Lügen für’s Kind? Trennungsberatung nach häuslicher Gewalt

InAlleinerziehend, Beziehungsgewalt, Familienpolitik, Kinder, Klartext, Partnerschaft, Trennung, Victim-Blaming
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In den letzten beiden Tagen habe ich eine Diskussion auf Twitter verfolgt, bei der es um die Frage ging, ob man als Frau über die Gewalt des (Ex-)Partners öffentlich schreiben darf, wenn man gemeinsame Kinder hat. Die Richtung, in die diese Diskussion am Ende ging, zeigt ganz klar, wie falsch auch bei FamilienberaterInnen teilweise die Einstellung ist, wenn es um familiäre Gewalt geht. Das lässt tief blicken. Ich möchte insbesondere Menschen, die als ÄrztInnen, AnwältInnen oder TherapeutInnen und BeraterInnen mit Opfern häuslicher Gewalt zu tun haben, darum bitten, sich intensiver mit der Dynamik von Gewaltbeziehungen zu beschäftigen – vor allem auch mit den Folgen, die familiäre Gewalt für Kinder hat. Außerdem möchte ich darum bitten, das Kindes- und vor allem auch das Mütterwohl als Opfer in so einem Fall mal von einer anderen Position aus zu betrachten.

Die grundsätzliche Haltung in Deutschland ist, dass wegen des Cochemer Modells nach einer Trennung eine sehr schnelle Einigung über den Kindesumgang zustandekommen sollte. Das kann auch bei häuslicher Gewalt zur Anwendung kommen und zwar selbst dann, wenn das Gewaltopfer Gewaltschutz beantragt und durchgesetzt hat, denn dieser gilt nur für einen begrenzten Zeitraum. Außerdem wird häusliche Gewalt bei Entscheidungen zum Umgang und Sorgerecht vor dem Familiengericht gern ausgeblendet oder es wird behauptet, die Frau habe ihre Misshandlung nur erfunden. Der Umgang mit dem gewalttätigen Vater ist angeblich so wichtig für das Kindeswohl, dass Kinder teilweise auch gegen ihren Willen zum Umgang gezwungen werden. Hier wird dann gern behauptet, die Mutter hätte das Kind negativ beeinflusst. Das Kind könne selbst nicht wissen, was für es gut sei. Wenn Mütter sich weiterhin gegen einen Umgang sperren, kann es im Extremfall sogar sein, dass das Kind den Wohnsitz zum Vater wechselt oder ins Heim kommt.

Mutter und Kinder werden also gezwungen, mit dem gewalttätigen Vater weiterhin Kontakt zu halten. Der von ExpertInnen empfohlene Kontaktabbruch ist bei gemeinsamen Kindern nicht möglich. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Opfer zurückkehrt mit seinen Kindern, die – egal, ob sie selbst direkt misshandelt werden oder nicht – meist durch die erlebte Gewalt schon traumatisiert sind. Es steigt ebenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass das Opfer weiterhin vom Täter gestalked, misshandelt oder sogar getötet wird. Im letzten Jahr gab es einige Mord(!)-Fälle, die zeigen: Frauen die ihr Schweigen brechen bei häuslicher Gewalt sind nicht ausreichend geschützt. Der Kindesumgang öffnet Tür und Tor für weiteren Missbrauch.

Ich möchte Sie einmal bitten, sich zurückzulehnen und zu fragen, mit welcher Brille Sie als Beratungs-ExpertIn auf dieses Thema schauen. Nach einer Trennung dürfen sich viele Frauen anhören, was sie alles tun sollten, um die Elternebene im Umgang mit gemeinsamen Kindern zu erhalten. Selbst wenn nachweislich Gewalt des Vaters stattgefunden hat, ist die oberste Priorität von manchen Beratungseinrichtungen nicht das Wohl, der Schutz und die Stärkung von Frau und Kind, sondern der bleibende Kontakt zum Vater. Viele Frauen gehen während und nach einer Trennung z.B. zu Erziehungsberatungsstellen, um eine gute Lösung für ihre Kinder zu finden. Viele Frauen hören dort, dass sie sich um einen guten Kontakt zum Vater bemühen sollten und für die Kinder schnellstmöglich mit dem Partner eine Umgangsregelung erarbeiten sollten. Wenn häusliche Gewalt vorliegt, gibt es inzwischen zwar einen schnellen Gewaltschutz und der Partner kann der Wohnung verwiesen werden. Nach wie vor liegt die Beweislast aber größtenteils beim Opfer und die Wohnungsverweisung bzw. der Gewaltschutz gilt nicht unbegrenzt.

