Extremismus und Gewalt in Beziehungen Eine Verwandtschaft

InBeziehungsgewalt, Depression, Feminismus, Kinder, Männerbild, Victim-Blaming
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Die weltweite Entwicklung hin zu einem sich ausbreitenden Extremismus in vielen Ländern macht mich ängstlich, wütend und ratlos. Ich las in den letzten Tagen nach der Wahl von Donald Trump viele Texte, die sich um die Verantwortung der gemäßigt denkenden und gebildeten Menschen drehen. Inwiefern haben wir und habe ich dazu beigetragen, dass das passieren konnte? Liegt es an meiner/unserer Gleichgültigkeit? Leben wir in einer Blase des Wohlstands und der Ignoranz? Schließen wir durch unsere Bildung andere Menschen aus und entwickelt sich dadurch Extremismus? Wo liegt die Wurzel von extremistischem Denken und Gewalt?

Ich spüre für mich eine Beziehung zwischen der kleinen Einheit der Familie und der großen Einheit der Gesellschaft. Was ich zur Zeit bei mir selbst und bei anderen Menschen in meiner Filterblase beobachte, ist, dass Angst und Ratlosigkeit sich breit machen gepaart mit Selbstzweifeln und auch Selbstvorwürfen. Das lässt sich auf die kleine Einheit der Paarbeziehung und der Familie übertragen.

Ich sehe eine Verwandtschaft zum Verlauf von Gewaltbeziehungen: Eine Person in der Familie wird gewalttätig. Die Verantwortung übernimmt aber nicht die gewalttätige Person. Die Verantwortung für dieses Verhalten übernehmen häufig die Familienmitglieder, die unter dieser Gewalt leiden. Der Teil der Familie, der der Gewalt ausgesetzt ist – häufig die Frau und die Kinder – tut alles dafür, um das Gleichgewicht der Familie wiederzustellen. Sie versuchen, die Gewalt zu verharmlosen, sie kehren Ereignisse unter den Teppich, sie versuchen ihr Verhalten zu verändern, sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Diese Denkweise wird vom Täter immer und immer wieder bestätigt. Der Täter inszeniert sich als Opfer. Solange die Dynamik in dieser Richtung läuft, bleibt die Beziehung erhalten – selbst nach einer Trennung. Das destruktive Muster kann sich fortsetzen. Das Umfeld unterstützt so ein destruktives Verhalten. Diese Unterstützung geschieht nicht nur durch Ignoranz. Sie geschieht auch durch eine Bestätigung, dass die Verantwortung für Gewalt in einer Beziehung immer eine Sache von beiden Partnern ist und dass zwei zu einem Streit gehören.

Eine Lösung aus so einer Dynamik ist nur möglich, wenn die Opfer sich als Opfer erkennen und anerkennen und aus dieser Erkenntnis heraus aus der Verstrickung mit dem gewalttätigen Familienmitglied lösen. Für gewalttätiges und extremistisches Verhalten trägt allein der Täter die volle Verantwortung. Die Verantwortung der Opfer ist, dem Täter seine volle Verantwortung zurückzugeben und nicht mehr zu versuchen, seine Probleme zu lösen und ihn zu heilen. Ähnliches gilt auch für Drogenabhängige. Menschen, die der Gewalt verfallen sind, brauchen Menschen, die sich von ihnen lösen und sie dadurch mit sich selbst und ihrem Verhalten konfrontieren. Die beste Unterstützung, die man einem gewalttätigen Menschen als Angehöriger geben kann, ist, ihm nicht mehr zu helfen.

Hinzukommt außerdem: jeder einzelne von uns ist dazu aufgerufen, sich mit seinen eigenen dunklen Anteilen auseinanderzusetzen – gerade wenn wir Eltern sind. Wir alle tragen dunkle und böse Anteile in uns, die gern in Krisensituationen z.B. mit dem Partner oder den Kindern hervorkommen. Die dunklen und bösen Anteile werden aber erst dann gefährlich, wenn sie unterdrückt werden, wenn sie nicht erkannt werden, wenn sie nicht gesehen werden und wenn wir keine Verantwortung für sie übernehmen. Sich mit seiner eigenen Bösartigkeit auseinanderzusetzen und sich diesen Teil bewusst zu machen und diesen auch bewusst zu spüren, schützt tatsächlich vor bösartiger Gewalt anderen gegenüber.

