Jungen und Gewalt Über Schießspiele, Konfliktmanagement und Männlichkeit

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Heute morgen kam mein Sohn bewaffnet zum Frühstück. Glücklich hielt er seine Spielzeugwaffe in der Hand und sorgte erst einmal für Ordnung und Schutz. Ich kenne diese Phasen inzwischen sehr gut. Es sind Spielphasen, die kommen und gehen. Mal gehen die Waffen mit ins Bett (und zwar viele), mal spielt er ausgelassen mit Freunden im Garten Schießen, mal werde ich beschützt und er ist Bodyguard, mal bin ich die Verbrecherin, die er dringend verhaften muss. Von seinem Taschengeld oder Geburtstagsgeld hat er sich schon einige (für mich furchtbar aussehende) Waffen geleistet. Es gab Phasen, wo er hinter diesen Riesenmonstren kaum zu erkennen war. Was spürbar ist: Er fühlt sich stark und sicher mit seiner Waffe und es macht ihm Spaß mit der Macht, die ihm diese Waffe gibt, zu spielen. Diese Phase dauert ein paar Tage. Danach sind Waffen wieder total uninteressant.

Wie Waffen bei uns Einzug hielten

Ich erlaube das inzwischen, auch wenn ich manchmal über den optischen Eindruck nicht so begeistert bin. Das war aber nicht immer so. Der Drang nach Waffen kam mit etwa 4 Jahren. Wie er genau auf die Idee kam, weiß ich nicht. Bis dahin gab es bei uns keine Waffen. Fernsehen gab es bei uns damals auch noch nicht. Schon gar nicht Transformers, StarWars u.ä. Ich denke aber, dass es durch den Kindergarten und durch andere Kinder kam. Zu Karneval wollte er unbedingt Cowboy sein. Mit Gewehr. Das war eigentlich die Hauptsache. Und das Gewehr sollte knallen. Ich war irritiert. Ich machte mir Sorgen, dass er jetzt anfing, Gewalt zu verherrlichen. Ich machte mir auch Sorgen darüber, an welch komischer Ausprägung von “Männlichkeit” er jetzt auf einmal Gefallen fand. Außerdem konnte ich die Dringlichkeit dahinter überhaupt nicht nachvollziehen.

Als ich über meine eigene Kindheit nachdachte, erinnerte ich mich, dass wir damals auch alle mit Knallerpistolen gespielt haben und mit diesen Papierstreifen, die beim Draufschlagen nach Schwefel riechen. Da war nichts dabei. Eine Pistole musste knallen. Das war klar. Es war auch klar, dass wir uns gegenseitig beschossen und spielten, dass wir tot umfallen. Solche Spiele waren wild und gefährlich und machten daher sehr viel Spaß. Es gab keine Erwachsenen, die uns dabei beobachteten und erst recht gab es keine Erwachsenen, die uns an diesen Spielen hinderten. Schwer verletzt wurde keiner und soweit ich weiß wurde keiner meiner damaligen Freunde gewalttätig. Es war auch klar, dass sowohl Mädchen als auch Jungen an diesen Spielen beteiligt waren. Diese Spiele waren ein oder zwei Tage interessant. Danach kam wieder was anderes.

Als ich mich daran erinnerte, beschloss ich, ihm die Waffe für Karneval zu erlauben. Mit Knalleffekt. Er war glücklich. Die Waffe wurde überall mit hingetragen und ausprobiert. Ich hatte den Plan, ihm nach Karneval die Waffe wieder abzunehmen. Daraus wurde aus verschiedenen Gründen aber nichts. Der Damm in Richtung Waffengenehmigung war gebrochen.

In die Kita durfte er die Waffe übrigens nicht mitnehmen und in die Schule später auch nicht. Viele Kitas verbieten die Mitnahme von Spielzeugwaffen an Karneval. Es wird sogar verboten, Waffen aus Lego zu bauen oder mit Stöcken oder gar Fingern Schießen zu spielen. Wenn man das mal genauer beobachtet, finden Kinder aber immer Wege, diesen Spaß an Waffen auszuleben, und sei es nur bei Freunden. Bei uns war mal ein kleiner, zierlicher Junge von damals 5 Jahren zu Besuch, der total begeistert eine Wasserpistole aus der Spielzeugkiste zog, sich breitbeinig von seine Mutter stellte und lauthals rief “Ich darf das, Mama!”. Zuhause durfte er nämlich nicht mit Waffen spielen. Gerade dadurch wurden Waffen besonders interessant und wichtig.

