„Das hast Du in Dein Leben gezogen.“ Spirituelles #Victim-Blaming

InBeziehungsgewalt, Klartext, Partnerschaft, Victim-Blaming
herunterscrollen

 

In meiner Facebook-Timeline lese ich einiges von Menschen, denen eine spirituelle Ausrichtung wichtig ist. Auch ich habe mich lange mit Spiritualität beschäftigt und es war mir wichtig und hat mir geholfen. Aktuell eher nicht. Ich würde sagen, ich bin in der Realität angekommen, komme damit zurecht, dass ich vieles nicht erklären kann und komme damit zurecht, dass es eine ganze Menge Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen im Leben gibt, die einfach nur Sch*$&# sind. Ich habe mir meine eigene Form der Spiritualität bzw. Lebenseinstellung zurechtgestrickt aus vielen Erfahrungen, die ich gemacht habe und aus vielem, das ich gelesen habe und das sich für mich durch meine persönliche Lebenserfahrung als hilfreich herausgestellt hat. Das ist inzwischen mein Maßstab: Ist es hilfreich für mich? Erleichtert es mein Leben? Fühlt es sich stimmig an? Ist es ehrlich? Umgekehrt frage ich mich: Muss ich mich verbiegen? Muss ich etwas glauben und darf es nicht anhand eigener Erfahrungen überprüfen? Muss ich etwas “müssen”? Muss ich mich bedingungslos unterwerfen? Muss ich mich und mein Bauchgefühl verleugnen? Wird mir etwas unterstellt? Weiß jemand besser als ich selbst, was mit mir los ist?

In letzter Zeit lese ich bei manchen der besagten Menschen ab und zu Kommentare im Sinne von “Überleg mal, warum Du das in Dein Leben gezogen hast?”, wenn jemand ein Problem mit einem anderen Menschen beschreibt. Ich möchte Dir erklären, warum mich das nervt und warum ich inzwischen der Überzeugung bin, dass diese Haltung überhaupt nicht weiterhilft und Dir sogar schaden kann, wenn Du richtig schwierige Erfahrungen in Deinem Leben machst, z.B. eine Gewaltbeziehung oder eine schwere Krankheit oder auch chronische Schmerzen.

Warum sagt jemand so etwas? Welche Überzeugungen stecken hinter so einer Aussage?

Ich bin Gott oder Gott bestimmt mich

Grund 1: “Ich bestimme alles in meinem Leben selbst”
Hinter dieser Haltung liegt die Überzeugung, dass Du alles in Deinem Leben selbst bestimmen kannst und dass alles, was Du erfährst und alle Menschen, die in Dein Leben kommen, mit Dir selbst und Deiner inneren Ausrichtung zu tun haben. Interessant an dieser Haltung ist, dass von einer göttlichen Allmacht ausgegangen wird, die Du selbst über Dein Leben und damit auch über alle um Dich herum hast. Einerseits klingt diese Haltung nach Selbstbestimmung. Andererseits zeugt diese Haltung von einer selbstschädigenden Allmachtsphantasie. Mein Therapeut sagte mal zu mir, als ich mich wieder einmal in Schuldgefühlen badete: “Sind Sie Gott?” Diese Frage war für mich entscheidend, um die Schädlichkeit dieser Haltung zu verstehen. Nein, ich bin nicht Gott.

Grund 2: “Eine göttliche Macht bestimmt mein Leben.”
Das ist der Glaube an ein Schicksal, an Karma oder eine göttliche Macht, die Dir bestimmte Erfahrungen im Leben beschert, weil Du selbst bestimmte Fehler gemacht hast oder weil Du – angeblich – bestimmte Dinge lernen musst. Hört sich ja erstmal schön an. Diese Haltung klingt nach Glauben im weitesten Sinne – Glaube an einen Sinn von allem. Ich habe mir manchmal gewünscht zu meinem Glauben aus früher Kindheit und Jugend zurückzufinden, denn Glaube hilft und erleichtert. Wenn ich an eine Führung und einen Sinn glaube, kann ich manche schwierige Erfahrungen im Leben leichter ertragen. Umgekehrt kann ich – wenn ich an eine göttliche Führung und einen Sinn glaube – in Lebenssituationen stecken bleiben, die total schädlich für mich sind. Sekten arbeiten z.B. mit dieser Haltung: “Wenn Du nicht bei uns bleibst und alles für uns tust, wird Dich ein schreckliches Schicksal ereilen.” oder “Es ist Dir bestimmt, bei uns zu bleiben. Es ist Dein Schicksal. Du gehörst zu uns.” Auch in Gewaltbeziehungen können solche Äußerungen fallen: “Wir sind einander Schicksal” oder “Niemand anders kann mit Dir leben. Nur ich. Du bist für mich bestimmt.” Klingt romantisch, kann aber auch von einem ausgeprägtem Macht- und Kontrollwunsch sprechen, also von seelischer Gewalt.

