Die unnatürliche Frau

InAlleinerziehend, Familienbild, Muttermythos

Die Kinder sind bis zum Anschlag “weggeparkt” (Krippe, Kita) und dann graust sich Frau Finke vor dem Wochenende, denn da sind ja – oh wie schrecklich – die Kinder anwesend und können erst wieder am Montag ab 8h abgegeben werden. Ich frage mich, ob diese Frau kein natürliches Bedürfnis oder Interesse hat, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.
Zitat einer Kundenrezension bei Amazon zu “Allein, alleiner, alleinerziehend”


Ich möchte ein Geständnis ablegen: Ich bin eine unnatürliche Frau.

Ich habe lange versucht, mich der Natürlichkeit zu unterwerfen. Ich hatte als Kind und Jugendliche sehr romantische und verklärte Bilder davon, wie das so ist als natürliche Frau. Aber schon allein mein Körper machte mir einen Strich durch die Rechnung. Mit einer Größe von 1,90 m und einer Schuhgröße von 44 wird das schwierig mit den Prinzessinnen-Träumen. Der Traumprinz ist meistens zu klein und die Cinderella-Schühchen passen nicht.

Schminken fand ich uninteressant und habe es mir erst im Alter von ca. 25 rudimentär angeeignet. Ähnliches gilt für’s Kochen. Das fing erst mit etwa 30 an.Vorher habe ich mich hauptsächlich von Nudeln ernährt. Ich bin froh, wenn ich nicht lange an meinen Haaren herumfummeln muss. Am liebsten habe ich sie daher kurz. Bei einer Kosmetikerin war ich noch nie und stelle es mir ziemlich unschön vor, dass jemand an meinen Augenbrauen herumzupft. Ich fahre gern Auto, ich kann super einparken und ich habe einen ausgeprägten Orientierungssinn. Ich interessiere mich für Naturwissenschaften, ich war gut in Mathe, Programmieren finde ich auch interessant. Pflegen finde ich grauselig. Anderen Haare schneiden ebenfalls. “Was mit Menschen” war lange überhaupt nicht meins. Der Kinderwunsch ließ ebenfalls ziemlich lange auf sich warten und war nie sonderlich ausgeprägt. Heiraten wollte ich fast nie und habe es zum Glück nie getan. Dekorieren und Basteln langweilen mich. Dafür male und zeichne ich gern. Tupperparties sind mir ein absolutes Graus. Shoppen gehe ich “wie ein Mann” – am liebsten online. Ich stehe nicht gern lange in der Umkleidekabine. Ich gehe nicht gern mit Freundinnen einkaufen oder auf’s Klo. Ich kann keinen Smalltalk. Wenn Kinder zum Spielen zu Besuch kommen, bin ich froh, wenn die Väter sie bringen. Dann muss ich nicht so viel reden. Auch telefonieren finde ich meistens furchtbar. Ich finde es super, wenn ich am Wochenende Zeitung lesen kann und ich meine Ruhe habe. Ich baue Schränke selbst auf. Ich bringe Lampen an. Ich richte Computer und das Heimnetzwerk selbst ein. Ich kann Reifen wechseln, sägen, bohren. Ich komme prima ohne Mann zurecht. Dennoch vermisse ich manchmal die Nähe, die Berührungen, die Gespräche, die gegenseitige Unterstützung. Der letzte Mann jedoch, der sich als undwiderstehlicher Traumprinz verkaufte, hat mir eine nachhaltige Lektion erteilt, dass dieses Traumbild nicht erstrebenswert ist und sogar gefährlich sein kann.

Und was ist die Steigerung der unnatürlichen Frau? Die unnatürliche Mutter.

