#CoronaElternRechnenAb Carearbeit in der Coronakrise in Rechnung stellen

InAlleinerziehend, Familienpolitik, Feminismus, Muttermythos, Vereinbarkeit
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Gestern war Muttertag und ich bin wütend.

Dass ich als Mutter in Deutschland wütend bin, ist nichts Neues. Dass ich gleichzeitig von Arbeit und Überforderung so ausgelastet und müde bin, dass ich keine Zeit und Kraft für Widerstand habe, auch nicht. Und ich bin nicht allein. Ich scrollte gestern Morgen durch meine Twitter-Timeline und las – wie jeden Tag – viele Mütter und Eltern, denen es nach fast 2 Monaten Unvereinbarkeit von Lohnarbeit, Homeschooling und Kinderbetreuung in der Coronakrise so geht. Ich blieb schließlich am Tweet des Bundesfamilienministeriums hängen. Eine junge, schicke Mutter tanzt mit ihrer Tochter durch die Küche. In blumigen Worten wird mir für meine Leistungen speziell in der Coronakrise gedankt.

Ich würde es mal so sagen: Zynischer die politische Gleichgültigkeit gegenüber Frauen, Müttern und Familien auf den Punkt zu bringen und das mit einem Arschtritt (sorrynotsorry) zu versehen, geht fast nicht.

(Sidenote: Nach vielen empörten Kommentaren von Müttern und Eltern hat das Bundesfamilienministerium den genannten Tweet gelöscht.)

Carearbeit von Müttern und Eltern als wichtige Wirtschaftsleistung wird nicht anerkannt.

Da mir die politische und gesellschaftliche Haltung gegenüber Müttern in Deutschland hinlänglich bekannt ist, könnte ich natürlich jetzt in meinen selbstgenähten Corona-Mundschutz weinen und mich in mein Schicksal als aufopferungsvolle und stets leistungsbereite und selbstlose Mutter ergeben. Schließlich habe ich mir die Kinder ja selbst ausgesucht. Allerdings trage ich als Alleinerziehende die wirtschaftliche und auch sonstige Hauptverantwortung in unserer Familie und erziehe die nächsten Leistungsträger unserer Gesellschaft. Die Familie ist die wirtschaftliche Kerneinheit des Staates und Carearbeit setzt die Grundlage für alle anderen Wirtschaftsleistungen.

Im Kapitalismus und Patriarchat hilft Jammern bekanntlich wenig. Jeden Tag muss Essen auf den Tisch und die Kinder müssen versorgt werden. Ob ich im Alter arm bin, interessiert auch kaum jemanden. Daher gilt es tagtäglich dafür zu kämpfen, dass meine wirtschaftlich entscheidenden Leistungen für diese Gesellschaft und diesen Staat angemessen wahrgenommen und auch entlohnt werden. Aus einem Strauß Blumen und netten Worten kann ich bekanntlich kein Essen kochen.

Der Staat entlastet Mütter und Eltern in der Coronakrise kaum.

In den letzten beiden Monaten ist im Rahmen der Coronakrise und ihrer Bewältigung nochmal so richtig deutlich geworden, wie wichtig (nicht!) unserem Staat die Kinder, Familien und speziell Mütter sind. Von einem Tag auf den anderen wurden wir mit dem Beschluss konfrontiert, dass Kitas und Schulen nun auf unbestimmte Zeit geschlossen werden und wir als Eltern die Kinder zuhause zu betreuen und zu beschulen haben. Gleichzeitig sollen wir unsere Erwerbsarbeit weiterführen, uns mit Kurzarbeit zufrieden geben oder gar mit den Ängsten um unsere berufliche Existenz selbst herumschlagen. Wie genau die Vereinbarkeit all dieser Dinge vonstatten gehen soll, darf sich jede und jeder selbst zusammenstricken. Das wurde auch mit den sogenannten Lockerungen nicht besser. Deutschland besteht inzwischen aus einem Flickenteppich an unbefriedigenden, ungenügenden, unlogischen und riskanten Maßnahmen. Nach wie vor kommt der Staat seinem Bildungsauftrag nicht wirklich nach und das Recht auf einen Kitaplatz hat man mal eben auch vergessen. Eine Perspektive, wie es die nächsten Monate für uns und unsere Kinder weitergehen soll, existiert nicht und wird bisher auch politisch massiv vernachlässigt.

Aber: Mütter und Eltern entlasten den Staat in der Coronakrise.

Selbstverständlich sind wir als Eltern vorrangig am Wohlergehen und der Sicherheit unserer Kinder interessiert und sind einerseits überwiegend froh, wenn wir unsere Kinder nicht in die Virenbrutstätten der Schulen und Kitas geben müssen. Selbstverständlich übernehmen wir auch mit Verantwortung, um die Krise gesamtgesellschaftlich zu bewältigen. Andererseits sehen wir das Leiden und die Vernachlässigung unserer Kinder tagtäglich besonders deutlich. Und: Nicht selbstverständlich ist, dass wir den Staat und unser Bundesland in seinem Bildungsauftrag und in der politischen Verantwortung, sichere und stimmige Konzepte zu entwickeln, kostenlos entlasten. Es kann nicht sein, dass finanzstarke Autokonzerne von SteuerzahlerInnen durch die Krise getragen werden, dass Fussballspieler flächendeckend getestet werden und Eltern und Kinder, ErzieherInnen und LehrerInnen jetzt einfach mal schauen sollen, wie sie klar kommen und all die netten Entscheidungen der Bundesregierung und unserer Landesregierungen irgendwie selbst regeln.

