für den falschen Mann entschieden habe. Thomas ist aber auch nicht schuld. In seinem Erleben hat er vollkommen folgerichtig gehandelt. Seine emotionale Bedürftigkeit habe ich jahrelang in der Beziehung zufrieden gestellt oder zumindest den glaubhaften Versuch unternommen. Plötzlich ist das Kind da und fordert Aufmerksamkeit von mir. Das hat er als so große Zurückweisung empfunden, dass er seine Stabilität verloren hat.
    Wichtig ist nur zu erkennen, dass man aus dieser Verstrickung rausgewachsen ist und sich abgrenzen kann und muss. Das Abgrenzen ist nochmal eine große Aufgabe, wenn der andere das Ende der Beziehung nicht wahrhaben will.
  4. Das Leben nicht aus den Augen verlieren. Irgendwann saß ich da, mit Katja auf dem Arm und ich fühlte mich schrecklich betrogen um die unbeschwerten Monate mit Baby. Da beschloss ich, mir die Zeit nicht rauben zu lassen. Ich wollte mein Leben nicht auf den Zeitpunkt verschieben, wenn alles wieder in Ordnung ist. Wann wäre das überhaupt der Fall? Denn irgendwas ist immer. Sei es die Trennung, der Tod der Eltern, eigene gesundheitliche Probleme, Schwierigkeiten im Beruf, oder, oder oder.
    Seit diesem Moment lebe ich einfach und zwar mit allen Widrigkeiten, die ein ganz normales Leben mit sich bringt.

 

Was ist Dir noch wichtig zu sagen?
Erst ganz spät, eigentlich erst durch den Austausch mit meinen Leserinnen wurde mir klar, dass die wenigen Vorfälle an körperlicher Gewalt zwar schlimm, aber lange nicht das Schlimmste waren. Erst mit der Zeit begriff ich, dass ich jahrelang psychische Gewalt über mich ergehen habe lassen. Ich war von seinen Liebesbezeugungen buchstäblich geblendet und habe nicht bemerkt, dass er für jedes Kompliment eine Belohnung verlangte, und mich benutzte um seine innere Leere zu füllen. Es hat mich tief bewegt, als Katja im zarten Alter von fünf Jahren genau diese Dynamik in Worte fasste, die ich jahrelang nicht einmal durchschaute:

„Wenn ich beim Papa bin, fühle ich mich so einsam.“ Sie klettert auf meinen Schoß, schluchzt noch eine Weile und sagt dann: „Weißt du, ich hab dem Papa bestimmt nicht wehgetan. Aber wenn ich bei ihm bin, dann hab ich das Gefühl, dass ich ihm wehgetan hab.“

Vielen Dank, Carola!!!

Dieses Interview ist Teil einer Serie. Ich befrage Frauen, die Gewalt in einer Partnerschaft erlebt haben und bitte sie darum, ihre Erfahrungen und Bewältigungsstrategien zu schildern. Die Interviews sollen anderen Frauen Mut machen, die in einer ähnlichen Situation sind. Außerdem sollen sie aufklären, wie eine solche Beziehung überhaupt zustande kommen kann und wie sie sich entwickelt.

Jede vierte Frau erlebt häusliche Gewalt.
Partnerschaftsgewalt ist keine Privatsache.
Gewalt geht jeden etwas an.

Wenn Du auch Deine Geschichte erzählen möchtest, um anderen betroffenen Frauen zu helfen, wende Dich über mein Kontaktformular an mich. Eine Veröffentlichung kann gern auch anonym erfolgen. DANKE!

1 Kommentar

  1. Ich gratuliere dir zu deiner tollen, klugen Tochter. Das ist wirklich beeindruckend, wie sie die Beziehungsdynamik erkennt und fast sogar durchschaut. Alles wunderbar richtig gemacht, würde ich sagen. Schön!

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