Kinder in Gewaltbeziehungen

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„Den Kindern hat er nichts getan.“
„Sie haben nichts gemerkt. Sie haben ja geschlafen.“
„Er hat mich ja nicht geschlagen, sondern nur gedemütigt.“
„Ich habe heimlich geweint.“
„Er kann so ein liebevoller Vater sein.“
„Er hat mich immer wieder vergewaltigt. Aber das lief ja ganz ruhig ab. Die Kinder haben nichts mitbekommen.“
„Den Kindern gegenüber habe ich mich immer zusammengerissen.“
„Kinder brauchen doch einen Vater.“

Kennst Du solche Gedanken oder solche Aussagen?

Wenn Gewalt in einer Familie Einzug hält, ist es ein weiterverbreiteter Irrtum, dass Kinder nichts davon mitbekommen. Selbst wenn psychische, körperliche oder sexualisierte Gewalt hinter verschlossenen Türen stattfindet, spüren Kinder die Spannungen zwischen ihren Eltern.

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie Senioren und Jugend von 2004…
… hören 57% der Kinder die Gewalt mit an.
… sehen 50% der Kinder die Spuren der Gewalthandlungen an ihrer Mutter.
… werden 21% mit in gewaltvolle Auseinandersetzungen hineingezogen.
… werden 10% der Kinder selbst angegriffen.

In diesen Zahlen ist noch nicht erfasst, wieviele Kinder Erniedrigungen und Drohungen, Isolation und „Gaslighting“ – also psychische Gewalt – miterleben und -erleiden. Es wird eine ganze Menge mehr sein, denn der körperlichen Gewalt gehen häufig lange Jahre der seelischen Gewalt voraus. 17% der Frauen zwischen 16 und 85 geben an, unter psychischer Gewalt eines Partners gelitten zu haben. Die Dunkelziffer wird deutlich höher sein. In der genannten Studie wird davon ausgegangen, dass es sich bei den ermittelten Zahlen um Mindestwerte handelt, weil viele Frauen es scheuen, offen über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen. Darüber hinaus wird psychische Gewalt als solche häufig nicht erkannt und definiert.

Der Berliner Senat definierte 2001 damit folgerichtig häusliche Gewalt – auch wenn sie „nur“ miterlebt oder gehört oder beobachtet wurde – als Gefährdung des Kindeswohls.

Kinder verstehen und erleben häusliche Gewalt anders als Erwachsene. Dies wird auch über Kinderbücher deutlich, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

  • Sie spüren die angespannte Stimmung.
  • Der Schutzraum „Zuhause“ wird zum Angstraum.
  • Sie leiden unter einem Gefühl von Verunsicherung, Bedrohung, Angst und Ohnmacht. Das gilt auch und gerade, wenn sie die Gewalt nicht bewusst miterleben, sondern nur spüren.
  • Sie fühlen sich schuldig und verantwortlich.
  • Sie stellen sich zwischen ihre Eltern, um die Mutter zu schützen oder um zwischen den Eltern zu vermitteln (Loyalitätskonflikt).
  • Sie ziehen sich zurück und zeigen Verhaltensauffälligkeiten.
  • Viele Kinder – auch und gerade Babies und Kleinkinder – werden traumatisiert.
  • Sie trauen sich nicht, sich Hilfe bei anderen Erwachsenen zu suchen, weil sie ihre Eltern nicht verraten wollen.
  • Sie haben Angst vor dem Auseinanderbrechen ihrer Familie.
  • Folgen können u.a. sein:
    • Leistungsabfall in der Schule
    • Depressionen
    • Schlafstörungen
    • Regressionen (z.B. Einnässen, Klammern an den Eltern, Entwicklungsrückstände)
    • Konzentrationsschwierigkeiten
    • aggressives oder autoaggressives Verhalten
    • etc.

Fakt ist also: Egal, ob Kinder Gewalt eines Elternteils auf den anderen bewusst miterleben oder nicht – häusliche Gewalt schadet Kindern ganz massiv.

Neben den direkten Auswirkungen von Gewalt auf Kinder, geht man auch von indirekten Folgen für spätere Beziehungen aus. Da Kinder hauptsächlich in ihrer Herkunftsfamilie lernen, wie eine Liebesbeziehung aussieht, wie man Konflikte löst und wie man allgemein in Beziehung zueinander geht, kann miterlebte Gewalt in die nächste Generation weitergetragen werden.

Kinder, die in ihrer Familie Gewalt miterlebt haben, empfinden diese als normal.

Das kann bedeuten, dass sie …
… entweder selbst eine höhere Gewaltbereitschaft zeigen
… oder dass sie leichter Opfer von Gewalt werden.

Wenn Gewalt zu Hause als berechtigte Konfliktlösungsstrategie vermittelt wir, setzt sich die Gewaltspirale weiter fort. Auch die erlebten Rollenmuster im Verhalten von Mutter und Vater werden verinnerlicht. Wie ein richtiges Verhalten als Mann/Vater oder als Frau/Mutter aussieht, wird größtenteils im Elternhaus erlernt. Selbst wenn sich z.B. die Mutter lautstark gegen Übergriffigkeiten und Gewalt des Partners wehrt, zeigt sie dennoch Akzeptanz seines Verhaltens, indem sie bei ihm bleibt.