Das mit der unnatürlichen Frau ist ja grad noch so auszuhalten. Aber die unnatürliche Mutter geht gar nicht. Die unnatürlich Mutter findet es einfach wunderbar, ohne ihre Kinder einen Tag, ein Wochenende oder gar eine Woche zu verbringen. Sie geht leidenschaftlich gern arbeiten und – oh Schreck – vermisst ihre Kinder dabei gar nicht. Bei einem Wochenende allein mit Kindern oder gar einem Familienurlaub fällt ihr die Decke auf den Kopf. Sie findet es langweilig, mit den Kindern zu spielen oder zu basteln. Noch langweiliger findet sie es, sich mit anderen Müttern die ganze Zeit nur über Kinder und Haushalt zu unterhalten. Neue Rezepte interessieren sie nur marginal. Sie ist froh, dass die Kinder in Kita und Schule essen. Bei Gesprächen über Dampfgarer, Dampfreiniger und Dampffensterputzer kann sie nicht mitreden, weil sie keine Lust hat, die wenige freie Zeit mit Kochen und Putzen zu verschwenden. Noch weniger Lust hat sie, so viel Geld in Haushaltsgeräte zu investieren. Prospekte über Dekoideen für Ostern und Weihnachten landen sofort im Altpapier. Trotzdem stellt sie gern Blumen in die Wohnung. Ohne Schnickschnack. Sie hat kein repräsentatives Wohnzimmer, das immer piccobello aufgeräumt ist. Sie hat nicht alle 5 Jahre eine neue und saubere Couchgarnitur. Sie wurschtelt nicht gern täglich im Garten und pflanzt Primeln und Röschen oder säht Möhrchen mit den Kindern. Sie ist froh, wenn sie sich eine Putzhilfe leisten kann und die hat dann regelmässig richtig viel zu tun. Perfekt organisiert ist sie an manchen Tagen. An anderen Tagen wächst ihr das Chaos über den Kopf. Eine perfekte Jahresplanung hat sie schon gar nicht. Das rächt sich regelmässig in den Schulferien.

Sie ist heilfroh, dass sie noch Freundinnen ohne Kinder hat. Sie ist froh, wenn die Kinder im Bett sind und wenn sie nachts ihr Bett für sich allein hat. Sie freut sich, wenn die Kinder größer werden und bricht nicht beim ersten Wackelzahn in Tränen aus, weil die Kindergartenzeit vorbei geht. Im Gegenteil. Sie hat noch jede Menge Interessen neben ihren Kindern. Die Kinder spielen nicht die Hauptrolle. Sie wartet sehnsüchtig auf die Zeit, wo ihr Körper ihr wieder selbst gehört, wo sie wieder ihr eigenes Ding machen kann. Sie vermisst sich selbst zwischen Windeln und Kika. Sie hat öfter keine Lust auf den drölfzigsten Kindergeburtstag, auf Wieder-Ostereier-Verstecken, auf Schon-Wieder-Backen. Sie atmet erleichtert auf, wenn alle Kinder gesund in Kita und Schule sind. Sie findet es klasse, wenn die Kinder zum Kindergeburtstag eingeladen sind, eine Woche Schulfreizeit machen oder nachmittags beim Freund sind.

Ich gebe zu: Ich bin eine unnatürliche Mutter.

Und was ist die Steigerung der unnatürlichen Mutter? Die alleinerziehende, unnatürliche Mutter.

