Wieder fühlen weil Du und Dein Leben kostbar sind

InBeziehungsgewalt, Inspiration, Krise, Partnerschaft
herunterscrollen

Als ich mich von meinem letzten Partner trennte, schwor ich mir, allein zu bleiben. Ich war das Leid leid. Ich war das Kämpfen leid. Ich war es leid, mich selbst wieder einmal in dieser ohmächtigen Situation einer verfahrenen und ungesunden Beziehung zu erleben. Ich dachte, dass ich scheinbar ein furchtbar schlechtes Händchen für Männer hätte, dass ich mir immer wieder die falschen suchte und dass es bei der mangelnden Begabung besser sei, ich bliebe allein.

Ich bin immer noch allein. Ich leide darunter nicht. Aber ich merke in den letzten Tagen, dass ich mir einen großen Teil meiner Lebendigkeit mit dieser sehr rationalen Entscheidung abgeschnitten habe. Wenn ich mir, aus Angst verletzt zu werden, einen Teil meiner Gefühlswelt verbiete, wird ein Teil von mir taub. Es ist, als würde man bewusst ein Körperteil einschlafen und sterben lassen. Man läuft auf Wolke 4 durch’s Leben. Es ist ganz okay. Aber Wolke 7 erlebt man nicht mehr.

Es ist richtig, mit Wolke 7 aufzupassen, wenn eine Anfälligkeit für übergriffige oder narzisstisch veranlagte Menschen besteht, denn diese nutzen die Sehnsucht nach Wolke 7. Daher ist eine Kultivierung des Bauchgefühls ganz entscheidend. Mit narzisstisch veranlagten Menschen kann man anfangs weit über Wolke 7 hinausreisen und fällt dafür später in tiefste Täler. Das Feuerwerk des Anfangs ist häufig fast unrealistisch berauschend und Du gehst Dir darin verloren. Das sollte entscheidend sein: Gehst Du Dir verloren? Spürst Du Dich nicht mehr? Musst Du Dich selbst verleugnen für einen anderen? Darfst Du Deinem Bauchgefühl nicht mehr folgen? Wird Dir Deine Wahrnehmung verdreht? Wird der Umgang mit einem anderen Menschen mehr und mehr durch Unbehagen und Angst bestimmt?

Ich traue mich nun ganz langsam wieder an meine Gefühle heran. Ich gehe wieder mehr auf Menschen zu. Ich konfrontiere mich selbst mit meinen Ängsten vor zu viel Gefühl. Ich mache seit ein paar Monaten eine Fortbildung. Hier wird genau das geübt: alle Gefühle und Empfindungen annehmen und erlauben und sie wie innere Kinder sehen, die ihren Teil zu sagen haben. Es heißt nicht, sich rauschhaft, in diese Gefühle fallenzulassen, sondern sie stattdessen ruhig zu beobachten und zu empfangen als wären sie nette Gäste (wobei sie nicht immer nett sind, und das ist gut so :-)).

Für mich ist die dort vermittelte Technik des Focusing beeindruckend wirkungsvoll. Ich merke inzwischen, dass ich durch die Übungen wieder mehr fühlen kann, dass das Fühlen zu mir zurückkehrt. Und mit dem Fühlen kehrt meine Lebendigkeit zurück. Ich habe mich lange nicht mehr so lebendig gefühlt wie in den letzten Tagen. Ich rede viel, ich lache viel, ich weine auch, ich werde abgrundtief wütend und spüre tiefen Hass, oder es ist mir kotzschlecht und mein Kopf droht zu platzen. Ich tausche mich aus, ich rede über meine Scham und mein Gefühl des Ungenügens. Es tut mir so gut. Endlich fühle ich mich nicht mehr so abgestorben und verhärtet wie an manchen Tagen und Wochen in den letzten Monaten und Jahren.

Dennoch machen mir meine Gefühle auch große Angst und die Sicherheit schwindet. Aber: sich Gefühle zu verbieten, ist die größte Gewalt, die man sich selbst antun kann. Schädigende Wut, Gewalt und Ohnmacht entstehen genau daraus, dass Gefühle verboten werden, dass Anteile von sich selbst verdeckt, versteckt und verleugnet werden. Die gefährlichsten Menschen sind die, die nicht zu ihrer Wut und ihrem Hass und auch ihren Gewaltphantasien stehen, die diese unter einem Deckmantel von Gutmenschentum und Heiligkeit verstecken. Jeder Mensch ist in seiner Phantasie und in seiner Gefühlswelt zu ALLEM fähig. Davon bin ich durch die Erforschung von mir selbst inzwischen überzeugt. Ich würde mir selbst etwas vormachen, wenn ich nicht zugeben würde, dass es mir manchmal auch Lust bereitet, Macht über einen anderen Menschen zu haben und ihn zappeln zu lassen. Bekenne ich das aber bewusst und gehe damit um, werde ich nicht gefährlich. Stattdessen werde ich demütig und mitfühlend aus echter innerer Erfahrung.

