Dein Kind, Dein Dogma oder… …die Mär von der bösen Medizin

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Dies ist ein Artikel über Kinder über Eltern – im besonderen über Eltern von Kindern mit ADHS. Im weiteren Sinn über Sätze, die mit “Ich würde (meinem Kind) NIE …” anfangen und mit einem dicken Ausrufezeichen enden, manchmal sogar mit mehreren.

Solche Themen sind wie Wespennester. Man piekst hinein und – egal welche Meinung man vertritt – wutschnaubende, hochaggressive Menschen, Eltern, Psychologen, Pädagogen und selbsternannte Spezialisten stürmen aus ihrem Bau und stechen mit giftigen Argumenten. Eine sachliche und differenzierte Diskussion ist nach kürzester Zeit nicht mehr möglich. Da es sich um Kinder und ihre Gesundheit dreht, handelt es sich um ein besonders gefährliches Wespennest.

In den seltensten Fällen – so mein leiser Verdacht – geht es um die Sache an sich. Hauptsächlich geht es um einen Glaubenskrieg, um ein sturbockiges Rechthabenwollen und ein teilweise völlig blindes Kämpfen für den eigenen Standpunkt. Ich habe gelernt, dass man so etwas Dogma nennt.

Doch mit Dogma lässt sich nicht gut leben.

Meine Odyssee: Vom Dogma zum Flow

Beim ersten Kind war ich sehr dogmatisch.

Ich hatte kistenweise Bücher gelesen vor der Geburt. Ich hatte ein Tragetuch, ich hatte Bio-Klamotten, ich wollte mindestens ein Jahr stillen, ich wollte nicht wirklich impfen, ich ging zu einem anthroposophischen Kinderarzt, ich schleppte mein Kind zum Pekip, ich kochte später alle Breie selbst (natürlich bio), mein Kind bekam keine Süßigkeiten und gleichzeitig wollte ich zügig wieder arbeiten.

Nach der Geburt und in den darauf folgenden Monaten und Jahren musste ich feststellen, dass mir all die in dicken und dünnen Wälzern erlesenen Ratschläge kein Stück weiterhalfen. Mein Kind fiel scheinbar völlig aus dem Raster der Ratgeber heraus. Es schrie die ersten drei Monate durch und liess sich durch keinen Trick beruhigen, mit dem Tragetuch quälte ich mich herum, das Stillen tat erstmal höllisch weh und die Abpumperei funktionierte nicht so gut. Bei der Pekip-Gruppe brüllte der Kleine so lange und anhaltend, dass ich komplett die Freude an dem teuren Kurs verlor. All die Anregungen waren ihm offensichtlich zu viel. Der anthroposophische Kinderarzt verschrieb meinem hustenden Kind einen Saft mit 70% Alkohol. Die Apotheke teilte mir mit, dass es denselben Saft ohne Alkohol gab. Ich war irritiert.

Da ich mit dem anthroposophischen Kinderarzt sowieso nicht gut zurechtkam, wechselte ich zu einem „normalen“ Kinderarzt. Als es ums Impfen ging, eröffnete er mir freundlich aber direkt, dass ich direkt wieder gehen könne, wenn ich mein Kind nicht gegen Masern impfen lassen wolle. Er hatte schon einen schlimmen Todesfall bei einer Urlaubsvertretung in seiner Praxis gehabt. Daher war er da unbeirrbar. Als ich mit ihm über die Keuchhusten-Impfung sprach, fragte er mich, ob ich es leisten könne, 6 Wochen oder länger jede Nacht ein bis zum Erbrechen hustendes Kind zu pflegen. Nachdem ich damals schon bei einem Fieberschub halb panisch wurde, konnte ich mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen. Dennoch bin ich dann noch zu einem anderen anthroposophischen Arzt gegangen, um mir eine dritte Meinung zu holen. Er sprach mit mir über den Nutzen von Krankheit, über Engel, aber auch über einen möglichen Tod, der dann eben Schicksal wäre. Das war mir dann doch zu verdreht und ich konnte mit so einem Glaubensbild nichts anfangen.

