Jungen und Gewalt Über Schießspiele, Konfliktmanagement und Männlichkeit

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Heute morgen kam mein Sohn bewaffnet zum Frühstück. Glücklich hielt er seine Spielzeugwaffe in der Hand und sorgte erst einmal für Ordnung und Schutz. Ich kenne diese Phasen inzwischen sehr gut. Es sind Spielphasen, die kommen und gehen. Mal gehen die Waffen mit ins Bett (und zwar viele), mal spielt er ausgelassen mit Freunden im Garten Schießen, mal werde ich beschützt und er ist Bodyguard, mal bin ich die Verbrecherin, die er dringend verhaften muss. Von seinem Taschengeld oder Geburtstagsgeld hat er sich schon einige (für mich furchtbar aussehende) Waffen geleistet. Es gab Phasen, wo er hinter diesen Riesenmonstren kaum zu erkennen war. Was spürbar ist: Er fühlt sich stark und sicher mit seiner Waffe und es macht ihm Spaß mit der Macht, die ihm diese Waffe gibt, zu spielen. Diese Phase dauert ein paar Tage. Danach sind Waffen wieder total uninteressant.

Wie Waffen bei uns Einzug hielten

Ich erlaube das inzwischen, auch wenn ich manchmal über den optischen Eindruck nicht so begeistert bin. Das war aber nicht immer so. Der Drang nach Waffen kam mit etwa 4 Jahren. Wie er genau auf die Idee kam, weiß ich nicht. Bis dahin gab es bei uns keine Waffen. Fernsehen gab es bei uns damals auch noch nicht. Schon gar nicht Transformers, StarWars u.ä. Ich denke aber, dass es durch den Kindergarten und durch andere Kinder kam. Zu Karneval wollte er unbedingt Cowboy sein. Mit Gewehr. Das war eigentlich die Hauptsache. Und das Gewehr sollte knallen. Ich war irritiert. Ich machte mir Sorgen, dass er jetzt anfing, Gewalt zu verherrlichen. Ich machte mir auch Sorgen darüber, an welch komischer Ausprägung von „Männlichkeit“ er jetzt auf einmal Gefallen fand. Außerdem konnte ich die Dringlichkeit dahinter überhaupt nicht nachvollziehen.

Als ich über meine eigene Kindheit nachdachte, erinnerte ich mich, dass wir damals auch alle mit Knallerpistolen gespielt haben und mit diesen Papierstreifen, die beim Draufschlagen nach Schwefel riechen. Da war nichts dabei. Eine Pistole musste knallen. Das war klar. Es war auch klar, dass wir uns gegenseitig beschossen und spielten, dass wir tot umfallen. Solche Spiele waren wild und gefährlich und machten daher sehr viel Spaß. Es gab keine Erwachsenen, die uns dabei beobachteten und erst recht gab es keine Erwachsenen, die uns an diesen Spielen hinderten. Schwer verletzt wurde keiner und soweit ich weiß wurde keiner meiner damaligen Freunde gewalttätig. Es war auch klar, dass sowohl Mädchen als auch Jungen an diesen Spielen beteiligt waren. Diese Spiele waren ein oder zwei Tage interessant. Danach kam wieder was anderes.

Als ich mich daran erinnerte, beschloss ich, ihm die Waffe für Karneval zu erlauben. Mit Knalleffekt. Er war glücklich. Die Waffe wurde überall mit hingetragen und ausprobiert. Ich hatte den Plan, ihm nach Karneval die Waffe wieder abzunehmen. Daraus wurde aus verschiedenen Gründen aber nichts. Der Damm in Richtung Waffengenehmigung war gebrochen.