Ich möchte daher ermutigen, dass auch Du Dich – selbst nach schlimmsten Erfahrungen – wieder traust, zu fühlen und zu leben, dass Du Dich nicht kasteist und in einer Opferrolle verharrst, weil Du meinst, es sei Dir nicht erlaubt, wieder glücklich zu sein und es würde sowieso nur zu weiteren Verletzungen führen. Ja, wir alle werden immer wieder verletzt werden. Aber dafür leben und spüren wir auch. Sich aus Angst vor Verletzungen wegzusperren aus dem Leben, ist ein großes Verbrechen an sich selbst. Du führst selbst die Gewalt weiter fort, die Dir andere angetan haben. Du wirst selbst zum Täter an Dir selbst. Du verinnerlichst Muster, die eigentlich nicht zu Dir gehören.

Und auch wenn das mir selbst immer die größte Angst macht: ich erlaube mir, wieder glücklich sein zu dürfen und wieder alles zu fühlen – trotz allem – weil das Leben einfach geil ist. 🙂


Bild: Pixabay, StockSnap

15 Kommentar

  1. Ja. Es ist wie ein Seiltanz. Nach dem Abkapseln durch die Gewaltbeziehung wieder Gefühle zuzulassen, ist eine sehr schwierige Sache. Ich habe Jahre dazu gebraucht. Und wenn das dann zu Kummer führt, tut es weh, als sei man wieder 13 oder 20. Krasse Erfahrung. Aber auch das gehört wohl dazu zum Heilungsprozess.

    • Ja, liebe Christine, es ist ein Seiltanz, ein Vortasten, und je größer die Verletzungen und der Vertrauensverlust – vor allem in sich selbst – waren, umso größere Ängste sind zu überwinden. Ich glaube aber inzwischen, dass es sich lohnt, selbst wenn ich wieder verletzt werde. Das hast Du ja zuletzt so offen und mutig beschrieben. Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft. <3

  2. Viele deiner Gedanken sind mir erst vor kurzem durch den Kopf gegangen. Es ist noch nicht lange her als mir klar wurde, das ich im letzten Jahr eine Menge Gefühle schlicht und ergreifend weggesperrt habe und dass damit ein großer Teil von mir oder in mir gestorben ist. Ich mache auch die Erfahrung, dass das auch ein Einfluss auf andere meiner Lebensbereiche hat. Langsam erlaube ich mir wieder zu fühlen, habe dabei Angst und rudere immer wieder zurück. Ach, du hast mir sehr aus dem Herzen geschrieben. Danke dafür.

    • Danke, liebe Tina, für Deinen Kommentar. Ja, auch bei mir hat es länger gedauert bis mir überhaupt erst einmal klar wurde, wieviel ich mir abgeschnitten hatte – eigentlich erst jetzt, wo ich mich wieder lebendiger fühle.
      Herzliche Grüße
      Rona

  3. Wenn es nur das gewesen wäre, in dem was ich mit einem Narzisten erlebte, also „nur verletzt“ worden zu sein (ich nehme das durchwegs ernst und wichtig), dann wäre ich ganz froh. Nachdem was ich erlebte, war da nur noch verbrannte Erde, ein ganzes Gebiet in mir, dass ich nicht mehr fühlen noch psychisch anfassen konnte, totales Karstgebiet. Der Typ hatte es geschafft mir mein ganzes Leben zu zerstören und im Nachhinein sehe ich ganz klar, dass der Mann ein Psychopath war der mich regelrecht „ausgesucht“ hatte. Dass ich das alles überhaupt überlebte ist ein Wunder. Erst mit der Zeit spross in meinem Karstgebiet wieder was und ich habe inzwischen diese Erfahrungen integriert und sie haben mich tatsächlich auch bereichert, mich zu einer „reiferen“ Persönlichkeit mitgeformt. Ich habe versucht meinen Kopf auszuschalten und mich der Natur zu überlassen, es war das einzige was ging für mich, der Dialog mit der Schöpfung und Mutter Erde. Es war mein Kopf, meine „Vernunft“ die mich in diese Beziehung überhaupt erst reinbrachte. Der Vernunft traue ich seitdem nicht mehr sonderlich. Warnungen dass mit dem Mann was nicht stimmt, hatte ich reichlich, aber es war eben subtil,. das konnte und wollte ich nicht wahrnehmen damals, weil ich eben zu vernünftig war. Das Ganze hatte für mich im Nachhinein gar nicht so viel mit meinen Gefühlen und irgendwelchen Wolke 7 Geschichten zu tun, sondern dass ich mich selbst da reinredete und auch dahingehend überredet wurde. Es gab mir viel zum Nachdenken über das Wesen der Manipulation und des manipuliert werdens.

