Niemand muss sich schämen Erfahrungen mit einer Gewaltbeziehung

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Möchtest Du wissen, wie andere Frauen sich aus einer Beziehung lösen konnten, in der sie Gewalt erlebt haben? Oder möchtest Du wissen, wie sich eine solche Partnerschaft entwickelt und warum eine selbstbewusste Frau zunächst sogar häufig bei ihrem gewalttätigen Partner bleibt? Wie geht es einer Frau, die solch schwierige Erfahrungen hinter sich hat? Wie sieht ihr Leben danach aus?

Sabine (51) ist im ersten Beruf Diplom-Ingenieurin, im zweiten und dritten arbeitet sie als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, Dolmetscherin und Übersetzerin. Sie hat einen erwachsenen Sohn, der bei ihr lebt.

Bitte beachten: Teile des Interviews können triggern, da Gewalterfahrungen geschildert werden.

Wie war das Verhältnis zu Deinem Partner am Anfang, als Ihr Euch kennengelernt habt?

Ich war begeistert von ihm, da er literarisch und historisch sehr interessiert war und mir viel Neues gab (Schriftsteller, die ich nicht kannte, historische Plätze u.ä.) Auf Partys trank er nicht, sondern war durch seine Unterhaltung oft Mittelpunkt. Dabei war der Mittelpunkt für ihn nicht so wichtig.
Mir gab er da Gefühl, das ich für ihn wichtig, ja etwas Besonderes sei, was mir nach meinem Elternhaus, in dem ich das Gegenteil hörte, sehr gut tat. Sexuell war er auch einfühlend, so dass wir uns auf körperlicher und geistiger Ebene sehr nah schienen.

Wie hat sich die Beziehung im Laufe der Zeit entwickelt?

Es begann damit, dass er manchmal wegblieb, wenn er sich mit Freunden traf, ohne mich darüber zu informieren. Telefon hatten wir damals keins, Handys gab es nicht, und er warnte mich auch nicht vor. Wenn er zurück kam, beteuerte er, dass das unserer Liebe doch keinen Abbruch tun würde. Ich war mir sicher, dass er mich nicht betrügt, und er tat es auch wirklich nicht. Aber mich störte jedoch diese Verfügungsgewalt ohne gemeinsame Absprachen.
Später, als ich eigene interessante Plätze auftat, die ich mir gern ansehen wollte, kam er nicht mehr mit. An dieser Stelle merkte ich bereits, dass ihm meine Interessen nicht mehr so wichtig waren. Deutlicher wurde das dann, wenn er sich für Treffen mit Freunden entschied, obwohl wir gemeinsam etwas geplant hatten. Statt wach zu werden, beschloss ich, mein Ding eben alleine zu machen. Das änderte sich mit der Geburt des gemeinsamen Kindes.

Zu welchem Zeitpunkt hast Du die Gewalt klar erkennen können?

Bereits während der Schwangerschaft erkannte ich, dass er seine persönlichen Bedürfnisse in den Vordergrund rückt und nicht auf die Bedürfnisse anderer achten kann oder will. Wir lebten damals in einem Haushalt ohne Wasseranschluss, und die Wassereimer zum Wäschewaschen musste ich auch hochschwanger noch schleppen. Dass ich dann eine Frühgeburt hatte, war kein Wunder – habe ich doch noch im 7. Monat die Eimer nach Hause, auf den Gasherd und in die Waschwanne gewuchtet. Sein Argument damals war „Na, wenn Du willst, dass es sauber ist…“

Wie bist Du mit dieser Erkenntnis umgegangen?