Verharmlosen Waffenspiele Gewalt?

Ich habe mit einigen Fachleuten über dieses Thema geredet und ich habe einiges dazu gelesen. Außerdem habe ich meinen Sohn und sein Verhalten beobachtet. Und ich denke viel über dieses Phänomen nach, zuletzt wegen eines Blog-Artikels zum Thema Jungen, den ich vor ein paar Tagen las und der großen Zuspruch fand. Grundsätzlich sind wilde Spiele, die Kräftemessen und spielerisches Testen von Kraft und Gewalt zum Thema haben, inzwischen nicht mehr gern gesehen. Früher hieß es “Jungs sind eben so” und niemand hat sich darüber Gedanken gemacht. Bis ein Erwachsener oder Lehrer bei wilden Spielen eingriff, dauerte es lang. Kinder waren außerdem viel weniger unter Beobachtung von Erwachsenen. In ihren Spielen und Konflikten mussten sie allein zurechtkommen. Kaum ein Kind holte Erwachsene zu Hilfe. Da musste schon etwas wirklich Schlimmes passiert sein. Andererseits gab es früher auch drakonische Strafen für Jungen Kinder, die sich nicht an die Regeln hielten oder unruhig waren. Gewalt in der Erziehung war üblich. Damit war auch Gewalt in kindlichen Auseinandersetzungen üblich. Früher war also nicht alles besser.

Was mich im Zusammenhang mit Schießspielen interessiert ist, inwiefern diese Spiele Gewalt verharmlosen und verherrlichen. Wie kommt es, dass Menschen gewalttätig werden? Wie trägt die Art der Spiele in der Kindheit dazu bei?

Die Fachleute, mit denen ich gesprochen habe, sagten mir, dass Gewalt ihre Wurzeln nicht in Schießspielen und Kräftemessen hat. Stattdessen trägt das Klima innerhalb der Familie maßgeblich dazu bei, was als normal empfunden wird. Wenn Kinder in ihrer Familie häufig Gewalt erleben oder erfahren – sei es körperliche oder seelische Gewalt – verinnerlichen sie diese Gewalt als normal. Das kann dazu führen, dass sie selbst als Erwachsene gewalttätig werden, oder dass sie leichter Opfer von Gewalt werden, weil sie kein Empfinden mehr für ihre eigenen Grenzen haben. Das beruhigte mich etwas: Schießen spielen führt also nicht automatisch dazu, dass Gewalt verharmlost wird. Vielen Kindern macht es Spaß, ihre Kräfte auszutesten und mit Macht zu spielen. Viele Kinder raufen gern oder brüllen mal laut herum. Wenn ein Kind mit Waffen spielt, bedeutet das nicht, dass es ein anderes Kind verprügelt und Konflikte nur mit Gewalt löst. Das ist ein anderes Thema.

Jungen und Männlichkeit

Jungen setzen sich ab einem gewissen Alter intensiv mit Männlichkeit auseinander. Was ist männlich? Was macht mich zum Mann? Wie stark und männlich bin ich im Vergleich zu anderen? Das sind Fragen, die hinter vielen Spielen stecken.

Auch wenn es oft anders behauptet wird, sehe ich es nicht so, dass Jungen Vorbilder für Männlichkeit fehlen. Allerdings erlebe ich in den 12 Jahren als Jungsmama, dass diese Vorbilder oft sehr einseitig ausgeprägt sind.