Warum? Weil sich bei ihr die Sehnsucht nach Zeit-für-sich-selbst ins teils unermessliche bis unerreichbare steigert. Nur weil frau Mutter und dann sogar noch alleinerziehend ist, bedeutet das nicht, dass Kinder ihr wichtigster Lebensinhalt sind. Umgekehrt bedeutet es nicht, eine schlechte Frau und Mutter zu sein, wenn die eigenen Bedürfnisse an die erste Stelle gestellt werden. Im Gegenteil. Alexandra Widmer schreibt, dass es – wie bei einem Druckabfall im Flugzeug – wichtig ist, zuerst selbst gut für sich zu sorgen, um dann genügend Kraft und Energie für die Kinder zu haben. Es gibt Mütter (ob alleinerziehend oder nicht), die in der Mutterrolle aufgehen, die gern spielen, basteln und malen mit ihren Kindern, die gern Kuchen backen, kochen und putzen. Es gibt Frauen, die gern pflegen und gern für andere da sind. Genauso gibt es aber Frauen und Mütter, die sich meistens für andere Dinge mehr interessieren. Es wird gern so dargestellt, dass das ein Nachteil für die Kinder wäre und dass die Kinder unter so einer “Rabenmutter” leiden. Früher habe ich das auch geglaubt. Inzwischen gelange ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass es wichtig ist, meine Bedürfnisse und Interessen in den Vordergrund zu stellen, meine Grenzen gegenüber den Kindern klar zu setzen und mich nicht zu verlieren darin, die Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Ich habe das lange gemacht und aus heutiger Sicht hat das den Kindern nicht gut getan. Das bedeutet nicht, die Kinder zu vernachlässigen. Es bedeutet, als Frau mit eigenen Interessen und Bedürfnissen und Gefühlen sichtbar zu werden für die Kinder – auch als Vorbild. Wenn ich mich selbst restlos aufopfere für die Kinder, entwickeln sie die Einstellung, dass ich als Frau und Mensch nicht wichtig bin. Aufopferungsvolles Verhalten wird verinnerlicht als Bild von: so sind Frauen und Mütter; so geht Liebe; so geht Beziehung; so geht Zusammenleben. Aufopferungsvolles Verhalten zu erziehen und vorzuleben bedeutet auch, kein Grenzensetzen zu lernen und Konfliktfähigkeit nicht auszubilden.

Irgendetwas als “natürlich” oder “unnatürlich” zu bezeichnen, halte ich für gefährlich. Es wird der Lebensrealität von Frauen und Müttern nicht gerecht. “Natürliche Mutterschaft” in einer klaren und unanfechtbaren Definition gibt es für mich nicht mehr. Was ich in meinem Leben als Mutter bisher am meisten gelernt habe ist, dass ich beweglich bleiben muss und dass mir Definitionen von “richtig” und “falsch” oder “natürlich” und “unnatürlich” da nicht weiterhelfen. Ich überprüfe täglich, wie ein gutes Zusammenleben funktionieren kann. Und ich lerne mehr und mehr, dass ich mich selbst dabei nicht vergessen darf. Für mich und meine Kinder.


Bild: Pixabay, wilkernet

 

11 Kommentar

  1. Hi Rona, mir fällt dank Deinem Beitrag auf, dass in manchen Bereichen ‘natürlich’ das neue ‘normal’ ist.
    Dabei ist es am gesündesten, der eigenen Natur zu folgen, statt äußeren Normen…
    Ich entdecke mich in manchen deiner Wesenszüge wieder. Vieles davon hat sich aber verwandelt bei mir und auch das fühlt sich natürlich an.

    • Ich beobachte, dass das Bedürfnis, etwas als normal oder natürlich zu bezeichnen zunimmt, je größer unsere persönliche Freiheit wird. Es ist als wolle man sich bewusst wieder einschränken, als könne man es nicht aushalten, dass jeder weitestgehend selbst über sein Leben bestimmen darf. Und ja, es ist am gesündesten der eigenen Natur zu folgen. Dazu muss man aber erst einmal ein entsprechendes Gefühl entwickeln für sich selbst und ein Selbstbewusstsein, das dann auch zu leben.

  2. Danke für den Artikel. Ich finde es spannend welche Gedanken er auslöst und welch Kommentar ich hierzu auch gelesen habe-an anderer Stelle.
    Für mich ist es u.a. eine Reise durch die “Schubladen” anderer und durch meine eigenen. Dazu kommt noch, dass mir klar wird, was mit uns Frauen versucht wurde, zunächst sind klare Regeln aufgestellt worden was Frau- und auch Mutterdasein bedeuten soll (davor war es nochmal ganz anders- in Zeiten von Göttinnen etc.), dann haben manche Frauen das Ganze ins Gegenteil gewandelt um zu protestieren gegen alles was da festgelegt wurde. Also vom Kochen zum Nichtkochen, vom Schminken zum Nichtschminken, vom Herd zum Laptop etc. Und während der ganzen Zeit gab es Frauen die in etwas gängiges hineinpassten- hineinpassen wollten oder auch nicht, weil sie einfach so waren wie sie eben geboren wurden und damit hatten sie mehr oder weniger Schwierigkeiten- je nach Zeit und Selbstbewußtsein.
    Nun streben wir Menschen nach einfachen Lösungen und Erklärungen- daher gibt es “Schubladen”- und ich liebe sie, diese kleinen bunten Fächer, doch im Gegensatz zu manch anderem, lasse ich sie offen stehen-hineinpacken mache ich trotzdem:-) Ich mag es mal umräumen zu müssen und wenn einfach mal damit gespielt wird-daher gefällt mir der Beitrag sehr…und für mich ist darin auch versteckt, dass ich sein kann wie es mir beliebt, nur dass ich bei mir bleiben sollte und dazu stehe, dass jede Frau ihre Art hat-das Frausein und auch das Mutterdasein zu leben und dass es mit Liebe gelebt wird. Einfach mal die Schubladen durcheinander bringen und sich darüber freuen, dass die Welt so bunt ist und dass es okay ist so zu sein wie ich bin und dass es den Kindern echt nicht schadet, dass z.B. ich wenig Freude am Backen habe 🙂

