Keine Märchen Über die Ehrlichkeit mit Kindern

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Heute abend, als ich meinen kleinen Sohn ins Bett brachte sagte er, dass er sich wünscht, dass der Papa wieder bei uns wohnt. Das sind schwere Momente. Ich halte nichts davon, den Kindern eine heile Welt vorzuspielen und solchen Momenten und Fragen auszuweichen. Stattdessen halte ich sehr viel von Ehrlichkeit. Ich bin sehr froh, dass mein Sohn mit mir so spricht, dass er mir sagen kann, dass er seinen Vater vermisst. Ich finde es wunderbar und gleichzeitig schrecklich schmerzhaft, dass er so offen zu mir ist und sagt, dass er traurig ist und es doof findet und sich all das anders wünscht. In diesen Momenten denke ich, dass ich doch nicht so vieles falsch gemacht haben kann. Wenn ein kleiner Junge von 5 Jahren so ehrlich und offen mit mir redet über seine Gefühle zu einer Entscheidung, die ich ihm zugemutet habe, finde ich ihn wahnsinnig mutig und stark. Ich möchte nicht, dass er das Gefühl hat, mich schützen zu müssen und daher nicht mit mir über diese Dinge redet. Ich möchte nicht, dass er denkt, er dürfe nicht über seine Liebe zu seinem Vater mit mir sprechen.

Was ich ihm zugemutet habe durch die Entscheidung der Trennung ist furchtbar, tut weh und macht ihn sicher auch wütend. Er sagte sogar, er würde manche Dinge nicht tun, wenn Papa wieder da wäre. Er rebelliert. Und ich sage in solchen Momenten immer wieder zu ihm, dass ich ihn verstehe und dass es mir leid tut, aber dass ich diese Entscheidung nicht rückgängig machen werde. Für mich ist es endgültig. Dann kommt natürlich “warum?”. Und das “Warum” ist schwierig, denn ich möchte nicht seinen Vater vor ihm schlecht machen. Ich möchte nicht, dass er sich schuldig fühlt. Manchmal sage ich dann “Es wird nicht mehr so sein, weil ich es nicht mehr will.” Das führe ich dann nicht weiter aus. Mit so einem Satz übernehme ich die volle Verantwortung. Dann kann er seine ganze Wut auf mich richten, aber das nehme ich in Kauf. Und wenn er dann nochmal “warum?” fragt, bekräftige ich mit “weil ich es nicht mehr will!”. Manchmal erkläre ich auch mehr und sage: “Wir haben uns nicht mehr verstanden. Wir haben uns nur noch gestritten und das weißt Du auch. Und so möchte ich nicht mehr leben.” Immer wieder sage ich “Du bist nicht Schuld.” Das ist aber ein Satz aus den schlauen Büchern und er selbst sagt, dass er weiß, dass er nicht Schuld ist. Als meine Eltern sich damals getrennt haben, dachte ich auch nicht, dass ich Schuld bin. Ich wusste aber, dass ich und meine Schwester jetzt die Verantwortung für die Familie übernehmen müssen. Das war schwer. Und damals wusste ich auch, dass wir unseren Eltern gegenüber nicht ehrlich über unsere Gefühle sprechen durften. Wir mussten funktionieren. Das war noch schwerer.

Ich habe für mich aus diesen Erfahrungen die Lehre gezogen, dass ein Leben in Lüge schlimmer ist, als die offene und ehrliche Wahrheit. Die Wahrheit schneidet wie ein Messer. Aber es ist eine glatte Wunde. Mit der kann man arbeiten. Die kann man sehen und dann kann man an der Heilung arbeiten. Eine Wunde, die versteckt wird in einer Lüge und die schwärt und eitert, deren Schmerzen man verleugnen muss über viele Jahre, hinterlässt schwere Schäden und eine hässliche Narbe.

Wenn aber die Wunde des eigenen Kindes so offen liegt und man selbst maßgeblich an dieser Wunde beteiligt ist, ist es schwer, einen guten Weg zu finden, damit umzugehen. Es kommen bei mir so tiefe Gefühle der Scham, der Schuld und der Hilflosigkeit auf. Es kommen dann Fragen wie “war das wirklich nötig?” Aber ich brauche inzwischen nicht mehr lange darüber nachzudenken, um die Antwort zu wissen. Ja, es war nötig. Es gab für mich und uns keinen anderen Weg. Wir waren an einem “Point of no Return.” Es gab kein Zurück mehr. Und ich kann nur so darüber sprechen, wie ich es selbst schaffe. Ich zeige mich vor meinem Kind. Ich spreche von mir selbst und von meiner Entscheidung. Ich sage “ich” und “wir”, aber nicht “er”. Das erfordert sehr viel Selbstkontrolle, denn es gibt Momente, wo ich so wütend bin, dass ich gern meine Sicht der Dinge herausschreien würde und ihm sagen würde, dass es gut ist, dass er nicht mehr da ist. Aber das kann ich nicht meinem Kind zumuten. Das ist für mich auch nicht Ehrlichkeit. Das sind meine verletzten Gefühle. Die haben aber bei meinem Kind nichts zu suchen.

