Mutter-un-glück Ein Geständnis

InAlleinerziehend, Kinder
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Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung geht mir nicht aus dem Kopf. Ich möchte gern zu diesem Thema aus meiner eigenen Erfahrung schreiben, weil ich es so wichtig finde. Es geht darum, dass es Frauen gibt, die bereuen Mutter geworden zu sein. Für mich berührt das ein Tabu und die Reaktionen auf der Facebook-Timeline von Mama-arbeitet waren zum Beispiel entsprechend: viele schreiben, dass sie es nicht bereuen, Kinder zu haben, dass sie nicht zurückwollen, dass es doch so viele Möglichkeiten gibt, das Leben mit Kindern selbstbestimmt zu gestalten, so dass eigentlich gar kein Grund besteht, Reue zu fühlen. Auf meinen Hinweis, dass ich die Ambivalenz sehr gut kenne, erhielt ich aber erstaunlich viele “Gefällt mir”-Klicks ohne weitere Kommentare.

Eins vorweg: ich liebe meine Kinder.

Aber es gibt Momente, wo ich mir mein Leben ohne Kinder zurückwünsche und zwar aus vollem Herzen. Ich bin eine späte Mutter, konnte also ein Leben ohne Kinder 34 Jahre lang erleben. Ich habe mir auch nie wirklich ganz intensiv Kinder gewünscht oder mir das als wichtigen Lebensinhalt vorgestellt und erträumt und ich habe das auch nicht wirklich geplant. Sie sind so in mein Leben hineingeschlittert. Ich bin glücklich, dass sie da sind. Ich habe vieles gelernt über das Leben und über mich selbst. Aber ich kann mir durchaus nach wie vor ein Leben ohne Kinder vorstellen und es gibt Momente, wo ich wutentbrannt “im nächsten Leben keine Kinder” in mich hineinschnaube. Ich habe vollstes Verständnis für meine Freundinnen, die keine Kinder haben. Ich würde nie zu ihnen sagen, dass ich es schade finde, dass sie keine Kinder haben oder dass sie etwas verpasst haben. Ich genieße es, mit ihnen Frauen zu kennen, die mit mir nicht nur über Kinder reden.

Manchmal beneide ich sie um ihre Wochenenden und ihre Freizeit. Ich beneide sie darum, dass sie nur sich selbst zu verantworten haben und dass es dadurch auch nicht ganz so bedrohlich ist, wenn mal weniger Geld in der Kasse ist. Ich beneide sie darum, dass sie keine wichtigen Zukunftsentscheidungen für einen anderen Menschen treffen müssen, die sich dann vielleicht als Fehler herausstellen. Ich beneide sie darum, dass sie sich von ihrem Partner trennen können, ohne damit zusätzlich einem unschuldigen Kind das Leben zu verkorksen. Ich beneide sie darum, dass sie sich mit weniger Sorgen und Ängsten herumschlagen müssen. Ich beneide sie darum, dass sie sich nie so sehr am Rande ihrer nervlichen Belastbarkeit erleben müssen.

Mir war nicht klar, wie verletzbar ich werde dadurch, dass ich Mutter bin.

Die Macht meiner Liebe und die damit verbundenen Ängsten und Sorgen hat mich regelrecht umgehauen. Ich habe nicht mit so starken Gefühlen der Stärke und Schwäche gerechnet. Ich habe nicht geahnt, wie sehr mir Schmerzen eines anderen Menschen weh tun können und wie unerträglich es ist, wenn ich diesen Schmerzen nicht abhelfen kann.

Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass mich bisher nichts im Leben so sehr in Frage gestellt hat wie meine Kinder.

Das Leben mit meinen Kindern ist für mich eine konstante Herausforderung und ich erlebe mich häufig sehr schwach und auch unfähig und hilflos. Es gibt so viele Momente, wo ich einfach nicht weiter weiß. Inzwischen habe ich gelernt, das auszuhalten. Aber es war schwer. Ich dachte, dass Ratgeber mir helfen. Aber ich habe irgendwann festgestellt, dass ich lernen muss, mit einem hohen Mass an Hilflosigkeit bzw. Unwissenheit zu leben und es zu ertragen, dass ich mich durchwurschtele und improvisiere – mal besser, mal schlechter. Immer wenn ich dachte, “jetzt habe ich es”, kam eine neue Herausforderung und ich stand wieder da mit einem großen Fragezeichen. Dieses “Sie machen das intuitiv richtig” hat mir auch nicht weitergeholfen. Scheinbar habe ich keinen so guten Draht zu meiner Intuition.

Für mich heißt inzwischen Leben mit Kindern, meine Fehlbarkeit zu akzeptieren, die Unsicherheit zu ertragen und sie als Vorteil zu sehen, weil ich dadurch offen und lernfähig bleibe UND genügsam, gleichmütig und gelassen mit mir selbst zu sein.

Genauso wie ich manchmal meine kinderlosen Freundinnen beneide, beneide ich diese anscheinend so perfekten Mütter, die ihre Kinder mühelos ins Gymnasium jonglieren, mit tadellosem Benehmen ausstatten und alles immer perfekt im Griff und organisiert haben. Ich schaffe das nicht. Meine Kinder “funktionieren” nicht so. Es nagt an meinem Selbstbewusstsein und an meinem Leistungsanspruch. Andererseits finde ich es recht wohltuend, dass der Leistungsanspruch hier völlig fehl am Platz ist, da man es mit lebendigen Menschen zu tun hat und nicht mit optimierbaren Robotern. Inzwischen schaffe ich es auch immer besser, mich davon zu distanzieren, dass mir für jegliche “Auffälligkeit” meiner Kinder, die Schuld und Verantwortung in die Schuhe geschoben wird oder dass ich mir selbst die Schuld dafür gebe. Ich fühle mich sehr verantwortlich, aber es gibt auch Charaktereigenschaften oder Schwierigkeiten, die ein Kind offensichtlich mitbringt oder entwickelt, ohne dass es immer die Mutter Schuld ist.

