„Familiendrama“ Wie die Sprache der Presse bei häuslicher Gewalt versagt

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In den letzten Wochen und Monaten las ich viel – zu viel – über Gewalt an Frauen, die durch den Partner ausgeübt wurde. Die Presse betitelt ihre Berichte über diese Taten gern mit „Familiendrama“, „Beziehungstat“ und „Tragödie“. Wenn es sich um ein Migrantenpaar handelt, schreibt man „Ehrenmord“. Die Sprache ist hier symptomatisch für das dahinterliegende Denken. Das Denken der Journalisten ist wiederum ein Spiegel für das Denken der Gesellschaft über Gewalt in Beziehungen und Familien.

Beziehungsgewalt: Wie darüber gedacht und geschrieben wird.

Gewalt im familiären Umfeld wird anders bewertet als Gewalt, die von einem Unbekannten ausgeht. Wenn eine Frau Opfer der Gewalt ihres Partners wird, tun sich viele schwer, das als Totschlag oder Mord zu benennen – sogar dann, wenn der Mord geplant war. Damit wird dem Täter die volle Verantwortung für die Tat nicht zugeschrieben.

Bei häuslicher Gewalt ohne Todesfolge wird noch toleranter und verständnisvoller mit dem Täter umgegangen. Gern schreibt die Presse dann über seine schwierige Vergangenheit, über seine Alkoholsucht oder über Arbeitslosigkeit – wenn diese Fälle überhaupt in der Presse auftauchen. Dieser Druck soll dann dazu geführt haben, dass der Täter Frau und/oder Kind misshandelte – oft über Jahre. Die Frau wiederum wird gefragt, warum sie bei der Partnerwahl nicht besser aufgepasst hat, wie sie das zulassen konnte, warum sie nicht gegangen ist oder was sie selbst dazu beigetragen hat, beschimpft, beleidigt, misshandelt, vergewaltigt und/oder geschlagen worden zu sein. Sie muss ihn doch provoziert haben oder zu hohe Ansprüche gehabt haben oder ihn anderweitig gereizt haben.

Das sprachliche Versagen beim Umgang mit Gewalt in Beziehungen zeigt, wie wenig die meisten Menschen über die Dynamik von Gewaltbeziehungen wissen. Man kann ihnen daraus keinen Vorwurf machen. Allerdings möchte ich von Medien schon verlangen, sich genauer zu informieren und auf ihre Sprachwahl sensibler zu achten, da die Sprache hier Haltung und Meinung entscheidend prägen kann.

Beziehungsgewalt: Wie es wirklich ist.

Gewalt in Beziehungen wird nicht von beiden Partnern verschuldet, sondern von einem Täter. Es mag für Außenstehende ein bühnenreifes Drama sein. Für Betroffene geht es oft ums blanke Überleben. Das eigene Zuhause, das eigentlich ein Schutzraum sein sollte, wird zum gefährlichsten Ort. Dabei entwickelt sich die Gewalt oft schleichend. Bis es zu körperlichen Übergriffen kommt, können Jahre vergehen. In manchen Beziehungen beschränkt sich die Gewalt auf Drohungen, Kontrolle oder psychischen Druck. Die Schläge auf die Seele und die Verdrehung der Wahrnehmung des Opfers („Gaslighting“) hat nicht minder schlimme Folgen.

Eine Trennung aus einer solchen Beziehung ist aus verschiedenen Gründen sehr schwer. Da die Entwicklung schleichend vonstatten geht, ist schon allein die Erkenntnis der Beziehung als Gewaltbeziehung ein Riesenschritt. Auch das Eingeständnis, in einer solchen Beziehung gelandet zu sein, fällt gerade emanzipierten und gebildeten Frauen schwer. Die Trennung wiederum kann lebensgefährlich sein. Die Trennungsphase und das erste Jahr nach der Trennung ist der gefährlichste Zeitraum. Das ist vielen Opfern bewusst. Da es bei Gewaltbeziehungen um Macht und Kontrolle über die Partnerin geht (nicht in erster Linie um Gewalt), bedeutet der Kontrollverlust bei einer Trennung die größte Provokation für den Täter.