Diejenige, die also zu Ärzten, Anwälten, Ämtern etc. läuft, ist die, die sich selbst und ihre Kinder gerade aus einer nicht selten lebensbedrohlichen Situation mit ihrem Partner gerettet hat. Sie muss sich bemühen möglichst schnell aktenkundig nachzuweisen, dass sie wirklich misshandelt wurde. Bei psychischer Gewalt können die Narben auf der Seele und das Trauma kaum nachgewiesen werden. Es gibt keine Zahlen, wieviele Frauen sich wegen psychischer oder körperlicher Gewalt trennen. Da aber viele eine Anzeige scheuen, dürfte die Dunkelziffer sehr hoch sein.

Um die Absurdität dieser Situation zu verdeutlichen möchte ich Sie einmal fragen, ob Sie es in Ordnung fänden, wenn ein Kind, das vom Nachbarn misshandelt wurde, weiterhin Kontakt zu diesem Nachbarn halten sollte, weil es dem Kindeswohl dient, keine vertrauten Kontakte abzubrechen. Fragen Sie sich auch, ob sie wollten, dass ein Kind, dessen Mutter im Beisein des Kindes von einem Freund geschlagen oder vergewaltigt wurde, weiterhin unbedingt Kontakt zu diesem Freund halten sollte, weil das Kind diesen Menschen schon sein Leben lang kennt und weil er ja sonst ganz nett ist. Fragen Sie sich auch, wem Sie in solchen Fällen die Verantwortung für die Taten zuweisen würden. Und fragen Sie sich dann, wie Sie das bei häuslicher Gewalt sehen.

Wenn man die Situation durch diese Brille betrachtet wird deutlich: Wir bewerten familiäre und häusliche Gewalt anders als Gewalt auf der Straße oder Gewalt von Fremden. Dabei ist insbesondere das häusliche und familiäre Umfeld DER Ort für Missbrauch an Frauen und Kindern. Bei familiärer Gewalt ist meist das Opfer in der Beweis- und Bringschuld. Das Opfer wird auch sehr gern gefragt, was es selbst zu der Situation beigetragen hat. Der Täter wiederum darf sich nur in nachweislich extrem gefährdendem Verhalten dem Opfer nicht mehr nähern. Und: dass die Mutter Opfer ist, macht die Kinder nicht gleichzeitig zu Opfern. Überspitzt gesagt: Der Vater kann selbst dann ein guter Vater sein, wenn er die Mutter grün und blau geschlagen hat (auch im Beisein der Kinder). Manchmal muss er mit sogenanntem begleitetem Umgang leben, aber selbst der ist oft nur zeitlich begrenzt. Ihm wird z.B. meistens nicht auferlegt, erst ein Täterprogramm erfolgreich zu absolvieren, bevor er wieder Kontakt zu seiner Frau und seinen Kindern haben kann.

Niemanden scheint also das Wissen von ExpertInnen wirklich zu interessieren,

  • dass Täter bei häuslicher Gewalt meist nicht nur einmal zuschlagen und dass die Gewalt sich schleichend steigert.
  • dass die Trennungsphase die gefährlichste Phase einer solchen Beziehung ist.
  • dass Kindesübergaben und Kindesumgang fortgesetzten Terror fördern.
  • dass auch indirekt erlebte Gewalt Kinder traumatisiert.
  • dass Kinder aus familiärer Gewalt lernen, dass Gewalt in Ordnung ist.

Stattdessen dürfen sich Mütter von allen Seiten anhören, sie sollten alles für einen guten Vaterkontakt tun. Über die erlebte Gewalt solle am besten ein Deckmäntelchen gelegt werden, denn das gefährde die Loyalität der Kinder und könne dazu führen, dass die Kinder den Kontakt zum Vater ablehnen. Um es klar zu formulieren: die Mutter soll dazu beitragen, dass die Familienlüge aufrechterhalten wird, die häufig in Missbrauchsbeziehungen hält. Sie soll also dahin zurück, woraus sie gerade – meist sehr mühselig und unter großen Gefahren – entkommen ist.