In die Kita durfte er die Waffe übrigens nicht mitnehmen und in die Schule später auch nicht. Viele Kitas verbieten die Mitnahme von Spielzeugwaffen an Karneval. Es wird sogar verboten, Waffen aus Lego zu bauen oder mit Stöcken oder gar Fingern Schießen zu spielen. Wenn man das mal genauer beobachtet, finden Kinder aber immer Wege, diesen Spaß an Waffen auszuleben, und sei es nur bei Freunden. Bei uns war mal ein kleiner, zierlicher Junge von damals 5 Jahren zu Besuch, der total begeistert eine Wasserpistole aus der Spielzeugkiste zog, sich breitbeinig von seine Mutter stellte und lauthals rief „Ich darf das, Mama!“. Zuhause durfte er nämlich nicht mit Waffen spielen. Gerade dadurch wurden Waffen besonders interessant und wichtig.

Verharmlosen Waffenspiele Gewalt?

Ich habe mit einigen Fachleuten über dieses Thema geredet und ich habe einiges dazu gelesen. Außerdem habe ich meinen Sohn und sein Verhalten beobachtet. Und ich denke viel über dieses Phänomen nach, zuletzt wegen eines Blog-Artikels zum Thema Jungen, den ich vor ein paar Tagen las und der großen Zuspruch fand. Grundsätzlich sind wilde Spiele, die Kräftemessen und spielerisches Testen von Kraft und Gewalt zum Thema haben, inzwischen nicht mehr gern gesehen. Früher hieß es „Jungs sind eben so“ und niemand hat sich darüber Gedanken gemacht. Bis ein Erwachsener oder Lehrer bei wilden Spielen eingriff, dauerte es lang. Kinder waren außerdem viel weniger unter Beobachtung von Erwachsenen. In ihren Spielen und Konflikten mussten sie allein zurechtkommen. Kaum ein Kind holte Erwachsene zu Hilfe. Da musste schon etwas wirklich Schlimmes passiert sein. Andererseits gab es früher auch drakonische Strafen für Jungen Kinder, die sich nicht an die Regeln hielten oder unruhig waren. Gewalt in der Erziehung war üblich. Damit war auch Gewalt in kindlichen Auseinandersetzungen üblich. Früher war also nicht alles besser.

Was mich im Zusammenhang mit Schießspielen interessiert ist, inwiefern diese Spiele Gewalt verharmlosen und verherrlichen. Wie kommt es, dass Menschen gewalttätig werden? Wie trägt die Art der Spiele in der Kindheit dazu bei?

Die Fachleute, mit denen ich gesprochen habe, sagten mir, dass Gewalt ihre Wurzeln nicht in Schießspielen und Kräftemessen hat. Stattdessen trägt das Klima innerhalb der Familie maßgeblich dazu bei, was als normal empfunden wird. Wenn Kinder in ihrer Familie häufig Gewalt erleben oder erfahren – sei es körperliche oder seelische Gewalt – verinnerlichen sie diese Gewalt als normal. Das kann dazu führen, dass sie selbst als Erwachsene gewalttätig werden, oder dass sie leichter Opfer von Gewalt werden, weil sie kein Empfinden mehr für ihre eigenen Grenzen haben. Das beruhigte mich etwas: Schießen spielen führt also nicht automatisch dazu, dass Gewalt verharmlost wird. Vielen Kindern macht es Spaß, ihre Kräfte auszutesten und mit Macht zu spielen. Viele Kinder raufen gern oder brüllen mal laut herum. Wenn ein Kind mit Waffen spielt, bedeutet das nicht, dass es ein anderes Kind verprügelt und Konflikte nur mit Gewalt löst. Das ist ein anderes Thema.

Jungen und Männlichkeit

Jungen setzen sich ab einem gewissen Alter intensiv mit Männlichkeit auseinander. Was ist männlich? Was macht mich zum Mann? Wie stark und männlich bin ich im Vergleich zu anderen? Das sind Fragen, die hinter vielen Spielen stecken.

Auch wenn es oft anders behauptet wird, sehe ich es nicht so, dass Jungen Vorbilder für Männlichkeit fehlen. Allerdings erlebe ich in den 12 Jahren als Jungsmama, dass diese Vorbilder oft sehr einseitig ausgeprägt sind.

