Wechselmodell und häusliche Gewalt Erkenntnisse US-amerikanischer Kinderschutzorganisationen

InBeziehungsgewalt, Familienpolitik, Kinder, Klartext
herunterscrollen

Eine Übersetzung eines Artikels von Barry Goldstein
Veröffentlicht auf der Website der Stop Abuse Campaign am 2. Mai 2017
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors (keine Gewähr für die Übersetzung)

Häusliche Gewalt wurde zum öffentlichen Thema, als es keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu gab. Das führte dazu, dass viele Praktiken entwickelt wurden, die verletzend für direkte Opfer und ihre Kinder sind und sich aus Vorurteilen speisen. Heutzutage gibt es spezialisierte wissenschaftliche Untersuchungen. Das bedeutet, dass eigentlich die exaktesten Informationen bei den Experten und Beratern für häusliche Gewalt zu erhalten sind.

Die ACE-Studie (ACE= Adverse Childhood Experiences = Schädliche Kindheitserfahrungen) des Center for Disease Control zeigt, dass die Schäden, die durch tolerierte häusliche Gewalt entstehen, viel größer sind, als bisher angenommen. Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, haben eine geringere Lebenserwartung und lebenslang größere gesundheitliche und soziale Probleme, als ihre Altersgenossen. Obwohl die meisten Experten hauptsächlich körperliche Gewalt untersuchen, führt das Leben mit der Angst, die durch psychische Gewalt entsteht (Kontrolle, Zwang etc.), zu den schlimmsten Stresssymptomen. Das Leben mit diesem Stress hat lebenslange, belastende Konsequenzen.

Das derzeitige Ausmaß von Krebserkrankungen, Herzleiden, Diabetes, psychischen Erkrankungen, Drogenmissbrauch, Kriminalität, Selbstmord, Schulversagen und vielen anderen gesundheitlichen und sozialen Problemen hängt eng mit dem derzeitigen Level von häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch zusammen. Die USA geben jedes Jahr über 1 Billion Dollar aus (Gesundheit, Verbrechensbekämpfung etc.), um Opfer häuslicher Gewalt wirtschaftlich zu rehabilitieren. Das sind ungefähr 3.000 Dollar pro Person. Für andere Nationen sind die Kosten wahrscheinlich geringer, weil sie über ein besseres Gesundheitssystem verfügen. Dennoch sind auch für diese die Kosten substantiell.

Diese erdrückenden Nachrichten haben einen interessanten Gegenpart: Wenn Nationen sich entscheiden, Best-Practice-Maßnahmen gegen häusliche Gewalt einzuführen, verbessern sie die Gesundheit, das Wohlbefinden und den Erfolg ihrer Kinder.

Der Zusammenhang mit dem Wechselmodell (shared parenting)

Familiengerichte sind sehr langsam darin, sich bzgl. häuslicher Gewalt zu reformieren, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Entscheidungen zu integrieren und eine multidisziplinäre Herangehensweise an das Thema zu etablieren (z.B. indem sie Berater und Spezialisten für häusliche Gewalt in ihre Prozesse mit aufnehmen). Die meisten Sorgerechtsfälle werden mehr oder weniger gütlich beigelegt. Das gilt sogar auch in den Fällen mit häuslicher Gewalt, in denen der Täter seinen Kindern nicht schaden möchte. Weniger als 5% der Fälle werden in einem Gerichtsverfahren behandelt. Viele Juristen lernen, dass sie Sorgerechtsstreitigkeiten als „hochkonflikthaft“ sehen sollen. Das bedeutet, dass die Eltern so miteinander kämpfen, dass sie den Kindern damit schaden.

Viele Gerichte haben Maßnahmen entwickelt, die Eltern helfen und sie unter Druck setzen, sich kooperativer zu verhalten. Diese Maßnahmen können in anderen Fällen helfen. Viele Sorgerechtsstreitigkeiten hängen aber mit häuslicher Gewalt zusammen. Das bedeutet: Das Gericht zwingt das Opfer und die Kinder mit einem missbräuchlichen Täter zu kooperieren, statt ihn zu zwingen, seine kontrollierenden, zwanghaften Taktiken zu beenden.

