Die Emanzipation und die Alleinerziehenden Jetzt haben wir den Salat

InAlleinerziehend, Beziehungsgewalt, Familienbild, Familienpolitik, Muttermythos, Partnerschaft, Trennung, Vereinbarkeit
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Der Feminismus und die Emanzipation sind Schuld, dass es inzwischen so viele Alleinerziehende gibt und dass diese von Armut gefährdet sind.

Denkpause. Aha.

Heute abend diskutiert Birgit Kelle dieses Thema bei KingFM. Sie ist ihres Zeichens keine Alleinerziehende, sondern verheiratete Mutter von 4 Kindern, hat aber mehrere Alleinerziehende interviewt. Als Einführung für ihre Interviewanfragen in einer Facebook-Gruppe schildert sie ein Ereignis auf einer Lesung von Alice Schwarzer.

Eine Frau rief: „Was hat uns denn der Feminismus gebracht?“. Die Antwort kam aus der anderen Ecke des Saales: „Lauter geschiedene Frauen“.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt nun unter dem Titel: „Das hat der Feminismus nicht gewollt“ über die Baustelle, die die Emanzipation hinterlassen hat: Alleinerziehende Frauen. Und mit ihnen das größte Armutsrisiko, das man als Frau derzeit haben kann. Ihre Zahl steigt, das Unterhaltsrecht lässt sie im Regen stehen.

Aber so war das doch auch geplant, mehr Selbstständigkeit, mehr Eigenverantwortung, mehr Freiheit. Jetzt haben wir sie – aber auch den Salat.

schreibt Kelle. Birgit Kelles Einstellung zum Feminismus und zur Gender-Forschung ist weitestgehend bekannt. Wer sich da noch weiter schlau machen möchte, gebe ihren Namen bei Google ein.

Der Artikel der Süddeutschen Zeitung, den Kelle zitiert, sieht tatsächlich ebenfalls eine Verbindung zwischen den Errungenschaften der Emanzipation und den Problemen alleinerziehender Frauen. Der Feminismus fordere die Unabhängigkeit und Gleichberechtigung der Frauen. Die Unabhängigkeit der Alleinerziehenden in Form von Freiheit vom Partner, die in Armut und wiederum Abhängigkeit vom Staat führt, ist aber sicher nicht das, was der Feminismus ursprünglich erzielte, schreibt die SZ. Sie sieht die Alleinerziehenden nicht nur alleingelassen vom Partner, sondern auch noch alleingelassen vom Feminismus, der sich angeblich über dieses Thema noch viel zu wenig Gedanken gemacht hat.

Weitere Denkpause.

Ich habe mich nie sehr intensiv mit dem Gedanken beschäftigt, ob ich nun eine Feministin bin oder nicht. Ich mag die Schubladisierungen der “ismen” nicht. Daher weigere ich mich, mich so zu nennen. Es gibt auch Strömungen im Feminismus, die ich kritisch sehe. Alles in allem denke ich aber, dass uns der Feminismus in die Lage gebracht hat, überhaupt über solche Themen sprechen zu können, sie offen zu kritisieren, zu hinterfragen und unseren eigenen Weg im Leben zu finden. Genau darum geht es ja dem Feminismus am Ende: um ein selbstbestimmtes Leben von Frauen. Es irritiert und ärgert mich, wenn es nun Frauen selbst kritisieren, dass Frauen in Deutschland selbstbestimmt leben dürfen – zumindest laut Rechtsprechung (die Realität sieht nochmal anders aus).

Es wird beklagt, dass Frauen sich trennen von ihren Männern, die Familie auseinanderreißen und ihre Kinder mitnehmen oder *huch* sogar dem Mann überlassen. Es wird aber nicht genauer nachgefragt: Warum haben sich diese Frauen getrennt? Welchen Anteil hatte der Mann an der Trennung? Wie oft hat womöglich die Frau in den Jahren davor noch versucht, das Ruder herumzureißen und wurde von ihrem Partner nicht ernstgenommen?