  • Bei Jungen beliebte Filme und Serien stellen Gewalt als ultimative Konfliktlösungsstrategie für Männer in den Mittelpunkt.
  • Computerspiele für Jungen stellen Männer als Muskelprotze dar, die verächtlich mit Schwächeren umgehen oder – umgekehrt – völlig hilflose Frauen retten müssen.
  • Jungen erleben wenige männliche Rollenvorbilder, die (mit ihnen) REDEN – sei es in Filmen oder Spielen, aber auch in Vereinen oder Schulen und sogar zu Hause. Über Schwierigkeiten reden und reden überhaupt wird als unmännlich vermittelt. Über Gefühle reden geht daher ab einem gewissen Alter kaum noch.
  • Jungen, die Koordinationsschwierigkeiten haben, sich aber dennoch gern bewegen, werden in diesem Drang zur Bewegung nicht unterstützt, sondern verspottet und ausgegrenzt von Trainern und Sportlehrern.
  • Jungen anzubrüllen, sie zu erniedrigen und zu körperlichen Strafmaßnahmen zu verdonnern ist unter männlichen Trainern üblich.
  • Seelische und körperliche Gewalt gegenüber Jungen wird auch heute noch geduldet als Erziehungsmaßnahme. „Mit Jungen muss man das anders machen. Du hast keine Ahnung,“ habe ich des öfteren von Männern und auch Frauen gehört als Legitimation für entsprechende Strafmaßnahmen. Mädchen, die Jungen gegenüber gewalttätig werden (in Grundschulen inzwischen nicht selten), werden deutlich seltener so drakonisch bestraft. Jungen, die gewalttätige Handlungen von Mädchen melden, werden ausgelacht und gefragt, was sie denn getan haben, dass das Mädchen gewalttätig wurde.
  • Schwäche zeigen ist verpönt.
  • Brutale Sprache wird als männlich empfunden. Männer reden in oben genannten Filmen zwar sehr selten, aber wenn sie reden, ist das oft sehr einseitig. Andere zu verspotten und zu erniedrigen wird als normal dargestellt. Und das erleben Jungen von Männern nicht nur in Filmen, sondern auch in Gesprächen unter Erwachsenen oder in Gesprächen unter älteren Jungen.
  • Der frühe Zugang zu Pornographie über Smartphones vermittelt sehr einseitige Bilder von Sexualität, Körper, sexueller Leistungsbereitschaft, Weiblichkeit und Männlichkeit. Diese Bilder sind nicht nur für Mädchen und Frauen einschränkend und belastend, sondern auch für Jungen, die meinen, sie müssten immer was ganz besonderes bringen und ganz besonders körperlich ausgestattet sein. Sexualität wird auf Leistung und Egozentrismus beschränkt.
  • Männer/Väter haben auch heute noch häufig wenig Zeit für Jungen. Daher erleben Jungen nur ein eingeschränktes Spektrum von Männlichkeit.

über Gewalt und männlichkeit reden

Was mir in all dem besonders auffällt ist diese Sprachlosigkeit, der mangelnde Austausch. Mit Jungen wird viel zu wenig geredet über Männlichkeit und die einschränkende Wirkung mancher Männerbilder. Toxische Bilder von Männlichkeit können Jungen am Ende schaden. Wer zeigt Jungen, dass es gut ist, über seine Probleme und Gefühle zu reden? Wer lebt das vor? Wer spricht mit Jungen über fragwürdige Körperbilder? Wer stellt in Frage, was in Medien und Werbung als männlich dargestellt wird? Wer erklärt ihnen Sexualität und Liebe? Wer spricht mit ihnen über Mädchen und Frauen und lebt einen respektvollen Umgang vor? Wo sind diese Männer? Zum Glück gibt es Internet und die Jungsfragen. Die Männer, die ich bisher im Leben meines Sohnes erlebt habe, haben eines wenig getan: ihn ernstgenommen, sich Zeit mit ihm genommen und mit ihm geredet. Bei Männern, die das taten, blühte er auf.

Es wird viel zu wenig darüber gesprochen und gelehrt, wie man Konflikte lösen kann, ohne auf Gewalt zurückzugreifen. Wie man Aggressionen und Wut ausleben und positiv nutzen kann, wird selten vermittelt. Spielzeugwaffen zu verbieten zu Hause, in Kita und Schule ist daher keine Lösung für das Problem. Das berührt nur die Oberfläche und schränkt an falscher Stelle ein. Gewalt in ihrem eigentlichen Sinn muss zum Thema gemacht werden.

Und: obwohl Spielzeugwaffen bei uns erlaubt sind, erlaube ich z.B. – im Gegensatz zu vielen anderen Eltern hier in der Gegend – keine Computerspiele ab 18, in denen vergewaltigt, gefoltert und hinterhältig ermordet wird und in der verächtliche Sprachmuster an der Tagesordnung sind. Es gibt für mich immer noch Unterschiede darin, welche Fantasiewelten ich für meine Söhne zulassen möchte und welche nicht – und vor allem ab welchem Alter.

Wie seht Ihr das? Sind Schießspiele bei Euch erlaubt? Und was dürfen Eure Kinder im Fernsehen sehen oder am Computer oder auf der Playstation oder dem Handy spielen? Wie sprecht Ihr mit Euren Kindern über Gewalt und Konfliktlösungsstrategien? Wie redet Ihr mit Jungen über Männlichkeit? Schreibt mir gern in den Kommentaren.


Bild: Pixabay, ariesa66

4 Kommentar

  1. Auch ich habe einen Jungen, der hatte gar nicht so viel Interesse an Ballerspielen, von daher war das jetzt auch nicht so schwierig wie es vielleicht bei anderen Jungs ist. Ich frage mich, ob denn nur Jungs so einen großen Bewegeungadrang haben, das weiß ich nicht. Wenn ich mich an mich und meine Kindheit zurück erinnere, dann war ich auf jeden Fall gerne draußen, habe mit Leidenschaft Cowboy und Indianer gespielt und wollte auch am Fasching ein Gewehr. Auch für mich hatte das wohl etwas mit stark sein wollen zu tun. Öfters musste ich mir aber anhören, dass ein braves Mädchen so etwas nicht tut, was ich schon damal eher zum k…..fand. Ich finde es durchaus wichtig, dass Männlichkeit genauso reflektiert wird, wie es vielleicht bei den Frauen durch die Frauenbewegung passiert ist. Ich wäre aber vorsichtig, dass heute pauschal Jungs zu Verlieren gemacht werden. Natürlich haben Mädchen, da ihnen ja heute auch alle Bildungschancen offen stehen in vielen Bereichen aufgeholt. Nur, wer hätte sich eigentlich darüber aufgeregt, dass Mädchen früher, als sie noch nicht gefördert wurden schlecht in der Schule waren oder vielleicht gar keine Bildung hatten. Niemand, denn es war ja gerade recht so. Jetzt haben Mädchen gute Abschlüsse und es wird deutlich wie intelligent sie sein können. Doch statt das wirklich auch mal positiv zu erwähnen, wird jetzt sofort auf die Frauenbewegung und den Feminismus dass dieser jetzt schuld an schlechten Noten der Jungs wäre. Diese Diskussion finde ich bedenklich. Wer mal von seinen Großeltern sich hat erzählen lassen, wie es früher in der Schule war, der wird feststellen, dass sich auch Jungs früher in der Schule nicht austoben dürften. Im Gegenteil damals gab es ja noch Prügelstrafe. Keineswegs finde ich dies gut und es sollte auch nicht mehr als Erziehungsmassnahme eingesetzt werden. Sinnvoll wäre es aber durchaus, wenn Kinder, Jungs wie Mädchen schon früh lernen könnten, wie man mit Wut und Aggression umgehen kann. Diese Gefühle sind ja bei beiden Geschlechtern vorhanden. Doch meist werden sie als „schlecht“ bezeichnet, statt dass man sie wahrnimmt und mal darüber nachdenkt, was steckt eigentlich dahinter. Wer wütend ist, gilt pauschal als böse.
    Wichtig wäre, dass Jungs auf jeden Fall vermittelt bekommen, dass Mädchen und Frauen mit dem gleichen Respekt zu begegnen ist, wie sie es sich selbst gerne wünschen. Dazu tragen aber die ganzen Computerspiele und Medien, in denen es ganz normal ist Frauen zu vergewaltigen nicht bei. Da geht es nicht um eigene Stärke entwickeln, sondern da wird Stärke mit gleichzeitiger Abwertung des anderen Geschlechts verbunden. Ob Jungs wirklich die wahren Verlierer sind, das wage ich aber auch zu bezweifeln. Wenn ich mir die Berufswelt anschaue, dann haben wir trotz ausgezeichneter Abschlüsse und Noten bei Mädchen nach wie vor dir Situation, dass Frauen weniger verdienen, die schlechteren Aufstiegschancen haben, sich nach wie vor noch dummen Fragen beim Vorstellungsgespräch stellen müssen, etc. Ich finde man sollte genauer hinschauen, wo Jungs wirklich die Verlierer sind. Jungs auch gut zu fördern ja, doch deswegen bei Mädchen wieder zurück zu rudern, nein.

