Was ist Beziehungsgewalt? Macht und Kontrolle, verpackt in Liebe

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Die sogenannte “häusliche Gewalt” habe ich mir früher vorgestellt als Randgruppenphänomen sozial schwacher Familien. Ich hatte Bilder im Kopf von schwachen Frauen, die alles mit sich machen lassen und sich nicht wehren und einem grobschlächtigen Schlägertyp, der zu keiner kultivierten Äußerung fähig ist – das ganze in einem Setting von Miniwohnung in einem Hochhausviertel in schlechter Wohnlage. Soweit zu meinen beschränkten Vorurteilen.

Als ich mich intensiver mit der Thematik befasste, stellte ich fest, dass diese Bilder gar nicht oder nur zum Teil stimmten. Beziehungsgewalt geht durch ALLE gesellschaftlichen Schichten. Jede vierte Frau hat schon einmal oder mehrfach Beziehungsgewalt erlebt (wobei hier nur die körperliche Gewalt berücksichtigt wird). Scheinbar sind insbesondere starke, gebildete und selbständige Frauen gefährdet. Inzwischen gehe ich sogar davon aus, dass – ähnlich wie bei Vergewaltigungen – JEDE/R Opfer von Beziehungsgewalt werden kann. Die Täter können wiederum mitnichten nur Schlägertypen sein, sondern gebildete Akademiker mit einer glänzenden Ausstrahlung und Reputation oder umgekehrt Männer, die sehr schwach und bedürftig wirken und den Helferinstinkt wecken. Im übrigen gibt es auch Täterinnen, also Frauen, die Beziehungsgewalt ausüben.

Beziehungsgewalt ist in der öffentlichen Darstellung sichtbar (*Triggerwarnung für den Link*) in Form von blauen Flecken, Würgemalen, Knochenbrüchen und anderen schweren körperlichen Verletzungen und hörbar in Form von eskalierenden Streitigkeiten, Verwüstung der Wohnung usw.. Bekannt ist, dass die Spuren von Opfern verleugnet und in einen anderen Zusammenhang gebracht werden (“Ich bin die Treppe hinuntergestürzt”). Das ist aber nur EIN Ausschnitt von Beziehungsgewalt und meist eine später eintretende Form der Eskalation. Beziehungsgewalt fängt viel früher an und steigert sich unbemerkt und schleichend. In vielen Fällen kommt es sogar NIE zu körperlichen Übergriffen. Stattdessen wird der Partner seelisch und emotional missbraucht und gequält.

Fremdbestimmung, Unbehagen und Angst

Beziehungsgewalt fängt für mich inzwischen da an, wo Unbehagen und Angst aufkommt und wo das eigene Verhalten zunehmend vom Partner bestimmt wird. Schwierig ist daran, dass es häufig so aussehen kann, als wäre man selbst die bestimmende und steuernde Person in der Beziehung, die den Partner quält. Genau dies wird auch vom Partner gespiegelt. Daher ist es auch in der Rückschau unheimlich schwierig, das Geflecht einer Gewaltbeziehung zu entheddern. Dass man selbst eigentlich Täter ist, haben viele Opfer so verinnerlicht, dass sie auch Jahre nach Beendigung der Beziehung noch an ihrer Wahrnehmung zweifeln und ihre Erlebnisse verharmlosen. “Bei mir war es lange nicht so schlimm wie bei anderen” schreiben mir Frauen, die Vergewaltigungen erleiden mussten und täglich beleidigt wurden. “Er hat ja nicht mich körperlich oder verbal angegriffen, sondern nur meine Kinder” sagen andere.

Bei beginnenden körperlichen Übergriffen wird ebenfalls häufig verharmlost. “Es war ja nur einmal und er hat gesagt, es kommt nie wieder vor.” “Er hat mich ja nicht geschlagen, sondern nur geschubst oder am Arm weggezogen.” Was sind für mich daher erste Anzeichen von Beziehungsgewalt?

Erste Anzeichen von Beziehungsgewalt können sein:

  • Ich fühle mich zunehmend unbehaglich bis ängstlich im Umgang mit dem anderen.
  • Ich habe das Gefühl, dass ich mich mehr und mehr nach dem anderen richte und bestimmte Themen nicht anspreche, um Streit zu vermeiden oder um ihn nicht zu sehr zu verletzen.
  • Ich äußere keine Kritik mehr, weil er dann ausrastet.
  • Ich habe keine Lust mehr, andere zu uns einzuladen, weil bei uns so eine angespannte Stimmung ist oder weil er mich ständig vor anderen klein macht oder weil er sich so schlecht benimmt.
  • Ich gehe meinen Hobbies nicht mehr nach.
  • Ich kann mich selbst und meine Bedürfnisse immer schlechter spüren.
  • Ich versuche, den Kindern ein anderes Benehmen beizubringen, das ihm gefällt, damit er nicht ausrastet. Er verunsichert mich in meiner Erziehung. Oder er bringt die Kinder gegen mich auf. Oder er geht extrem streng und herablassend mit den Kindern um, so dass ich ständig in die Rolle der Vermittlerin rutsche, die versucht, Ruhe in die Familie zu bringen. Er nutzt die Kinder also in der ein oder anderen Form als Druckmittel und Waffe gegen mich.
  • Ich fühle mich immer einsamer in der Beziehung, weil er mich zunehmend ignoriert, immer später nach Hause kommt, Absprachen und Verabredungen nicht einhält, nur noch macht, was ihm gefällt.
  • Ich bin extrem eifersüchtig geworden, weil er immer wieder mit anderen Frauen ausgeht, auf Festen intensiv mit anderen Frauen flirtet, tanzt und weiteres – auch und gerade in meinem Beisein – etc.. Eifersucht kenne ich von früher nicht.
  • Ich spreche einfache Regelungen im Haushalt nicht mehr an und mache lieber alles selbst, weil es sonst einen Riesenstreit gibt und er sich von mir dominiert fühlt.
  • Ich habe nur noch selten Lust auf Sex mit meinem Partner, weil die Konflikte nachwirken und nicht ausreichend geklärt werden. Ich gehe nur noch mit ihm ins Bett, weil er das will und weil er sonst unausstehlich wird.
  • Ich fühle mich ausgebremst. Ich tue z.B. nur noch selten aktiv etwas für meinen beruflichen Erfolg, bilde mich nicht mehr fort etc.
  • Ich fühle mich wirtschaftlich und finanziell ausgenutzt oder bin finanziell abhängig, habe z.B. kein eigenes Konto mehr oder er greift ungefragt auf mein Eigentum und mein Geld zu. Er kontrolliert das gesamte Geld und ich muss immer fragen, wenn ich etwas haben will. Umgekehrt spricht er größere Anschaffungen nicht mit mir ab und verschuldet sich und mich.
  • Ich treffe meine Freunde nicht mehr oder nur noch selten, weil ich keine Zeit mehr für sie habe, oder weil er sonst extrem eifersüchtig ist, oder weil er eine Riesenszene macht, oder weil ich nicht will, dass sie sehen, wie es um mich steht. Ich habe das Gefühl, mein Partner möchte mit allen Mitteln verhindern, dass ich raus komme.
  • Er kontrolliert zunehmend mein Privatleben, liest meine Post, meine SMS, mein Tagebuch, greift auf meinen Computer zu, möchte über all meine Termine genauestens Bescheid wissen und reagiert extrem beleidigt, wenn ich zu spät komme. Umgekehrt informiert er nicht über seine Termine und kommt und geht wann er will.
  • Ich schäme mich für unsere Beziehung. Niemand darf wissen, wie es wirklich ist – auch meine engsten Freunde nicht.

Das Motiv ist nicht Gewalt

Entscheidend für ein Verständnis der Dynamik von Beziehungsgewalt ist, dass es dem Täter nicht in erster Linie um Gewalt geht. Daher passt auch das Bild des “Schlägertypen” nur bedingt. Das Motiv des Täters ist Macht und Kontrolle. Er möchte Macht und Kontrolle über seine Partnerin und seine Familie haben. Aus diesem Motiv heraus kann langsam und schleichend Gewalt entstehen. Wenn der Täter das Gefühl hat, dass die Partnerin ihm entkommt oder ihn in Frage stellt oder ihn über eigene Entscheidungen dominieren möchte, wird er alles tun, um die Kontrolle zurückzuerlangen – notfalls auch mit körperlicher Gewalt.

Dabei überträgt er seine eigenen Motive auf die Partnerin und wirft sie ihr vor. Wenn sie z.B. ohne ihn zu fragen einen Teppich kauft, empfindet er das als Dominanzgeste. Wenn sie Kritik an ihm äußert, fühlt er sich als ganze Person angegriffen und in Frage gestellt. Es ist keine Auseinandersetzung über die rein sachliche Ebene möglich. Es geht immer direkt ums Ganze. Wenn sie erfolgreicher wird als er, fühlt er sich in seiner Macht beschnitten. Wenn sie den Weg besser weiß als er, wirft er ihr vor, dass sie unerträglich besserwisserisch sei und ihn beleidigen möchte. Und so weiter.

Fatal ist, dass diese Form der Gewalt in Liebe verpackt ist. Diese Gewalt entsteht aus einer Liebesbeziehung, die anfangs häufig so intensiv ist, dass Du meinst, Deinen Seelenpartner getroffen zu haben und noch nie jemanden so intensiv geliebt zu haben. Dies bildet die Basis für eine Abhängigkeit, aus der es sehr schwer ist, zu entkommen.

„Du weißt nicht, was Du fühlst“

Entscheidend kann auch sein, dass Du mehr und mehr das Gefühl hast, Deiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen zu können, weil Dein Partner Deine Gefühle und Deine Wahrnehmung konstant in Frage stellt und verdreht. Dieses Phänomen ist als “Gaslighting” bekannt. Typisch kann z.B. sein, dass Dein Partner Dir in einer Auseinandersetzung sagt, wie Du wirklich fühlst, dass er meint besser zu wissen, was Du eigentlich meinst und Dir daher auch nicht wirklich zuhören muss und dass Dir das Wort im Mund verdreht wird. In einer typischen Auseinandersetzung bist Du daher die ganze Zeit damit beschäftigt klarzustellen, was Du eigentlich sagen möchtest. Dadurch können die eigentlichen Gründe der Auseinandersetzung völlig in den Hintergrund treten. Dein Partner muss sich mit den Fakten Deiner Kritik nicht auseinandersetzen, weil er besser weiß, was Du ihm eigentlich sagen möchtest (z.B. dass Du ihn  nicht liebst, dass Du sowieso nicht wirklich lieben kannst etc.) Am Ende bist Du so verunsichert, dass Du selbst nicht mehr weißt, was Du denkst und fühlst und dass Du vor allem vergessen hast, worum es in der Auseinandersetzung ursprünglich ging.

Auch das Gefühl der zunehmenden Angst und Unsicherheit dem Partner gegenüber kann Dir so verdreht werden. Es wird Dir z.B. vermittelt, dass Du nicht beziehungsfähig bist, Dich nicht einlassen kannst auf einen anderen und dass Deine Angst und Unsicherheit ein Zeichen von einem psychischen Problem ist.

Ich möchte hier noch einmal wiederholen, dass ich es für äußerst wichtig halte, dass Du Dein schlechtes Bauchgefühl und Deine Angst ernst nimmst. Wenn Du das Gefühl hast, dass der andere Dich zunehmend schlechter behandelt, dass er Dir die Wahrnehmung verdreht, dass Du Dich unbehaglich fühlst, wenn er da ist, dass Du Dein Verhalten zunehmend nach ihm und seinen “Launen” ausrichtest, solltest Du ernsthaft über eine Trennung nachdenken.

Mehr und sehr umfangreiche Informationen zum Thema findest Du bei re-empowerment.de.

Ein sehr anschauliches (englischsprachiges) Video zu Gaslighting
(*Triggerwarnung*)


Bild: Pixabay, Fotocitizen