Niemand rettet Dich Über trügerische Hoffnungen

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Was für eine schöne Vorstellung das sein kann, dass irgendwo der Mann meines Lebens auf mich wartet, um mich aus der Einsamkeit zu erretten und mir das größte Glück zu bescheren.

Wie schön die Idee ist, dass es irgendwo eine Therapie oder einen Therapeuten gibt, der mir endlich den befreienden Weg aus meinem quälenden Dasein weist.

Wie wundervoll der Gedanke ist, dass ich nur abnehmen muss, mehr trainieren muss, mehr Yoga machen muss, meditieren muss, um endlich glücklich zu sein.

Für immer.

Der Wunsch, endlich heil zu werden ist groß. Eine ganze Heilungs-Industrie schürt und bedient diese Wünsche. Besonders zu Beginn eines neuen Jahres lese ich überall, dass da irgendjemand DAS Coaching, DIE Methode, DEN Trainings- und Ernährungsplan auf Lager hat, der 2017 zu DEM Jahr meines Lebens machen wird. Endlich ändert sich alles. Endlich werde ich befreit aus den Mühen des Alltags, aus der Beliebigkeit, der Quälerei, der Langeweile, den Schmerzen. Endlich werde ICH etwas ganz besonderes. Endlich fällt mir das Leben zu, dass ich verdiene.

Ich habe selbst lange an solche Wunder geglaubt. Es gibt auch heute noch Momente, wo ich das tue. Aber ich bin inzwischen müde von diesen Versprechungen und ich glaube sie nicht mehr. Ich frage mich, wo in all dieser Selbstoptimiererei der authentische Mensch geblieben ist. Wenn ich heute diese Botschaften lese, langweilen sie mich. Manchmal ärgern sie mich sogar.

Niemand macht 2017 zum Jahr meines Lebens. Kein Therapeut zeigt mir DEN Weg aus dem Schmerz. Kein Yoga und keine Meditation machen mich für immer glücklich. Kein Mann nimmt mir mein eigenes Leben ab. Ich habe da schon vieles versucht und wurde in dieser Erkenntnis bestätigt:
Niemand rettet mich!

Egal, wie schlimm meine Erfahrungen waren: Da draußen ist niemand, der meine Erfahrungen voll ermessen und nachvollziehen kann. Erst recht ist da draußen niemand, der mir den Weg durch den Schmerz abnimmt. Kein Therapeut kann das, kein Partner kann das, kein Freund kann das und auch keine esoterische oder sonstige Methode kann das. Die Arbeit muss ich selbst machen. Den Weg durch den Schmerz muss ich selbst gehen, in meinem Tempo, mit meinen Möglichkeiten. Und mein Leben muss ich selbst leben. Andere Menschen können meine Begleiter sein. Sie können Anregungen geben, Vorbild oder Inspiration sein. Sie können erzählen, wie sie sich selbst geholfen haben. Sie können zuhören, mich in den Arm nehmen. Aber niemand kann mich retten außer ich selbst.

Diese Erkenntnis hat zwei Seiten für mich. Die eine Seite ist, dass ich mich allein und einsam fühle. Die andere Seite ist, dass ich mir meiner Verantwortung für mich selbst und mein Leben bewusst werde und stelle. Ich kann etwas tun und bewegen für mich. Gleichzeitig kann durch diese Erkenntnis Verbindung entstehen zu anderen Menschen, die ebenfalls ihren eigenen Weg gehen und sich von Retter-Mythen verabschiedet haben.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt für mich: Solange ich mich dem Traum von einer rettenden Instanz hingebe, verweile ich in Abhängigkeit.

Viele Mädchen kennen die Märchen und Geschichten von Prinzessinnen, die von einem Prinzen aus schlimmster Notlage errettet werden. Selbst starke, selbständige Frauen tragen manchmal so ein kleines Mädchen in sich, das sich heimlich nach einem Ritter sehnt, der sie hofiert und beschützt. Es gibt da für manche eine Sehnsucht, endlich eine berauschende Romantik und Leidenschaft zu erleben mit einem “echten” Mann. Genau diese Sehnsucht kann der direkte Weg in die Hölle einer Gewaltbeziehung sein. Denn diese beginnt nicht selten mit dem berauschenden Gefühl, endlich den Seelenpartner gefunden zu haben, der Dir alle Wünsche von den Augen abliest. Das Traumbild der romantischen Liebe wird zu Beginn einer Gewaltbeziehung als Köder genutzt, der in einen verwirrenden Strudel von Gewalt und Liebe hineinzieht. Die vermeintliche Erfüllung der tiefsten Sehnsüchte führt in eine fatale Abhängigkeit vom gewalttätigen Partner.