    • Liebe Andrea,
      ich kann Deinen Kommentar nur bestätigen. Ich denke, Du beziehst Dich auf den verlinkten Blogartikel, der mir bzgl. einiger auch von Dir genannter Aspekte, sauer aufgestoßen ist. Wie Du glaube ich nicht, dass der Feminismus dafür verantwortlich zu machen ist, dass Jungen angeblich nicht mehr Jungen sein dürfen. Im Gegenteil verstehe ich Feminismus so, dass er Freiheit und Selbstbestimmung in den Fokus stellt und gängige Geschlechterbilder in Frage stellt. Das hat für beide Geschlechter Vorteile: für Mädchen und Jungen. Insbesondere für Jungen (aber auch für immer mehr Mädchen) wünsche ich mir, dass an Schulen Pflichtfächer entstehen zum Thema gewaltfreie Konfliktbewältigung. Auch die vermittelten Männlichkeitsbilder, die Gewalt als männlich darstellen, sollten offen hinterfragt und diskutiert werden. Diese Themen werden bisher sträflich vernachlässigt und das geht aus meiner Sicht nach hinten los.
      Herzliche Grüße
      Rona

  2. Hallo Rona,

    Dein Artikel berührt einiges in mir und weil es in recht komplizierter Weise an etwas anschließt, dass mir grade wirklich Kopfzerbrechen bereitet, teile ich mich hier einfach mal mit. Ich hoffe es stört nicht, weil es etwas lang wird.