Was macht man dann, wenn die Kinder nachfragen? Wie erklärt man dann, was der Vater getan hat? Wie erklärt man Kindern dann auch schlüssig die Entscheidung zur Trennung? Was sagt man ihnen später, wenn sie größer sind? Die Kinder haben den Missbrauch meist selbst miterlebt und sind dadurch selbst Opfer der Gewalt geworden. Ihr Vater, der Täter ist, darf aber nicht als Täter benannt und verantwortlich gemacht werden. Damit müssen auch sie eine Lüge aufrechterhalten. Sie erhalten keine Chance, in ihrem Erleben und in ihren Gefühlen wirklich ernstgenommen zu werden. Es wird ihnen eine verdrehte Weltsicht serviert, nur weil der Täter ihr Vater ist. Sie dürfen nicht durch ihre Wut und Trauer hindurch. Sie dürfen sich nicht abgrenzen. Wahrscheinlich können sie ihre Gefühle noch nicht mal richtig einordnen, denn sie dürfen nicht darüber reden, was sie erlebt haben. Sie werden teilweise sogar zur Loyalität gezwungen, selbst wenn sie sich gar nicht loyal fühlen. Ist das Kindeswohl? Und: Ist es ernsthaft wichtiger, den Ruf der Familie und den Vater für die Kinder zu erhalten, statt mutig Gewalt zu benennen und dem Täter die volle Verantwortung zu geben? Genau damit erhalten wir nämlich – institutionell gestärkt – Verhaltens- und Denkmuster die Missbrauch fördern.

Meine Überzeugung ist: Wenn wir Kinder stark machen wollen gegen Missbrauch, muss gerade der familiäre Missbrauch in seinem ganzen Ausmaß offen benannt werden dürfen. Kinder dürfen erleben, dass wir uns gegen Missbrauch und Gewalt stellen – und zwar gerade dann, wenn enge Familienmitglieder Gewalt ausüben. Kinder sollten auch erleben und hören dürfen, dass man sich selbst von einem engen Familienmitglied trennen darf, wenn es dem eigenen Schutz und der eigenen Würde dient. Und: Kinder dürfen erleben und hören, dass jemand, der Gewalt ausübt, für diese Gewalt voll verantwortlich gemacht wird und die Folgen tragen muss – selbst, wenn es der eigene Vater ist.

Wenn wir dem Täter bei häuslicher Gewalt die volle Verantwortung geben, bedeutet das sogar eine Chance für den Täter. Denn: er kann und muss sein Verhalten reflektieren und hinterfragen. Wenn er die Auflage zur erfolgreichen Teilnahme an einem Täterprogramm erhält, um wieder Kontakt zu seiner Familie zu pflegen, kann er im Optimalfall Verantwortung für seine Taten übernehmen und sein Verhalten nachhaltig ändern. Damit wäre allen gedient und damit wäre auch ein ehrlicher, guter und vor allem gefahrloser Kontakt zu den Kindern möglich.

Von Menschen, die Frauen nach einer Trennung aus einer Gewaltbeziehung beraten, wünsche ich mir:

  • dass sie Frauen und Kinder in ihren Erzählungen ernst nehmen und sich bewusst sind, wie schwierig und beschämend es ist, über erlebte Gewalt in der Familie zu sprechen
  • dass sie den Schutz und das Wohl von Müttern und Kind(ern) in den Fokus stellen
  • dass sie alles dafür tun, die Mütter zu entlasten – sowohl organisatorisch als auch psychisch
  • dass sie die Frau nicht für die Taten verantwortlich machen und nicht ihren Anteil an der häuslichen Gewalt in den Fokus stellen oder gar verlangen, die Frau solle vergeben oder Verständnis für das Verhalten des Täters zeigen.
  • dass sie die volle Verantwortung des Täters klar benennen und diese entsprechend auch von ihm einfordern.
  • dass der Täter in die Beweispflicht und Bringschuld kommt
  • dass von Müttern und Kindern keine Täter-Loyalität eingefordert wird.
  • dass sie sich von vordergründig freundlichem Verhalten des Täters oder von Verleumdungen seinerseits oder vermeintlicher Reue nicht in ihren Entscheidungen beeinflussen lassen (bestenfalls informieren Sie sich über typische Verhaltensmuster von Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung)

Bild: Pixabay, Pexels

P.S. Da jetzt wieder Väter auf der Bildfläche erscheinen werden: Es geht hier um häusliche Gewalt an Frauen, die v.a. bei massiver körperlicher Gewalt größtenteils von Männern ausgeht. Es gibt auch Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Um diese geht es in diesem Text explizit nicht. Es geht auch nicht um Väter, die (angeblich) von ihren Exfrauen falsch beschuldigt wurden. Diese Seite bietet kein Forum für Wechselmodellvertreter (bei häuslicher Gewalt eine ganz schlechte Idee) und Männer, die Opfer sind. Wie der Name der Seite schon sagt: die Seite bietet eine Unterstützung für Frauen und benennt Probleme, die Frauen betreffen. Falls Sie Bedarf haben, die männliche Seite sichtbarer zu machen, kann ich Ihnen die Einrichtung eines eigenen Blogs empfehlen. (Dass ich das hier überhaupt schreiben muss, ist schon irgendwo bezeichnend, denn: Gewalt gegen Frauen wird immer noch gern verharmlost oder unsichtbar gemacht.)