Warum Schweigen brechen nicht reicht #systemkrank, #schweigenbrechen und #gewaltanfrauen

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Am 25. November ist internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Dazu gibt es u.a. die Aktion „Schweigen brechen“, die nun wieder überall beworben wird. Frauen, die häusliche und sexualisierte Gewalt erleben, sollen ermutigt werden, ihr Schweigen zu brechen. Menschen, die Zeugen häuslicher Gewalt sind, sollen ihr Schweigen brechen. Wir alle sollen unser Schweigen brechen. Nunja.

Schon im letzten Jahr haben Christine Finke und ich darüber geschrieben, warum das mit dem Schweigen brechen so eine Sache ist. In diesem Jahr habe ich noch länger über diese Aktion und meine Irritation darüber nachgedacht.

Wenn ich das Ganze richtig verstehe, sollen also Frauen, die Opfer von Gewalt sind, laut werden. Diese Frauen sind häufig geschwächt. Es kostet unglaublich viel Kraft, in so einer Beziehung zu leben und es kostet noch mehr Kraft, ihr zu entkommen. Eigentlich erlebe ich diese Frauen als sehr stark. Allerdings sind sie häufig sehr, sehr einsam. Noch einsamer sind sie, wenn sie es wirklich wagen, sich zu trennen. Die Unterstützung und Rückendeckung, die sie brauchen könnten, erfahren sie häufig nicht. Es gibt viel zu wenige Anlaufstellen, die Frauenhäuser sind überfüllt und mangelfinanziert und von ihrem Umfeld werden sie nicht ernstgenommen und in Frage gestellt.

Was beispielsweise geschieht, wenn Frauen über an ihnen verübte Gewalt sprechen oder schreiben und damit ihr Schweigen brechen, wird man beeindruckend verfolgen können, wenn man am 25.11. Twitter aufruft und den Hashtag #gewaltanfrauen verfolgt. Im letzten Jahr versammelten sich unter diesem Hashtag Hater, Maskulisten und Männer, die sich durch den Hashtag und das Motto des Tages persönlich angegriffen fühlten oder sich dazu aufgerufen fühlten, Frauen zu erniedrigen. Hier wird sehr deutlich, was viele sich insgeheim nur denken und nicht zu sagen wagen. Und wenn man ehrlich ist: niemand will wirklich über dieses Thema sprechen. Niemand will etwas damit zu tun haben. Und irgendwie geht es einen ja auch nichts an.

Was wiederum geschieht, wenn die Frauen und insbesondere Mütter sich wirklich trennen, zeigen mir die Mails die mich erreichen, in denen es u.a. darum geht:

  • Wie man den Kindesumgang mit einem Mann gestalten soll, vor dem die Frauen selbst (und oft auch die Kinder) panische Angst haben.
  • Wie man mit den konstanten verdeckten oder offenen Beleidigungen und Bedrohungen umgehen soll, denen man bei der Übergabe der Kinder ausgesetzt ist. Nicht selten ist das Leben von Frauen und Kinder in diesem Fall sogar bedroht, z.B. in Form von „erweitertem Suizid.“ Die Trennungsphase ist die gefährlichste Phase einer solchen Beziehung.
  • Wie man mit Stalking des Ex-Partners zurechtkommen soll.
  • Wie man die Unterstellung aus dem Weg räumt, man wolle nur die Kinder entziehen, obwohl man sie und sich eigentlich schützen möchte. (siehe PAS / Parental Alienation Syndrome)
  • Wie man ein Familiengerichtsverfahren bewältigen soll, in dem der Ex z.B. mit Kindesentzug droht, die Frau als psychisch krank hinstellt und/oder die Verfahrensbeteiligten für sich instrumentalisiert.
  • Wie man auf ein erzwungenes Wechselmodell reagieren soll, bei dem man jede Woche genötigt ist, viele Absprachen mit dem Ex zu treffen (obwohl nach der Trennung aus einer Gewaltbeziehung eigentlich eine Kontaktsperre empfohlen wird).
  • Wie man mit Polizisten, Jugendamtsmitarbeitern, Richtern, Ärzten etc. umgehen soll, die einem die eigenen Schilderungen nicht wirklich glauben wollen oder sogar unterstellen, man behaupte das alles nur, um dem Vater die Kinder zu entziehen.
  • Wie man mit den finanziellen Einbußen umgehen soll, die eine Trennung mit sich bringt. Nicht selten üben psychisch oder physisch gewalttätige (Ex-)Partner auch nach der Trennung wirtschaftliche Gewalt aus, indem sie keinen oder zu wenig Unterhalt zahlen, gemeinsames Vermögen und (gemeinsamen) Besitz einbehalten, Konten sperren, Schulden nicht begleichen etc.
  • Wie man mit Unterstellungen und Anschuldigungen von Angehörigen und Freunden umgehen soll, die sich hinter den Ex-Partner stellen.
  • Und wie man überhaupt mit all den Einschränkungen und Belastungen umgehen soll, die ein Leben als alleinerziehende Mutter sowieso schon mit sich bringen.

All diese Schilderungen machen deutlich: mit Schweigen brechen ist es überhaupt nicht getan. Im Gegenteil. Damit Schweigen gebrochen werden kann und damit Frauen den Mut entwickeln, sich aus einer solchen Beziehung zu befreien, brauchen sie Sicherheit.