    • Vielen Dank, Nadja, für Deinen Kommentar. Genau das ist eigentlich meine Intention: zu zeigen, dass wir bunt sein dürfen und unser eigenes Bild von Mutter und Frau entwickeln dürfen und dass das immer ein lebendiger Prozess ist. Am Ende schreibe ich da immer meine eigenen Erkenntnisse auf und bin mir manchmal nicht sicher, ob das ankommt, was ich eigentlich meine. Daher danke ich Dir ganz besonders für Deine Rückmeldung.

  3. Danke für diesen Artikel liebe Rona, und willkommen im Club der unnatürlichen, alleinerziehenden Mütter. Machen wir mal ein Stammtisch Treffen? Ohne Kinder natürlich 🙂 Na im Ernst, ich bin froh zu lesen, dass es auch andere Mütter gibt, die so empfinden wie ich.
    In meiner Facebook-Mama-Gruppe sind alle Kinder gleichalt. Ich erinnere mich wie 95% am 1.Geburtstag tieftraurig waren und es hagelte “Bald ist mein Baby kein Baby mehr” Kommentare. Ich und ganz wenige andere sind da wohl etwas aufgefallen mit dem “Yeah, bald ist mein Baby eeeendlich ein Jahr alt. Hat lange genug gedauert” 😀

  4. Hallo Rona,

    ich bin da absolut bei dir, dass Mütter sich um sich selbst kümmern müssen, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Aber ich denke ich weiß auch, was die Verfasserin der Buch-Rezension als “unnatürlich” wahr nimmt, besonders wenn es sich auf ein Krippen-Kind bezieht. Gerade wenn die Kinder älter werden ist es ja wichtig, sie loszulassen und sie ihre eignen Erfahrungen machen zu lassen. Bei einem “Krippen-Kind” hingegen gehe ich davon aus, dass es sich um ein Kind unter 3 Jahren handelt und klar ist eine alleinerziehende Mutter auf die Krippen-Betreuung angewiesen, aber in dem Fall sehe ich es sagen wir mal als “nicht förderlich” (statt “unnatürlich”) wenn die Mutter die kurze Zeit am Wochenende nicht für sich und dieses Kind unter 3 nutzt.

    • Liebe Ella,

      danke für Deinen Kommentar. Christine Finke schildert in ihrem Buch ehrlich ihre Gefühle. Für sie ist es nach einer anstrengenden Arbeitswoche mit Kindern noch anstrengender, das Wochenende mit ihnen allein zu verbringen. Das ist bei Kleinkindern besonders fordernd und anstrengend, weil sie eben noch unselbständiger sind. Ich weiß, dass Christine sich um ihre Kinder kümmert. Aber dass sie ihre Überforderungs-Gefühle benennt, finde ich wichtig und richtig. Es zeigt einfach, dass das “Lebensmodell” Alleinerziehend ohne jegliche Unterstützung auf Dauer kaum tragbar ist. Darum geht es Christine: die Realitäten zu benennen.
      Mir geht es wiederum darum, dass Muttergefühle und das Bedürfnis, sich intensiv zu kümmern, nichts sind, was sich “natürlich” bei jeder Frau einstellt. Es gibt einige Frauen, die sich Schöneres vorstellen können, als neben den Nachmittagen (und Nächten!) in der Woche noch das gesamte Wochenende mit ihren Kindern allein zu verbringen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Kinder nicht geliebt oder vernachlässigt werden. Es bedeutet einfach, dass die Diskrepanz zwischen berechtigten eigenen Bedürfnissen und Fremdbestimmung durch Arbeit, Haushalt und Kinder bei Alleinerziehenden häufig besonders ausgeprägt ist. Darüber darf und muss geredet werden.
      Herzliche Grüße
      Rona

  5. Liebe Rona,
    ich mache gerade ganz entgegengesetzte Erfahrungen: Ich nehme wahr, dass in der öffentlichen Diskussion die Freude am Muttersein und das Betreuen der eigenen Kinder durch eine Frau mehr und mehr als Makel, als Unzulänglichkeit, als verachtenswerte Eigenschaft definiert wird.
    Ich selbst bin sehr glücklich, wenn die Kinder um mich herumwuseln. Wenn die Wohnung im Chaos versinkt, das Zimmer voller Murmeln ist, auf denen man ausrutscht, ich liebe es, den Kindern einfach zuzusehen, ihre Lösungsversuche bei Streitsituationen zu beobachten, ihre Entdeckungen, die sie täglich machen, wenn sie Beziehungen leben, ihre Gedanken über das Leben, über Gott und die Welt, ihre Phantasie, ihre Innigkeit bei den Dingen, die sie tun, das unverstellte, spontane Aus-dem Bauch-heraus, das Mitgefühl, dass sie in traurigen Momenten ihren Freuden im Übermaß entgegenbringen …
    Wenn ich äußere, dass ich am Muttersein Freude habe, dass ich die Kinder gern öfter bei mir hätte, werde ich komisch angesehen – ich sei veraltet, weil ich mich nicht über das Wechselmodell freue, ich solle die Zeit ohne Kinder doch genießen und mich meiner Karriere zuwenden, ich sei in einem antiquierten Rollenmodell festgefahren o.ä.
    Muttersein erfährt keine Unterstützung mehr. Es ist nicht mehr erlaubt und gewünscht, seine Kinder selbst zu betreuen. Die Leistung, die man als Mutter erbringt oder über Jahre erbracht hat, wird nicht mehr geachtet, Gleichmacherei zwischen den Geschlechtern steht an der Tagesordnung. Ich fühle mich durch den Druck der Leistungsgesellschaft immer mehr eingeengt und spüre, dass ich das, was ICH eigentlich gern tun würde, nicht mehr umsetzen darf, dass ich durch die gesellschaftliche Realität in ein Leben gezwungen werde, das nicht meins ist (voll berufstätige Mutter, die keine Zeit mehr mit ihren Kindern verbringt).