An eine Trennung habe ich angesichts eines Säuglings erst einmal nicht gedacht. Obwohl mein Mann damals auch zu geizig war, um mich einem Taxi aus der Klinik abzuholen. So musste ich mit Dammnähten in der S-Bahn stehend nach Hause fahren. Auch die Hausarbeit und die Sorge um mein Frühchen lasteten alleine auf meinen Schultern. Da war viel Alltagsarbeit zu stemmen. Stutzig wurde ich jedoch, dass mein Mann damals nicht warten konnte und nach der Geburt „wegen seiner großen Liebe“ sofort wieder Sex haben wollte. Auch, dass er eine Woche nach der Geburt mit Freunden feierte und nicht zu Hause war, weil „er sich so freute!“, hat mich eher nachdenklich werden lassen.

Wann war für Dich klar, dass nur noch eine Trennung möglich ist und wer oder was hat Dir bei der Entscheidung geholfen?

Als mein Sohn mit anderthalb Jahren mit einer schweren Magen-Darm-Infektion in einer Intensivstation buchstäblich um sein Leben kämpfte und mein Mann sich auf Besuche von 20 Minuten am Tag beschränkte, während ich gemeinsam mit den Ärzten dem kleinen Kerlchen aus eine Löffel tropfenweise Flüssigkeit zuführte, ihn in seiner Angst auf den Armen schaukelte und immer versuchte, dass er trotz der katastrophalen Durchfälle warm und trocken liegen konnte, wusste ich genau, dass es meinem Mann in unserer Partnerschaft nur um die Befriedigung seiner eigenen körperlichen Bedürfnisse ging.

Wie hast Du die Trennung vollzogen?

Mein Mann wollte damals wegziehen zu meinen Eltern. Ich hatte allerdings eine einträgliche Stelle. So habe ich meinen Mann vorausziehen lassen. Ich wäre nachgezogen, wenn er eine Stelle gefunden hätte. Doch er lag lediglich auf dem Sofa meiner Eltern und wimmerte, dass er keine Arbeit finden könne und tat… nichts!
Das letzte Klingelzeichen war Sex, den er nach einer längeren Trennung mit mir hatte, als ich schlief. Die Blutsspur an meinen Beinen erklärte er mir am andern Morgen mit den Worten, dass „er so große Sehnsucht nach mir gehabt hätte“.
Bei meinen Eltern (ebenfalls eine Gewaltbeziehung, aus der ich mit 16 „in die Welt gegangen bin“) fand ich auch keine Unterstützung. Mein Vater meinte sogar „Ja, weshalb hast Du denn geheiratet!?“ An dieser Stelle war mir klar, dass ich mich, wie 14 Jahre vorher, nur auf eigene Füße stellen konnte.

Wie ging es Dir in der Zeit nach der Trennung?

Nach der Trennung ging es mir mental sehr gut – ich war vor Enttäuschungen gefeit. Doch materiell ging es mir sehr schlecht. Meine Eltern taten sich wegen des Enkels mit meinem Ehemaligen zusammen, entzogen mir das Wohnrecht in seiner Wohnung, obwohl sie zu einem Teil meinem Sohn gehörte. Sie sperrten mit seiner Hilfe (oder umgekehrt?) einen Teil meiner Sparkonnten, so dass ich mir nur größten Anstrengungen eine neue Wohnung suchen konnte. Mein Ex verschwieg unsere Absprachen zur Besuchsregelung in den Ferien, und meine Eltern hätten um ein Haar – in völliger Unkenntnis der Situation – meine strafrechtliche Verfolgung wegen Kindesentführung gestartet! Ich lebte damals im Ausland, dort, wo ich meinen Ex kennen gelernt hatte. Und ich war auch über die Adresse meiner Anwältin telefonisch und brieflich erreichbar. Doch wichtiger war für die „Familie“ Druck auf mich ausüben zu können.
Sie haben es dann auch gemeinsam noch mehrmals über meinen Arbeitgeber und über verschiedene staatliche Stellen versucht. Dabei haben sie sich mit ihren Aussagen und Forderungen selbst so disqualifiziert, dass mir seitens der Mitarbeiter, die mich „zur Besinnung bringen sollten“ Verständnis für meine Situation entgegen gebracht wurde. Mit einer von ihnen bin ich noch heute befreundet. Das war natürlich eine Unterstützung.
Doch wirklich geholfen hat mir die Arbeit mit meinen Studenten. Sie vermittelten mir das Gefühl, gebraucht zu sein, etwas wert zu sein und etwas erreichen zu können – auch ohne Unterstützung derer, die doch nur zu einem Großteil Bedingungen an mich stellten, um ihr eigenes Leben komfortabler einzurichten.