Und: was wäre die Alternative für diese Frauen? Sollen sie bei ihren desinteressierten, fremdgehenden, narzisstischen oder gar gewalttätigen Männern bleiben? Und selbst wenn all das nicht der Fall ist: ist es erstrebenswert in einer toten Beziehung zu verweilen wegen der Kinder?

Die wenigsten Frauen mit Kindern trennen sich “einfach so” und weil sie grad mal genervt sind von ihrem Mann. Meist haben sie gute Gründe und sind sich des Risikos für ihr Leben und das Leben ihrer Kinder durchaus bewusst.

Nun soll aber bitteschön mal der Feminismus dafür sorgen, dass Frauen, die alleinerziehend sind, auch mit ihrer Selbstbestimmung zurecht kommen und nicht in die Armut rutschen. Das heißt für mich am Ende: Die Frauen sollen mal bitte selbst schauen wie sie klar kommen. Sie haben sich die Suppe mit Salat eingebrockt. Nun sollen sie das mal schön alleine auslöffeln und -gabeln. Irgendwie kommt mir das bekannt vor.

Dass eine wesentliche Verantwortung für die vielen Trennungen auch bei den Männern zu suchen ist, wird selten erwähnt. Wie selten Männer zum Beispiel offen verantwortlich gemacht werden für Gewalt an Frauen, thematisiert dieser TED-Vortrag eines von Jackson Katz. Männer reden selten darüber, wie sehr sie selbst daran beteiligt sind, dass ihre Frauen gehen. Frauen dagegen diskutieren, wie sehr sie und ihre feministische Haltung womöglich dafür verantwortlich ist, dass die Beziehung in die Brüche ging und werden darin von Männern bestätigt.

Sollen die Frauen also nun endlich mal wieder schweigen? Sollen sie wieder schön an den Herd mit entsprechender Prämie für die Kinderalleinversorgung, auch wenn sie das eigentlich gar nicht wollen? Dürfen Frauen keine Kinder mehr bekommen, die gleichzeitig auch gern arbeiten? Oder sollen sie sich mal endlich einen echten Kerl suchen wie z.B. Christian Grey? DAS ist es doch, was Frauen eigentlich wollen.

Oder?

Ich vermute, dass nicht wenige in unserer schnelllebigen, westlichen Welt ein Problem mit unserer Freiheit haben. Es ist ja auch nicht einfach, wenn man plötzlich vieles allein entscheiden kann, wenn nicht alle auf einer Linie sind und kontrovers diskutiert wird. Auch ich bin schon des öfteren den rosanen Bildern des Muttermythos erlegen und habe mich von ihnen betören, bedrängen und beängstigen lassen. Aber ich bin froh, was der Feminismus und die Emanzipation bisher erreicht haben. Ich bin froh, dass Frauen nicht mehr gezwungen sind, sich alles gefallen zu lassen. Für mich ist es nicht die Emanzipation, die das Problem gebracht hat. Die Emanzipation hat der Freiheit und Selbstbestimmung die Tore geöffnet. Nun sollte diese Freiheit und Selbstbestimmung auch weiterhin und immer stärker politisch und gesellschaftlich gestützt werden. Das können der Feminismus und die Frauen allein nicht stemmen. Da sind auch die Männer gefragt – in ihrem eigenen Interesse.

Denn:

Eine Gesellschaftsform, in der Männer eine bevorzugte gesellschaftliche Stellung haben und Frauen herabgesetzt werden, kann nicht gerecht sein. Das Patriachat drängt aber auch Männer in eine stereotype Rolle. Wenn sie zum Beispiel der starke, niemals weinende Alleinernährer einer Familie sein müssen, dann ist das auch ein extremer Druck für viele Jungen und Männer. Genau von diesen einsperrenden Geschlechterrollen wollen wir weg.

sagt Anne Wizorek und räumt direkt noch mit einigen anderen Argumenten gegen den Feminismus auf.