“Dann hau zurück” Warum Selbstverteidigung und "Hau zurück" keine Lösung sind

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Vor ein paar Tagen schrieb ich einen Tweet, der häufig geherzt und retweetet wurde aber auch einschränkende Rückmeldungen erhielt. Es ging um Gewalt auf dem Schulhof und dass “Hau zurück” und Selbstverteidigungskurse für mich keine nachhaltigen Lösungen sind für dieses Problem.

Auslöser war, dass eine Bekannte mir stolz verkündete, dass ihr Sohn jetzt zum Kickboxen geht. Selbige Bekannte vermittelt – wie viele andere Eltern hier im Umkreis – ihrem Kind, dass man zurückschlagen soll, wenn einem Unrecht geschieht oder man geschlagen wird, dass man sich durchsetzen soll als Junge – und das auch mit Gewalt. Die kritischen Rückmeldungen auf den Tweet gingen in die Richtung, dass Selbstverteidigungskurse wie Taekwondo oder Karate Kindern ja eher vermitteln, dass sie körperliche Gewalt nur im Notfall einsetzen sollen. Es wird eine friedlich Grundhaltung geschult und dennoch Selbstbewusstsein trainiert. Ich weiß das selbst, weil mein älterer Sohn auch schon einige Kampfsportarten ausprobiert hat.

Die Frage ist aber dennoch: Was vermitteln die Eltern? Was vermitteln manche Trainer wirklich? Was behalten die Kinder von den Kursen? Wie verhalten sich Kinder untereinander, wenn sie Karate oder Judo oder Taekwondo im Gepäck haben?

Und eine weitere Frage ist: Muss nicht schon viel früher angesetzt werden?

Gewalttätiges Verhalten ist nicht angeboren, sondern wird erlernt. Wenn wir Gewalt beseitigen möchten, müssen wir ganz früh in der Familie und bei den Kindern anfangen. Da Kinder mittlerweile lange Zeit in Kita und Schule verbringen, sind auch diese gefordert. Es ist ein gesellschaftliches Problem, dass alle angeht, jeden einzelnen. Dennoch wird das gern unter den Teppich gekehrt oder  mit einem Deckmantel des Schweigens belegt. Ich höre immer und immer wieder, wie Gewalt in der Kita oder Gewalt auf dem Schulhof ignoriert (“Das müsst Ihr selbst klären.”), verharmlost (“Jungs sind nun mal so“), legitimiert (“Er hat sie geärgert. Sie muss sich doch wehren”), auf die lange Bank geschoben wird (“Wir beobachten das erstmal”). Keiner möchte sich die Finger schmutzig machen und keiner möchte in dieser Richtung nachhaltig tätig werden, obwohl es durchaus Programme gibt, die gewalttätiges Verhalten verbessern könnten.

Stattdessen höre ich immer wieder den Satz “Dann hau doch zurück!”.

Kinder werden also von ihren Eltern ermutigt, sich körperlich zu wehren, wenn sie geärgert oder körperlich angegangen werden. Wenn ich meine gewaltkritische Haltung äußere, werde ich als naiv verkauft – im Sinne von “Das ist doch ein Junge. Und Jungs kloppen sich nunmal und müssen sich wehren können” oder “Mädchen müssen sich heutzutage wehren können, wenn sie jemand körperlich angeht”. Selbige Eltern vertreten dann auch gern mal die Haltung “Ein Klaps hat noch keinem geschadet.”

Heutzutage tragen WIR die Verantwortung für unsere Gesellschaft und für die Haltung, die wir Kindern vermitteln.

Wenn Kinder zwar im Taekwondo lernen, dass man die Technik auf keinen Fall auf dem Schulhof anwenden darf und die Eltern aber direkt oder indirekt sagen “Du hast doch jetzt Tricks gelernt. Jetzt kannst Du Dich auch ordentlich wehren”, ist die Frage, welcher Haltung die Kinder folgen. Wenn ErzieherInnen und LehrerInnen Gewalt stillschweigend dulden und nicht direkt verantwortungsvoll einschreiten, bedeutet das für Kinder als Täter oder Opfer, dass es wohl irgendwie in Ordnung sein muss mit der Gewalt. Wenn mancher Trainer im Judo zwar einerseits Friedfertigkeit predigt, andererseits aber sadistisch-drakonische und unlogische Strafen bei Fehlverhalten anwendet, die der ganzen Gruppe statt dem Täter gelten (selbst gesehen), wird die Friedfertigkeit ad absurdum geführt. Wenn Kinder Gewalt zwischen ihren Eltern erleben, bedeutet das: Gewalt gehört dazu. So ist das eben bei Paaren. Und so geht man wohl als Mann mit Frauen und als Frau mit Männern um, wenn man sich liebt. Hinzukommt noch: Kinder prahlen gern mit ihren Erkenntnissen aus den Kampfsportarten. Auch wenn Trainer sagen “Du darfst das nicht auf dem Schulhof anwenden”, heißt das noch lange nicht, dass sich die Kinder wirklich daran halten.

Es hängt von der gesamten Haltung einer Gesellschaft ab, wie Kinder sich zu Gewalt stellen.

Sicherlich ist es sinnvoll, wenn Kinder Selbstverteidigungstechniken lernen. Es ist andererseits bemerkenswert, dass insbesondere potentielle Opfer von Gewalt in diesen Kursen landen. Kinder, die selbst Gewalt anwenden, findet man dort leider selten. Es ist so wie mit den Kursen, die es jetzt wohl in den USA gibt, wenn Frauen studieren gehen: Frauen lernen, was sie tun können, um einer Vergewaltigung zu entgehen. Die potentiellen Vergewaltiger – größtenteils Männer – werden jedoch nicht geschult und angesprochen. Gewalt wird also stillschweigend als gegeben hingenommen. Die potentiellen Opfer werden geschult. Die potentiellen Täter werden allein gelassen.

Programme, die Gewalt verhindern helfen, müssten also insbesondere die Kinder und ihre Familien erreichen, die Gewalt direkt oder indirekt legitimieren und ausüben. Es müsste direkte und sofortige Folgen haben, wenn ein Kind gewalttätig wird, und zwar für das gewalttätige Kind UND seine Eltern. Nicht die Ausbildung der Opfer müsste im Fokus stehen, sondern Täterarbeit – die Schulung der Täter. Es müsste eine klare und unmissverständliche Haltung geben, dass Gewalt nicht geduldet wird. Und diese Haltung müsste auch gelebt werden. Gleichzeitig müsste ganz früh schon vermittelt werden, wie Konflikte ohne Gewalt gelöst werden können. Das beinhaltet auch eine Schulung darin, wie Bedürfnisse geäußert werden können und wie man damit umgehen kann, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Auch der Umgang mit schwierigen Gefühlen wie Wut, Frustration und Enttäuschung gehört dazu. Kinder können das nicht allein lernen, sondern brauchen Vorbilder und eine Orientierung.

Ich weiß, dass das eine sehr idealistische Idee ist und dass wir davon weit entfernt sind. Ich würde mir dennoch wünschen, dass es ein Pflichtfach in jeder Schule für “Konfliktmanagement” gäbe, in das auch die Eltern eingebunden werden. Vielleicht könnten dann Selbstverteidigungskurse nur aus sportlichen Erwägungen besucht werden.


Bild: Pixabay, ionasnicolae