Häusliche Gewalt – ich!? Erfahrungen mit einer Gewaltbeziehung

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Möchtest Du wissen, wie andere Frauen sich aus einer Beziehung lösen konnten, in der sie Gewalt erlebt haben? Oder möchtest Du wissen, wie sich eine solche Partnerschaft entwickelt und warum eine selbstbewusste Frau zunächst sogar häufig bei ihrem gewalttätigen Partner bleibt? Wie geht es einer Frau, die solch schwierige Erfahrungen hinter sich hat? Wie sieht ihr Leben danach aus?

Margitta (48), Texterin hat sich bereiterklärt, Ihre Erfahrungen mit einer Gewaltbeziehung zu schildern. Sie ist alleinerziehend und hat drei Kinder, die 6, 9 und 14 Jahre alt sind.

Bitte beachten: Teile des Interviews können triggern, da Gewalterfahrungen geschildert werden.

Wie war das Verhältnis zu Deinem Partner am Anfang, als Ihr Euch kennengelernt habt?
Er hat mich sehr stark umworben, ich war eigentlich nicht so an ihm interessiert, schon gar nicht körperlich. Aber er war sehr hartnäckig und auch charmant, das hat mir imponiert. Ich gab in den ersten Wochen und Monaten ganz klar den Ton an in unserer Beziehung, vielleicht auch, weil ich 8 Jahre älter war als er und einen wesentlich höheren Bildungsabschluss habe.

Wie hat sich die Beziehung im Laufe der Zeit entwickelt?
Nach unserem Zusammenzug kippte die Sache. Er war oft launisch, impulsiv (aber nicht mehr auf die schöne Art, wie in der Anfangsphase), gab mir die Schuld für Dinge, die schief liefen. Ich wurde immer vorsichtiger im Umgang mit ihm und versuchte, auf ihn einzugehen, um den liebevollen, netten Mann wiederzubekommen, den ich kennengelernt hatte. Wir hatten auch längere gute Phasen, er konnte wochenlang ein prima Partner sein. Allerdings war ich irgendwo immer „auf der Hut“, achtete auf seine Stimme, die Körperhaltung, seine Laune. Das ist nicht gut. Aber ich war es aus meiner Kindheit so gewohnt, es fiel mir nicht auf.
Was mich extrem stresste, waren seine genauen Vorstellungen davon, wie „eine gute Frau“ zu sein habe. Am liebsten täglich Sex, auch wenn ich müde war oder direkt nach den Geburten. Er klammerte, wollte weder alleine zuhause sein abends noch mich irgendwohin ausgehen lassen. Meine Freunde machte er mir madig, und er versuchte, mich von meiner Familie zu entfremden. Wollte ich abends ins Bett, weil ich müde war, kam er sofort an und versuchte, Sex zu bekommen. Einschlafen vor ihm sollte ich auch nicht, und Lesen im Bett, während er schon müde war, fand er ganz und gar rücksichtslos. Eigentlich war es so: er war rücksichtslos, machte mir aber immer weis, ich sei eogistisch.
Nach der Geburt des ersten Kindes verschlimmerte sich sein launisches Verhalten noch einmal deutlich, er fühlte sich zurückgesetzt, weil das Baby so viel Aufmerksamkeit brauchte, wie er fand. Tatsächlich wurde es mit jedem Kind schwieriger, ihm überhaupt noch irgendwas recht zu machen. Und als das jüngste Kind ein Baby war, habe ich mich getrennt, weil es einfach nicht mehr ging.

Zu welchem Zeitpunkt hast Du die Gewalt klar erkennen können?
Erst, als ich nach einem Polizeieinsatz in unserer Wohnung therapeutische Hilfe suchte. Das war 2005, wir waren bereits 7 Jahre zusammen und 5 Jahre verheiratet. Damals hatte er aus dem 4. Stock Stühle in den Hof geworfen, auf dem Balkongrill Bücher verbrannt, und wie wild Geschirr zerschmissen, obwohl unsere damals 5-jährige Tochter im Nebenzimmer schlief. Er kam mir vor wie ein Wahnsinniger. Der Auslöser war, dass ich mit einer Freundin ausgehen wollte. Nix Großes, einfach in eine Kneipe um die Ecke. Und er hasste es, alleine zu sein. Die Psychologin, bei der ich damals vorstellig wurde, sagte „Alles, was größer ist als eine Klopapierrolle, sollte nicht durch die Gegend fliegen. Das ist häusliche Gewalt.“