    • Was Du schreibst macht mich sehr betroffen und ich danke Dir für Deinen sehr wichtigen Kommentar. Ja, die Vernunft ist kein guter Wegweiser für zwischenmenschliche Beziehungen. Das habe ich auch schon so erlebt. Manipulationen sind rational schwer zu durchschauen. Das Bauchgefühl warnt häufig schon früh, wird aber gern wegen vermeintlich vernünftiger Argumente übergangen oder ist zu leise, um gegen überbordende andere Gefühle und Gedanken anzukommen. Ich freue mich, dass Du Deine so schlimmen Erfahrungen integrieren konntest und einen Weg gefunden hast, für Dich damit umzugehen. Herzliche Grüße!

  4. Bäms. Genauso isset. Ich dachte auch, dass ich ja schon viel wieder zulassen würde…und lebe…dabei merke ich auch nach Jahren, dass noch viel mehr geht. Z.B.wenn meine Kinder zu mir sagen „Mama, chill mal!“ Oder „Wir würden uns freuen, wenn Du wieder einen neuen Mann hast!“ Oder: „Ich gönn der Mama ihr neues Glück! “ Oder: „Du hast früher viel mehr gelacht, jetzt bist Du oft ganz ernst“ Oder: wenn der Mann so ein Gefühl in mir auslöst, dass ich es selbst nicht glauben kann, dass ich wieder dazu fähig bin.
    Und trotzdem irgendwie auf der Hut bin.
    Um ja irgendwelche Warnsignale nicht zu verpassen.
    Aber es ist so wichtig, zu fühlen, wie sich sowas wie Ruhe und Zufriedenheit in mir ausbreitet. So im Job zum Beispiel. Oder Gleichgültigkeit, wenn ich im Gericht dem Ex gegenüber sitze. Und feststellen darf, dass ich nicht mehr wütend bin.
    Einfach so viele Feinheiten der Gefühls Palette zu bemerken, die jahrelang während der beschissenen Amok-Achterbahnfahrt begraben waren.
    Das tut so gut. Dass ich das Feinsinnige wieder spüren kann. Nach den extremen Gefühlen wie nackte Panik, Entsetzen, schäumende Wut, Dauerknoten in der Magengegend, Leere, Traurigkeit, dann doch mal sehr positive Tage, fast unheimlich positiv.
    Und ja….die Vernunft hat mich auch permanent überredet.
    Tief einatmen, tief ausatmen.
    Ich bin froh!
    LG Eva

  5. Was empfehlt ihr, was kann man tun, um wieder sich selbst, Freude, Glück zu spüren ? Ich fühle irgendwie nichts, Glücksmomente, in denen früher mein Herz gehüpft hat, z.B. wenn ich oben am Berg stehe, Skier an den Füßen, die Sonne scheint, der Schnee knirscht … und ich fahre runter. Oder: ich sitze auf meinem Motorrad, die Straße liegt vor mir, Kurven, eine an der anderen, früher, ja, da hat es in mir gejauchzt, in solchen Momenten. Das ist weg.
    Die Aussicht auf einen tollen Urlaub, früher hätte ich es kaum erwarten können, dass es endlich los geht, heute sehe ich dem mit gemischten Gefühlen entgegen.
    Ich habe Psychotherapie gemacht (schon während er noch da war), Antidepressiva bekommen, ich hatte mir schon den Baum ausgesucht, auf dem Weg zur Arbeit … nur der Gedanken an meine Kinder, damals schon erwachsen, hat mich davon abgehalten. Der Typ ist weg, hat mir aber noch im Nachhinein weiterhin das Leben schwer gemacht. Ein Motorrad geklaut, seinen Krempel in meiner Garage gelassen. Ich habe mich stark gefühlt, habe ihn angezeigt, das Motorrad zurück bekommen, den Krempel vor seiner Wohnung abgeladen. Schreiben vom Anwalt und Drohungen … ich hätte bei ihm „Müll entsorgt“ … es war SEIN MÜLL.
    Das ganze ist nun über 8 Jahre her. Es hat mit allen „Ehrenrunden“ insgesamt 7 Jahre gedauert, dann war ich kaputt.
    Und ich fühle nichts mehr, nur Leere irgendwie, die Glücksmomente … das fehlt mir so :-(. Muss mich überwinden, überhaupt etwas zu unternehmen, da es mir eh keine Freude macht. Ich lebe halt so vor mich hin, gehe arbeiten, unternehme ab und zu etwas, aber würde mich am liebsten verkriechen. Freunde sind weg, die hat ER mir madig gemacht.
    Wut spüre ich aber, und Aggression, Ärger, zum Beispiel über meine faule, unfähige Kollegin.
    Vielleicht hat jemand Tipps für mich ?
    Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange daran knabbern würde. Werde ich nie mehr die alte sein ?
    Ach ja, und natürlich bin ich nach wie vor alleine. Einen einzigen Versuch gab es nochmal …. wieder ein Psycho, Narzisst vielleicht.
    Mir reicht’s.
    Vielen Dank für’s Lesen und vielleicht hat ja jemand Tipps, wie habt ihr’s wieder hingekriegt ?
    Conni

