Die dunkle Wolke Bericht aus einer beginnenden Depression

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Gestern abend war ich bei meinem ersten Elternabend in diesem Schuljahr. Die Lehrer meines Sohnes empfingen mich mit den Worten: Sie hatten aber schöne Ferien, oder? Ja, ich bin braungebrannt, ich hatte ein Kleid an, ich sah wohl erholt aus. Innendrin sieht es aber gerade ganz anders aus. Ich antwortete, dass es schön war, dass ich aber auch froh bin, dass die Ferien vorbei sind. Die Lehrer lachten. Es klang irgendwie zynisch. Aber ja, es ist so: Ich bin froh, dass die Ferien vorbei sind. Ich bin froh, dass ich jetzt wieder regelmässig Zeit für mich habe. Das ist zwar größtenteils Arbeitszeit und Haushaltszeit. Freizeit habe ich kaum. Aber immerhin: es ist Zeit allein.

Wie sehr mir das fehlte und wie sehr sich wohl aus diesem Grund eine dunkle Wolke inzwischen über mir mehr und mehr zuzieht, merkte ich, als ich gestern einen Test machte, ob ich an einer Depression leide. Die Antwort dieses Testes, den mir eine befreundete Psychologin empfahl, riet mir zum schnellstmöglichen Besuch eines Arztes. Ich hatte es schwarz auf weiß: ich leide unter einer Depression. Ich wollte das verharmlosen. Ich dachte, ach, so ein Test. Was soll das denn schon heißen? Ich habe wohl etwas übertrieben bei der Beantwortung der Fragen. Ich testete einen anderen Test mit demselben Ergebnis. Ich sprach mit der Freundin. Sie hat mich ebenfalls, schnellstmöglich zum Arzt zu gehen, besser noch zu einer Tagesklinik. Tagesklinik? Ich? Nein! Ich wollte und will es auch heute noch nicht wirklich wahrhaben.

Dennoch möchte ich Euch (etwas off topic zu dieser Seite aber dennoch in topic, weil viele Alleinerziehende unter Depressionen leiden) berichten, wie es mir in den letzten Monaten ergangen ist und wie sich das gerade anfühlt. Denn: es ist so schwer, sich das einzugestehen und wirklich dazu zu stehen, dass man an einer Depression erkrankt ist. Es kam so schleichend und langsam, eine kleine Wolke, die immer größer wurde und immer tiefer sank und alles niederdrückte. Ich dachte, ich habe das im Griff. Ich muss mich nur mal hinlegen, dann geht es wieder. Die Ferien müssen vorbei sein, dann geht es wieder. Die Kinder müssen gesund sein, dann geht es wieder. Und so weiter und so fort.

Die ehrliche Antwort ist: Nein, es geht nicht wieder.

In den letzten Monaten kamen immer häufiger Tage, an denen ich so müde war, dass ich mich nur noch hinlegen konnte – und das nicht nur eine Stunde, sondern 12 Stunden (natürlich nur, wenn mir das möglich war, weil die Kinder bei Oma waren. Ansonsten regelte ich unseren Tagesablauf wie gewohnt). Aktivitäten, die mir früher leicht fielen, fielen mir auf einmal zunehmend schwer. Ich muss mich mehr und mehr überwinden, aktiv zu werden. Gleichzeitig fühle ich, dass ich kaum noch etwas fühle. Ereignisse um mich herum berühren mich immer weniger. Es fällt mir schwer, auf Menschen einzugehen. Jede Aktivität, die nach außen geht, ist furchtbar anstrengend. Es ist so, als müsste ich erst eine Wand wegdrücken, um weiterzukommen, als wäre da ein unsichtbarer Gegendruck bei allem, was ich tun will. Auch das Schreiben für diese Seite fiel mir auf einmal unheimlich schwer. Wie ein Luftballon, dem langsam die Luft ausgeht, zog schleichend die Energie aus mir ab. Gleichzeitig machte sich so eine Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit breit, so ein Gefühl der Sinnlosigkeit in allem, was ich tue. Die schlimmen Nachrichten vor den Sommerferien machten mich ängstlich und bedrückten mich. Gleichzeitig verlor ich mehr und mehr mein Mitgefühl. Ich konnte diese Beschallung mit schlechten Nachrichten kaum noch verarbeiten und ertragen, weil es die dunkle Wolke über mir fütterte. Es war wie eine Bestätigung für die Depression, für dieses bedrückende Gefühl der Sinnlosigkeit.

Das Ganze kam nicht plötzlich und erkennbar. Es entwickelte sich ganz, ganz langsam, so dass ich es kaum erkennen konnte als etwas ungewöhnliches. Es ist ja klar, dass ich müde bin. Mein Alltag ist anstrengend. Auf meinen Schultern lastet die ganze Verantwortung für unsere kleine Familie. Gleichzeitig sind insbesondere in letzter Zeit viele Ruheinseln für mich weggebrochen und ich habe begonnen, mich selbst wegen meiner ständigen Müdigkeit zu vernachlässigen. Mein Bedürfnis ist Schlafen. Aber der Schlaf ist nicht so erholsam. Nachts wache ich oft auf. Dann beginne ich zu grübeln über die Kinder und unsere Lebenssituation und kann nicht wieder einschlafen. Morgens müssen wir zur Schulzeit furchtbar früh aufstehen. In den Ferien habe ich auch nicht wirklich ausschlafen können wegen unserem Hund. Es gab und gibt tausenderlei Gründe meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und auf später zu verschieben. Gleichzeitig gibt es für mich derzeit immer weniger realistische Entlastungsmöglichkeiten.

So hielt und halte ich mich jeden Tag an das altbekannte Motto: Du musst da durch. Irgendwie schaffst Du das dann auch noch. Und: Jetzt stell Dich mal nicht so an und reiß Dich mal zusammen. Andere haben es viel schwerer.

In den letzten Tagen kam mir dann aber auf einmal der Gedanke, dass das jetzt langsam nicht mehr normal ist, wie es mir geht. Ich musste mich sehr überwinden, die Freundin anzusprechen und um Hilfe und Rat zu bitten. Erst recht muss ich mich jetzt überwinden, die Erkenntnis unseres Gesprächs wirklich sacken zu lassen und zuzugeben. Es sackt gerade immer noch. Dennoch fühle ich: Es ist schon allein gut, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Ich bin mir wieder ein Stück näher gekommen. Ich nehme die Einflüsterungen der dunklen Wolke nicht mehr so ernst. Ich stemme mich dagegen, um mich herauszuziehen und sie beiseite zu schieben. Mein Lebenswillen und meine Zuversicht sind irgendwo immer noch da. Ich möchte so nicht weiterleben. Ich gestehe mir zu, dass es mir besser gehen darf und dass ich Hilfe verdient habe.

10 Kommentar

  1. Ich hatte heute nach meinem Urlaub wieder den ersten Arbeitstag. Alle begrüßten mich mit freudigem: „ooooch, du hattest sicher einen total entspannten und sonnigen Urlaub, so braun wie du aussiehst!“ Tatsächlich hatte ich in diesen 4 Wochen soviel wie noch nie zu tun. Geld um wenigstens einmal Eis essen zu gehen haben wir nicht. Auch sind finanziell nur maximal kostenlose Seebesuche am einzigen Hundestrand möglich. Bei dem Sommer war das auch nicht allzu oft. Mein gewalttätiger Ex hat mich wieder während des gesamten Urlaubs zu ständigen Briefwechsel und ellenlangen Stellungnahmen fürs Gericht beschäftigt. Mir geht es so schlecht wie nie und ich habe sogar schon Atembeschwerden. Zur Kur kann ich vermutlich nicht, da die Kinder über den Vater privat versichert sind. Ich habe einfach keine Ahnung, wo ich Energie holen soll. Ich bin oft so genervt, weil jetzt in den Ferien alle Kinder bis spät in den Abend noch wach sind und immer wieder unbemerkt Zeit mit der Mama fordern. Der Arbeitgeber überfordert ebenfalls mit Arbeit für mindestens drei Personen, verweigert aber jegliche Gehaltserhöhung. So suche ich auch noch nebenbei eine neuen Job in Teilzeit mit 49 Jahren, alleinerziehend mit 4 Kindern, Hund und Katzen. Viel Erfolg!

    Bleibt nur immer wieder die trüben Gedanken ins hinterste Kastl zu verstecken. Helfen kann einen keiner …. echt traurige Situation.
    Ich weiß manchmal wirklich nicht mehr was ich auf blöde Kommentare über mein scheinbar tolles Leben und meine tollen Kinder sagen soll. Denn ich sollte gefälligst doch mal endlich froh über diese sein. Bin ich auch!!! Aber sie machen trotzdem Stress und jede Menge Sorgen und Arbeit. Und ohne mich geht auch bei den Pupertierenden meiner Kinder nichts.