Vielen Dank für die Blumen! Hier meine Rechnung!

Wir (Karin Hartmann, Sonja Lehnert vom Blog Mama Notes und ich) haben daher beschlossen, von heute an dem Staat bzw. Bundesland unsere Entlastungsleistungen im Rahmen der Coronakrise monatlich in Rechnung zu stellen. Wir sehen das als sehr logische Form von Protest und Widerstand, den jede und jeder von uns vom sicheren, heimischen Küchentisch aus erledigen kann und für den niemand auf die Straße muss. Ich find’s nett, dass das Familienministerium sich blumig bei mir bedankt. Aber jetzt kommt meine Rechnung – wie sich das als ArbeitnehmerIn oder UnternehmerIn oder auch als Hausfrau oder Hausmann gehört. Waren und Dienstleistungen werden im anständigen Kapitalismus berechnet und bezahlt. Wenn ich als Steuerzahlerin der Autoindustrie aus der Krise helfen kann, steht auch mir für meine Krisenleistungen staatliche Unterstützung zu. Außerdem verdeutliche ich damit, dass ich als Mutter einen wesentlichen Teil zum Bruttoinlandsprodukt beitrage, der normalerweise einfach unter den Tisch gekehrt wird. Und das, obwohl es – im Gegensatz zu Auto, Möbeln und Fußball – lebensnotwendige und systemrelevante Leistungen sind.

Beteiligt Euch und rechnet ab. Carearbeit ist nicht gratis!

Wir rufen Euch auf, Euch unter dem Hashtag #CoronaElternRechnenAb an dieser Aktion zu beteiligen! Schreibt von heute an monatlich eine Rechnung an den/die Kultusminister*in (für Schulkinder) und/oder an den/die  Arbeitsminister*in (Kitakinder) Eures Bundeslands. Bringt Eure Situation und Euren Beitrag für die Bewältigung dieser Krise in Blog- und Social-Media-Beiträgen mit #CoronaElternRechnenAb zum Ausdruck! Zeigt Eure Leistungen und Rechnungen (Beträge können gern geschwärzt werden) schwarz auf weiß. Dokumentiert, wie Ihr die Rechnungen absendet! Lasst uns gemeinsam aktiv werden und echte Entlastung und Wertschätzung einfordern!


PRESSEANFRAGEN:

Presseanfragen bitte per E-Mail an die Mitinitiatorin Sonja Lehnert.


Rechnungsvorlagen und Hinweise:

Hier könnt Ihr Euch eine Rechnungsvorlage als Word-Datei oder als PDF herunterladen.

Hier noch ein Beiblatt mit Links zu den zuständigen Behörden und Hinweise zu möglichen Stundensätzen.


Weitere Beiträge und Aktionen zu #CoronaElternRechnenAb:

Auf dem funkelnagelneuen Instagram-Account der Aktion werden wir gern Eure Rechnungen, Blogposts und Bilder veröffentlichen.

Karin Hartmann hatte die Idee für die Kampagne, unsere Leistungen in Rechnung zu stellen. Sie wird hauptsächlich auf Twitter und auf Instagram aktiv sein.

Sonja Lehnert vom Blog mama-notes.de ist Mitinitiatorin der Aktion. Ihren Blogbeitrag Protestaktion: Coronaeltern rechnen ab findet Ihr hier. Auf ihrem Instagram-Profil wird sie morgen ihre Rechnung schreiben und abschicken.

Protestaktion: Corona Eltern rechnen ab


Silke Wildner vom Blog gut-alleinerziehend.de hatte bereits Ende März eine sehr ähnliche Idee und hat ihrem Bundesland eine Rechnung geschrieben. Ihren sehr guten Artikel zum “Wert der Mütter in der Krise” mit einem weiteren Rechnungsvordruck lest Ihr hier.

Der Wert der Mütter in der Krise


Beitrag von Patricia Cammarata (dasnuf) zur Aktion.

Geschützt: Zum Muttertag 2020 erhebe ich einmalig 22.296 Euro


Claire Funke von mamastreikt hat einen Blogbeitrag verfasst. Ihr findet ihn hier.

Von Erschöpfung, Selbsthass und Wut #CoronaElternRechnenAb


Edition F hat ein Interview mit unserer Ideengeberin Karin Hartmann geführt.

#CoronaEltern stellen Rechnungen an die Politik


Andrea Reif (“die anderl”) rechnet auf ihrem Blog ab. Danke für Deinen Beitrag!

#CoronaElternrechnenab – denn wir sind nicht nur wirtschaftlich relevant


Melanie stellt auf ihrem Blog glücklich scheitern noch einmal klar, dass Carearbeit durchaus Arbeit ist.
https://gluecklichscheitern.wordpress.com/2020/05/12/coronaelternrechnenab-von-der-befoerderung-zur-kuendigung/


Ein weiterer Blogpost von Kinder haben … und glücklich leben, der auch den üblichen Shitstorm in Sozialen Medien zum Thema aufgreift.

#CoronaElternRechnenAb. Und alle anderen jetzt mal Klappe halten


Dani von glucke und so hat abgerechnet:

Familien sind unsichtbar oder auch #CoronaElternrechnenab


Liv von A Good Life rechnet ab:

La Quenta, por favor.


familie.de hat uns interviewt:

https://www.familie.de/familienleben/coronaelternrechnenab-eltern-schreiben-rechnung-an-regierung



Bild: istockphoto, nattrass