Umgekehrt gilt: wie man sich gegen Gewalt und Übergriffigkeiten abgrenzt, wie man Konflikte gewaltfrei löst, wie und wann man Nein und Stopp sagen darf und wie und wann man eine enge, aber destruktive Beziehung sogar beenden kann, wird erlernt anhand des vorgelebten Beispiels der Eltern und anderer enger Bezugspersonen.

Ich möchte diesen Beitrag als Ermutigung sehen, sich aus destruktiven Beziehungen jeglicher Art zu lösen, um Deinen Kindern ein gutes Beispiel zu sein und Deine Kinder zu schützen. Mir ist allerdings bekannt, dass die Trennung aus einer Gewaltbeziehung ein großes Risiko für Mutter und Kind darstellt und dass einige Mütter und Kinder auch nach der Trennung noch jahrelang vom gewalttätigen Ex-Partner psychisch oder körperlich gequält, verfolgt, bedroht oder sogar angegriffen oder getötet werden. Bitte lass Dich gut beraten und schütze Dich und Deine Kinder.

Zum Weiterlesen:

„Besser ein schlechter Vater…!?“
Das derzeitige Sorge- und Umgangsrecht gefährdet Mütter und Kinder nach der Beendigung einer Gewaltbeziehung, da Umgangsrecht vor Gewaltschutz steht. Kinder verfügen im Gegensatz zur Mutter in diesem Fall über keinen Gewaltschutz und werden im schimmsten Fall zum Umgang gezwungen.
Die Kinderpassage erläutert die Hintergründe.

Elternbrief zum Thema häusliche Gewalt
Erläuterungen zu Auswirkungen häuslicher Gewalt auf Kinder von B.I.G. Berlin.

„…darüber spricht man nicht…?“
Eine Infobroschüre mit Angeboten von B.I.G. Berlin für Schulen

Kurzfassung der Studie des BMFSFJ zu Gewalt gegen Frauen von 2004.

Gewalt gegen Mädchen und Jungen
Infos der Zentralen Informationsstelle autonomer Frauenhäuser zu Auswirkungen häuslicher Gewalt auf Kinder und Infos zur Kampagne „Gewaltig groß werden“

 

P.S.: Da ich diesbezüglich angesprochen wurde: In diesem Artikel und auf phoenix-frauen.de insgesamt geht es um Partnerschaftsgewalt, die von Männern auf Frauen ausgeübt wird. Laut der oben genannten Studie ist der überwiegende Teil der Täter, die v.a. körperliche Gewalt anwenden, männlich. Es gibt allerdings auch Täterinnen – also Frauen und Mütter, die gewalttätig gegen ihren Partner und ihre Kinder sind. Die Studien widersprechen sich, wie groß der Anteil der Frauen ist, die zu Täterinnen werden. Fakt ist jedoch: massive körperliche Gewalt bis hin zu Mord oder erweitertem Suizid wird in den allermeisten Fällen von Männern ausgeübt. Die Infos in diesem Artikel und auf der gesamten Seite lassen sich auch auf Männer übertragen, die psychische oder körperliche Gewalt erleben. Dass auch Frauen gewalttätig werden, relativiert jedoch nicht die Gewalttaten von Männern gegen Frauen. Siehe dazu auch: http://phoenix-frauen.de/ja-aber-nicht-alle-maenner/


Bild: Pixabay, RachelBostwick

4 Kommentar

  1. Liebe Rona,
    Danke für diesen Artikel. Gerade habe ich wieder mal gezweifelt, ob die Trennung so richtig war. Gerade ist der Vater wieder nett und kooperativ. Nun habe ich mir wieder all die unschönen Situationen vor Augen geführt, denen meine Tochter ausgesetzt war. Ich mache mir fürchterliche Vorwürfe, dass ich ihr diese angespannte Situation für die ersten beiden, so wichtigen Lebensjahre zugemutet habe

    • Liebe Andi,
      danke für Deinen Kommentar. Bitte mach Dir nicht zu viele Vorwürfe und schau nach vorne. Es ist gut, dass Du Dich getrennt hast aus dieser Beziehung, was ja häufig sehr schwierig ist – noch schwieriger bei gemeinsamen Kindern. Auch die Aufrechterhaltung der Trennung ist schwierig – besonders, wenn der Ex-Partner sich plötzlich wieder von seiner besten Seite zeigt. Mein Tipp: schreibe Dir auf, was Du erlebt hast mit ihm, damit Du das nicht vergisst oder verdrängst und Dich in schwachen Momenten wieder erinnerst, dass Du gute Gründe hattest, Dich zu trennen. Alles Gute!
      Rona

  2. Rückblickend habe ich mit der Trennung alles richtig gemacht und bin auch froh, dass mein ex den kompletten Schlußstrich gezogen hat, da ich damals nicht in der Lage war. Die Folgen bei mir und den Kindern sehe, fühle, bearbeite, usw. ich/wir immer noch. Ich war damals nicht da für die Kinder, weil ich alles selber nicht verstanden habe und alles nur unterdrückt habe. Jetzt, gut zehn Jahre nach der Trennung, be- und verarbeite ich das erlebte. Ich versuche auch, alles zu tun, damit meine Kinder aus dieser Spirale rauskommen…

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