Wie brutal und gnadenlos solche Einstellungen werden können wird deutlich, wenn man an Kinder denkt, die z.B. mit einer Behinderung zur Welt kommen oder die misshandelt werden oder die hungern, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort geboren werden. Bestimmen sie das auch selbst? Haben sie das auch selbst in ihr Leben geholt? Tatsächlich gibt es spirituelle Strömungen, die genau das vertreten. Es geht dann sogar so weit, dass behauptet wird, die Kinder hätten sich die Eltern und ihre Lebensumstände ja selbst ausgesucht. Sind sie dann selbst schuld, dass sie in schlechte Lebensumstände geboren werden oder gar misshandelt und missbraucht werden? Für mich hört hier der “Spaß” eindeutig auf. Wenn man mal tiefer hinter diese Aussage blickt, wird deutlich, dass hier eine Form von Schuldzuweisung stattfindet, die höchst perfide ist. Für mich ist das Victim-Blaming im spirituellen Deckmantel.

I’m human and alive, so Shit happens

Ich bin Mensch und ich lebe, also geschehen mir auch schlimme und schmerzhafte Dinge – Shit eben. Ich glaube, dass man einfach sehr viel Pech im Leben haben kann. Manche Erfahrungen, manche Begegnungen sind einfach nur furchtbar und daran bin ich nicht schuld.

Sie kommen über mich, weil ich vielleicht eine falsche Entscheidung getroffen habe. Diese Entscheidung habe ich aber getroffen, weil ich es zu dem Zeitpunkt einfach nicht besser wusste. Manche Erfahrungen, z.B. eine schwere Krankheit, Krebs oder – wie bei mir – eine Hüftdysplasie sind erblich oder Du bekommst sie einfach, weil Du sie bekommst, weil Du Pech gehabt hast. Manche Menschen, die in Dein Leben kommen, lässt Du aus gutem Willen eintreten, aus Vertrauen. Du lässt Nähe mit diesen Menschen zu aus einer Sehnsucht nach Liebe. Vielleicht hast Du auch in Deiner Kindheit schwierige Beziehungsmuster gelernt und empfindest daher eine destruktive Beziehung als vertraut und “richtig” – einfach, weil Du es nicht anders kennst oder weil Du es Dir nicht anders vorstellen kannst.

Es kann Dir auch geschehen, dass eine Beziehung einfach nicht funktioniert oder dass Dein Partner sich in eine andere verliebt – ohne bösen Willen und ohne dass Eure Beziehung vorher schlecht war. Er lernt eine andere kennen oder Du lernst einen anderen kennen, es macht “Zoom!” und Du kannst Dir nicht mehr vorstellen, ohne diesen Menschen weiterzuleben. Und schon steht eine Trennung im Raum. Auch da: Keiner ist schuldig. Es ist das Leben, das da einen Strich durch die Rechnung macht.

Und es kann jedem Menschen (JEDEM!) geschehen, dass er in einer Gewaltbeziehung landet – mit seelischer oder sogar körperlicher Gewalt. Das ist meine feste Überzeugung, da sich diese schleichend aus einer Liebesbeziehung entwickelt.

Menschen möchten dann so gern wissen, warum ihnen das jetzt gerade geschieht und warum es womöglich immer wieder “so dicke” kommt. Dahinter steckt wahrscheinlich der Wunsch, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen und endlich den Sinn hinter all dem zu verstehen, damit man damit seinen Frieden schließen kann. Man möchte nicht so sehr dem Leben und seinen Höhen und Tiefen ausgeliefert sein. Man möchte nicht so sehr leiden.

An diesem Punkt können durchaus Techniken helfen, die aus spirituellen Strömungen entstanden sind, oder die – sogar umgekehrt – in spirituelle Strömungen verpackt wurden, weil sie so hilfreich sind. Achtsamkeitstechniken, Meditation und Yoga können vielen Menschen – völlig unabhängig von irgendeinem Glauben – bei der Bewältigung schwieriger Lebenserfahrungen helfen. Es sind Techniken, die beim Umgang mit Gefühlen und Gedanken unterstützen und die in die Gegenwart und den Körper zurückholen, was bei traumatischen Erfahrungen sehr hilfreich sein kann. Nicht jeder mag das – klar. Viele gehen auch lieber laufen oder arbeiten im Garten oderoder. Manche finden auch Ruhe, Sinn und Frieden in ihrem Glauben. Das finde ich auch völlig in Ordnung, solange sie ihren Glauben nicht anderen Menschen als Begründung für deren schweres Schicksal “überstülpen”, weil jene vielleicht nicht “richtig” glauben oder weil jene das selbst in ihr Leben geholt haben.

Also bin ich nicht für mein Leben verantwortlich?

Doch! Ein eigenverantwortliches, selbstbestimmtes Leben ist trotz schlechter Erfahrungen (und sogar trotz mangelndem Glauben ;-)) möglich. Ich kann eine Menge für meine innere Heilung und für die Verbesserung meines Lebens tun. Ich kann auch daran arbeiten, nicht mehr in alte und ungesunde Denk- und Verhaltensmuster zu verfallen, die ich z.B. in meiner Kindheit gelernt habe, oder die ich mir angewöhnt habe, um schlimme Gefühle nicht fühlen zu müssen oder furchtbare Erinnerungen zu verdrängen. Ich kann sehr viel an meiner inneren Haltung tun und an den Botschaften, die ich mir selbst tagtäglich innerlich und höchstwahrscheinlich unbewusst vermittle. Wenn ich z.B. erkenne, dass ich immer wieder in destruktiven Beziehungen lande, kann eine Therapie hilfreich sein, um zu verstehen, warum das so ist. Ich kann lernen, mir selbst mein Glück mehr zu gönnen, was viele nicht gelernt haben. Ich kann lernen, mich wieder an einen anderen Menschen heranzuwagen, auch wenn ich ganz schlimme Erlebnisse in Beziehungen gemacht habe.

Schwierige Erlebnisse und Erfahrungen können auch eine neue Perspektive auf das Leben geben. Es kann sein, dass Du für vermeintlich kleine Dinge plötzlich Dankbarkeit empfindest. Es kann sein, dass Du demütiger wirst, wenn ein anderer von schwierigen Erfahrungen erzählt. Du urteilst nicht mehr so schnell. Es kann sein, dass Dein Leben Dir plötzlich viel wertvoller erscheint als vorher.

Ich glaube, für eine gute Bewältigung schwieriger Lebenserfahrungen ist es ganz besonders wichtig, freundlich zu sich selbst zu sein und sich selbst in all seinen Gefühlen ernstzunehmen und zu “erlauben”. Umgekehrt halte ich es für sehr wichtig, sich von Menschen abzugrenzen, die mir für alle schlimmen Erlebnisse meines Lebens die Schuld in die Schuhe schieben wollen. Ich unterstelle hier sogar, dass viele dieser Menschen eine solche Aussage machen, um nicht mehr mit mir über meine leidvollen Erfahrungen reden zu müssen. Es kann eine Form von Selbstschutz und Hilflosigkeit sein, weil einem einfach nichts vernünftiges dazu einfällt, wenn jemand so furchtbare Dinge erlebt hat.

Ich glaube als Gegenüber eines Menschen mit schwierigen Erfahrungen kann man einfach auch mal aushalten lernen zu schweigen und gar nichts mehr zu wissen. Man kann lernen, dass es oft nur darum geht, da zu sein und zuzuhören – ohne Ratschläge und gute Tipps. Es kann so hilfreich und erleichternd sein, wenn einer einfach nur sagt: “Ja, es ist schwer. Ich weiß. Ich bleibe bei Dir.”

Und wie das in diesem Video über Empathie so schön gezeigt wird: “I know what it’s down here. You’re not alone.”


Bild: Pixabay, Helena