So ist es auch zu erklären, warum der Täter im Nachhinein oft keine Ruhe lässt, stalkt oder z.B. über gemeinsame Kinder versucht, weiter Kontrolle und Druck aufzubauen oder die Macht über seine ehemalige Familie zu halten. Wenn manche Umgangsstreitigkeiten in diesem Licht betrachtet werden würden, könnte unbeteiligten Außenstehenden verständlicher werden, worum es da eigentlich geht. Es geht nicht wirklich um die Kinder oder um Geld. Es geht in erster Linie um Macht und Kontrolle.

Die schlimmen Fälle von Mord oder Totschlag, die in den letzten Monaten in der Presse landeten, unterstreichen diese Dynamik sehr deutlich. Häufig lag eine Trennung erst kurz zurück. Oder es ging um Umgangsstreitigkeiten. In diesem Fall werden Kinder manchmal ebenfalls zu Opfern. Das nennt man dann in der Presse „erweiterten Suizid“. In Wirklichkeit bringt sich hier nur einer selbst um. Die Kinder und/oder die Frau werden ermordet. Auch hier trifft die Sprache nicht. Die Kinder und/oder die Frau sind eben kein „Todesanhängsel“ eines Selbstmörders. Sie sind Mordopfer.

Die Verantwortung des Täters benennen, das Opfer respektieren.

Das Benennen der Tat und des Täters halte ich für sehr wichtig ­– auch für den Täter selbst. Denn: Täter können ihre Taten nur verarbeiten, wenn sie ihre volle Verantwortung dafür erkennen und diese nicht mehr abschieben auf eine Partnerin, die Kinder, die Lebensumstände oder ähnliches. Mord ist auch Mord, wenn ein Partner ermordet wird. Natürlich ist ein Mord im familiären Umfeld für viele schlimmer und weniger vorstellbar als ein Mord von einem Fremden. Insbesondere Frauen sind aber im häuslichen und familiären Umfeld besonders gefährdet, Opfer einer Gewalttat zu werden. Für Frauen ist das eigene Zuhause der gefährlichste Ort.

Frauen und Mütter, die in diese Beziehungen geraten, brauchen wiederum Verständnis und Unterstützung – oft über einen langen Zeitraum, weil die Erkenntnis und die Trennung so schwer und gefährlich ist. Wenn sie es schaffen, sich zu befreien, brauchen sie oft sogar noch mehr Verständnis, Unterstützung und Schutz – sowohl real als auch sprachlich.

Diese Frauen sind keine Versagerinnen. Sie sind stark und mutig und müssen sich gegen große Ängste stellen und Risiken eingehen, um sich und oft auch ihre Kinder zu befreien. Oft kämpfen sie über Jahre auch nach der Trennung unermüdlich weiter, um endlich auch von den eigentlichen Schutzinstitutionen unterstützt und anerkannt zu werden, Recht zu erhalten oder um ihre Kinder vor schädlichen Übergriffen zu schützen.

Frauen, die von ihrem Partner oder Expartner ermordet wurden, sollten ebenso sprachlich anerkannt und respektiert werden. Sie sind kein Kollateralschaden aus einer leidenschaftlichen Beziehung. Sie sind auch keine Figur aus einer dramatischen Operette. Sie sind Frauen, die oft einen langen Leidensweg hinter sich haben und oft sogar bei offenen oder verdeckten Hilferufen – nicht selten sogar Anzeigen – nicht ernstgenommen wurden. Sie verdienen, dass wir sie als das sehen und benennen, was sie sind: Opfer von Mord, den ein Partner als Täter verschuldet hat.

Der Täter sollte daher auch sprachlich mit seiner Verantwortung im Mittelpunkt stehen.
Denn: Gewalt an Frauen ist kein Frauen- sondern ein Männerproblem. Es klingt nämlich ganz anders, wenn man schreibt „Wegen häuslicher Gewalt vergeblich angezeigter Mann ermordete seine Exfrau“, als wenn man schreibt „Frau wurde Opfer eines Familiendramas.“ Es klingt auch anders, wenn man schreibt „Mann ermordet seine zwei Kinder und tötet sich danach selbst“ als wenn man es heißt „2 Kinder (5 und 9) wurden Opfer von erweitertem Suizid“.

In den jeweils zweiten Titeln verschwindet der Täter.

Jackson Katz erläutert in diesem Vortrag genauer, warum Gewalt an Frauen ein Männerproblem ist und wie Sprache den Täter zum Verschwinden bringt.


Titelbild: Pixabay, sonja_paetow

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