Das Zauberwort Um Hilfe bitten, Hilfe annehmen, Hilfe geben

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Alexandra Widmer von starkundalleinerziehend hat kürzlich einen Blogbeitrag zum Thema „Hilfe annehmen“ geschrieben. Mich hat das inspiriert, selbst zu diesem Thema zu schreiben, weil es mich mein Leben lang beschäftigt hat und weil ich damit große Schwierigkeiten habe.

Während ich diesen Text schreibe, liege ich gerade im Krankenhaus und warte darauf, dass ich für eine größere OP abgeholt werde. Dieses Mal habe ich komischerweise keine Angst. Ich bin mir sicher, dass die Entscheidung richtig ist. Ich habe in den letzten Tagen viel Zuspruch erfahren von meinen Freunden und meiner Familie. Mich überfordert das. Ich freue mich, dass sich so viele um mich kümmern und an mich denken. Andererseits wird es mir fast zu viel.

Warum?

Ich glaube, es liegt an meinem Selbstbild. Ich sehe mich selbst gern als starke Frau, die alles allein gewuppt kriegt. Ich möchte mich nicht abhängig von anderen Menschen fühlen. Es passt nicht zu meinem Bild von Freiheit und Selbständigkeit. Wenn ich Hilfe annehme, entsteht innerlich für mich dadurch eine Art von Verpflichtung. Einmal sehe ich mich verpflichtet, die Hilfe zu erwidern. Zum anderen sehe ich mich verpflichtet, mich einem Menschen, der mir geholfen hat für immer verbunden zu fühlen.

Ich gehe also eine Verpflichtung und Verbindung ein. Ja, es geht sogar so weit, dass ich mich zum Beispiel schuldig fühle wenn ich Hilfe annehme, die ich nicht in ähnlicher Weise erwidern kann. Hilfe und Liebe anzunehmen ist für mich viel schwerer, als Hilfe und Liebe zu geben. Ich möchte nicht abhängig sein. Ich möchte nicht Opfer sein. Ich möchte meine Freiheit und Selbständigkeit nicht aufgeben.

Die Angst vor Schwäche

Am Ende liegt dahinter offenbar eine tiefe Angst. Denn wenn ich mich einlasse, mir helfen lasse, meine Schwächen zeige, werde ich angreifbar. Ich nehme Abschied von meinem Bild der perfekten, selbständigen Frau. Ich zeige mich in meiner Bedürftigkeit. Ich lege meine Masken ab von „alles ist okay“, „nein danke, ich brauche nichts“ und „ich komme schon allein zurecht“.

Die Angst vor Nähe

Damit lasse ich gleichzeitig Nähe zu. Ich bewege mich in das Feld des Vertrauens und Einlassens. Eigentlich ist das ja etwas Schönes. Die Nähe, die entstehen kann, wenn ich um Hilfe bitte, kann mir einen tiefen, inneren Frieden schenken und ein Gefühl der Verbundenheit. Ich merke, dass ich in den wenigsten Situationen allein gelassen werde, wenn ich wirklich um Hilfe bitte, wenn ich mich verletzbar zeige. Dazu muss ich aber von meinem Stolz Abschied nehmen und genau das lernen: Bitte sagen. Lernen, dass das kein Zeichen von Schwäche ist.

ehrlichkeit zulassen

Es gibt Menschen, die mir keine Hilfe geben möchten, z.B. weil sie sich selbst überfordert fühlen. Einerseits finde ich das traurig, andererseits verstehe ich es. Es ist mir persönlich immer lieber, wenn mit mir ehrlich umgegangen wird. Aber einen ehrlichen Umgang mit mir kann ich nur erreichen, wenn ich selbst ehrlich und offen bin. Ich kann sehr gut damit umgehen, wenn jemand meine Bitte um Hilfe nicht annimmt, weil ich in erster Linie davon ausgehe, dass mir keiner hilft. Es ist für mich jedes Mal ein großes Geschenk, wenn jemand mir selbstlos Unterstützung anbietet.

sich menschlich zeigen

Es gibt auch das umgekehrte Phänomen: Manche sind regelrecht verwundert darüber, dass ich mich nach Hilfe und Unterstützung sehne. Sie rechnen nicht damit. Scheinbar strahle ich nach außen aus, dass ich keine Hilfe brauche und möchte. Wenn ich dann wirklich um Hilfe bitte, sind manche erstaunt. Ja, sie freuen sich sogar, dass sie mir helfen können. Ich glaube, dass ein Mensch, der eine starke Ausstrahlung hat, manchmal für andere auf einem Podest steht und dass es allen Beteiligten gut tut, wenn dieser „starke“ Mensch sich menschlich zeigt. Das ist auch ein Grund, warum ich mittlerweile mit vielen Menschen sehr offen über meine Probleme spreche. Ich selbst empfinde Menschen als stark, die über ihre Schwierigkeiten offen reden können, die sich nicht als unantastbar darstellen.