    Ich bin gespannt, wie der Rest des Jahres funktionieren soll, wenn man sich nicht mal in 4 Wochen Urlaub erholen konnte.
    Prost!

    • Liebe Susanne,
      ich kann Dich so gut verstehen. Bitte suche Dir dennoch Hilfe, vielleicht in Form von Therapie. Und wegen der Kur würde ich mich mal bei Deiner Krankenkasse oder bei Deinem Hausarzt genauer erkundigen.
      Alles Gute!
      Rona

  2. Liebe Susanne,
    ich kann es 1:1 nachvollziehen, was Du schreibst. Leider habe ich damals den Zeitpunkt verpasst. Ich habe mir nicht rechtzeitig Hilfe gesucht und/oder bin kürzer getreten. Auch ich bin alleinerziehend und es war in Grunde ja auch gar nicht möglich, mir Zeit für mich zu nehmen. Ich bin dann irgendwann zusammen geklappt und habe erst die Notbremse gezogen, als nichts mehr ging. Diagnose: Burnout und schwere Depression!
    Such Dir Hilfe, nimm Dir die Zeit, die Du brauchst. Und zwar möglichst schnell!
    Liebe Grüße und gute Besserung!

  3. Vielen Dank für eure verständnisvollen Worte. Ich bin ja schon einmal wöchentlich bei einer Psychologin. Allerdings habe ich nicht das Gefühl in den 45 min. nur annähernd rüber bringen zu können, was mein Leiden ausmacht. Ich finde es anstrengend jemanden zu erzählen, der nur zuhört und nicht wirklich Hilfe anbieten kann. Ich werde nach 45 min. daran erinnert, dass die Zeit um ist, ob es passt oder nicht. Ich weiß nicht, ob das Hilfe ausmacht. Mir persönlich bringt es überhaupt nichts. Wegen der Kur war ich ja bei der KK die würde es mir erlauben. Aber meine Kinder sind über den Vater versichert, mit dem wir wegen starker Gewalt nicht einmal kommunizieren. Er ist wirklich richtig gefährlich. Da er der Versicherte ist, darf ich keine Auskünfte direkt bei der Versicherung einholen. Würde ich alleine fahren, würde ich meine Aufsichtspflicht verletzen und dann habe ich die hundertste Gerichtsverhandlung wegen ihm am Hals und meine Kinder kommen in Gefahr vielleicht doch Umgang mit ihm haben zu müssen. Außerdem haben wir noch einen Hund und Katzen, die ich leider auch nicht in eine Unterkunft bringen kann, weil wir nicht einmal genug Geld für Lebensmittel haben. Ich habe keine Verwandten und meine Freunde haben selbst alle mindestens 3 oder 4 Kinder wie ich. Ich sehe da leider überhaupt keine Möglichkeit und ich habe auch null Ideen wer uns da auch nur irgendwie helfen könnte.
    Aber vielen Dank für Eure lieb gemeinten Worte! <3

  4. Liebe Rona,

    bin nicht allein erziehend, war trotzdem in derselben Gasse.
    Auch ich durfte mir immer anhören, wie gut und erholt ich aussehe. Wie toll und easy-going meine Tochter nicht ist und wie gut ich es nicht habe, weil ich als Lehrerin ohnehin nur einen Halbtagsjob mit 12 Wochen Ferien ausübe.
    Was sich hinter der adretten Fassade verbirgt, hat niemand zu Gesicht bekommen bis es zu spät war.
    Gesundheitlicher Zusammenbruch plus Burnout und mittelschwere Depression.
    Gutgemeinte Meldung wie „Nimm dir doch Zeit für dich!“ oder mein persönlicher Favorit „Tu dir doch was Gutes!“ haben mich erst richtig aufgeregt. Ich hatte kein Gefühl mehr dafür, was mir helfen hätte können, was mir guttun würde. Wer seine eigenen Bedürfnisse so lange hinten anstellt, der verliert mit der Zeit den Zugang dazu.
    Geholfen haben mir die für mich richtigen Antidepressiva (und es war nicht leicht, sie zu finden) und Zeit. Aber nicht einfach Zeit für mich sondern einfach Zeit. Wie jede andere Krankheit braucht auch eine Depression Zeit um zu heilen.
    Und überdies ganz wichtig: Eine Therapeutin, ein Therapeut zu dem du einen guten Draht hast. Vertraue deinem Gefühl! Du musst dich dort aufgehoben und wirklich verstanden fühlen, deine Terapiestunde muss trotz all der Probleme und Sorgen und Traurigkeit und Verzweiflung, die dich dort hochkonzentriert überkommen irgendwie eine Auszeit sein, begleitete Zeit für dich – zumindest ist das meine Erfahrung.
    Ich wünsche dir viel Kraft, Glück und v.a. Geduld!
    Verena