Wie bist Du mit dieser Erkenntnis umgegangen?
(Hast Du z.B. direkt an Trennung gedacht, oder hattest Du Hoffnungen, gemeinsam mit Deinem Partner etwas ändern zu können? Habt Ihr z.B. eine Paartherapie begonnen o.ä.?n)
Ich war total überrascht. Häusliche Gewalt – ich!? Ich war doch eine starke, selbstbewusste Frau (überall, außer in der Ehe), die nur einen etwas temperamentvollen, sensiblen Mann geheiratet hatte. Dann aber sickerte nach und nach die Erkenntnis bei mir durch, dass da tatsächlich etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Zumal er nach diesem Zwischenfall vom Balkon springen wollte, wie schon so oft vorher. Er äußerte bestimmt 1 Mal im Monat Selbstmorddrohungen. Ich tröstete ihn dann oder hielt ihn tatsächlich davon ab, zu springen. Man will ja auch nicht für die Kinder, dass der Vater als Leiche im Hof endet.
Ich bewahrte den Flyer über häusliche Gewalt und die rechtlichen Möglichkeiten, den mir die Psychologin mitgegeben hatte, gut auf in meiner Handtasche. Und natürlich versuchte ich, mit meinem Partner darüber zu sprechen, aber er war nicht willens. Ich solle es nun mal gut sein lassen, er habe sich doch entschuldigt, hieß es. Daraufhin schaute ich mich nach Wohnungen um, aber es kam nicht dazu, dass ich welche anschaute. Denn kurz darauf wurde ich wieder schwanger und der Gedanke, ihn zu verlassen, hatte sich erstmal erledigt.
Eine Therapie wollte er auch nicht machen, er fand, wenn schon, dann müsse ich eine machen, denn ich sei komisch und der Grund dafür, dass es ihm nicht gut gehe. Während der Schwangerschaft war er allerdings wieder sehr umgänglich und zuvorkommend, über Monate – das war in allen drei Schwangerschaften so, und auch keine Masche. Ich habe mal gelesen, dass bei Männern das Testosteron sinkt, wenn ihre Frauen Kinder erwarten, ich fand das sehr schlüssig, wenn ich meinen Mann so sah.

Wann war für Dich klar, dass nur noch eine Trennung möglich ist und wer oder was hat Dir bei der Entscheidung geholfen?
Als ich buchstäblich mit dem Rücken zur Wand stand, weil es innerhalb des Jahres nach der Geburt des dritten Kindes zu zwei massiven Gewaltausbrüchen mir gegenüber gekommen war (vorher, und das war immerhin 11 Jahre Beziehung lang, hatte er mir ein Mal eine Ohrfeige gegeben, 2007, aber mich sonst nie körperlich bedroht). Ich war ernsthaft verletzt und hatte begründete Angst um mein Leben. Den nächsten Gewaltausbruch würde ich eventuell nicht überleben. Es war echte Raserei, die ihn überwältigt hatte, und er wusste hinterher von nix. Das war unglaublich beängstigend. Ich dachte mir, der Mann bringt uns irgendwann alle um.