Viele Gesetzesentwürfe, die ein Wechselmodell anstreben, schlagen einen Ausschluss bei gefährlichen Fällen, z.B. häuslicher Gewalt, vor. Doch die veralteten Methoden führen regelmäßig dazu, dass echten Fällen häuslicher Gewalt kein Glauben geschenkt wird. Berichte über Missbrauch und häusliche Gewalt werden sehr häufig als Hindernis für einen gütlichen Ausgang der Verhandlungen gesehen. Hinzu kommt, dass gut organisierte und aggressive Organisationen die Interessen von Missbrauchstätern maßgeblich unterstützen. Diese Organisationen haben verschiedene Maßnahmen, z.B. das Wechselmodell, entwickelt, um die Kontrolle über ihre Opfer zu behalten, wenn sie versuchen zu flüchten. Rund um diese Organisationen ist ein Geflecht aus Anwälten und Psychologen entstanden. Denn: Normalerweise haben die Missbrauchs-Täter Kontrolle über die finanziellen Mittel. Es ist also lukrativer, die Täter zu unterstützen. Gerichte behandeln diese parteiischen und ignoranten Unterstützer als neutral. Die Misinformationen, die sie streuen, vergiften auch andere Fälle, wenn Richter diesem Schwindel glauben.

Tätergruppierungen, die sich z.B. Männerrechts- oder Väterrechts-Gruppen nennen, werben für das Wechselmodell, um ihren Fuß in die Tür zu bekommen. In unserer nach wie vor sexistischen Gesellschaft ist die Mutter nach wie vor die erste Bindungsfigur eines Kindes und stärker in die Erziehung und Pflege involviert. So würde also häufig erst die Mutter gewählt, wenn es eine Wahl gäbe. Väter streiten aber für Gleichberechtigung und dafür, beide Eltern im Leben der Kinder zu halten.

Die Saunders Studie des US-amerikanischen Justizministeriums zielte darauf, das Wissen und die Ausbildung von Richtern, Anwälten und Gutachtern zu häuslicher Gewalt zu überprüfen und zu verbessern. Ein Ergebnis war u.a., dass Missbrauchs-Täter das gemeinsame Sorgerecht und das Wechselmodell nutzen, um Kontrolle zurückzuerlangen – z.B. indem sie mit nichts übereinstimmen, was das Opfer möchte. Sie nutzen die Besuchskontakte, um ihre Opfer weiter zu belästigen und anzugreifen. Das Ziel von Missbrauchs-Tätern, die Sorge- und Umgangsrecht anstreben, ist, das Opfer zur Rückkehr zu zwingen oder für die Trennung zu bestrafen. Geteiltes Sorgerecht und Wechselmodell sind häufig sogar ein erster Schritt zum ungeteilten Sorgerecht für den Täter. Geteiltes Sorgerecht und Wechselmodell stellt den Täter mit dem Opfer auf eine Stufe. Gerichte meinen, das Wechselmodell würde Mittel einsparen. Häufig werden diese Fälle aber wiederholt vor Gericht behandelt. Die Vorteile sind also illusorisch.

Schlussfolgerung

Es gibt viele Untersuchungen, die belegen, dass das Wechselmodell schädlich für Kinder ist, weil es so viel Unruhe in ihr Leben bringt. Es gibt daneben Untersuchungen, die belegen, dass das Wechselmodell auf freiwilliger Basis gut funktionieren kann, wenn die Eltern kooperieren können und nah beieinander wohnen. Diese Fälle führen natürlich seltener zu Problemen. In Fällen häuslicher Gewalt oder in Fällen mit Missbrauchsverdacht ist das Wechselmodell niemals eine geeignete Betreuungsform. Die derzeitige veraltete Haltung zu häuslicher Gewalt verhindert häufig, dass Gerichte echten Missbrauchsberichten Glauben schenken. Die Folgen für die Kinder und für die gesamte Gesellschaft sind katastrophal. Das Wechselmodell bietet einen Anreiz für Gerichtsexperten, den Opfern nicht zu glauben. Das Risiko wird also auf die Kinder übertragen. Daher muss die Rechtsprechung alte Methoden reformieren, die Kinder weiter schädlichen Einflüssen und Missbrauch ausliefern. Das Wechselmodell sollte so lange als Maßnahme ausgesetzt werden bis effektive Methoden eingeführt werden, die Kinder sicher schützen. Wir müssen Irrtümer auf Kosten von Kindern beenden.


