Who is to blame? Häusliche Gewalt in der Presse

InBeziehungsgewalt, Familienbild, Kinder, Klartext, Victim-Blaming
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Heute las ich einen Artikel in der SZ-online über einen Vater, der nicht nur seinem Stiefsohn wegen Nichtigkeiten „lediglich einen Klaps auf den Hinterkopf“ verpassen wollte, sondern auch seine Frau dabei mit dem Ellebogen „erwischte“, weil sie ihr Kind schützen wollte. Im Artikel wird dieser Vorfall verharmlost und der Autor fragt sich, warum die Frau so etwas überhaupt zur Anzeige bringt.

„In normalen, funktionierenden Familien klärt man solche Angelegenheiten unter sich, da braucht man keine Polizei und erst recht kein Gericht. Das ist auch gut so. Wenn alle derartigen Vorfälle angezeigt würden, kämen die Gerichte wahrscheinlich zu nichts Anderem mehr.“

Aha.

Es ist dem Autoren nachvollziehbar, dass so etwas natürlich nicht bestraft wird, sondern dass der Mann stattdessen dreimal (!) zu einer Familienberatungsstelle gehen soll. Welche Vorgeschichte dieser Vorfall womöglich hatte, wie lange Mutter und Sohn schon unter der psychischen und körperlichen Gewalt zu leiden hatten etc. wird nicht gefragt. Es wird lediglich festgestellt, dass das Paar wieder zusammen ist. Wer die Abläufe häuslicher Gewalt kennt weiß, dass das eigentlich gar nichts sagt und dass die Rückkehr der Frau eher Anlass für große Beunruhigung gibt.

Kinder schlagen ist – zum Glück – in Deutschland endlich eine Straftat. Wenn die Mutter sich schützend vor ihren Sohn stellt, kann man sich in etwa vorstellen, in welcher Rage der Mann gewesen sein muss und dass das von der Wucht her sicher nicht nur ein kleiner Klaps war. Nebenbei spielt es überhaupt keine Rolle, wie stark der Schlag war. Ein Schlag ist ein Schlag. Punkt. Wenn die Frau dieses Ereignis zur Anzeige bringt, kann man davon ausgehen, dass das nicht zum ersten Mal geschehen ist. Und selbst wenn es zum ersten Mal geschehen ist: bei einer Gewalttat auf der Straße fragt keiner, ob der Täter nun zum ersten Mal geschlagen hat und das Opfer das mal nicht so eng sehen sollte.

Es sollte selbstverständlich sein, dass eine Straftat beim ersten Mal angezeigt wird, besonders wenn sie sich im häuslichen Umfeld abspielt.

SZ-Online rechtfertigt sich auf Twitter und bezeichnet das Empören einiger Leser als Missverständnis. Für mich gibt es da nichts misszuverstehen. Im Gegenteil. Für mich ist dieser Text ein Paradebeispiel von Victim Blaming und von einer Haltung, die Täter schützt, Opfer lächerlich macht und Gewalt verharmlost.

Dass derartige Fälle so häufig sind, dass Gerichte zu nichts anderem mehr kämen, wenn jeder „solche Angelegenheiten“ anzeigen würde, entspricht der Realität. Schlimm genug, finde ich. Das ist jedoch kein Argument, diese Angelegenheiten nicht anzuzeigen. Im Gegenteil. Wenn all diese Angelegenheiten angezeigt werden würden, wäre endlich sichtbar, wie weit verbreitet häusliche Gewalt in unserer Gesellschaft ist. Es wäre dann vielleicht mal eine höhere Motivation da, wirklich etwas gegen diese Gewalt zu tun und die Täter wirklich verantwortlich zu machen.

Viel häufiger ist jedoch, dass Frauen häusliche Gewalt nicht anzeigen, weil sie z.B. genau solche Artikel lesen, oder solche und ähnliche Sprüche von Freunden und Verwandten hören, oder weil sie von Gerichtsprozessen mit solch glimpflichem Ausgang für den Täter hören. Häufiger ist auch, dass Frauen nicht über erlebte häusliche Gewalt sprechen, weil sie sich schämen und sich mitverantwortlich fühlen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Frauen ihre Kinder und sich selbst vor einem schlechten Ruf schützen wollen. Außerdem wollen sie den Vater nicht in ein schlechtes Licht rücken wegen gemeinsamer Kinder oder weil sie berechtigte Angst vor ihm haben.

Über diese gesamte Dynamik wissen unbescholtene Journalisten häufig nicht viel. Genau deswegen wird in das altbekannte Horn geblasen, das einen Klaps als etwas harmloses hinstellt und die Frau indirekt für ihre Anzeige lächerlich macht. Der Mann, der eigentlich Täter ist, kommt für meine Begriffe gut weg in dem Artikel. Er ist halt streng, wie das Männer so sind. Also: nicht der Rede wert. Was eigentlich mit dem Schutz des Kindeswohls ist, hat übrigens auch mal wieder keiner gefragt.


Bild: Pixabay, jarmoluk

4 Kommentar

  1. Nur eine Kleinigkeit – der Vater wollte dem Kind „einen Klaps auf den Hinterkopf“ geben, steht in dem Artikel. Das ist in keinster Weise harmlos. Schläge auf den Hinterkopf können sogar richtig gefährlich sein. Und dass niemand den Zusammenhang zwischen den Konzentrationsstörungen des armen Jungen und der häuslichen Situation zu sehen scheint, ist eine Sache, die mich sehr beunruhigt. Ich hoffe doch sehr, dass das Jugendamt ein Auge auf die Familie hat.

    • Diese Frage wird schnell gestellt und damit wiederum die Verantwortung für das Verhalten des Täters auf ein Opfer verschoben. Die Frau hat ja mutig Anzeige erstattet. Sie ist aber nicht ernstgenommen worden. Damit wurde vielleicht ihr eigener Selbstzweifel bestärkt, dass das alles doch gar nicht so schlimm sei. Für mich müsste die Frage eher lauten: Wie kann es sein, dass so eine Tat so gleichgültig behandelt wird? Warum wurde der Täter nicht zur Rechenschaft gezogen und bestraft? Warum wurde der Frau und dem Kind nicht weiter geholfen? Wo ist das Jugendamt?

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