Fremde Welt Exkursionen einer Alleinerziehenden

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Jedes Jahr fahre ich mit meinem großen Sohn – und inzwischen auch dem Kleinen – zum Straßenkarneval nach Köln. Der Große hat bis er 5 war in Köln gewohnt. Ich selbst fast 20 Jahre. Nun leben wir auf dem Land in Ostwestfalen. Hier gibt es zwar auch Karneval, aber es ist spürbar, dass dieses Fest hier keine Wurzeln hat. Es wirkt künstlich. In Köln ist Karneval wunderschön. Jeder feiert: vom Baby bis zur alten Dame und alle sind verkleidet – und das über Tage. Mein großer Sohn kann gar nicht verstehen, dass es hier in OWL Kinder gibt, die sich nicht verkleiden wollen. Besonders in den ersten Jahren hier hat er Karneval sehr vermisst. Und ich auch. Es ist mir fast peinlich, aber ich werde sentimental und habe Tränen in den Augen, wenn ich in der Karnevalszeit zufällig die kölschen Lieder im Radio höre. In diesen Momenten spüre ich, wie fremd ich mich hier fühle und wieviel Heimat mir Köln war und wie sehr mein Herz immer noch an dieser Stadt hängt. Aber die Lebensumstände haben es anders gewollt.

Wir treffen uns jedes Jahr mit einer Freundin und ihrem Sohn zu einem Veedelszoch. Das ist ein kleinerer Karnvalszug in einem der Kölner Stadtviertel. Es ist nicht so voll und die Stimmung ist besser. Außerdem ergattern die Kinder viel mehr Kamelle als auf dem Rosenmontagszug. Inzwischen ist diese Freundin mit ihrer gesamten Familie vor dem Zug zum Brunch bei Nachbarn eingeladen. Netterweise dürfen wir dort auch hinkommen, obwohl wir die Gastgeber gar nicht kennen.

Familien-Safari

So kam es, dass ich mich dieses Jahr – wie schon im letzten – allein mit meinen beiden Söhnen in einem großen Pulk “normaler” Familien wiederfand. Damit meine ich Familien mit Vater, Mutter, Kind(ern) in frischem Alter, also vielleicht Ende 20 / Anfang 30.

Im Nachhinein stellte ich fest, dass ich mich fühlte wie auf einer Exkursion. Es wurde mir schlagartig klar, dass mir dieses Leben innerhalb eines Jahres völlig fremd geworden war.

Ich konnte mir überhaupt nicht mehr vorstellen, dass da ein anderer Mensch ist, der mit mir die Verantwortung für meine Kinder trägt. Dass da jemand ist, dem man das Kind mal in den Arm drücken kann, oder der mit dem Kind zum Buffet geht oder auf die Toilette. Dass da jemand ist, der hinter mir steht, wenn ich “Nein” sage und der das mit unterstützt. Dass da jemand ist, der mich mal in den Arm nimmt. Dass da jemand ist, der sich mit mir über die Entwicklung unserer Kinder freut.

Umgekehrt beobachtete ich Situationen, wo Hilfe eingefordert wurde und der andere einfach nichts tat oder der andere sich nicht zuständig fühlte. Wo manche Väter einfach weiter entspannt Bier tranken und sich unterhielten, während die Mütter nebendran völlig gestresst mit ihren gemeinsamen zwei bis drei Kindern jonglierten. Wo Mütter sich über Väter aufregten, die aber einfach nicht verstanden hatten, was sie tun sollten. Oder wo das, was die Mutter grad vom Vater wollte, völlig übertrieben schien. Ich konnte mir auch nicht mehr vorstellen, dass ich Entscheidungen mit einem anderen Menschen abstimmen muss oder dass es Streit gibt wegen unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen.

Ich hatte mich daran gewöhnt, alles selbst zu organisieren und das meiste mit mir selbst auszumachen. Ich hatte mich auch daran gewöhnt, für alles selbst zuständig zu sein. Ich konnte keine Verantwortung mehr abwälzen, keine Aufgaben mehr verteilen, keine Hoffnung mehr auf ein wenig Entlastung am Abend oder am Wochenende entwickeln. Es gibt keine gemeinsamen Planungen und Koordinierungen mehr. Es müssen keine Anschaffungen gemeinsam kalkuliert werden, sondern man muss die allein stemmen. Es muss kein gemeinsamer Urlaub mehr organisiert werden und es gibt niemanden, der statt mir mit einem kranken Kind zu Hause bleibt. Den Weihnachtsbaum schleppst Du selbst, die Einkäufe ebenfalls und alles, was zu reparieren ist, machst Du. Übrig bleibt die Organisation der Besuchszeiten der Kinder und wenn man Pech hat jahrelange Auseinandersetzungen – gern auch vor Gericht – über Umgangsrecht, Sorgerecht und Unterhalt.