    • Liebe Conni,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. So wie es sich anhört bist Du traumatisiert. Das Gefühl, nichts mehr fühlen zu können, ist typisch für ein Trauma. Bitte hole Dir Hilfe von Therapeuten, die sich mit Trauma auskennen und vielleicht sogar mit dem Körper arbeiten. Zusätzlich kannst Du einiges tun, um Dich wieder selbst zu spüren. Das können z.B. Achtsamkeits- und Körperübungen aus dem Yoga sein, wenn Du das magst. Oder Arbeiten im Garten, Sport, spazieren gehen, schwimmen, tanzen. Irgendetwas, wo Du langsam wieder anfangen kannst, Dich selbst und Deinen Körper zu spüren. Dass es lange dauert, ist nicht untypisch. Habe Geduld mit Dir. Die Alte wirst Du vielleicht nicht mehr sein, aber eine neue und wieder fühlende Conni kannst Du ganz bestimmt werden.
      Herzliche Grüße
      Rona

  6. Liebe Rona,
    vielen Dank für deine rasche Antwort.
    Ich habe mir schon so etwas gedacht :-(. Ich versuche ja schon vieles, wie spazieren gehen, schwimmen, etwas Sport, unter Leute (was mir nicht immer möglich ist). Ich muss mich aber oft sehr überwinden und sehe nicht, dass sich jetzt langfristig etwas geändert hat.
    Meine Therapeutin damals hatte mir PME nach Jacobsen empfohlen. Ich glaube, so richtig ernst hat sie mich jedenfalls nicht genommen. Ich hatte ihr das ja gesagt, mit dem Glück fühlen, dass da nichts mehr ist. Eine psychosomatische Kur hat sie nicht befürwortet.
    Ich habe eine Therapeutin gefunden, nicht weit von meinem Wohnort entfernt, die mit einer Trauma-Therapie namens EMDR (und auch verschiedenen Körpertherapien) arbeitet und erzielt wohl richtig gute Erfolge, es gibt auch viele sehr gute Bewertungen. Das wird aber nicht von der Krankenkasse übernommen. Die Therapiemethode soll wohl, wenn man Berichten glauben darf, in relativ kurzer Zeit zum Erfolg führen ? Wenn ich weiß, dass es zielführend ist, würde ich das Geld auch gerne investieren.
    Kennst du EMDR oder kennst du jemanden der/die Erfahrung damit hat ? Es würde mir sehr weiter helfen, wenn jemand die Erfahrung gemacht hat, dass es wirklich funktioniert.
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Conni

    • Liebe Conni,
      bitte schreib mir doch mal eine E-Mail (kontakt@phoenix-frauen.de). Ich glaube nicht, dass es richtig ist, das hier so offen zu diskutieren. Ich habe selbst noch keine Erfahrungen mit EMDR, habe aber schon von einigen Menschen gehört, dass das sehr hilfreich für sie war. Ich kann Dir noch eine weitere Methode und ein dazu gehöriges Arbeitsbuch empfehlen.
      Herzliche Grüße und ich freue mich, von Dir zu hören.
      Rona

  7. Eines der meisten Gefühle, wozu wir Frauen (gesellschaftlich) erzogen wurden, es zu unterdrücken, ist Wut. Und je mehr Wut unterdrückt wird, umso schwächer wird nicht nur unser Immunsystem, sondern unser gesamtes Wesen. Mit unterdrückter Wut schwächen wir uns selbst, gesellschaftlich liegt es allerdings sehr im Trend. Ver-rückte Welt.
    Dabei ist Wut ~ sinnvoll eingesetzt ~ pures Lebensfeuer. Wut bringt uns in unsere (Handlungs-)Kraft. Aus Wut wird Mut.
    Was ich beobachte, ist, dass viele Gefühle über dieser Wut „drüber“ liegen, wie z.B. Trauer. Je mehr ich meinen Gefühlen Raum gebe, umso mehr lege ich auch mein Feuer wieder frei. Das gesunde Feuer in mir nährt, wärmt, schützt. Es hilft mir, mich abzugrenzen, für mich einzustehen, für mich gerade zu stehen und vieles mehr.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: