Der Mütterthron Ein Rant

InAlleinerziehend, Muttermythos, Partnerschaft, Trennung, Vereinbarkeit
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Heute morgen las ich einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem gefordert wird, dass die Mütter von ihrem Thron gestoßen werden sollten. Interviewt wurde die Autorin Jeannette Hagen, die ein Buch über ihr Leid als verletzte Tochter mit abwesendem Vater geschrieben hat.

Ich kann ihr darin folgen, dass es schwierig für Kinder sein kann, ohne Vater aufzuwachsen und dass Kinder sehr darunter leiden können. Es kann traurig sein, wenn Jungen oder Mädchen keinen Kontakt zu ihren Vätern haben und unter – wie Hagen es nennt – Vaterentbehrung leiden. (Meine Betonung liegt hier bewusst auf “kann”.) Ich kann ihr aber nicht mehr folgen, wenn sie im weiteren Verlauf des Interviews mehr und mehr den Fokus auf die Mütter legt, die angeblich den Kindern nach einer Trennung den Vater entziehen und die Kinder angeblich überbehüten. An dem Punkt, wo sie dann beginnt zu fordern, den Unterhalt zu entziehen, wenn kein Umgang stattfindet, werde ich richtig wütend. Denn: die Mütter sollen bestraft werden, wenn sie – angeblich – den Umgang verweigern. Wenn die Väter sich aber nicht kümmern – was nur am Rande erwähnt wird – hat dieses Fehlverhalten keine Folgen. Das ist dann einfach nur schade und da kann man nichts machen.

Liebe Frau Hagen, liebe Süddeutsche Zeitung,

ich habe da für Ihre meiner Ansicht nach sehr einseitige Darstellung ein paar Denkanstöße:

Bitte lesen Sie mal diesen und diesen Artikel von Jochen König zu dem Thema – einem äußerst engagierten Vater.

Ich gebe meinen Thron, auf dem ich als alleinerziehende Mutter angeblich sitzen soll, gern an einen sich wirklich kümmernden Vater ab. Ich muss nicht heruntergestoßen werden. Ich räume ihn freiwillig, weil mir sehr bewusst ist, wie sehr wir Mütter selbst unter dem Muttermythos in Deutschland leiden (siehe #regrettingmotherhood). Ich bin mir aber sicher, dass nur wenige Väter Plätze tauschen und diesen Thron besetzen wollen. Meine Erfahrung ist: wenn sie den Thron angeboten bekommen, schlagen sie ihn aus, weil dieser Thron mitsamt Krone dann doch zu anstrengend ist. Er heißt nämlich: nächtelang wachgehalten werden, keine Hoheit über den Tagesablauf, 24/7 Fremdbestimmtheit (trotz Thron), wenig Kohle (trotz Alleinherrschaft), Sportprogramm nur in äußersten Ausnahmefällen und keinen Feierabend. Liebschaften mit neu hinzugezogenen Prinzessinnen sind ebenfalls äußerst schwierig, weil man einfach keine Zeit hat. Und nicht jede Frau empfindet sich als Königin, wenn sie als Mutterersatz umfunktioniert wird, die dann dafür wieder auf dem Thron sitzen darf. Stiefmutter genannt zu werden und in dieser Rolle ihr Glück zu finden, ist nicht für jede sexy.

In einer überwiegenden Anzahl der Trennungs- und Scheidungsfälle bleiben die Kinder bei der Mutter und das nicht, weil die Mutter es sich nicht anders vorstellen kann (ich selbst habe übrigens nach der Trennung meiner Eltern beim Vater gelebt).

Die Väter – oh Staunen – haben trotz Trennung in den meisten Fällen nach wie vor die Möglichkeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. Das ginge durchaus in vielen Fällen auch häufiger und sogar mit Kusshand der Ex öfter als alle 14 Tage. Komischerweise nehmen diese Chance nur wenige Väter wahr. Aber klar: das liegt natürlich einzig und allein an den Müttern.

Es soll Väter geben (nicht allzu wenige), die weder Lust haben sich zu kümmern, noch Lust haben den in vielen Fällen lächerlich geringen monatlichen Mindestunterhalt an ihre Kinder zu zahlen. Das Geld steht nämlich den Kindern zu. Ob es ihren Kindern damit schlecht geht, interessiert erstaunlich wenige Väter. Manchmal muss man sie sogar per Gerichtsurteil zum Unterhalt zwingen, wobei das nicht häufig getan wird und selten gelingt. Seltsam. Zum Umgang kann man die armen Väter aber nicht zwingen. Wo kämen wir denn da hin. Sie sind ja trotz Nachwuchs freie Menschen. Schlimm, dass sie von den Müttern (und ihren Kindern) immer so drangsaliert werden.

Es soll Kinder geben, die ohne Vater sehr glücklich sind und selbst kein sonderliches Interesse an “Umgang” haben. Wenn sie das äußern, liegt das natürlich wieder … na, an wem wohl … an den Müttern. Bitte führen Sie sich doch dazu mal diese und diese Seite zu Gemüte und lesen Sie mal dieses Buch. Kinder dürfen übrigens auch gegen ihren Willen zum Umgang gezwungen werden. Ist ja klar, dass Kinder überhaupt nicht wissen, was ihnen gut tut und dass der Vater auf jeden Fall wichtig ist – ganz egal, wie er sich verhält oder verhalten hat.

Das Thema Macht und Machterhalt ist in hochstrittigen Fällen vor dem Familiengericht häufig ein Motiv der Täter der Väter. Sie wollen den Thron – aber nicht, weil sie ihre Kinder so sehr lieben und weil sie es so schön finden, sich intensiv um ihre Kinder zu kümmern. Meist geht es hier um die Macht an sich und um das Fortführen einer Gewaltbeziehung mit juristischen Mitteln.

Überbehütung ist übrigens als alleinerziehende Mutter äußerst schwierig. Wußten Sie das schon? Also keine Sorge.

Ich würde mich sehr freuen, wenn diese Thematik mal wieder häufiger in unseren Medien zu finden wäre. Denn: es ist auch 2015 die Realität. Leider ist es momentan en vogue, die armen Väter zu bemitleiden und den Müttern für das Verhalten und Fehlverhalten der Väter die Verantwortung zu geben. Wer am Ende unter all dem Selbstmitleid und dem Macht- und Thronwunsch am meisten leidet sind aber die Kinder.


 

Der #Mütterthron ist auf Reisen gegangen und hat viele erreicht. Manche haben auch einen eigenen Beitrag geschrieben:

Alexandra Widmer von Stark und Alleinerziehend schreibt über die Vaterentbehrung und die Machtlosigkeit der Mütter, wenn der Vater sich nicht kümmert.

Köpfchenchaos schreibt über die bitteren Realitäten und einen Vater, der nicht da ist. Sie möchte die Verantwortung für den Vater und den #Mütterthron ebenfalls nicht haben.

Das Nido-Magazin hat meinen Beitrag in seine Links der Woche aufgenommen.

Auch Mamamotzt will den Mütterthron nicht haben und zerlegt ihn auf dem Boden der Tatsachen. Sie erlebt seit Jahren einen Vater, der sich nicht kümmert, keinen Unterhalt zahlt und sie trotzdem vor dem Jugendamt wegen Kindesentzugs anschwärzt und auf seine Rechte pocht.

mutterseelesonnig schreibt einen Nachklapp, in dem sehr deutlich wird, worum es häufig geht: um Macht und Machtmissbrauch. Dabei hat sie als Mutter gar kein Interesse an Macht. Sie möchte den Kindern mit ihrem Vater gemeinsame Zeit ermöglichen. Der Vater unterstellt ihr aber Machtmissbrauch und ein Verfügen über seine Zeit. Das Ende vom Lied ist: sie verabschiedet sich davon, sich für das Verhalten des Vaters zuständig zu fühlen.

Idioten gibt es auch auf dem Mütterthron schreibt Dreimaedelhaus. Sie kennt eine Mutter, die dem Vater das Leben schwer macht. Sie wundert sich aber, wo denn die ganzen restlichen Mütter sein sollen, die auf ihrem Thron herumsitzen. Denn ihrer Erfahrung nach ist es nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

2kindchaos hat mich aus Anlass dieses Artikels interviewt über den Mütterthron und die Motive für die Phoenix-Frauen.

Schreibt weiter. Denn es ist wichtig, dass die Realitäten rund um die Vaterentbehrung einen Ausdruck finden.


Bild: Pixabay, tpsdave