Der Begleiter Leben mit chronischen Schmerzen?

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Ich habe einen Begleiter

Ich habe ein Hüftleiden. Ich habe es seit der Geburt. Es ist schon mehrfach operiert worden: einmal mit zwei Jahren auf beiden Seiten, einmal mit 19 auf der rechten Seite. Seit einigen Jahren plagen mich zunehmende Schmerzen auf der linken Seite. Wenn man eine solche Erkrankung hat, kennt man sein Leben lang Schmerzen. Es ist für mich nicht vorstellbar, einen Tag ohne Schmerzen zu erleben. Der Schmerz ist mein ständiger Begleiter, tagein, tagaus und auch nachts. Ich habe gelernt, mit diesem Schmerz zu leben. Ich habe gelernt, ihn zu ignorieren, wegzuschieben, nebenherlaufen zu lassen wie ein Radio. Ich glaube, dass es mir daher auch nicht so schwerfällt, in der Meditation gleichmütig auf Körperempfindungen zu reagieren, die andere schon an die Decke gehen lassen. Ich kenne es nicht anders, wobei ich das Beobachten nicht so gut kenne. Ich kenne eher das Ignorieren.

In den letzten Jahren habe ich mich jedoch selbst mit meinem Schmerz tiefergehend beobachtet. Ich habe beobachtet, was der Schmerz mit mir macht, wie er mich einschränkt, wie er meine Stimmungen beeinflusst. Und das tut er, auch wenn ich ihn gut wegdrücken kann. Ich glaube, es ist der Schmerz, der mich manchmal so schnell die Geduld verlieren lässt, mir die Mundwinkel herunterzieht, obwohl die Sonne scheint. Es ist der Schmerz, der mich plötzlich wütend auf meine Kinder macht in Momenten, die eigentlich harmlos sind. Wenn ständig im Hintergrund einer Dein Bein abschraubt, würde es Dir auch so gehen. Viele von Euch kennen das sicher vom PMS. Auch wenn der Körper eigentlich unbemerkt im Hintergrund seine Arbeit verrichtet, beeinflusst er die Stimmung durch Hormone, Nervenreize, Empfindungen aller Art.

An manchen Tagen beobachte ich Menschen, die offensichtlich keine Schmerzen beim Laufen haben. Ich versuche mir vorzustellen wie es ist, einen Spaziergang ohne Schmerzen zu machen, zu tanzen ohne Schmerzen, an der Bar zu stehen ohne Schmerzen, zu schlafen ohne Schmerzen. Ich stelle es mir paradiesisch vor und gleichzeitig kann ich es mir gar nicht vorstellen. Wir leben in zwei völlig unterschiedlichen Welten. Es ist wie wenn man Kinder hat oder keine. Ein Leben mit Kindern ist völlig anders als ohne. Ein Leben mit Schmerzen ist völlig anders als ohne. Beide Erfahrungen können dem Gegenüber nicht wirklich erklärt werden.

Ich möchte nicht jammern, dass ich diese Erfahrung in meinem Leben mache. Manchmal bin ich sogar fast stolz, dass ich die Schmerzen aushalten kann, dass ich ein so harter Knochen bin. Es ist ein Teil meines Selbstbildes: ich jammere nicht. Ich bewältige meine Probleme selbständig. Sicherlich ist das familiengeschichtlich bedingt. Unser Hintergrund ist protestantisch-calvinistisch. Da wird nicht gejammert. Da wird geackert.

Das Muster und Die Botschaft

Die letzten Jahre haben mich nachdenklich gemacht in Hinsicht auf meinen Umgang mit Schmerzen. Ich habe mich gefragt, ob ich weiter mit diesen Schmerzen leben möchte, die immer schlimmer werden. Ich habe mich gefragt, ob ich an diesem Selbstbild der knallharten Frau weiter malen möchte. Muss ich mich immer weiter quälen und kasteien? Muss ich mich mir selbst noch so sehr beweisen? Genüge ich mir nicht als Frau, die Rücksicht auf ihre Bedürfnisse nimmt und ihr Stück vom Glück im Leben fordert? Plötzlich fand ich Parallelen im jahrelangen Aushalten meiner Beziehung und im lebenslangen Aushalten meiner Schmerzen. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der es Hilfen gibt. Ich kann zum Beispiel ein künstliches Hüftgelenk erhalten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass ich danach weitestgehend schmerzfrei laufen kann.

Warum erlaube ich mir das nicht?

Es ist, als würde mich die Chance des Glücks ängstlicher machen als das Weiterleben des Bekannten. Schmerz ist eine Gewohnheit für mich. Verstecke ich mich in Wahrheit dahinter? Verhindere ich meine eigene Heilung? Habe ich mehr Angst vor einem radikalen Schritt mit einem halben Jahr Schmerzen als vor einem weiteren Leben mit Schmerzen?