Wie hast Du die Trennung vollzogen und wie ging es Dir in der Zeit nach der Trennung?
Das war sehr schwierig und eine lange Geschichte, denn er wollte gar nicht einsehen, dass wir getrennt seien. Weder wollte er ausziehen (obwohl ich die Polizei involviert hatte, der Vorfall war also aktenkundig, aber ich hatte keinen Platzverweis aussprechen lassen, der sowieso nur 14 Tage gewirkt hätte) noch in irgendeiner Form konstruktiv an der Auflösung der Ehe mitwirken. Es dauerte über 6 Monate, bis er endlich auszog und ich litt wie ein Hund, hatte Panikattacken in der Nacht, verlor massiv an Gewicht, und versteckte nachts die teuren japanischen Messer, damit er betrunken aus der Kneipe kommend nicht auf die Idee käme, mich damit doch noch zu erdolchen).
Es ging letztenendes nur mit Hilfe einer Anwältin, der Gewaltberatungsstelle und des Jugendamtes. Auch eine Therapeutin habe ich mir gleich gesucht, um diese Trennung besser zu überstehen.
Die Regelung des Umgangs funktionierte nur übers Familiengericht und war ein Riesenbohai, auch teuer – ich habe heute noch Schulden bei der Prozesskostenhilfe deswegen. Die Kinder sehen ihren Vater minimal, er hat einfach kein Interesse daran, Zeit mit ihnen zu verbringen. Und er ist auch extem weit weggezogen, es ist fast zwei Tagesreisen bis zu ihm.
Zur Sicherheit: Der Opferbeauftragte bei der Polizei hatte mir die Telefonnummer der Polizeistreife zugesteckt und gesagt, ich könne Tag und Nacht anrufen, wenn der Mann mich bedrohe. Sie seien dann in 3 Minuten da. Das fand ich sehr beruhigend. Zum Glück musste ich diese Nummer nie wählen.

Hast Du Dich nach Deinem Expartner gesehnt und vielleicht sogar einen Neuanfang erwogen oder bist sogar zurückgekehrt? Oder hast Du viel mit Gefühlen wie Wut, Verzweiflung, Eifersucht etc. kämpfen müssen? Wie bist Du mit diesen Gefühlen und Situationen umgegangen? Wie konntest Du Dich wieder lösen?
Nein, nie. Keine Sehnsucht, keine Eifersucht auf die blonde junge Freundin, die er sich sofort nach dem Auszug zulegte, keine Reue, aber sehr viel Wut, wahrscheinlich schützte diese Wut mich vor Verzweiflung. Ich war über 3 Jahre lang unglaublich wütend. Das hörte erst auf, als ich Angst bekam, ein Magengeschwür vor lauter Wut zu bekommen, und ich wollte ihm die Macht nicht geben, mich zu zerstören durch meine eigene Wut. Da habe ich losgelassen, und das war sehr befreiend.

Wie fühlst Du Dich heute?
(Bist Du zufrieden mit Deinem jetzigen Leben? Was hat sich in Dir verändert und welche Lehren hast Du aus Deinen Erfahrungen gezogen?)
Wie Phoenix aus der Asche. 🙂
Gut, sehr gut meistens. Manchmal ein bisschen traurig, dass ich so viel kostbare Lebenszeit mit so einem Mann verbracht habe. Ich bin jetzt Ende 40 und schon lange alleine. Aber besser alleine als mit jemandem, der einen unglücklich macht. Mal ganz abgesehen davon, dass ich dafür sorgen muss und will, dass es den Kindern gut geht. Und Kindern, die mit einem gewalttägigen Elternteil aufwachsen, kann es nicht wirklich gut gehen.
Ich bin sicher, dass es richtig war, dass ich mich getrennt habe. Und wirklich wünschen, dass ich mich früher getrennt hätte, kann ich auch nicht, dann hätte ich das dritte Kind nicht bekommen. Die Kinder sind großartig. Es ist alles gut so. Und ich denke, ich werde alleine bleiben, mir keinen festen Partner mehr „anlachen“, ich möchte mein Glück nicht mehr aufs Spiel setzen. Ich bin gerne alleine, das war schon immer so. Mich soll keiner mehr besitzen.

Was sind Deine wichtigsten Tipps für Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind?
Was brauchen Frauen aus Deiner Sicht, um sich aus einer Gewaltbeziehung zu befreien und was hilft ihnen dabei?
Beratung, Vernetzung, Unterstützung auch vor Ort – von Profis und Laien. Ich habe mir überall Hilfe geholt, wo ich welche finden konnte: rechtlich, von Beratungsstellen, Ärzten, Therapeutin, Internetforen, der Familie, auch dem Jugendamt. Und immer möglichst offen mit der Situation umgehen, auch wenn das andere Menschen vielleicht überfordert. Mir hat es sehr gut getan, immer weniger ein Geheimnis um die Gründe für die Trennung zu machen. Anfangs war das schwierig, auch weil ich noch Angst vor dem Mann hatte. Aber mittlerweile ist die Angst so klein, dass sie fast keine Rolle mehr in meinem Leben spielt. Jeder weiß, dass ich nur einen Feind habe. Wenn ich irgendwann eines unnatürlichen Todes sterbe, ist sofort klar, wer dahintersteckt. So dumm ist der Ex-Mann nicht, dass er sich das traut.