    Meine Tochter ist viel kleiner, als Deine Söhne, nämlich 4 Jahre. Ich habe eine umfassende Ausbildung in Sachen Interaktion und Geschlecht und bin daher geschult darin Geschlechtsdarstellungen zu beobachten. Mir ist in meinem relativ überschaubaren Umfeld aufgefallen, dass Kinder bereits ab der Geburt sehr unterschiedlich behandelt werden, je nach dem, ob sie Jungen oder Mädchen sind (ich sehe aus Gründen der Einfachheit mal von Trans- und Inter ab).
    Vor allem fiel mir sehr häufig auf, dass Mütter in meinem Umfeld bei ihren Söhnen im Alter von 10 Monaten bis ca. 2-3 Jahren häufig körperliche Übergriffe akzeptiert haben, die bei Mädchen nicht geduldet wurden. Ich beobachtete beispielsweise eine Mutter, die ihren 18 Monate alten Sohn in ihre Augen piksen ließ, weil er dann so schön lachte. Auch bei Übergriffen gegen andere Kinder reagierten die Eltern langsamer bei Söhnen, als bei Töchtern. Bemerkbar ausgeprägt war dieses elterliche Verhalten bei Menschen, die gern eine „So sind Jungs nun mal“ oder „ein richtiges Mädchen eben“ Aussagen bemühten. In meinem Umfeld ist der größere Teil der Eltern so, ich nenne es mal „geschlechtstraditionell“. Später ärgern sich diese Eltern dann oft über das „wilde“ und „rabaukenhafte“ Verhalten ihrer Söhne, sind aber gleichzeitig auch subtil stolz darauf. Ich beobachtete wie ein 5 jähriger Junge seine Schwester vom Trampolin schubste, als sie die Frage, ob er mal drauf dürfte, verneinte. Sein Vater kommentierte dieses Verhalten seinem Sohn gegenüber wie folgt: „Du hast auch schon gelernt, dass das Nein von Frauen nichts bedeutet.“ Er fand das offenbar lustig, obgleich er eigentlich nicht möchte, dass sein Sohn seine Schwester verletzt und der Junge bekommt für krassere Aktionen gegenüber seiner Schwester auch oft richtig Ärger und dann stehen die Eltern da und fragen sich warum er so ist. Als meine Tochter aber mal aus purer Unvorsichtigkeit ihre Tochter schubste, es passierte der Kleinen genauso wenig wie bei der Trampolin Aktion, da wurde sie von der Mutter sehr krass und mit echter Empörung geschimpft. Wie konnte sie nur so unvorsichtig sein? Hab ich mich ehrlich auch gefragt. War keine tolle Leistung für eine Dreijährige, ich hätte sie selbst sicher genauso geschimpft. Aber der Sohn bekommt ein derart empörtes Schimpfen nur, wenn die Kleine tatsächlich verletzt wird. Das spiegelt insgesamt meine Erfahrungen mit Kindern im Alter bis ca. 3 Jahre wieder: Grobheit wird bei Jungen mehr toleriert, besonders ausgeprägt wenn traditionelle Geschlechtervorstellungen bei den Eltern sehr präsent sind. In der Kindergartenzeit scheint diese größere Toleranz bereits zurück zu gehen und die Leute sind von dem „rabaukenhaften“ Verhalten genervt. Es gibt keinerlei Bewusstsein dafür, dass es für die Kinder äußerst schwierig ist zu verstehen, warum es immer okay war bestimmte Verhaltensweisen zu zeigen und plötzlich ist es das nicht mehr. Aber ich habe den Eindruck, dass eben das Fehlen von echter Empörung es kleinen Jungen sehr schwer macht zu verstehen, warum gewalttätige Übergriffe nicht okay sind. Aber wenn bspw. eine Mutter gleichartig genervt ist, wenn ein Teller zerdeppert wird, oder ein anderes Kind geschubst wird, dann kann sich beim Kind ja schwer Tabu für gewalttätige Übergriffe entwickeln. Es gibt auch ein vereinzeltes Mädchen, bei dem sich die Eltern so verhalten und das Ergebnis ist absolut gleich: Das Mädchen ist „wild“ aka „rücksichtslos“, aber die Eltern entschuldigen das mit „Sie hat es nicht so gemeint.“ Sorry. Mir ist es total wumpe, ob das Kind beim Schwingen des langen Stocks mein Kind gar nicht am Kopf treffen wollte, sie ist fast 5 Jahre alt, sie sollte dazu angehalten werden darauf zu achten. Mein Umfeld ist eher vorstädtisch und nicht besonders groß, aber ich kenne sicherlich 10-15 solcherart ausgewachsener Jungen und nur 1 Mädchen. Dieses Mädchen sticht aber in dem Sinne hervor, dass die Mutter eben jetzt immer noch vollstes Verständnis für jede noch so grobe Rücksichtslosigkeit ihrer Tochter hat, die eben bald 5 wird, wohingegen die Eltern der Söhne alle ab 3 strenger wurden und zumindest konsequent gegen Grobheit vorgehen, die gefährliche Folgen haben kann oder aus denen Verletzungen resultierten. Ich muss an dieser Stelle jedoch betonen, dass einzig ihre Eltern diese enorme Toleranz dem Mädchen gegenüber walten lassen, nicht jedoch die Großeltern oder Erzieherinnen in der Kita.