Bild: Pixabay, kaenie

4 Kommentar

  1. Stimmt, ich konnte ruhig die körperlichen (Schlagen, Treten, Harreziehen) und psychischen (Beleidigungen, Erniedrigungen, Abwertungen) Gewalttaten der Mutter gegenüber ihrer größeren Tochter Monique bei Gericht zur Anzeige bringen. Sie wurden nicht verfolgt und es wurde ihnen auch kein Glaube geschenkt. Es wurde mir sogar noch angelastet dies vorgebracht zu haben. Obwohl das Familienpsychologische Gutachten von einer narzistischen und unausgeglichenen Persönlichkeit mit erzieherischen Mängeln sprach, wurde der Mutter das ABR zugesprochen, was sie dann auch prompt nutzte über das Umgangsrecht meiner Kinder mir mir frei zu bestimmen.

  2. Habe mich 1,5 Jahre vergeblich um Frieden bemüht, beide müssen Wollen sonst ist es wie ein Einverständnis zur Fortsetzung seelischer Gewalt. Umgangskontakt als offene Tür zur Kindesmutter um seelischen Missbrauch auszuüben. Endlich ist mein Hirn soweit, dass ich absolut keinen Kontakt mehr zulasse, mein Sohn wird von einer mit ihm verwandten und im Umgang mit mir respektvollen Person abgeholt und übergeben. Es ist keine Lovestory die böse endete, es ist ein Ausagieren von Frauenhass auf meinem Rücken. Offensichtlich für alle die sehen können, aber Familienstreitigkeiten gelten immer noch als Privatsache und implizit wird Frauen eine höhere Leidensfähigkeit abverlangt. Düsteres Patriarchat und die eigentliche Männerlobby sitzt tief und unerkannt in unseren Denkmustern. So wie die Propaganda, man müsse sich um jeden Preis um Frieden bemühen. Wenn man mehr als 1 Mal die Erfahrung gemacht hat, dass man von seinem Kontrahenten Nichts Gutes zu erwarten hat, dann sucht man nicht wohlwollend wieder und wieder Kontakt um eine „friedliche Elternebene“ herzustellen. Kann mir meine Idiotie kaum verzeihen. Aber es geht mir besser. Sollte sich die Gewaltspirale weiter drehen, werde ich weder auf Richter hoffen, noch wertvolle Zeit mit dem Jugendamt verschwenden. Dann ziehe ich weit genug weg. Rona, Danke dass Du da bist. Ein denkender Mensch der den Überblick behält. Lieben Gruss, Katarina.

  3. Barry Goldstein macht seinem berühmten Namensvetter Joseph Goldstein, Autor von „Jenseits des Kindeswohls“, wirklich alle Ehre: Unbelegte Behauptungen und markige Ansagen. Die gute Nachricht: Wir sind nicht mehr im Jahre 1972. Das Spiel ist aus. Häusliche Gewalt ist häusliche Gewalt und muss strafrechtlich und ggf. auch familienrechtlich beackert werden. Das hat mit dem Wechselmodell so viel zu tun wie mein Stuhlgang von gestern mit einer Mozart-Sonate. Bonsoir.

    • Vielen Dank für Ihren differenzierten Kommentar. Die Studien, die Barry Goldstein nennt, stammen nicht aus 1972, sondern aus den letzten Jahren (da brauchen Sie nur auf die Links im Text zu klicken). Scheinbar ist Ihnen jedoch nicht an einem differenzierten Bild der Thematik gelegen – wie der Wechselmodell-Lobby in Deutschland insgesamt. Dazu würden auch die aktuellen kritischen Stimmen gehören (z.B. aus Frankreich und Australien, in denen das WM schon länger Standard ist). Dazu würden auch die Zusammenhänge zwischen emotional oder körperlich gewalttätigen Beziehungen und Missbrauch und dem starken Bestreben zum Wechselmodell gehören. Daran merkt man: Ums Kindeswohl geht es vielen Ihrer Vertreter zu allerletzt. Die Folgen dieser Entwicklungen, die ja nicht mehr aufzuhalten sind, weil alle nur „Wechselmodell, hurra!“ schreien. werden wir in 10-20 Jahren sehen. Ich habe im Übrigen überhaupt nichts dagegen, wenn sich Eltern einvernehmlich auf ein Wechselmodell einigen. Ich halte allerdings nichts davon, wenn das gerichtlich angeordnet wird – unter anderem aus den im Text genannten Zusammenhängen, die auch aktuell schon in Deutschland so zunehmend sichtbar werden. Ich wünsche Ihnen ansonsten viel Freude beim Stuhlgang mit Mozart-Sonate.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: