Der Schmerz der Männer Ein Exkurs

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In den letzten Tagen habe ich mich intensiv mit Maskulisten-Seiten auseinandergesetzt. Ich war sozusagen auf Feindesland, wenn man es aus der Perspektive dieser Seiten betrachtet. Man mag fragen, warum ich mir das antue, denn es tut mir körperlich weh, diese Seiten zu lesen. Dennoch möchte ich verstehen, welche Haltung hinter diesem Hass steckt, der regelrecht aus jedem einzelnen Wort und jedem Bild sprießt. Die Ohnmacht und der Schmerz, der hinter diesem Hass zu spüren ist, scheint bodenlos. Gleichzeitig entsteht aus dem gemeinsamen Ergötzen an niederträchtigem Hass und menschenunwürdiger Sprache eine Gemeinschaft. Und wenn man noch tiefer einsteigt, ist es einfach nur noch traurig.

Da sitzen scheinbar Männer, die sehr viel Zeit haben (oder sich diese Zeit nehmen), irgendwo vor einem Computerbildschirm oder an ihrem Smartphone und kompensieren ihren Schmerz, den sie in irgendeiner Form durch Frauen erlitten haben, durch Hass. Dieser Schmerz leuchtet auch in manchen Kommentaren auf. Es sind Männer, die von Frauen verlassen wurden, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, die sich nur noch als Zahlväter auf’s Abstellgleis befördert fühlen. Die Beziehungen, die sie beschreiben, handeln von Frauen, die offenbar im klassischen Weibchen-Schema leben wollen: der Mann hat das starke Männchen herauszukehren, für allerlei Annehmlichkeiten zu sorgen und zu zahlen, die Frau empfängt wie eine Prinzessin, sie lässt sich schwängern oder sogar ehelichen und hat den Mann damit an den Eiern. Wenn der Mann es dann nicht mehr bringt, wird er entsorgt, das Kind wird mitgenommen und er muss zahlen bis an sein Lebensende.

Interessant ist für mich, dass diese Männer dann aber nicht ihr Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit in Frage stellen, nachdem sie so niederschmetternde Erlebnisse mit der klassischen Rollenverteilung gemacht haben. Statt zu benennen, wie erniedrigend dieses Schema auch für sie ist, scharen sie sich wie die Schmeißfliegen um den vermeintlichen Kothaufen: den Feminismus.

Sie haben mit Frauen, die sich in keinster Weise feministisch verhalten, schlechte Erfahrungen gemacht. Die Zielscheibe und das Feindbild sind aber Frauen, die feministische Ansichten vertreten, über schädliche Geschlechterbilder schreiben, Gewalt an Frauen benennen oder Alleinerziehende unterstützen. Es werden engagierte Alleinerziehende als Hassobjekt auserkoren, die alles für einen guten Vaterkontakt tun, aber vom Vater der Kinder im Stich gelassen wurden. Es wird darüber philosophiert, wie man Unterhalt prellt und gleichzeitig wird Frauen in den Hintern getreten, die – alleingelassen mit den Kindern – keinen auskömmlichen Job mehr finden und stattdessen prekär freiberuflich arbeiten. An diesen Frauen kann sich dann der gesamte Hass in widerwärtigster Form entladen. Die Community ist tagelang damit beschäftigt, ihren Hass weiter zu pflegen und zu schüren wie kleines Feuerchen, das man gern zum Flächenbrand ausweiten möchte. Das Zielobjekt wird zerlegt und zerfleischt wie von einem gierig-hungrigen Wolfsrudel, das sich nach Rache und Genugtuung sehnt und vor allem nach ganz viel (weiblicher) Aufmerksamkeit. Nachdem man sich dann ausgiebig an der vermeintlichen Erniedrigung geweidet hat, fährt man wieder in irgendeine Stadt und trifft sich mit jungen, hübschen Mädchen, die nichts im Kopf haben außer Prinzessin sein und vom Prinz auf dem weißen Roß abgeholt werden (nach möglichst viel Sex natürlich). Dafür werden teuerste Weihnachtsgeschenke gekauft, mit dem Porsche vorgefahren und der Penis frisiert. Und wieder geht das erniedrigende Spiel von vorne los.

Ich frage mich bei all der verschleuderten Energie, warum es keinen Ort zu geben scheint, an dem Männer miteinander über ihren Schmerz offen reden können, statt in Hass zu kompensieren. Wo gehen Männer hin mit diesem endlosen Schmerz, der ihnen offensichtlich von Frauen zugefügt wurde? Statt selbst einen Blog ins Leben zu rufen, der z.B. häusliche Gewalt an Männern und Jungen thematisiert, wird in Kommentarspalten von Blogs herumgepöbelt, die über Gewalt an Frauen schreiben. Statt selbst Hilfsangebote zu schaffen, wird gegen Frauen gehetzt und ausgerechnet der (falsch verstandene) Feminismus für all das Elend beschuldigt. Statt Gendernormen als behindernde Korsetts für alle zu sehen, wird sich auf angeblich natürliche evolutionsbiologische Unterschiede zwischen Mann und Frau berufen. Die Opferhaltung, die dem Feminismus gern vorgeworfen wird, zeigt sich spiegelbildlich in der Ausrichtung dieser Seiten.

Über Wut durch erlebtes und erlittenes Unrecht kann viel Konstruktives bewegt werden. Über Hass nicht. Hass ist einfach nur zerstörerisch. Es fühlt sich zwar geil an, aber es bewegt nichts. Die Zielenergie verpufft am Zielobjekt. Es wird sich aufgegeilt an der Zerstörung eines anderen Menschen. Aber etwas wirklich hilfreiches, das über den Hass hinausweist oder unter den Hass schaut, entsteht nicht. Man bleibt in seiner eigenen Hass-Suppe sitzen, weil es so schön warm ist, und sucht sich das nächste Mäuschen als Frau. Beziehung wird der Bequemlichkeit halber auf Sex reduziert, die Frau als Objekt gesehen und benutzt, aber dem eigenen Schmerz und der eigenen Sehnsucht wird sich nicht gestellt. Sollte das ein Mann z.B. in den Kommentaren wagen, wird er niedergemacht als Schlappschwanz und Naivling.

Eigentlich empfinde ich es sehr traurig und einsam an diesen Orten. Wenn die Wärme und die Gemeinschaft nur durch Hass entsteht, kann nichts Gutes wachsen. Menschlichkeit, Wärme, echte Beziehung und echte Gemeinschaft, nach der sich die meisten Menschen sehnen, bleibt auf der Strecke. Ein trauriges und verschwendetes Leben.

Ich würde mir wünschen, dass Jungen und Männer, die Hilfe suchen in ihrem Schmerz oder ihrer Ohnmacht, online Orte und Schutzräume finden könnten, an denen ihnen zugehört würde, an denen ihnen ihr Schmerz erlaubt werden würde, an denen sie sich gegenseitig unterstützen könnten, an denen sie wirklich ernstgenommen und mit menschlicher Wärme empfangen werden würden. Solche Orte werden dringend gebraucht und ich empfinde sie als echte Lücke. Wäre ich ein Mann, würde ich solche Ort schaffen.


Bild: Pixabay, PublicDomainPictures