„gute“ hilfe

Interessant in diesem Zusammenhang ist für mich, wie eine gute Hilfe aussieht. Wenn man so wie ich gerade bettlägerig ist, ist eine ganz praktische Unterstützung wichtig. Da braucht man jemanden, der die Anziehsachen bringt oder die Zahnbürste oder das Essen macht. Dann gibt es aber auch Situationen, wo ich in einer Krise stecke und jemanden zum Reden brauche. Diese Hilfe zu fordern und anzunehmen, finde ich noch schwerer. Mich interessiert, welche Hilfe wirklich wirkt in einer solchen Lebenssituation. Für mich selbst habe ich es häufig erlebt, dass ich gerade dann niemanden brauche, der mir ein Lösungspaket für meine Probleme anbietet. Ich kann auch nicht gut damit umgehen, wenn jemand mir in diesem Moment mit positivem Denken kommt. Eigentlich brauche ich dann jemanden, der einen Raum für mich öffnet, in dem ich so sein darf wie ich gerade bin. Ich brauche jemanden, der es aushält, dass ich grad nicht weiter weiß, der meine Schwäche und Verunsicherung zulassen kann. Und ich brauche jemanden, der Vertrauen ins Leben, in den Lauf der Dinge und vor allem in mich ausstrahlt. Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass jeder für sich selbst den Weg aus einer Krise finden kann. Aber es geht leichter, wenn ein anderer da ist, der begleitet, Rückmeldungen gibt und Vertrauen und Ruhe verbreitet.

Vertrauen in die Selbstheilungskräfte

Auch bei einer körperlichen Verletzung geht die eigentliche Heilung vom Körper selbst aus, der das mal besser und mal schlechter macht – je nachdem, wie gut er in seiner Heilung unterstützt wird. Es ist wichtig, dass ein Pflaster drauf ist, das schützt oder ein Gips, der stützt. Die eigentliche Heilungsarbeit, die Wiederherstellung der Haut oder das Zusammenwachsen der Knochen erledigt der Körper von ganz allein – ein Wunder, finde ich. Das ist ein Bild, das sich für mich auch in vielen seelischen Krisen, bewährt hat. Es braucht Begleiter, die sich selbst zurücknehmen und bei Bedarf zur Verfügung stellen, wenn ein Seelenpflaster oder ein Verband für’s Herz gebraucht wird. Eine seelische Wunde braucht oft länger in ihrer Heilung. Aber Heilung ist möglich, wenn ihr Zeit gegeben wird und wenn ein Vertrauen da ist, dass die Seele und das Herz sich wieder selbst regenerieren können und dass ein glückliches Leben auch nach einer längeren Krise oder einem schweren Ereignis möglich ist.

Meine Aufgabe

Für die nächsten Monate habe ich mir eine Aufgabe gestellt: ich übe, um Hilfe zu bitten. Und ich übe, zuzulassen, dass ich umsorgt und geliebt werde.

Ich bin durch meine Operation in einem Zustand, in dem ich nicht sehr viel allein machen kann. Zur Zeit liege ich im Bett und darf nicht aufstehen. Wenn mir etwas hinunterfällt, muss ich die Schwester oder meine Bettnachbarin bitten, mir zu helfen. Wenn ich in ca. 10 Tagen zu Hause bin, darf ich drei Monate nicht Auto fahren. Ich kann meine Strümpfe und Schuhe nicht allein anziehen. Ich darf mich nicht bücken. Für jemanden, der sonst alles allein macht, ist das schwer. Ich muss immer und immer wieder um Hilfe bitten, auch bei Dingen, die ich normalerweise mit einem Klacks selbst erledige. Ich muss mich bedienen lassen. Es ist ein großer Lernschritt, den ich vor mir habe.


Inspiration

„Letting yourself be loved“

„you can’t change the way she feels,
but you could put your arms around her“

Massive Attack – Protection from Rogerio Real on Vimeo.

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