  • Sie brauchen die Sicherheit, dass sie vor dem Ex-Partner geschützt werden (und zwar nicht nur 6 Monate, siehe Näherungsverbot).
  • Sie brauchen die Sicherheit, dass Menschen sie in ihren Schilderungen ernst nehmen.
  • Sie brauchen die Sicherheit, dass ein Umgang mit gemeinsamen Kindern nicht erzwungen wird.
  • Sie brauchen die Sicherheit, dass ihre Kinder nicht gegen ihren Willen zum Umgang mit dem Ex gezwungen werden.
  • Sie brauchen die Sicherheit, finanziell, organisatorisch und psychisch über einen längeren Zeitraum unterstützt zu werden.
  • Sie brauchen die Sicherheit, dass sie schnell und unbürokratisch beraten werden in juristischen, finanziellen u.a. Belangen.
  • Sie brauchen die Sicherheit, dass ihnen ein sicherer Schutzraum z.B. in Form von Frauenhäusern zur Verfügung steht.
  • Sie brauchen die Sicherheit, dass Institionen, die über den weiteren Fortgang z.B. des Kindesumgangs entscheiden (Familiengerichte, Jugendämter etc.), umfassend über die Dynamik von Gewaltbeziehungen und über Verhaltensweisen von narzisstisch veranlagten Tätern informiert sind.
  • Und vieles mehr.

Diese Sicherheit ist also insbesondere für den Zeitraum nach einer Trennung wichtig und dieser Zeitraum erstreckt sich deutlich länger, als viele es vermuten. Gewalttätige Partner terrorisieren nicht selten ihre Expartner über einen langen Zeitraum und über viele unterschiedliche Wege. Ein nachhaltiger Schutz ist häufig nur möglich, wenn den Opfern eine Kontaktsperre über einen langen Zeitraum, wenn nicht gar für immer, ermöglicht wird. Das ist insofern auch bedeutsam, da die Rückfallquote bei Gewaltbeziehungen hoch ist. Nicht wenige Frauen kehren zu ihrem gewalttätigen Partner einmal oder mehrmals zurück in der Hoffnung, die Beziehung noch zu retten oder den Kindern nicht den Vater zu nehmen (narzisstissch veranlagte Menschen können ihr Gesicht wechseln und nach einer Trennung wieder eine gute Miene herauskehren, um den Partner zurückzugewinnen). Manche kehren auch zurück, weil sie es finanziell nicht allein schaffen und vom Ex-Partner abhängig sind. Eine Loslösung aus so einer Beziehung und ein nachhaltiger Schutz der betroffenen Frauen und Kinder ist nur möglich, wenn diese umfassend unterstützt werden und wenn eine vollständige Kontaktsperre ermöglicht wird.

Für einen umfassenden Schutz von Frauen und Kindern gegen häusliche Gewalt gibt es eine völkerrechtliche Vereinbarung: die Istanbulkonvention. Diese wurde bis August 2016 von 42 Staaten unterzeichnet (davon 13 Mitgliedsstaaten der EU), aber nur von 22 ratifiziert. Deutschland hat diese wichtige Vereinbarung bisher nicht vollständig ratifiziert. „Sowohl die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als auch Bundesjustizminister Heiko Maas sehen „keinen Handlungsbedarf„“ laut Wikipedia. Während in Frankreich inzwischen zum Beispiel schon seit Jahren sogar emotionale und psychische Gewalt strafbar ist, sind Frauen in Deutsschland insbesondere in Familiengerichtsverfahren und beim Jugendamt dem sehr individuellen Ermessen der Berater und Richter ausgeliefert. Wohin das führen kann, kann man beeindruckend bei Carola Fuchs nachlesen.

So lange Frauen, die sich aus Gewaltbeziehungen befreien wollen/sollen, kein umfassender Schutz nach einer Trennung gewährleistet wird, ist die Aktion „Schweigen brechen“ für mich ganz nett, aber eigentlich Augenwischerei. Sie wird der tatsächlichen Situation und den Nöten der Frauen nicht gerecht. Für mich zählt u.a. die Situation, dass in Deutschland Umgangsrecht vor Gewaltschutz steht zu einem Merkmal, dass das System krank ist. Es kann nicht Aufgabe der betroffenen Frauen sein, über ein Schweigenbrechen die alleinige Verantwortung für die Situation zu übernehmen. Stattdessen stehen der Staat und die Gesellschaft in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Schweigenbrechen erst ermöglichen.

Weitere Infos zu diesem Thema:

Die Kinderpassage berichtet detailliert über die Gründe, warum Mütter und Kinder nach der Trennung aus einer Gewaltbeziehung nicht ausreichend geschützt sind.
http://www.kinderpassage.de/blog/h%C3%A4usliche-gewalt/

Carola Fuchs (www.carola-fuchs.de) über die Fallstricke des Schweigenbrechens:
http://www.carola-fuchs.de/internationaler-tag-gegen-gewalt-an-frauen/

Petition von Christine Doering (www.stalking-justiz.de) zur Ratifizierung der Istanbulkonvention:
https://www.change.org/p/bundesregierung-sofortige-ratifizierung-und-umsetzung-der-istanbul-konvention

Film von Carola Fuchs zum Thema:


Bild: Pixabay, Alexas_Fotos

 

1 Kommentar

  1. Ja, die Schweigenbrechen-Aktion war wirklich „nett“.Es ist genauso wie Du schreibst-Gewalt wird doppelt pervertiert weil eine Frau sich, wenn sie Kinder, hat nicht mehr angemessen zur Wehr setzen kann. DAS ist das Dilemma und es rückt bisher überhaupt nicht ins Bewußtsein der Öffentlichkeit-schon gar nicht durch solche „netten“ Aktionen-dass es für Mütter einen Gewaltschutz im Grunde nicht gibt.Das ist ein Missstand und macht Mütter vogelfrei in einem kranken System.
    Wie gut, dass Du Dich so klug und mutig dieses Themas annimmst.

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