  5. Hi, eins kann ich dir sagen: Tagesklinik ist nicht so schlimm, wie du jetzt denkst! Es ist eine intensive, anstrengende Zeit, die aber auch neben der Familie ganz gut funktioniert, wenn man eine Tagesklinik in der Nähe hat! Man hat mehr Einzelgespräche, mehr Gruppengespräche, zeichnen, Sport, Entspannung etc. Mir hat es sehr geholfen. Der Ruf ist schlecht! Der Effekt mehr als gut!
    Ich würde mir wünschen, dass mehr Depressive diese Wahlmöglichkeit nutzen! <3

  6. So ähnlich ging es mir vor zwei Jahren.., ich habe das Hilfeholen noch eine Weile vor mir her geschonen. Auch das darüber reden. Mit Freunden, Familie und letztendlich auch dem entsprechenden Fachpersonal darüber zu sprechen, was eine große Befreiung. Mit jedem Gespräch verstand ich mehr, was mit mir passiert war. Und mit jedem Gespräch merkte ich mehr und mehr dass ich mich nicht schämen muss, sondern meinen Zustand anerkennen und daran arbeiten kann, dass es irgendwann (!) ein bisschen (!) besser wird. Ja, es gab auch die „Das wird schon wieder, lass Kopf nicht hängen, gib doch jetzt [deine Ehe] nicht auf….“-Kommentare. Aber ich hatte auch Erfahrungen mit ein paar Menschen, die einfach nur da waren, zugehört und mich in den Arm genommen haben. Das hat mir wohl das Leben gerettet. Ich möchte dir Mut machen dich an solche Leute zu halten. Ja, es dauert lange, bis sich dann wieder etwas zum Guten ändert. Manchmal unerträglich lange. Aber. Es. Wird. Langsam. Besser. Bestimmt! Nur nicht auf die Art und Weise, die du dir vielleicht vorstellst oder die sich die „Das wird schon wieder“-Leute vorstellen.

  7. Kenne ich alles sehr gut…
    Aber Du schreibst,dass Du so nicht leben willst,dass Du wieder da rauskommen willst.Kann ich auch alles verstehen,ist bei mir auch oft so,wenn es mir so schlecht geht…
    Das Problem ist nur,dass es ja einen bestimmten Grund hat,dass es Dir jetzt so schlecht geht und wenn man sich etwas widersetzt,bleibt es nur noch länger bestehen…
    Wenn Du also denkst „Ich will das so nicht haben“,kannst Du mit 100%iger Sicherheit davon ausgehen,dass es so BLEIBT.
    Ich weiß,dass es sehr schwer ist,sich zu akzeptieren,wenn man depressiv ist und nichts mehr irgendwie klappt.Aber im Leben ist nicht immer alles toll und Du hast das Recht darauf,jetzt einfach so zu sein,ohne Dir die ganze Zeit Druck zu machen,weil Du denkst,Du müsstest unbedingt funktionieren…Von außen wird einem nur leider auch immer sehr viel Druck gemacht,aber was bringt uns das?Unsere Leistungsgesellschaft hat mit dem wahren Leben leider nicht viel zu tun und ich finde es auch zum Kotzen,dass ständig irgendwas von uns erwartet wird.Man kann kein bißchen Verständnis erwarten,aber man kann sich zumindest immer selbst Verständnis entgegenbringen…
    Die schwere Zeit wird auch wieder vorbeigehen,so alles im Leben.Mach Dir bitte selbst keinen Druck,denn wie gesagt,wenn man die ganze Zeit damit beschäftigt ist,irgendwas loszuwerden,erhält es dadurch die ganze Zeit Aufmerksamkeit und bleibt dadurch noch länger…“where focus goes,energy flows“…

    • Liebe Verena,

      ja, da hast Du Recht. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass eine erlaubende Haltung sich selbst gegenüber besser funktioniert als ein Unterdrücken. Allerdings habe ich dennoch das Gefühl, dass ich Unterstützung brauche, um wieder eine bessere Haltung mir selbst gegenüber zu finden. Daher suche ich mir Hilfe.

      Liebe Grüße!

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