    Kommen wir nun aber zu einem anderen Fall, der im Grunde der Kern meiner ganzen Erzählung ist: Es gibt in der Kita meiner Tochter zwei Mädchen die gegenüber Erwachsenen sehr schüchtern sind, jedoch ganz offen und munter, wenn nur die anderen Kinder und die Erzieherinnen da sind. Die eine Mutter hat darüber volles Bewusstsein, die andere offenbar nicht. Denn das Mädchen erzählt ihr wohl regelmäßig, dass die anderen Kindern sie immer ärgern und sie rennt dann zu den Erzieherinnen und möchte, dass da was gegen getan wird. Meine Tochter erzählt mir das auch: „Alle Kinder ärgern mich.“ Aber wenn ich da ein wenig nachfrage, dann wird sehr schnell klar: es geht um ganz normale Konflikte und sie hat da ihren gleichberechtigten Anteil. Diese andere Mutter fragt aber nicht nach. Sie sieht nur ihr schüchternes kleines Mädchen und ärgert sich, dass es nicht beschützt wird. Woher ich das weiß?
    Vor einiger Zeit brachte ich meine Tochter zur Kita und jene Mutter war da und ihr Kind und saß auf der Fensterbank von der aus die Kinder ihren Eltern zum Abschied winken. Diese Fensterbank ist sehr groß und es gibt die Regel, dass jedes Kind den Eltern winken darf. Während sie noch mit der Erzieherin redete, hatte ich es etwas eilig. Ihre Tochter saß aber genau am Aufgang zur Fensterbank und machte meiner Tochter keinen Platz. Meine Tochter bat sie mehrfach zu rücken, denn für sie ist es sehr wichtig mir zum Abschied zu winken. Das Mädchen reagierte nicht darauf. Die Erzieherin griff schließlich ein und sagte ihr sie solle rücken und ich ging schon Richtung Tür. Da sah ich noch wie das Mädchen meiner Tochter 2 x ins Gesicht trat, als diese auf die Fensterbank klettern wollte. Und dann sagte die Mutter zu ihrer Tochter: „Gut machst du das!“ Ich kann gar nicht sagen, was mir in dem Moment durch den Kopf ging. Ich war wie versteinert, wahrscheinlich hauptsächlich damit ich der Mutter nicht ins Gesicht trete. Die Erzieherin reagierte blitzschnell und tröstete meine Tochter, wies das Mädchen zurecht und da sagte die Mutter mit vorwurfsvollem Blick auf meine Tochter: „Sie hat schon wieder erzählt, dass sie von den anderen Kindern geärgert wurde. Da MUSS ich sie doch loben, wenn sie sich mal endlich wehrt.“ Ich war immer noch paralysiert. Die Erzieherin erklärte dann, sie müsse eben wie besprochen bei ihrer Tochter mal nachfragen. Ihre Tochter wäre hier kein Opfer und müsse nicht beschützt werden. Dann gab die Erzieherin mir ein Zeichen ich könne jetzt gehen. Meiner Tochter fällt der Abschied sehr sehr schwer, wenn ich nicht rechtzeitig gehe, sie hat da ihren festes Ritual und obgleich ich am Liebsten geblieben wäre, wäre es in dem Moment für unseren Ablauf nicht sinnvoll gewesen, denn ich musste zwingend schnell zur Arbeit wegen eines wichtigen Termins.
    Als ich meine Tochter abholte, besprach ich die Situation mit der Erzieherin. Sie erklärte mir diese Mutter würde stets glauben ihre Tochter sei Opfer der anderen Kinder und nie bei ihrer Tochter nachfragen und ich sollte bloß nicht glauben, dass der Angriff heute früh irgendwie berechtigt gewesen sei, etwa weil meine Tochter dieses Mädchen immer ärgern würde, so wie diese Mutter es angedeutet hätte. Sie hätten das mit der Mutter schon tausend mal besprochen, aber die käme nicht vom Glauben ab, dass ihre kleine Tochter das schüchterne Opfer ist, das von den anderen Kindern immer gepiesakt wird. Ich regte mich dann noch auf, dass sie ihr Kind ernsthaft gelobt hat dafür mein Kind zu treten und wir sprachen eine Weile darüber. Aber seither verfolgt mich dieser Vorfall und vor allem belastet mich meine eigene Unfähigkeit einzugreifen. Das war in dem Fall auch durch den räumlichen Abstand begründet, aber es ärgert mich bis heute, dass diese Frau ohne weiteres damit durch kam. Die Erzieherin hat zwar das Problem zwischen den Kindern gelöst und das Mädchen auch zurecht gewiesen und mit der Mutter diskutiert. Dank der Reaktionsgeschwindigkeit meiner Tochter, haben die Tritte auch kaum ihr Gesicht berührt (was übrigens der Grund war warum das Mädchen ein zweites Mal getreten hat). Aber: Lob für Tritte ins Gesicht? Die ganze Szene hat sich eingebrannt in mein Gedächtnis und Donnerstag habe ich diese Frau nach Monaten zum ersten Mal wieder gesehen und dann kam alles wieder hoch. Ich kann jetzt nur für die Zukunft eine Lehre daraus ziehen und werde beim nächsten Vorfall dieser Art sofort einschreiten. Aber ich habe schon den Eindruck, dass Einstellungen wie dieser Mutter zu dem führen, was Du im Artikel an gewalttätigen Verhalten von Mädchen in der Grundschule genannt hast.