Was jedoch mein Kind schon sehen darf ist, dass ich auf manche Fragen keine Antworten kenne. Mein Kind darf sehen, dass ich Gefühle habe und dass ich nicht alles weiß. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Vielleicht ist es dadurch für sie ein unsicheres Gefühl, so eine Mutter zu haben. Aber sie können sich in jedem Fall darauf verlassen, dass ich ehrlich bin. Das ist mir wichtig. Ich erzähle keine Märchen und Glaubensgeschichten. Ich erzähle die Dinge, wie sie sind, wie ich sie erlebe. Ich erzähle auch, was manche Menschen glauben und was andere glauben und dass man das respektieren sollte. Aber ich sage, dass ich nicht weiß, ob es Gott gibt oder Engel und dass ich nicht weiß, wo jetzt die tote Uroma ist oder der tote Großonkel. Trotzdem stellen wir Windräder auf ihre Gräber, weil der Tod ein Teil des Lebens ist und weil sie uns vorausgegangen sind und wir durch sie überhaupt erst da sind. Für mich gehören Kinder auch auf Friedhöfe. Sie sollen erleben und sehen dürfen, wie Menschen verabschiedet werden. Sie sollen die unangenehmen Fragen stellen dürfen und sich ihren eigenen Reim darauf machen. Meine Kinder habe ich auf den Friedhöfen immer als Bereicherung erlebt. Es hat ihnen keine Angst gemacht, weil sie alles fragen durften und weil ich kein angstvolles und bedeutungsschwangeres Thema aus der ganzen Sache gemacht habe. Ich werde nie vergessen, wie mein Sohn am Sarg meiner Oma und seiner Uroma stand, den Sarg streichelte und sich bei mir beschwerte, dass er seine Uroma nie kennengelernt hat. Ja, er hatte Recht. Warum werden Kinder nicht in Pflegeheime mitgenommen? Warum interpretieren wir in sie hinein, dass sie damit nicht zurechtkommen?

Aber ich schweife ab.

Ich glaube nicht, dass ich eine sonderlich gute Mutter bin. Ich habe unendlich viele Fehler gemacht, bin viele Irrwege gelaufen, habe falsche Entscheidungen getroffen und leider müssen meine Kinder genauso damit leben wie ich. Sie haben keine behütete und unbeschwerte Kindheit gehabt. Sie haben schon einige schwierige Zeiten erlebt. Manchmal sehe ich das in ihren Gesichtern und es tut mir sehr weh. Es tut auch weh, wenn ich heute in einem Blog von einer Mutter und ihren Kindern lese, die so behütet aufwachsen und so etwas, was wir erlebt haben, wahrscheinlich noch gar nicht kennen oder sich gar nicht vorstellen können. Das hätte ich mir für meine Kinder auch gewünscht. Die Realität sieht aber anders aus und mit dieser Realität müssen wir umgehen. Ich wäre auch manchmal gern ruhiger und besonnener, sicherer und selbstbewusster. Aber inzwischen kann ich einen Vorteil darin sehen, mit meinen Schwächen bewusst zu leben.

Schwieriger ist, wenn die Kinder Fragen zu ihren Vätern stellen, die ich nicht beantworten kann. Es ist nicht leicht auszuhalten, wenn da eine offensichtliche Verletzung ist oder wenn da eine Frage im Raum steht, die der andere nicht beantwortet, oder wenn der Vater Versprechen oder Termine nicht einhält und das Kind tieftraurig ist. Ich möchte dann gern wie eine Löwin mein Kind verteidigen gegen den eigenen Vater. Es erfordert für mich ein hohes Maß an Selbstkontrolle, da nicht die Wut zu zeigen, sondern stattdessen zu ermutigen, zu trösten und dazu zu raten, den Vater beim nächsten Mal einfach zu fragen und das mit ihm zu klären. Ich habe erst sehr spät gelernt, dass das Fehlverhalten des anderen nicht in meiner Verantwortung liegt, dass es auch nicht in meiner Verantwortung liegt, das alles auszubügeln. Aber oft bleibt mir gar nichts anderes übrig, denn die, die die Gefühle der Kinder nach einer Enttäuschung erlebt, bin ich. Die Erste Hilfe muss oft ich leisten und der andere erlebt gar nicht, welche Folgen sein Handeln hat. Denn Kinder sind großmütig in ihrer Liebe und halten viel aus bis sie sich anfangen selbst zu schützen und bis sie sich zurückziehen.

Ich selbst werde in jedem Fall immer versuchen, ansprechbar zu bleiben für meine Kinder – auch und gerade wenn sie etwas zu kritisieren haben an mir und meinen Entscheidungen. Manchmal sagen sie in solchen Momenten sehr kluge Dinge, die ich mir sehr zu Herzen nehme. Ich möchte, dass sie mich alles fragen dürfen und über alles mit mir reden dürfen. Ich möchte, dass sie sich ernstgenommen fühlen – auch in ihren Gefühlen der Wut und der Traurigkeit. Nicht immer kann ich das gewährleisten, weil ich selbst überlastet bin und dann kein offenes Ohr habe. Aber auf keinen Fall möchte ich ihnen etwas schönreden, was einfach nicht schön ist. Ich möchte, dass sie wissen, dass auch schwierige Gefühle zum Leben dazugehören, dass man aber mit ihnen leben und umgehen kann.