    Ich selbst bin übrigens in der DDR aufgewachsen, zu einer Zeit, als Gleichberechtigung, Ganztag-Kitas und die volle Berufstätigkeit von Frauen erklärtes gesellschaftliches Ziel waren. Daher kenne ich die Auswirkungen, die solche Entwicklungen auf Kinder haben, ganz genau, und kann sie bis ins kleinste Detail aus der Perspektive eines Kindes beschreiben. Für meine Mutter war ich über Jahre nur eine Randerscheinung, weil die Karriere und das berufliche Fortkommen wesentlich mehr zählten. Mit 36 Jahren starb sie an einer Burnouterkrankung. Ich habe fast keine einzige Beziehungserinnerung, besitze von ihr nicht einen einzigen Brief, aus dem ersichtlich wird, dass sie überhaupt eine Beziehung zu mir hatte – wahrscheinlich hatte sie einfach keine Zeit dazu, mir mal eine Geburtstagskarte zu schreiben oder einen Zettel auf den Küchentisch zu legen. Ich finde das unglaublich schade. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es für Kinder unglaublich wichtig ist, dass genug Zeit und Ruhe für die Beziehung zu den Eltern da ist. Mit Zeit meine ich vor allem Ruhe, und nicht gehastetes “Abarbeiten” irgend welcher Aufgaben, ständiges Kommen und Gehen von einer Betreuungsperson zur nächsten. Wie man diese Zeit mit Beziehung füllt, ist doch jedem selbst überlassen – man kann mit Kindern übrigens wunderbar Schränke aufbauen, Löcher bohren oder zeichnen – kein Kind braucht unbedingt Eltern, die einen Faible für Putzmittel oder Osterbasteleien haben. Kinder brauchen Erinnerungen an gemütliche, gemeinsam verbrachte Zeit mit den Eltern, Eltern, die sie an ihrem eigenen Leben teilnehmen lassen, Eltern, die Spaß haben an dem, was sie tun und diese Freude mit ihren Kindern teilen.
    Die Zeit mit meiner Stiefmutter war die glücklichste Zeit meines Lebens. Meine Stiefmutter hat übrigens ihren Job an den Nagel gehängt, um sich um meine Schwester und mich zu kümmern – und sie hatte Spaß daran! Es war das erste Mal in meinem Leben, dass jemand zu Hause war, wenn ich aus der Schule kam, dass jemand Zeit hatte, mit mir zu reden, wenn ich Kummer hatte, jemand, der nicht in der Hektik des Alltags versank. Durch ihr Engagement war auch mein Vater entlastet – er wusste, dass er sich ausruhen konnte, wenn er von der Arbeit kam. Auf diese Weise konnte ich auch viel entspannte Zeit mit meinem Vater verbringen.
    In meinem gesamten Bekanntenkreis zerbrechen die Beziehungen oder es entstehen gewalttätige Muster – einzig und allein deshalb, weil keiner bereit ist, einen Schritt zurück zu gehen, wenn Kinder dazu kommen. Im Mittelpunkt aller Bemühungen in einer Partnerschaft steht heutzutage der Kampf um die Gleichberechtigung – Väter investieren so viel Zweit wie nur irgend möglich in ihre Karriere, um ihren Status zu sichern, Mütter versuchen auf Teufel komm raus nachzuziehen, da sie im Trennungsfalle sonst in der absoluten Armut versinken – Ergebnis ist: In Beziehungen herrscht die nackte Angst – die Angst davor, zu kurz zu kommen, falls man sich trennt. Die Angst wird immer größer dadurch, dass die Zahl der Trennungen stetig steigt. Ergebnis dessen ist, dass alle noch mehr arbeiten, noch weniger zurückstecken, die Kinder noch mehr fremdbetreut werden, noch mehr stressbedingte gewalttätige Beziehungsmuster entstehen und am Ende noch mehr Beziehungen zerbrechen. Wo soll das Ganze hinführen???
    Ich finde, es sollten Möglichkeiten gefunden werden, durch die man tatsächlich die Wahl hat, sich für die eine oder andere Mutterrolle zu entscheiden.
    Wirkliche Freiheit schließt für mich auch die Möglichkeit mit ein, sich dafür entscheiden zu dürfen, Mutter zu sein.

    • Liebe Kleeblatt,

      Dein letzter Satz bringt es für mich auf den Punkt: Frauen sollten eine Wahlfreiheit haben. Es geht nicht darum, den einen oder den anderen Weg zu verurteilen. Mir ging es darum, den Begriff der “Natürlichkeit” zu hinterfragen. Es gibt Frauen, die darin aufgehen, für ihre Kinder da zu sein. Es gibt aber auch Frauen, die neben ihrem Mutterdasein auch andere Bedürfnisse haben und die gern arbeiten gehen. Beide tun sich und ihren Kindern etwas an, wenn sie sich in ein Lebensmuster zwingen, das ihnen nicht entspricht. Und ja, auch ich sehe die Leistungsausrichtung unserer Gesellschaft kritisch. Das geht aber bis in die Mutterrolle hinein, die häufig auch als Leistung be- oder verurteilt wird. Gerade Mütter feinden sich untereinander an für ihren jeweiligen Lebensweg. Das finde ich sehr schade. Es bindet viel Kraft, die für einen gemeinsamen Kampf um Wahlfreiheit genutzt werden könnte.

      Herzliche Grüße
      Rona

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