Mutter, Vater, Kind Eine Kritik der Kleinfamilie

InBeziehungsgewalt, Familienbild, Familienpolitik, Feminismus, Männerbild, Muttermythos
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Vor einigen Tagen schrieb ich einen Tweet, der Diskussionen auslöste. Darin wagte ich es, die Kleinfamilie als gesunde Lebensform in Frage zu stellen.

Ein Großteil unseres gesellschaftlichen und politischen Reglements fundiert auf der Basis der Kleinfamilie als Keimzelle der Gesellschaft. Unsere inneren Bilder von Zusammenleben, Glück und Erfolg werden schon früh auf das Ideal “Vater, Mutter, Kind” geprägt. Auch wenn wir uns schon längst weiterentwickelt haben und auch wenn es schon neue Familien- und Lebensmodelle gibt, wird dieser Mythos nach wie vor gepflegt und gehegt, als hinge das Leben von ihm ab. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass gerade diese Lebensform insbesondere für Frauen die Hölle auf Erden bedeuten kann. Der gefährlichste Ort für Frauen ist das eigene Zuhause.

Die Kleinfamilie in ihrer klassischen Aufteilung sieht die Frau am Herd, im Haus und bei den Kindern. Der Mann wiederum geht arbeiten und sorgt finanziell für sich und die Familie. Heutzutage gehen bei den meisten Familien jedoch beide Partner arbeiten. Dennoch bleibt ein Großteil der Familien-, Pflege- und Hausarbeit immer noch an den Frauen hängen – allen Gleichberechtigungsbestrebungen zum Trotz. Selbst wenn heutzutage vieles “outgesourced” werden kann in Form von Putz- und Haushaltshilfe, Lieferdiensten oder Krippe, Kita und Hort, ist auch die moderne Frau zerrissen zwischen all den Anforderungen, die Kinder, Haushalt und Karriere an sie stellen. Kein Wunder, dass Depressionen und Burnout unter Müttern zunehmen.

Rutscht man aus diesem Kleinfamilienmuster hinaus – durch eine Trennung zum Beispiel – ist das für viele sehr schmerzhaft. Das, was uns von klein auf als ideale Lebensform vermittelt wurde, ist zerbrochen. Wir fühlen uns gescheitert. Wir sorgen uns um das Wohlergehen unserer Kinder. Wir möchten ihnen Leid ersparen und wünschen uns, dass sie möglichst glimpflich und unbeschadet durch diese Krise hindurchkommen. Gleichzeitig schämen wir uns und haben das Gefühl, dass wir nicht mehr dazugehören zu den anderen vermeintlich glücklichen Familien. Viel Leid entsteht dadurch, dass wir den Traum von der Kleinfamilie aufgeben müssen. Manche – auch ich – versuchen dann einen Neuanfang mit einem neuen Partner, der evtl. auch eigene Kinder mit in die Beziehung bringt. Aber nach einiger Zeit wird klar, dass man auch über diesen Weg die Wunde nicht heilt. Eine Patchworkfamilie ist ein sehr komplexes, eigenes und häufig brüchiges Konstrukt. Wenn dann die Erkenntnis kommt, dass auch so der Traum von Familie nicht mehr in die Realität zu holen ist, tut das je nachdem noch mehr weh.

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es glückliche Kleinfamilien gibt. Das Glück der Kleinfamilie fußt aber in vielen Fällen auf einer hohen Opferbereitschaft und Anpassungswilligkeit und -fähigkeit der Frauen. Nicht nur alleinerziehende Frauen leiden unter Überlastungserscheinungen. Auch Frauen, die in der Kleinfamilie oft alleingelassen sind mit den Anforderungen von Kindern und Alltagsbewältigung, kämpfen darum, noch Raum und Zeit für sich selbst zu finden. Der Leistungsdruck, der auf Müttern lastet, ist insbesondere in Deutschland sehr hoch, da wir immer noch einen sehr ausgeprägten Muttermythos pflegen. Dieser Leistungsdruck wird weiter geschürt durch Erziehungstrends, die Müttern viel abverlangen, damit ihre Kinder glücklich werden. Wie es den Müttern selbst damit geht und welche Bedürfnisse die Mütter eigentlich selbst haben, wird selten gefragt.

Da ich selbst schon einige Trennungen in meiner Herkunftsfamilie als Kind und auch als Mutter erlebt habe, bin ich inzwischen an einem Punkt angelangt, wo ich von außen auf diese Träume und Verstrickungen schaue und frage und forsche, ob das eigentlich alles so stimmig ist. Ich hinterfrage, inwiefern das Ideal, als das uns die Kleinfamilie dargestellt wird, wirklich Hand und Fuß hat, oder ob wir sogar dieses Idealbild durchleuchten und hinterfragen sollten. Auf meiner Forschungsreise bin ich zuletzt bei der Matrifokalität und Patriarchatsforschung und -kritik gelandet. Und seitdem ich mich damit beschäftige, wird mir vieles verständlicher, auch wenn mir nach wie vor viele Fragen bleiben.