  • Bei Jungen beliebte Filme und Serien stellen Gewalt als ultimative Konfliktlösungsstrategie für Männer in den Mittelpunkt.
  • Computerspiele für Jungen stellen Männer als Muskelprotze dar, die verächtlich mit Schwächeren umgehen oder – umgekehrt – völlig hilflose Frauen retten müssen.
  • Jungen erleben wenige männliche Rollenvorbilder, die (mit ihnen) REDEN – sei es in Filmen oder Spielen, aber auch in Vereinen oder Schulen und sogar zu Hause. Über Schwierigkeiten reden und reden überhaupt wird als unmännlich vermittelt. Über Gefühle reden geht daher ab einem gewissen Alter kaum noch.
  • Jungen, die Koordinationsschwierigkeiten haben, sich aber dennoch gern bewegen, werden in diesem Drang zur Bewegung nicht unterstützt, sondern verspottet und ausgegrenzt von Trainern und Sportlehrern.
  • Jungen anzubrüllen, sie zu erniedrigen und zu körperlichen Strafmaßnahmen zu verdonnern ist unter männlichen Trainern üblich.
  • Seelische und körperliche Gewalt gegenüber Jungen wird auch heute noch geduldet als Erziehungsmaßnahme. “Mit Jungen muss man das anders machen. Du hast keine Ahnung,” habe ich des öfteren von Männern und auch Frauen gehört als Legitimation für entsprechende Strafmaßnahmen. Mädchen, die Jungen gegenüber gewalttätig werden (in Grundschulen inzwischen nicht selten), werden deutlich seltener so drakonisch bestraft. Jungen, die gewalttätige Handlungen von Mädchen melden, werden ausgelacht und gefragt, was sie denn getan haben, dass das Mädchen gewalttätig wurde.
  • Schwäche zeigen ist verpönt.
  • Brutale Sprache wird als männlich empfunden. Männer reden in oben genannten Filmen zwar sehr selten, aber wenn sie reden, ist das oft sehr einseitig. Andere zu verspotten und zu erniedrigen wird als normal dargestellt. Und das erleben Jungen von Männern nicht nur in Filmen, sondern auch in Gesprächen unter Erwachsenen oder in Gesprächen unter älteren Jungen.
  • Der frühe Zugang zu Pornographie über Smartphones vermittelt sehr einseitige Bilder von Sexualität, Körper, sexueller Leistungsbereitschaft, Weiblichkeit und Männlichkeit. Diese Bilder sind nicht nur für Mädchen und Frauen einschränkend und belastend, sondern auch für Jungen, die meinen, sie müssten immer was ganz besonderes bringen und ganz besonders körperlich ausgestattet sein. Sexualität wird auf Leistung und Egozentrismus beschränkt.
  • Männer/Väter haben auch heute noch häufig wenig Zeit für Jungen. Daher erleben Jungen nur ein eingeschränktes Spektrum von Männlichkeit.

über Gewalt und männlichkeit reden

Was mir in all dem besonders auffällt ist diese Sprachlosigkeit, der mangelnde Austausch. Mit Jungen wird viel zu wenig geredet über Männlichkeit und die einschränkende Wirkung mancher Männerbilder. Toxische Bilder von Männlichkeit können Jungen am Ende schaden. Wer zeigt Jungen, dass es gut ist, über seine Probleme und Gefühle zu reden? Wer lebt das vor? Wer spricht mit Jungen über fragwürdige Körperbilder? Wer stellt in Frage, was in Medien und Werbung als männlich dargestellt wird? Wer erklärt ihnen Sexualität und Liebe? Wer spricht mit ihnen über Mädchen und Frauen und lebt einen respektvollen Umgang vor? Wo sind diese Männer? Zum Glück gibt es Internet und die Jungsfragen. Die Männer, die ich bisher im Leben meines Sohnes erlebt habe, haben eines wenig getan: ihn ernstgenommen, sich Zeit mit ihm genommen und mit ihm geredet. Bei Männern, die das taten, blühte er auf.

Es wird viel zu wenig darüber gesprochen und gelehrt, wie man Konflikte lösen kann, ohne auf Gewalt zurückzugreifen. Wie man Aggressionen und Wut ausleben und positiv nutzen kann, wird selten vermittelt. Spielzeugwaffen zu verbieten zu Hause, in Kita und Schule ist daher keine Lösung für das Problem. Das berührt nur die Oberfläche und schränkt an falscher Stelle ein. Gewalt in ihrem eigentlichen Sinn muss zum Thema gemacht werden.

Und: obwohl Spielzeugwaffen bei uns erlaubt sind, erlaube ich z.B. – im Gegensatz zu vielen anderen Eltern hier in der Gegend – keine Computerspiele ab 18, in denen vergewaltigt, gefoltert und hinterhältig ermordet wird und in der verächtliche Sprachmuster an der Tagesordnung sind. Es gibt für mich immer noch Unterschiede darin, welche Fantasiewelten ich für meine Söhne zulassen möchte und welche nicht – und vor allem ab welchem Alter.

Wie seht Ihr das? Sind Schießspiele bei Euch erlaubt? Und was dürfen Eure Kinder im Fernsehen sehen oder am Computer oder auf der Playstation oder dem Handy spielen? Wie sprecht Ihr mit Euren Kindern über Gewalt und Konfliktlösungsstrategien? Wie redet Ihr mit Jungen über Männlichkeit? Schreibt mir gern in den Kommentaren.


Bild: Pixabay, ariesa66