Ich bin also wieder zurück zu dem klassischen Kinderarzt und ließ mein Kind impfen. Aus heutiger Sicht ist es schlimm für mein Kind, dass ich nicht direkt alle Impfungen mit Kombi-Präparaten vornehmen ließ. Er hat inzwischen eine panische Angst vor Spritzen und die Hepatitis-B muss er auf jeden Fall in der nächsten Zeit nachholen. Viele Eltern machen sich nicht klar, dass eingeschränktes Impfen bedeutet, dass das Kind viel mehr Spritzen mit teilweise veralteten Impfstoffen über sich ergehen lassen muss. Kind 2 hat sofort alle Standard-Impfungen bekommen. Dabei gab es keine Probleme und er hat erstmal Ruhe bis zur Schule.

Meine Freundin blieb mit ihrem Sohn bei dem anthroposophischen Arzt. Ich konnte also beobachten, wie Impfungen, Behandlungen und U-Untersuchungen dort vonstatten gingen im Vergleich zu meinem „Normalo“-Arzt. Interessant war, was bei Infektionen geschah. Bei Kind 1 ging ich wegen jedem kleinen Huster zum Arzt. Der (hübsche) Arzt war (auch noch) sehr nett und grinste mich an, wenn ich schon wieder wegen einer Lappalie erschien.

In den meisten Fällen verschrieb er mir … nichts!!!

Ich dachte, mein Kind stirbt gleich. Er beruhigte mich, guckte in Ohren und Hals und sagte: geben Sie Hustensaft und Nasenspray und bei Fieber ab 39,5° Zäpfchen oder Saft. In vielen Fällen verschrieb er aber wirklich gar nichts und beruhigte mich nur. Zunehmend überlegte ich, ob mein Kind nun schon wirklich so schlimm krank war, dass ich mich vom Kinderarzt auslachen lassen wollte. Es kostete mich Überwindung, zu diesem Arzt zu gehen. Aber das war gut.

Der Sohn der Freundin bekam vom Anthro-Arzt regelmässig Tröpfchen, die alle 2 Stunden verabreicht werden mussten – bei jedem Schnupfen und Husten. Die Wirkstoffe waren nach wie vor in (schluck!) 70% Alkohol gelöst. Von diesem Mittel bekam der Kleine alle 2 Stunden einen Löffel.

Heute denke ich: Kein Wunder, dass die Symptome verschwinden, wenn das Kind selig alkoholisiert ist.

Mit einer anderen Freundin fuhr ich durch den Park. Ihre Tochter stürzte mit dem Rad. Die Mutter zückte direkt die anthroposophische Hausapotheke und verabreichte Arnika-Globuli in rauen Mengen, damit es nur ja keine schlimme Beule gibt. Schon damals war ich irritiert und kam mir vor wie eine Rabenmutter ohne so eine schicke Globuli-Ausstattung.

Heute frage ich mich: Was lernen die Kinder, wenn ihnen wegen jeder möglichen Beule Medikamente eingeworfen werden? Und: darf man heute keine Beule und keinen Kratzer mehr haben?

Die Erfahrungen im Leben mit meinen Kindern gingen immer so weiter. Ich kann für mich feststellen, dass sich viele meiner festen Meinungen und Dogmen über die Jahre verändert, wenn nicht gar verwässert haben. Vieles habe ich über Bord geworfen unter dem vorwurfsvollen Blick mancher Freundin und den überzeugenden Argumenten meiner Söhne oder den Beobachtungen anderer Familien und Kinder. Man kann mir vorwerfen, ich wäre inkonsequent oder unentschieden. Ich sehe es anders.

Ich glaube, dass mich die Erfahrungen des echten Lebens viel mehr gelehrt haben als jedes Buch. Der Umgang mit den Kindern lehrt mich am meisten, die Beobachtung, wie sie mit den Dingen umgehen, was sie sich wünschen, wo es wichtig ist, bei Einschränkungen zu bleiben und wo die Einschränkungen nur einem festgefahrenen Dogma folgen. Inzwischen glaube ich, dass dieses ganze Leben mit Kindern sehr viel mit Vertrauen in die Kompetenzen der Kinder und Selbstvertrauen in meine Kompetenz als Mutter zu tun hat. Es ist ein fließender und beweglicher Prozess, der keinem festen Muster folgt. Wir sind am laufenden Band in Entwicklung miteinander. Das ist viel schwerer als ein dogmatisch orientierter Weg, weil es keine feste Leitschnur gibt. Tag für Tag erarbeiten wir uns unser Zusammenleben. Was an einem Tag funktioniert hat, funktioniert am nächsten Tag schon nicht mehr. Ich muss flexibel und offen bleiben. Ich muss lernen, in der Ungewissheit des echten Lebens zu balancieren.

