„Ja, aber nicht alle Männer“ Wie #Derailing zum Schweigen bringt

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Nach den aufregenden ersten Wochen dieses Jahres, in denen anfangs kurz über (sexuelle) Gewalt an Frauen geredet wurde, um später dann umso länger über die schlimmen, gewalttätigen Flüchtlinge zu lamentieren und zu “popularisieren”, ist nun wieder Ruhe eingekehrt. Die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln wurden genutzt, um ein menschenunwürdiges Asylpaket 2 auf den Weg zu bringen, über die Schließung von Grenzen nachzudenken und einen Pakt des Teufels mit der Türkei zu schließen. Ein zweites Aufbäumen gab es dann, weil sich Pickup-Artists in mehreren großen europäischen Städten treffen wollten. Nun ist wieder Ruhe und das Gras wächst hoch und höher über den tagtäglich verübten Gewalttaten an Frauen.

Vor einigen Tagen hatte ich eine längere Diskussion auf Twitter, die durchaus typisch ist für das, was geschieht, wenn Frauen beginnen über Gewalt, die von Männern ausgeübt wurde, zu sprechen. Sexuelle und häusliche Gewalt an Frauen geht zu einem überwiegenden Teil von nahestehenden Männern aus. Dass eine Frau auf der Straße angegriffen wird, ist seltener. Aber verbale Belästigungen und Bedrohungen hat wohl schon jede Frau mindestens einmal in ihrem Leben erlebt, und zwar von Männern.

Wenn Frauen genau das beschreiben und über ihre Erfahrungen sprechen, kann man sich 100% sicher sein, dass früher oder später ein Mann kommentiert mit: “Ja, aber es gibt auch gewalttätige Frauen” oder “Ja, aber es gibt auch Gewalt gegen Männer” oder “Ja, aber nicht alle Männer sind so”. Ein Gipfel einer solchen Diskussion kann dann erreicht sein, wenn Frauen beginnen sich mit Männern zu solidarisieren und schreiben “Ich steige hier aus. Dieser Männerhass ist ja furchtbar!”

Was hier nicht verstanden wird ist, dass das mit Männerhass überhaupt nichts zu tun hat und dass diese Art der Diskussion überhaupt nicht weiterführt und hintenrum die betroffenen Frauen zum Schweigen bringt. Plötzlich muss eine Grundsatzdiskussion geführt werden, ob man überhaupt darüber reden darf, dass hauptsächlich Männer gegen Frauen gewalttätig werden. Man soll auch bitte aufpassen, wie man das ausdrückt und bitteschön nicht den Stolz und die Ehre aller redlichen Männer verletzen. Und außerdem soll man bitte bedenken, dass auch Männer Opfer von Gewalt werden. Wenn man das in der Beschreibung eigener Erlebnisse nicht tut,  unterstelle man damit gleichzeitig, dass Männer KEINE Gewalt erleben.

Die Rechnung geht am Ende also so auf, dass man eine Männerhasserin ist, wenn man als Frau “rücksichtslos” und offen Gewalt beschreibt, die von einem Mann ausgeübt wurde. Warum einige Männer es als impliziten Vorwurf an sich selbst empfinden, wenn Frauen über männliche Gewalt sprechen, die sie selbst gar nicht verübt haben, ist mir ein Rätsel. Es wird sich scheinbar insgeheim mit den Geschlechtsgenossen solidarisiert, die es ja vielleicht eigentlich nicht so meinten und eigentlich gar nicht so sind und leider auch nichts dafür konnten, dass ihre Triebe mit ihnen durchgingen, weil ja die Frau auch ihren Anteil an der “Sache” hatte. Eine volle Verantwortung beim männlichen Täter möchte man offensichtlich als Mit-Mann nicht sehen und schiebt stattdessen Frauen in die Schuhe, dass sie ihren Opferstatus zelebrieren. Die Solidarität mit Geschlechtsgenossen steht hier also über einem realistischen Blick auf verübtes Unrecht.

Ich glaube, kaum eine Frau ist so einfältig, dass sie alle Männer über einen Kamm schert. Dennoch kann sich keine Frau sicher sein, ob der Mann, an dem sie gerade nachts vorbeigegeht oder der Mann, den sie gerade kennengelernt hat oder sogar der Mann, der das Bett mit ihr teilt und mit ihr zusammenlebt, nicht übergriffig oder gewalttätig gegen sie wird. Gern kommt hier das Argument, dass die Frau sich den Mann ja selbst ausgesucht hat. Es kommt auch gern das Argument, dass die Frau eben besser aufpassen sollte und keine falschen Signale an einen Mann aussenden sollte.

Im Zusammenhang mit dem Vergewaltigungslegalisierungsvorstoß des bekannten Pickup-Artist-Trainers (den ich hier bewusst nicht benenne und verlinke) habe ich mir vor zwei Wochen einen Artikel durchgelesen (den ich hier bewusst ebensowenig verlinke), in dem genau das thematisiert und überlegt wird: Wenn Frauen überall mit einer Vergewaltigung rechnen müssen (außer zu Hause, wo es übrigens am meisten passiert), werden sie sicherlich vorsichtiger sein und nicht mit JEDEM dahergelaufenen Mann nach Hause gehen. Der Umkehrschluss ist: Wenn sie das allerdings tun, sind sie selbst Schuld und haben es wohl nicht anders gewollt. Natürlich steht das nicht genauso in dem Artikel drin, aber hintenrum ist es genauso gemeint, was auch in der Twitter-Diskussion deutlich wurde. Als ich dann schrieb, dass Frauen so oder so schon überall mit Übergriffigkeiten rechnen müssen und versuchen, sich entsprechend zu wappnen, dass das überhaupt nichts Neues ist und dass das Ausmaß an Vorsicht und Angst wahrscheinlich für Männer nicht vorstellbar ist, kam prompt, dass ich damit unterstelle, dass Männer keine Angst hätten und keine Gewalt erleben. Häh? Als ich noch hinzufügte, dass man leider Männern nicht ansieht, ob sie zu Gewalt neigen und dass z.B. jede Frau in einer Gewaltbeziehung landen kann, kam das Argument, dass er eine Sozialpädagogin kennt, die genau weiß, welche Frauen gewalttätige Männer anziehen.

Liebe Männer, worum geht es hier? Es geht überhaupt nicht darum, Euch auf den Schlips zu treten. Es geht nicht darum, jeden Mann zu verurteilen. Es geht auch nicht darum, aus jeder Frau ein hilfloses Opfer zu machen wie es im Rahmen dieser ermüdenden Diskussionen dem Feminismus gern unterstellt wird. Es geht hier einzig und allein darum, Erfahrungen von Frauen Raum zu geben, zuzuhören, mitzufühlen und sich zu empören, in welchem Ausmass diese Gewalt möglich ist. Es geht darum, die Realitäten tagtäglicher Gewalt von Männern gegen Frauen zu benennen. Und dass auch Männer Gewalt erleben – auch von Frauen – relativiert diese Gewalt nicht und legitimiert nicht, die Überlebenden männlicher Gewalt zum Schweigen zu bringen. Was tut so weh daran, wenn offen über männliche Gewalt gegen Frauen gesprochen wird? Warum solidarisieren sich viele Männer scheinbar lieber in ihrem Schweigen, statt miteinander und mit Frauen darüber zu sprechen, was sie tun können, dass das nicht mehr geschieht und dass sich alle sicherer fühlen? Warum möchte niemand hinsehen, warum diese Gewalt überhaupt stattfindet und so weit verbreitet ist? Warum muss immer und immer wieder an den Zahlen gedreht, die Statistiken verleugnet und das alles als Marginalie hingestellt werden?

Wenn Gewalt benannt wird, die hauptsächlich von Männern ausgeübt wird, werden selbstverständlich nicht alle Männer beschuldigt. Umgekehrt können alle Männer darüber nachdenken, was jeder einzelne selbst dazu beiträgt, dass ein gewaltfreundliches Klima entsteht, dass Gewalt und Übergriffe gegen Frauen unter Männern verharmlost werden und was es mit ihnen selbst macht, wenn Gewalt als männlich empfunden wird.  Interessanterweise sind es genau die Männer und auch Frauen, die solche Artikel und Kommentare schreiben, die gleichzeitig auch Artikel und Kommentare schreiben, dass das mit dem Gender alles Gaga ist und mit dem Feminismus sowieso und dass sich doch am Ende alle Frauen nach einem starken Urzeittypen sehnen, wenn sie mal ehrlich sind. Ich unterstelle jetzt mal, dass da insgeheim ein Wunsch ist, dass alles wieder beim Alten landet und man das mit der Freiheit und Selbstbestimmung bitteschön irgendwo verbuddelt, weil es einfach zu unbequem ist.

Natürlich und “artgerecht” ist doch, dass der Mann der große und starke Jäger und Ernährer ist und die Frau die schwache und mitfühlende Versorgerin und dass die Kinder in einer schönen Standardfamilie mit Vater, Mutter, Geschwisterkind leben und am besten noch irgendwo auf dem Bauernhof. Bitte, können wir dahin mal zurückkehren (auch wenn es das so nie gegeben hat)? Bitte, können jetzt auch mal endlich alle aufhören immer und immer wieder über diese (sexuelle) Gewalt zu sprechen? Das ist doch einfach nur geschmackos und ekelhaft und am Ende haben sich diese Emanzen und Männerhasserinnen das sowieso nur ausgedacht oder haben es doch gar nicht anders gewollt. Dann brauchen wir jetzt auch nicht mehr drüber reden und schreiben, weil das macht ja keinen Spass und tut nur weh, weil dann alle über ihre verinnerlichten Mythen und Traumbilder von Geschlecht, Partnerschaft und Familie nachdenken müssen. Es müssen dann auch alle mal genau darüber nachdenken, wie sie letztens mal wieder weggeguckt haben, als es einer Frau an den Kragen ging oder wie sie sich beteiligt haben an einem verachtenden Scherz oder wie sie ihren Söhnen vermittelten, wie ein richtiger Mann sein muss und wie man die “Schnalle” rumkriegt.

Alles in allem bin ich so müde von diesem Geschlechterkampf und verstehe es auch nicht wirklich. Die Kämpferei könnten wir uns alle sparen, denn sie führt zu nichts, außer lautem Herumgeschrei. Übertönt wird dabei, was unter all dem Geschrei immer und immer weiter ignoriert wird und trotzdem geschieht: Gewalt gegen Frauen, verübt von Männern.


Bild: Pixabay, Skitterphoto