Vielen Dank!!!

Dieses Interview ist das erste einer Serie. Ich befrage Frauen, die Gewalt in einer Partnerschaft erlebt haben und bitte sie darum, ihre Erfahrungen und Bewältigungsstrategien zu schildern. Die Interviews sollen anderen Frauen Mut machen, die in einer ähnlichen Situation sind. Außerdem sollen sie aufklären, wie eine solche Beziehung überhaupt zustande kommen kann und wie sie sich entwickelt.

Jede vierte Frau erlebt häusliche Gewalt.
Partnerschaftsgewalt ist keine Privatsache.
Gewalt geht jeden etwas an.

Wenn Du auch Deine Geschichte erzählen möchtest, um anderen betroffenen Frauen zu helfen, wende Dich über mein Kontaktformular an mich. Eine Veröffentlichung kann gern auch anonym erfolgen. DANKE!

2 Kommentar

  1. Ich habe fast das Gefühl, dass es meine Geschichte ist/war. Bei mir hat es leider noch länger gedauert, denn ich hatte furchtbare Angst, weil mir niemand geglaubt hatte. Der größte Hemmschuh war im Nachhinein wohl auch meine Ursprungsfamilie mit einer vermutlich narzistischen Mutter und Schwester, die mir zusätzlich sehr zusetzten. Mein Exmann hatte auch über Jahre hinweg unser gesamtes Umfeld beeinflusst und mir alle meine echten Freunde madig gemacht. Gemerkt hatte ich das sehr viele Jahre nicht. Die Polizei hatte mir leider auch nicht geholfen, weshalb ich gänzlich verzagte. Ganz viele Menschen in meinem Umfeld machten mir unsere 4 Kinder zum Vorwurf und die Kinder waren für sie auch der Grund, dass ich offensichtlich Lügen musste. Ich versuchte außerhalb unserer 4 Wände selbstbewusst und fröhlich zu wirken, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Vieles trug leider dazu bei, dass ich nirgendwo ein offenes Ohr zu erwarten hatte. Es war für mich fast unmöglich, gegen seinen Willen aus dieser Beziehung zu kommen. Auch heute nach über einem Jahr habe ich immer noch Angst, dass er es noch schaffen könnte das Jugendamt mit seinen Lügen zu überzeugen und ich die armen Kinder ohne meinen Schutz zu ihm bringen müsste. Ich hoffe, irgendwann einmal keine panische Angst mehr zu erleben, ….. so wie Du es geschafft hast. Leider kann ich mir das noch immer nicht vorstellen.

    • Liebe Susanne,
      vielen Dank für Deine Offenheit. Es ist eine besonders schwierige Situation, wenn Du so gut wie keine Unterstützung erfährst. Daher ist es besonders mutig und stark von Dir, dass Du ihn verlassen hast. Ich hoffe, Du hast therapeutische Unterstützung. Die solltest Du Dir auf jeden Fall suchen, wenn Du so viel mit Panik und Angst zu schaffen hast. Schau doch mal, ob es in Deiner Nähe eine Frauenberatungsstelle gibt. Die können Dich für die erste Zeit gut unterstützen und dann evtl. an eine Therapeutin weiterverweisen. Eine Frauenberatungsstelle kannst Du z.B. hier finden: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/. Weitere hilfreiche Links findest Du auf meiner Erste Hilfe Seite http://www.phoenix-frauen.de/erste-hilfe/
      Es wird Dir mit der Zeit besser gehen. Viele Frauen mit solchen Erfahrungen haben das erlebt.
      Ich wünsche Dir alles Gute!
      Herzliche Grüße
      Rona

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