Kinder – KLEINE PERSÖNLICHKEITEN

Ich glaube, was bei all diesen dogmatischen Denkweisen vergessen wird ist, dass uns ein lebendiges Wesen gegenüber steht, für das wir Verantwortung tragen, das aber trotzdem sein ganz eigenes Leben begonnen hat. Das Leben und die Erfahrungen und Umwelten dieses Kindes können wir nicht mit unserem Leben in unserer Kindheit vergleichen.

Es mag sein, dass wir unheimlich gern im Wald waren und das mit unserem Kind teilen möchten. Aber unser Kind mag vielleicht überhaupt keinen Wald. Es interessiert sich viel mehr für den Computer und das Smartphone, mit dem wir uns den ganzen Tag beschäftigen. In Nullkommanix kann dieses Kind dann mit diesen Medien umgehen. Umgekehrt hatten wir eine Heidenangst vor Inlinern. Und unser Kind stellt sich beim Nachbarn auf die Roller und fährt. Oder wir hatten Angst im Sportunterricht zu versagen. Und wir erleben ein Kind, das sich einfach gern bewegt, egal, wie gut es ist. Oder wir machen uns Sorgen, ob unser Kind sich in der neuen Klasse zurechtfindet und erleben, dass es keine Probleme hat, neue Kontakte zu knüpfen und auf andere Menschen zuzugehen, so wie wir früher.

Ich finde es wichtig, mich in meinen eingefahrenen Denkmustern immer wieder in Frage zu stellen. Es ist mir wichtig zu schauen, ob eine Sorge, die ich habe, wirklich berechtigt ist, ob es wirklich dem Kind schlecht geht mit einer Situation oder nur mir.

zweifeln, fragen, denken, handeln

Genauso wichtig ist mir, mich mit einer möglichen therapeutischen Behandlung meines Kindes differenziert auseinanderzusetzen. Dazu gehört zuallererst einmal für mich selbst zu schauen, ob die Sorge, die ich mir mache über die Entwicklung des Kindes berechtigt ist. Ich finde: wenn man anhaltend ein ungutes Gefühl hat, darf man ruhig die Spezialisten fragen.

Die Spezialisten sind erstmal wir Eltern. Dann kommen Freunde und Verwandte und dann kommen für mich die Kinderärzte, die ein Kind schon möglichst lange kennen. Auch die ErzieherInnen im Kindergarten oder die Lehrer gehören dazu, denn sie erleben das Kind in einer anderen Umgebung. Wenn das ungute Gefühl bleibt, kann auch eine zweite oder sogar dritte Meinung von einem anderen Kinderarzt gut sein.

In den fast 11 Jahren mit diversen Kinderärzten hatte ich das Glück, jeweils sehr kritische und zurückhaltende Mediziner vor mir zu haben. Wenn ich das Gefühl hatte, dass mit meinem Kind etwas nicht stimmt, bekam ich NICHT sofort irgendein Medikament oder die Überweisung zum Therapeuten. Stattdessen wägten wir gemeinsam ab, was gut für das Kind ist.

Ich war mit meinen Kindern auch schon bei Therapeuten wegen diverser Entwicklungsprobleme. Auch dort habe ich nie eine dogmatisch-einseitige Beurteilung oder eine vorschnelle Entscheidung erlebt. All diese Ärzte und Therapeuten hätten meinem Kind z.B. NIE einfach so Ritalin verschrieben, weil es Konzentrationsprobleme hat. Sie haben mit mir gesprochen, sie haben mit dem Kind gesprochen, sie haben umfangreiche Untersuchungen durchgeführt, sie haben mir geraten, etwas mehr für meine Gelassenheit zu tun etc. Sie haben mir geraten, abzuwarten und zu beobachten.