Hast Du Dich nach Deinem Expartner gesehnt und vielleicht sogar einen Neuanfang erwogen oder bist sogar zurückgekehrt?
Oder hast Du viel mit Gefühlen wie Wut, Verzweiflung, Eifersucht etc. kämpfen müssen?
Wie bist Du mit diesen Gefühlen und Situationen umgegangen? Wie konntest Du Dich wieder lösen?

Nein, nach meinem Expartner habe ich mich nicht gesehnt, nach einer Partnerschaft allerdings schon. So dauerte es auch nicht lange, bis ich wieder in einer Partnerschaft lebte – allerdings mit einer Frau. Ich hatte gemerkt, dass ich intuitiv die Gesellschaft von Frauen suchte und mich dort wohler fühlte. Später kam dann auch das Verstehen dafür hinzu, dass ich auch nur mit Frauen sexuelle Erfüllung empfinde. Jedoch waren mir bei meinem Heranwachsen Informationen zu weiblicher Liebe nicht zugänglich. Vielleicht hätte das schon von vornherein manche meiner Fehler zu vermeiden geholfen…
Denn schon immer habe ich, neben meiner Großmutter, vor allem meiner Mutter näher gestanden als anderen. Doch in der Situation einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft verneinte ich wohl zu viel von dem, was sie sich seinerzeit für sich erträumt hatte, und sie brachte mir keine Unterstützung entgegen. Im Gegenteil: ich hatte das Gefühl, dass sie umso wütender wurde, je mehr ich von ihren Träumen realisierte. Das muss ihr irgendwie den Boden unter den Füßen weggerissen haben, und sie ging gemeinsam mit meinem Ex mit einer Vehemenz gegen mich vor, die sie selbst auf dem Sterbebett nicht ablegen konnte… das war eine der traurigsten Erfahrungen in meinem Leben.
Die neue Partnerschaft war wieder eine Gewaltbeziehung – diesmal war es krankhafte Eifersucht seitens meiner Partnerin. Und ich habe begonnen, mich zu fragen, was ich in Beziehungen falsch mache, wenn ich immer an gewaltbereite Partner gerate. Und in einer Sternstunde (für mich) begriff ich, dass es eine Kombination aus einer gewissen Stärke und einer Art Hilfsbereitschaft war, die immer wieder „Passagiere“ in mein Leben anzog, die davon profitierten.
Als ich das verstanden hatte, war es leicht, mich auch hier wieder zu trennen und nach einer autonomen Partnerin zu suchen. Denn das es eine Frau sein sollte, das war mir inzwischen klar geworden. (Ich habe mich mitunter gefragt, ob der Nachdruck, mit dem meine Mutter meinen Lebensentwurf ablehnte, nicht auch darin begründet war, dass ich verborgene Sehnsüchte in ihr anrührte, so wie das mein Studium, meine Auslandsaufenthalte und die Geburt meines Sohnes waren. Eine Antwort werde ich darauf aber nie mehr bekommen…)

Wie fühlst Du Dich heute?