    Sorry, dass es jetzt gar nicht um Waffen ging, sondern eher um physische Übergriffe von Kindern allgemein. Was Waffen angeht, sehe ich es zu 100% so wie Du. Besonders schlimm finde ich, wie Jungen es systematisch madig gemacht wird über Gefühle zu sprechen und ich sehe die Folgen dieser Einstellung des „es ist ja sooo unmännlich über Gefühle zu reden!“ jeden Tag und sie sind fatal.

    Ich danke Dir für Deinen Artikel und auch dafür meinen Kommentar gelesen zu haben. Es tat gut ihn zu schreiben, weil mich dieser Vorfall gedanklich verfolgt.

    Viele liebe Grüße
    Esther

    • Liebe Esther,
      vielen Dank für Deinen langen Kommentar. Ich erlebe sehr ähnliche „Phänomene“ – zunehmend auch bei Mädchen. Wenige Mädchen und Jungen hören zu Hause, dass man Konflikte anders lösen kann als über körperliche Gewalt. Daher müssen leider die Schulen und Kitas mehr und mehr regulierend einwirken, was sie aber auch nicht so schaffen, wie es nötig wäre. Wie häufig höre ich Eltern sagen: Dann hau eben zurück! Oder: Ich finde es toll, wenn mein Kind sich körperlich durchsetzt. Bei Mädchen wird in manchen Kreisen die Emanzipation falsch verstanden und interpretiert. Es wird unterstützt, dass Mädchen gewalttätig werden und zwar ohne Anlass. Insbesondere gegenüber Jungen wird das auch von LehrerInnen und ErzieherInnen ganz anders toleriert als bei Jungen. Es wird insgesamt viel zu wenig besprochen und thematisiert, wie Konflikte anders zu lösen sind. Stattdessen werden Kinder zu Selbstverteidigungskursen geschickt. Für den Notfall sind Selbstverteidigungskurse gut, aber nicht für den Regelfall. Wenn man sein Kind so erzieht, dass es nicht gleich zuschlägt, steht man in manchen Kreisen als naiv da, besonders bei Jungen. Auch gegenseitige Unterstützung im Konfliktfall und Deeskalation wird selten thematisiert. Ich finde das sehr bedenklich. Wenn unsere Gesellschaft ein Interesse daran hat, dass weniger Gewalt herrscht, muss in dieser Richtung viel mehr getan werden.
      Herzliche Grüße
      Rona

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