Kein einziger dieser Ärzte und Therapeuten hat vorschnell gehandelt, geschweige denn sich von mir vorschreiben lassen, was er verschreiben soll. Ein Therapeut hat mal zu mir gesagt, es wäre sehr gut, was ich mit dem Kind an Therapien gemacht habe. Es hätte ihm sehr geholfen. Aber jetzt könne man auch mal wirklich Pause machen. Denn die Gefahr ist, dass das Kind sich dann nur noch als therapiebedürftig erlebt. Das sagte mir ein Mediziner!

auch ärzte denken

Es ärgert mich, wie einseitig in manchen Kreisen über klassische Mediziner und Therapeuten, Lehrer und Erzieher gesprochen und geschrieben wird. Natürlich gibt es die schwarzen Schafe. Aber in Deutschland kann z.B. Ritalin nicht einfach so von irgendeinem Arzt verschrieben werden. Ritalin muss von einem Kinderpsychiater nach eingängiger Untersuchung verschrieben werden. Die Behandlung wird meist psychotherapeutisch begleitet und in regelmässigen Abständen überprüft.

In meinem Bekanntenkreis habe ich einige Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde. Diese Diagnose wurde nie vorschnell getroffen. Sicher äußerten auch die Lehrer im Vorfeld Bedenken und wiesen auf Lernschwierigkeiten hin. Aber Lehrer dürfen Eltern und Ärzten nicht vorschreiben, was sie zu tun haben. Denken und entscheiden müssen die Eltern UND das Kind am Ende selbst. Dazu ist ebenso wieder ganz wichtig, dass man mit dem Kind spricht und dem Kind zuhört. Wie sehr leidet das Kind selbst unter seiner Einschränkung? Wie sehr fühlt es sich ausgeschlossen? Wie wenig kann es sein Potential zeigen? Ich finde es wichtig, bei solchen Entscheidungen einen Abstand einzunehmen zu den eigenen, teilweise eingefahrenen Vorurteilen. Mir ist wichtig, mir beide Seiten der Medaille anzusehen.

Die Eltern, die ich kenne, haben ihre Entscheidung zu einer medikamentösen Behandlung nicht leichtfertig getroffen. Sie haben häufig Jahre der Untersuchungen und/oder Therapie mit ihrem Kind hinter sich. Sie stehen unter einem enormen Leidensdruck, der teilweise ihre Familien zerstört. Sie haben viel ausprobiert, um ihre und vor allem die Situation ihres Kindes zu verbessern. Am Ende haben sie sich für eine medikamentöse Behandlung entschieden. Kein einziges Elternteil in meinem Bekanntenkreis ist ganz glücklich mit dieser Entscheidung. Aber mit der Wirkung sind sowohl das Kind als auch die Eltern zufrieden.

das Kind im Mittelpunkt

Es kann furchtbar sein für ein Kind, wenn es sein Potential nicht zeigen kann, weil das Gehirn verrückt spielt und z.B. jedes kleine Geräusch ablenkt. Es bleibt häufig nicht nur dabei. Diese Kinder sind bei anderen Familien nicht gern gesehen. Sie sind nicht nur laut, sondern sie können regelrecht zügellos sein, weil sie ihre Affekte nicht unter Kontrolle haben. Es kann also sehr gut sein, dass das Kind nicht nur in der Schule Schwierigkeiten hat, sondern auch keine Freunde findet, weil alle es komisch und seltsam finden. Sicher können wir Eltern da unterstützen und das Selbstbewusstsein stärken. Aber spätestens ab der Schulzeit ist das Kind mindestens die Hälfte des Tages in der Schule unter anderen Kindern, die keine Rücksicht auf eventuelle Einschränkungen des Kindes nehmen. Und es ist unter Lehrern, die nicht alle eine Sonderschulausbildung haben und die nicht auf jedes einzelne Kind mit solchen Schwierigkeiten eingehen können, weil sie allein vor 30 Kindern stehen. Selbst wenn alle Beteiligten sich redlich bemühen, bleibt es sehr anstrengend für alle – vor allem für das Kind.

Ich frage mich, warum Familien, die ihrem zuckerkranken Kind Insulin geben, nicht verurteilt werden und warum Familien, in denen ein oder mehrere Kinder (und mit ihnen häufig ihr gesamtes Umfeld) unter ADHS leiden, an den Pranger gestellt werden, wenn sie sich medizinisch helfen lassen.