Es ist ein völlig anderes Leben, in das man sich als Alleinerziehende begibt. Man kann es nicht wirklich nachvollziehen, wenn man mal zwei Wochen ohne Partner ist. Man kann es auch nicht nachvollziehen, wenn man einen Partner hat, der nur am Wochenende zu Hause ist. Es ist ganz anders. Das liegt an dieser Endgültigkeit und Vollständigkeit. Es gibt keine Perspektive auf Entlastung. Die Entlastung kann man sich nur selbst organisieren.

Rosarote Schmerzen

An besagtem Tag beobachtete ich die anderen Familien fast emotionslos. Ich saß in diesem Raum wie eine Sozialforscherin und studierte das Leben der anderen. Ich glaube, dass das auch ein Training ist, denn am Anfang meiner “Karriere” als Alleinerziehende gab es Beobachtungen, die mir höllisch weh taten. Das waren diese klassischen Heile-Familien-Bilder aus der Werbung. In dieser Zeit beobachtete ich andere Familien nur durch eine rosarote Brille und sah das, was mir fehlte.

Ich habe erfahren, dass auch für andere Menschen, die aus dem Standard-Familienmuster ausgebrochen sind oder herausgeworfen wurden, diese Bilder extrem schmerzhaft sein können. Schließlich begegnen uns das tagtäglich auf Werbeplakaten, im Fernsehen und dann natürlich real am Wochenende auf dem Spielplatz, im Freizeitpark oder bei Veranstaltungen mit Kindern oder im Urlaub.

Was tut da so weh?

Ich glaube, am Ende tut vor allem das Bild weh, nicht die Realität. Die Realität des Bildes wiederum hat es bei mir so nie gegeben. Das, was ich mir als schönes Familienleben vorgestellt habe, habe ich so fast nie erlebt. Die Realität war eine ganz, ganz andere. Das zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich denke mittlerweile, dass ich nur einigermassen glücklich werden kann, wenn ich mich von diesen mächtigen Bildern verabschiede und sie nicht mehr so tief in mich hineinlasse.

Ich sehe es für mich selbst inzwischen als Vorteil, dass es für mich keinen Weg zurück gibt in eine klassische Familie oder eine harmonische Patchworkfamilie. Seit ich diesen Traum losgelassen habe, kann ich viel freier denken und fühlen. Ich wehre mich inzwischen gegen die Macht der Bilder. Ich stelle sie in Frage. In dem Moment, wo sie mich innerlich angreifen wollen, zwinge ich mich, mich an die Realität zu erinnern.

Reality bites Harmony

Diese Realität sah zum Beispiel so aus, dass ich sowieso schon die meisten Unternehmungen mit den Kindern allein gemacht habe. Oder die sah so aus, dass ich keinen einladen wollte, weil ich niemandem unsere schlechte Stimmung zumuten wollte. Oder die war so, dass jeder Urlaub ein Spießrutenlauf war und bei fast jedem gemeinsamen Essen dunkle Wolken über dem Tisch schwebten und ich verzweifelt versuchte, sie beiseite zu pusten und Ruhe und Harmonie herzustellen. Oder die war so, dass mit meinen Kindern herablassend umgegangen wurde oder dass es wegen jeder Kleinigkeit schlimmsten Streit gab und weitere Steigerungen, die ich hier nicht nenne. Alles in allem war es für mich furchtbar anstrengend und ich war lange nicht mehr glücklich. Ich wollte verzweifelt ein glückliches Bild malen und gab dafür mein letztes Hemd, aber es gelang mir nicht.

An dem Abend der Trennung habe ich mich von den Schein-Bildern der harmonischen Familie verabschiedet. Ich habe sie alle nacheinander losgelassen wie bunte, aber leere Luftballons. Ich wusste genau, in welche Realität ich mich mit diesem Schritt begeben würde und in welche Realität ich die Kinder mitnehmen würde, schließlich hatte ich schon eine Trennung mit Kind hinter mir. Aber ich fühlte, dass es keine Alternative gab.

Seit diesem Schritt bin ich kaum noch traurig gewesen. Vielleicht habe ich es mir auch einfach nicht erlaubt, ich weiß es nicht. Aber ich denke, warum soll ich traurig sein? Ich habe mich entschieden. Jetzt muss ich mit dieser Entscheidung leben. Das Gute an meinem Leben als alleinerziehende Mutter ist, dass ich keine Zeit habe, mich in meinem Selbstmitleid zu baden. Jeden Morgen muss ich aufstehen und den Tag mit den Kindern angehen und gestalten. Meine Erschöpfung und Müdigkeit gestehe ich mir zu, auch mein Genervtsein. Aber Traurigkeit?

Ich kann vielleicht traurig sein darüber, dass meine Träume eines harmonischen Familienlebens nie Realität wurden. Inzwischen weiß ich aber gar nicht mehr, ob es das überhaupt so gibt. Ich denke schon, dass es eine ganze Reihe von Paaren gibt, die glücklich miteinander leben und ein schönes Familienleben zusammen haben. Das, was ich aber bei vielen sehe ist, dass z.B. oft von einer Seite sehr, sehr viele Opfer gebracht werden oder auch, dass der Realität nicht in die Augen gesehen wird.

Et is wie et is

Früher habe ich viel meditiert. Besonders angetan hat es mir die Vipassana-Meditation. In ihr geht es darum, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind: wandelbar, ständig in Veränderung. Für mich selbst habe ich inzwischen erkannt, dass es auch darum geht, die Realität des eigenen Lebens so zu sehen wie sie wirklich ist. Das kann erstmal ganz ohne Urteil geschehen. Die Dinge sind so wie sie sind. Ein Problem entsteht erst in dem Moment, wo die Situation bewertet wird. Die Bewertung als gut oder schlecht lässt in Folge gute oder schlechte Gefühle entstehen.

Wenn ich es in sehr kurzen Momenten schaffe, die Situation einfach als das zu sehen, was sie ist, als einen Zustand, der sich ständig wandelt, kann ich mich für die Realität öffnen. Ich habe dann das Gefühl, dass ich wirklich sehen kann. Das ist überhaupt nichts magisches. Es ist einfach ein Öffnen für den Moment. Als würde ich einen Schleier beiseite schieben – einen Schleier von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und fixen Ideen. Das ist auf ganz viele Lebenssituationen anwendbar. Wenn es mir gelingt, kann ich mich ganz eigenen, frischen und neuen Standpunkten und Ideen öffnen.

Ich glaube, dass diese Veränderung der Perspektive eine große Rolle dabei spielt, ob ich mich nach einer Trennung wirklich frei machen kann oder ob ich jahrelang den Trugbildern nachtrauere. Ich glaube inzwischen auch, dass dieses Betrachten der inneren und äußeren Bilder für viele Dinge im Leben sehr wichtig ist. Es ist auch im Umgang mit anderen Menschen und mit Kindern wichtig, denn vieles denke ich nur in sie hinein, ohne das es wirklich deren Erleben und Fühlen entspricht.

Warum denke ich überhaupt (und mit mir viele andere Alleinerziehende), dass mein Leben jetzt eine Mangelsituation oder ein Scheitern ist? Oder warum lasse ich zu, dass andere das denken? Was vermittle ich meinen Kindern, wenn ich so denke? Sind sie wirklich so unglücklich mit unserer Lebenssituation? Denn: Tatsächlich war unsere vermeintlich heile Familiensituation nicht heil, sondern giftig. Die Realität innerhalb dieser Familie hatte in mir ein Mangelgefühl ausgelöst. Und das war kein Mangelgefühl aus Genusssucht.

Ich kann heute besser verstehen, warum mir manches im Leben anderer Menschen immer fremd bleiben wird. Ich traue den Bildern nicht. Mich irritieren Fassaden. Wenn alles so perfekt sauber, freundlich und nett aussieht, möchte ich wissen, wo die Leiche im Keller liegt. Vielleicht ist das falsch. Vielleicht gibt es auch so perfekte und glückliche Familien ohne Leiche im Keller. Vielleicht habe ich einfach zu viele schlechte Erfahrungen gemacht und kann nicht mehr an die Unschuld und das reine Glück glauben.

Gleichzeitig bin ich sehr fasziniert, wenn mir eine glückliche Familie begegnet. Ich schaue mir ihre Codes an, ich versuche zu erfühlen, wie sie sich fühlen. Ich frage mich, wie sie so werden konnten, welche Bedingungen zu einem solchen Leben führen. Und ich freue mich auch einfach. Ich denke: schön, es scheint doch möglich zu sein!

Und DANN werde ich doch mal traurig, weil mir scheinbar einfach manche Skills und Erfahrungen fehlen, um ein solches Leben zu leben und dass dieser Zug für mich und meine Kinder in diesem Leben endgültig abgefahren ist. Ansonsten bin ich glücklich, dass ich mich freigekämpft habe aus meinen inneren Bildern und aus einer ungesunden Beziehung und dass ich jetzt vor allem schaue, dass es mir selbst und meinen Kindern gut geht – auf unsere ganz eigene Art und Weise.