Heute fühle ich mich blendend! Ich bin seit sieben Jahren glücklich in einer Partnerschaft, die wir Anfang des Jahres registriert haben. Wir sind beide in der feministischen Bewegung aktiv, wobei ich mich besonders für Frauen mit Gewalterfahrung in gleichgeschlechtlichen Beziehungen engagiere. Ich finde, dass auch heute noch zu wenig davon gesprochen wird und dass es zu wenig Angebote für Hilfesuchende gibt. Während meines Auslandsaufenthaltes habe ich persönlich eine Telefonberatung für Frauen mit Gewalterfahrungen durch ihre Partnerinnen eingerichtet und lange Zeit als Volontärin einer LSBT-Hotline gearbeitet. Ich habe Seminare zur Gewaltprävention mit Frauen gemacht.
Aktuell planen meine Partnerin und ich die Gründung eines Frauen-Kultur- und Bildungszentrums, um Frauen einen sicheren Ort anzubieten, an dem sie über ihre Erfahrungen sprechen, ihre innere Unruhe glätten, ihr Selbstwertgefühl wieder gewinnen und sich somit stark für neue Aufgaben machen können. Oder einfach nur sein können.

Was sind Deine wichtigsten Tipps für Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind?
Was brauchen Frauen aus Deiner Sicht, um sich aus einer Gewaltbeziehung zu befreien und was hilft ihnen dabei?

Frauen, die Gewalt in ihrer Partnerschaft erleben – unabhängig, ob hetero- oder homosexuell, oder schon in ihren Herkunftsfamilien, müssen Zugang zu Informationen über Gewaltbeziehungen haben. Sie brauchen Verständnis für ihre Situation und Unterstützung beim Finden von Auswegen. Das kann ein einfaches Gespräch sein, bei dem sie spüren, dass nicht sie etwas falsch gemacht haben, wie es den Betroffenen oft suggeriert wird. Doch insgesamt ist ein breites Angebot von sicheren, gewaltfreien Orten nötig, wo Betroffene Zuflucht finden und Kräfte sammeln können.
Gewalt muss gesellschaftlich geächtet werden, in jeder Form. Nur dann haben die Betroffenen eine wirkliche Aussicht auf Verbesserung der Situation. Gewalttäter müssen begreifen lernen, dass ihre Bedürfnisse nicht wichtiger sind als die Bedürfnisse anderer. Und ihre Ängste, die sie mit der Verschärfung der Kontrolle anderer zu beherrschen versuchen, müssen sie mit geeigneter Hilfe, aber ohne „Truppenübungsplätze“ in der Partnerschaft zu überwinden lernen.
Kinder sollten gewaltfrei aufgezogen werden können und Platz für ihre persönliche Entfaltung haben. Nur so kann falsches Konkurrenzdenken und Mobbing vermeintlich Schwächerer von klein auf vermieden werden. Vor allem, wenn auch Lehr- und Betreuungskräfte sensibilisiert werden.
Richter und Gerichte müssen die Seite der Schwachen einnehmen, um sie bei Trennungen zu unterstützen. Und vor allem muss allen klar werden – niemand muss sich schämen, wenn er von Gewalt betroffen ist! Nur die Person, die Gewalt anwendet! Und auch dann hat es jede/r in der Hand, mit der Gewalt sofort aufzuhören.

Vielen Dank, Sabine!!!

Dieses Interview ist Teil einer Serie. Ich befrage Frauen, die Gewalt in einer Partnerschaft erlebt haben und bitte sie darum, ihre Erfahrungen und Bewältigungsstrategien zu schildern. Die Interviews sollen anderen Frauen Mut machen, die in einer ähnlichen Situation sind. Außerdem sollen sie aufklären, wie eine solche Beziehung überhaupt zustande kommen kann und wie sie sich entwickelt.

Jede vierte Frau erlebt häusliche Gewalt.
Partnerschaftsgewalt ist keine Privatsache.
Gewalt geht jeden etwas an.

Wenn Du auch Deine Geschichte erzählen möchtest, um anderen betroffenen Frauen zu helfen, wende Dich über mein Kontaktformular an mich. Eine Veröffentlichung kann gern auch anonym erfolgen. DANKE!


Bild: Pixabay, Basti93

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