Ich finde, es ist sehr wichtig, sich diese Fragen zu stellen. Möchte ich wirklich gesund sein? Habe ich das Gefühl, dass ich mir erlauben kann, gesund zu sein? Es hat ja auch etwas, wenn man wie ein Märtyrer durch’s Leben geht. Es passt so sehr zu unserer Leistungsgesellschaft zu diesem „Bück Dich hoch“. Ich habe etwas zu erzählen, ich ernte Aufmerksamkeit und mitleidige Blicke.

Und in der tiefsten Tiefe liegt diese Botschaft: „Das Leben ist hart! Das Leben ist kein Zuckerschlecken, kein Ponyhof, kein Wunschkonzert!“

Und noch tiefer darunter liegt: „Glück ist gefährlich.“

Mein Weg

Als ich all dies erkannt habe, habe ich mich zu einer Operation entschieden. Das ist keine Zwangs-Entscheidung, sondern eine sehr bewusste Entscheidung für mehr Lebensqualität. Es ist eine Entscheidung für mich, für mein Leben, für mein Glück.

Ich bewege mich häufiger in einem alternativmedizinischen Umfeld. Wenn ich dort von meiner Entscheidung zur OP erzähle, ernte ich hochgezogene Augenbrauen. Ob ich schon Reiki oder Visualisierungen ausprobiert habe, werde ich gefragt. Nein, ich habe kein Reiki ausprobiert. Ich glaube auch nicht daran, dass Reiki mir dauerhaft helfen könnte – außer vielleicht in meinem Umgang mit den Schmerzen. Ich habe jede Menge über Umgangsmöglichkeiten mit und Bewältigungsstrategien gegen Schmerzen gelernt in meinem Leben. Es gibt Wege, mit dem Schmerz zu leben. Aber in meinem Fall liegt eine Deformation der Knochen vor. Das ist keine rein seelische Geschichte. Ich glaube, wenn einer meiner Reiki-Ratgeber meine Schmerzen nur einen Moment erleben würde, würde er einfach den Mund halten.

Welcher Gedanke steckt hinter diesen spirituellen und alternativmedizinischen Ansätzen? Welches Motiv? Ist es ein „Alles-ist-sowieso-nur-seelisch-bedingt“ oder „Du musst nur Deine Einstellung ändern, dann bist Du gesund“? Es liegt so etwas gnadenloses dahinter, als würden wir alle unsere Gesundheit nur selbst bestimmen. Als wären wir Gott. Auch hier steckt in der tiefsten Tiefe der Leistungsgedanke dahinter: Wenn Du nur endlich die richtige Einstellung hast, dem richtigen spirituellen Weg folgst, sind Deine Krankheiten geheilt. Mag sein, dass das so ist. Aber bis dahin habe ich viele, viele wertvolle Jahre verschenkt und unter meinen Schmerzen mal mehr, mal weniger gelitten.

Wenn es mein Körper ist, darf ich es mir auch ein einziges Mal etwas leichter machen. Ich darf mir helfen lassen. Ich darf über meinen Körper bestimmen auf meine ganz eigene Art. Auch das wird kein leichter Weg. Ich werde ein halbes Jahr herumhumpeln, ich werde die Schmerzen der OP ertragen müssen, ich werde weitere Narben davontragen. Aber wenn alles gut geht, werde ich viel weniger Schmerzen haben als heute. Viele Menschen, die diese OP hinter sich gebracht haben, sagen danach, dass sie sie viel früher hätten machen sollen.Sie freuen sich über ihr neues, teilweise völlig schmerzfreies Leben.

Dahin geht mein Weg.

 

2 Kommentar

  1. Du erinnerst mich an mich selbst.Auch ich habe einen jahrelangen Leidensweg mit ständigen Schmerzen hinter mir.Ich habe zwar noch keine kaputte Hüfte,dafür aber Arthrose in den Füßen,da ich bei meiner Geburt völlig verdrehte Füße und Unterschenkel hatte.Mein ganzes Knochengerüst ist schief.Erst seitdem ich 5Jahre allein erziehend bin,mit mittlerweile 52 Jahren,fange ich an,an mich zudenken,

    • Liebe Annette,
      danke für Deinen Kommentar. Wie bewältigst Du Deine Schmerzen? Was tust Du inzwischen für Dich, das Du vorher nicht getan hast? Würde mich sehr interessieren… Ich erlebe es so, dass man als Alleinerziehende viele Lügen nicht mehr leben kann und auch nicht mehr unnötigen Dogmen folgen kann, wenn man einigermaßen glücklich sein und gesund bleiben möchte. Daher gehe ich heute mit solchen Problemen auch in positiver Weise anders um.

      Liebe Grüße
      Rona

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