Ähnliches gilt für Heilswege, die über Coaching, Therapie, Ernährung, Esoterik und anderes vermittelt werden: Jemand, der mir DEN Heilsweg, DAS Coaching, DIE Methode, DIE Ernährung etc. verkauft, möchte damit schlicht gutes Geld verdienen. Daran ist erstmal nichts verwerfliches. Aber es schürt die kindliche Für-immer-Rettungs-Hoffnung. Und die wird nicht erfüllt. Viele Ernährungs-, Erziehungs-, Fitness- und Wellness-Trends empfinde ich inzwischen als Ersatzreligionen. Wie sehr diese Überzeugungen einer Religion ähneln, wird deutlich, wenn ich kritisch nachfrage. Mit Inbrunst und Leidenschaft wird die eigene Theorie verteidigt bis auf’s Messer. Es können regelrechte Glaubenskriege zum Thema Erziehungsmethoden, Impfen, medizinische Behandlung von Kindern oder Ernährung entstehen. Von einer differenzierten Sichtweise auf die Thematik sind manche weit entfernt. Sie fühlen sich persönlich angegriffen und beleidigt, wenn ich ihren Ansichten nicht folgen mag. Mit Authentizität, Menschlichkeit und Freiheit hat das für mich wenig zu tun.

Dass ich als Mensch widersprüchlich sein darf, vielfältigen Wegen folgen darf, meine Meinung ändern darf hat für mich nichts mit Inkonsequenz zu tun. Es entspricht für mich authentischer Lebendigkeit. Wenn ich z.B. ein Yoga- oder Meditations-Wochenende mache und mir vermittelt wird, ich solle einzig und allein dieser Richtung folgen, sonst wird das nichts mit dem Glück, rollen sich mir inzwischen die Fußnägel hoch. Ich darf mir meine persönliche Patchwork-Decke zusammenhäkeln von Dingen, die mir gut tun und die sich für mich als hilfreich herausgestellt haben. Dieses Recht des widersprüchlichen Lebenswegs nehme ich mir inzwischen heraus. Wenn jemand mir vermittelt, er hätte den einzigen Glücksweg gefunden und gepachtet und ich müsse mich nur voll und ganz seinem Weg hingeben, heißt das: Ich begebe mich in Abhängigkeit von einer Person und einem System. Kritische Nachfragen sind dann nicht mehr gern gesehen. Komische Gefühle auch nicht. Widersprüche erst recht nicht. Ich soll mich hingeben. Gerade im Frauen-/Mütterumfeld werden derzeit wieder gern solche Bilder und Mythen gemalt, dass das der weibliche Lebensweg sei: Hingabe, Glauben, Anbetung, Passivität, Emotionalität, Mitgefühl. Solche Bewegungen erleben regen Zulauf, weil sich so manche Frau und Mutter im Feminismus und v.a. im Kapitalismus nicht gesehen und aufgehoben fühlt. Wenn ich mich aber nicht hingebungsvoll fühle als Frau, bin ich dann keine natürliche Frau?

Mein Fazit aus vielen Erfahrungen ist: Heils- und Rettungswege jeglicher Couleur sind mit großer Vorsicht zu genießen. Ich persönlich passe in keins der Heilswege-Raster hinein. Aber es geht mir inzwischen sehr gut damit. Jegliches Schuldgefühl, dass ich irgendetwas nicht richtig verstanden habe, oder dass ich einfach nicht weiblich genug bin, oder dass ich nicht mütterlich genug bin, oder nicht konsequent genug lege ich mehr und mehr ab. Denn ich habe für mich verstanden: Schuldgefühle sind ideale Kontroll- und Unterdrückungswerkzeuge. Und die Hoffnung auf einen Retter in einer Person oder einem System ist trügerisch. Sie verhindert, dass ich selbst meine Möglichkeiten sehe, etwas zu tun. Sie hält mich in Passivität. Damit ist sie einerseits bequem, andererseits aber einschränkend.

Als kleines Mädchen hatte ich aus vielen Märchen das Traumbild eines männlichen Retters auf einem weißen Pferd. Heute setze ich mich selbst auf das Pferd. Ich möchte nicht mehr gerettet werden und ich möchte niemanden mehr retten. Stattdessen möchte ich Menschen begleiten und begleitet werden von Menschen, die suchen und offen und beweglich bleiben in ihrer Suche und in der Unsicherheit Sicherheit finden.


Bild: pixabay; Fuchsia