Dennoch: es wäre mir schon manchmal lieber, wenn ich mich nicht im Spiegel sehen müsste mit einer so tiefen Wutfalte zwischen den Augenbrauen, einem extrem genervten Gesichtsausdruck, zerrauften Haaren und zwei Kindern im Hintergrund, die trotz Mamas peinlichem Wutanfall immer noch beste Laune haben und NICHT machen, was ich gesagt habe. Es wäre mir auch lieber, wenn ich einfach durchschlafen könnte, statt wach zu liegen wegen lauter Sorgen um meine Kinder, Gegrübel wegen der schulischen Leistungen oder Nichtleistungen und dem Nicht-mehr-wissen-was-ich-noch-tun-soll aber Denken-dass-ich-doch-was-tun-muss. Ich fände es auch wunderbar, wenn ich mal eine ganze Woche einfach nur meiner Arbeit widmen könnte oder mich fortbilden könnte, ohne mich um meine Kinder zu kümmern.

Und noch etwas: Es zieht mir in manchen Momenten die Schuhe aus, dass ich für viele Jahre in der Verpflichtung und Verantwortung für meine Kinder “gefangen” bin, dass ich aus der Nummer nicht mehr raus komme. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, der sich nicht so gern festnageln lässt. Mit meinen Kindern habe ich aber die nächsten Jahre meines Lebens in gewisser Hinsicht klar verplant. Ich weiß, dass man das ja vorher wissen sollte. Aber richtig geahnt was das heisst, habe ich erst, als ich damals die ersten Wochen mit einem Neugeborenen hinter mir hatte. Erst dann war mir klar, wie sehr dieser kleine Mensch von nun an mein Leben bestimmt, ob ich will oder nicht. Erst dann wurde mir klar, dass ein großer Teil meines bisher freien und ungebundenen Lebens endgültig vorbei war.

Ich habe immer wieder festgestellt, dass es für andere Frauen erleichternd war, wenn ich diese zwiespältigen Gefühle meiner Mutterschaft gegenüber geäußert habe. Ich glaube sogar, dass es sehr wichtig ist, mir diese Gefühle zuzugestehen. Ich komme generell nicht gut zurecht mit positivem Denken um jeden Preis, weil es sich für mich nicht ehrlich und wahrhaftig anfühlt. Ich finde nicht alles schön, was ich als Mutter erlebe. Ich gehe nicht voll in meiner Mutterrolle auf. Ich finde nicht nichts schöner, besser und toller als meine Kinder. Ich finde für mich selbst andere Dinge interessanter als Ostereier verstecken, Kindergeburtstagskuchen backen oder auf dem Spielplatz stehen. Ich genieße die wenige Zeit, die ich für mich allein habe und ich bin abends heilfroh, wenn die Kinder endlich im Bett (in ihrem eigenen) sind.

Ich kann mir immer noch ein glückliches Leben ohne Kinder vorstellen.

Dennoch oder vielleicht gerade deswegen genieße ich mein Kind, das sich morgens neben mich ins Bett kuschelt, freue ich mich über das Miterleben der Entfaltung dieses kleinen Erdenbürgers und empfinde es immer wieder und immer noch als Wunder, dass da plötzlich so eine Persönlichkeit vor mir steht, die vorher nicht da war und die ganz eigene Gedanken, Begabungen und Eigenheiten mitbringt. Ich freue mich über diese unbändige Lebensenergie und Lebensfreude, die sich morgens einfach anknipst und bis abends anhält in voller Intensität, Gegenwärtigkeit und Begeisterung, in tiefster Freude, tiefster Trauer und tiefster Wut.

Ich empfinde meine Kinder trotz aller Ambivalenz immer wieder als Geschenke des Lebens. Aber ich erlaube mir, diese Geschenke manchmal zum Mond zu wünschen.

#regrettingmotherhood

Mit dem umstrittenen Hasthag #regrettingmotherhood zieht das Thema momentan weite Kreise und inspiriert viele zu schreiben. Hier eine kurze Sammlung:

Beiträge:

Mama arbeitet über Kinder als ein bewusst entschiedenes Projekt der Lebens- und Selbsterfahrung

Mutterseelenalleinerziehend über eine Frau, die sehr jung Mutter und mit Kind erwachsen wurde

Die Störenfriedas über das Gefängnis der Mutterschaft und über den Link zum Feminismus

Fuckermothers über den Muttermythos

Herzgespinst, die mit dem Konzept der Mutterschaft als Mutter nichts anfangen kann

Herz und Liebe über eine Mutter, die jahrelang für ihren Kinderwunsch kämpfte und dann mit der Realität der Mutterschaft konfrontiert wurde

Berlin Mitte Mom, die differenziert zwischen echter Reue und Ambivalenz

Auf Zehenspitzen, die fordert, dass wir der echten Reue Raum geben, indem wir weniger über Ambivalenz reden

Lucie Marshall, die eine heilige Kuh geschlachtet sieht. Der Artikel erscheint auch bei Familie rockt.

Auf diesen Seiten werden Beiträge gesammelt:

Vereinbarkeitsblog

Stadt Land Mama

Hier noch ein Link über den Muttermythos

Krachbumm über die Erfindung der Mutter wie wir sie kennen.