Inzwischen gibt es sogar Spezialisten, die behaupten, ADHS wäre frei erfunden von der Pharmaindustrie. Ich möchte diese Spezialisten aus ihrem Elfenbeinturm der Expertise gern mal für eine Woche in ein Camp mit einer Gruppe von Kindern holen, die wirklich von ADHS betroffen sind – OHNE Medikamente. Und ich möchte, dass diese Spezialisten dann mal zwei normale Schulwochen mit diesen Kindern durchmachen, inklusive Hausaufgaben. Die erste Woche sollten diese Spezialisten die Elternrolle, die zweite Woche die Lehrerrolle einnehmen. Ich glaube, diese Studie würde viel verändern.

Ein Kinderpsychiater sagte mal zu mir: „Wenn Sie von ADHS betroffene Kinder in eine Almhütte in den Bergen stecken, sie den ganzen Tag in der freien Natur Bäume hacken und den Boden umgraben lassen, sind diese Kinder glücklich und „normal“. So ist aber unser System nicht. Und unser System wird sich so schnell nicht ändern.“ Erst jetzt weiß ich, dass er sich damit auf ein Experiment von Gerald Hüther bezog.

In einem normalen Schulalltag sind diese Kinder verloren. Warum erlauben wir diesen Kindern und ihren Eltern keine Erleichterung? Warum erlauben wir ihnen zwar zeitaufwändige, private, psycho- und ergotherapeutische Maßnahmen, aber keine Medikamente? Warum werfen dieselben Eltern, die gegen Ritalin wettern, ihren Kindern wegen jeder Beule Globuli ein? Warum setzt das differenzierte Denkvermögen aus, wenn es um die medizinische Behandlung von Kindern geht?

Dogma wird Kindern nicht gerecht

Eine einseitige Betrachtungsweise hilft niemanden – schon gar nicht unseren Kindern. Unser Kind ist unseren Entscheidungen ausgeliefert. Daher tragen wir eine hohe Verantwortung. Jede Entscheidung für unser Kind sollte reiflich überlegt werden. Wir sollten uns bemühen, den besten Weg zu wählen, der uns zu diesem Zeitpunkt möglich ist. Aber wir sollten diesen Weg auch gehen können mit dem Kind. Es nützt niemandem, wenn wir uns überfordern. Wir sollten auch versuchen, die Perspektive zu wechseln, um zu verstehen, wie es unserem Kind geht und was für unser Kind wichtig ist. Das ist manchmal ganz anders als das, was wir als wichtig und gut empfinden. Und wir dürfen uns helfen lassen von Freunden, von Ärzten, von Pädagogen und Therapeuten und von anderen Spezialisten. Wir müssen nicht alles allein schaffen.


Anlass für diesen Text war ein Facebook-Beitrag von familylab zum Thema ADHS. In vielen Beiträgen von familylab zu diesem Thema geht es darum, dass Kinder, die die Diagnose ADHS erhalten, angeblich häufig einfach nur besonders lebhaft sind. Es wird wiederholt behauptet, diese Kinder würden einzig und allein mit Medikamenten ruhig gestellt, um in unserem (Schul-)System zu funktionieren. Die Pharmaindustrie (die im übrigen auch im Fall Impfen gern verteufelt wird) fördere angeblich die Diagnose ADHS und die zunehmende Verschreibung von Ritalin und ähnlichen Medikamenten. An anderer Stelle hat familylab mehrfach Videos von Gerald Hüther gepostet, der behauptet, dass ADHS keine Störung ist.

Ich empfinde die Berichterstattung von familylab diesbezüglich sehr einseitig, vereinfachend und nicht fundiert. Betroffene Kinder und ihre Familien, die sich medizinisch helfen lassen, werden dadurch ausgegrenzt und weiter stigmatisiert. Gerade alternativ ausgerichtete Institutionen können bisweilen in ihrer Meinungsbildung sehr festgefahren und dogmatisch sein. Eine differenzierte Diskussion um ADHS ist sicherlich wichtig. Dazu gehört aber auch, dass man respektvoll mit den Menschen umgeht, die aus gutem Grund Ritalin erhalten und denen damit geholfen wird. Einfach zu behaupten, ADHS wäre keine Störung und man müsse nur seine Erziehungsmethoden ändern, dann wäre alles gut, ist ein Schlag ins Gesicht für die betroffenen Familien, die häufig über viele Jahre schon alles tun, um ihrem Kind zu helfen.