Die gefährlichste Gewalt kann sogar die Gewalt von Menschen sein, die sich als nicht-gewalttätig bezeichnen. Diese Form der Gewalt läuft oft über psychischen und emotionalen Druck. Ich habe das in esoterischen, christlichen, naturheilkundlichen und GfK-Kreisen beobachten können – natürlich auch insbesondere bei mir selbst. Ich werde am gefährlichsten, wenn ich am liebsten sein will und damit meinen bösen Anteil unterdrücke und wegsperre. Genau aus diesem Grund ist zum Beispiel eine über den Glauben legitimierte Gewalt besonders gefährlich. Umgekehrt ist der als „böse“ weggesperrte Anteil häufig der Anteil mit der meisten Lebensenergie. Wenn der „böse“ Anteil da sein darf, kann er eine Quelle von Schaffenskraft sein.

Sich im guten Sinne „böse“ zu verhalten kann als Opfer von Gewalt und Missbrauch zum Beispiel heißen:

  • den anderen mit seiner Gewalt und seinen Problemen allein lassen
  • sich nur noch um sich selbst kümmern
  • die erlittene Gewalt anzeigen und damit die Loyalität aufkündigen
  • sich selbst ein schönes Leben machen
  • über erlittene Gewalt sprechen und auch damit die Loyalität aufkündigen
  • sich selbst in seiner Verletzung endlich ernst nehmen
  • dem anderen nicht mehr vergeben
  • den Kontakt zum anderen abbrechen, keine Briefe mehr schreiben etc.

Gewalt und Extremismus wird durch Aufmerksamkeit, Angst und Wut gefüttert. Wenn wir uns im Alltag zu sehr auf Extremismus fokussieren, lähmt das. Wir können regelrecht depressiv und handlungsunfähig werden. Wir verlieren den Kontakt zu uns selbst. Extremisten haben damit etwas ganz wichtiges erreicht: Wir sind gelähmt vor Angst und wir sind gefangen in einer Grübelspirale, wie und warum wir jetzt verantwortlich sind für extremistisches Verhalten eines anderen. Stattdessen halte ich es für wichtig, dass wir uns durch Extremismus und Gewalt nicht mehr so ängstigen lassen und unsere Energie in uns selbst und in ein bewusstes Zusammenleben stecken. Wir könnten uns zurückbesinnen auf unsere Stärken. Wir könnten den Blick schärfen für die Menschlichkeit um uns herum. Wir könnten bewusster mit unseren eigenen dunklen Anteilen umgehen, die durch Extremismus gespiegelt werden. Wir könnten uns im Kleinen wie im Großen bemühen, mehr Menschlichkeit zu leben. Und wir könnten uns bewusst und deutlich abgrenzen und abwenden von Menschen und Gruppen, die Extremismus und Gewalt schüren.

Unsere Verantwortung sehe ich darin, bewusster mit unseren eigenen dunklen Anteilen umzugehen, um sie nicht vom Extremismus kapern zu lassen. Ich sehe unsere Verantwortung außerdem darin, weiterzuleben, weiterzumachen, weiterzudenken, weiterzureden, weiterzulieben, weiterzustreiten, weiterzulesen und nicht in Depressionen und Angst zu versinken. Das ist keine Ignoranz. Gewalt und Extremismus hat ihre Wurzeln immer in der kleinsten Einheit der Gesellschaft: bei uns selbst und in unseren Familien. Daher liegt unsere Verantwortung als Eltern auch darin, frühzeitig einen Umgang mit Gefühlen vorzuleben und Gefühle – auch „dunkle“ Gefühle von Wut – nicht zu verteufeln.


Bild: Pixabay; Unsplash

1 Kommentar

  1. Liebe Rona,

    ich glaube, Du hast Recht – Deine Schlussfolgerung macht wirklich Sinn. Ich habe in letzter Zeit das Gefühl gehabt, dass „da draußen“ nur noch gestörte Hasser mit Gewaltfantasien herumlaufen. Ein sehr lähmender und Angst machender Gedanke! Aber wie Du sagst: Richten wir wieder den Blick auf die Mutigmacher und positiv denkenden Menschen um uns herum. Grenzen setzen: Ja, unbedingt! Aber das offene Herz behaltend. So wünsche ich mir unsere Zukunft.

    Danke für diesen wunderbaren Text.

    LG
    Heidi

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