Die Patriarchatsforschung geht davon aus, dass es vor unserem derzeitigen System des Patriarchats eine mütterzentrierte Lebensweise in Clans und Sippen gab. Die Sippen folgten der Mutterlinie und waren nicht hierarchisch strukturiert. Heirat und Ehe gab es nicht. Die Vaterschaft hatte keine Bedeutung. Stattdessen hatte eine Frau häufig mehrere Partner in ihrem Leben, die aber nicht mit ihr zusammenlebten. Sie wählte aus, mit welchem Mann sie wann und wie lange zusammensein und sexuellen Kontakt wollte (female choice). Die Männer lebten grundsätzlich bei ihrer Muttersippe und waren bei anderen Familienclans nur zu Besuch. Männliche Mitglieder der Sippe waren daher Brüder, Önkel und Söhne, die auch den männlichen Anteil der anstehenden Arbeiten übernahmen. Durch die Zentrierung auf die Mutter war die Blutsverwandtschaft und damit eine natürliche Bindung der Mitglieder untereinander gegeben. Gleichzeitig gab es keine einsame Mutterschaft im Rahmen einer Kleinfamilie, die von einem männlichen Familienoberhaupt regiert wurde (ja, das ist heute nicht mehr so. Aber es ist bei uns noch gar nicht lange her, dass die Männer bestimmt haben, ob eine Frau arbeiten geht etc.). Der Clan half sich untereinander. Kinder mussten nicht von ein oder zwei Personen allein versorgt und “erzogen” werden. ForscherInnen, die diese frühen Lebensformen untersuchen, gehen davon aus, dass das die eigentlich natürlich Lebensform der Spezies Mensch ist, von der wir uns über das Patriarchat inzwischen weit entfernt haben.

Ich persönlich empfinde diese Erkenntnisse einerseits als sehr entlastend, weil mein mulmiges Gefühl der Kleinfamilie gegenüber damit eine Erklärung findet. Andererseits ist es – durch diese Brille betrachtet – beklemmend, wie sehr das System des Patriarchats in unsere heutige Art zu leben hineingreift und mit seinem Streben nach Macht, Herrschaft und Unterwerfung insbesondere Müttern schadet und sie benachteiligt und schwächt.

Interessant ist, dass sich scheinbar eine Menge Mütter einerseits danach sehnen, so gut wie vollständig ersetzt zu werden. Das gipfelt in Ideen und Fantasien, Mütter durch Gebärmaschinen zu ersetzen (über diese Idee sinnieren nicht nur Feministinnen, sondern auch Väterrechtler). Andere Mütter wiederum kultivieren ihre Mutterschaft wie ein Showbusiness. Die einen sehnen sich nach Entlastung, weil die Anforderungen einfach zu hoch sind, was bei manchen im Bereuen der Mutterschaft (regrettingmotherhood) gipfeln kann. Die anderen überhöhen Mutterschaft als etwas Heiliges, womit sie unbemerkt ebenso in einem Druckkessel landen können, der täglich verlangt, das schöne Bild aufrechtzuerhalten. Ob Mütter ihre Mutterschaft genießen können und z.B. auch weitere Kinder bekommen wollen, hängt ganz wesentlich davon ab, wie sehr sie unterstützt werden und in einem Umfeld leben, das sie mit der Verantwortung und den täglichen Aufgaben nicht allein lässt.

Heutzutage wird versucht, diese Entlastung einerseits über die stärkere Einbindung der Väter und andererseits über die Institutionalisierung von Kinderbetreuung oder Auslagerung von Care-Arbeit zu schaffen. Wenn man aber mal etwas genauer hinsieht und hinhört, dienen diese Bestrebungen häufig vor allem einem möglichst reibungslosen Verfügbarmachen des Menschen für den Wirtschaftskreislauf. Leistungsbereitschaft ist heute das A und O. Die Ausrichtung auf Karriere fängt schon im Kindesalter an. Der Alltag von Familien ist heutzutage von frühmorgens bis spätabends durchgetaktet. Raum zur Entspannung und Langeweile gibt es kaum. Die Belastung dieser Durchtaktung des Alltags erhöht sich noch, wenn ihn nur eine Person tragen muss. Die Überlastung von Einelternfamilien (auch hier meist Frauen) wirkt sich auch auf die Gesundheit der Mütter und Kinder aus. Alexandra Widmer kennt sich damit aus und bemüht sich darum, psychische Entlastung zu schaffen.

Im tieferen Sinne wird aber dem Menschen und den Frauen insbesondere die Grundlage genommen, ein freudvolles, entspanntes und schönes Leben mit ihren Kindern zu führen. Die Bestrebungen, all die Arbeiten, die Mütter traditionell übernommen haben, zu institutionalisieren und an andere Personen zu verteilen, können am Ende dazu führen, dass Mütter und mütterliches Verhalten innerhalb der Familie an Bedeutung verlieren oder gar abgeschafft werden. Wie sonst kommt es dazu, dass überall Väter inzwischen in ihrer Bedeutung besonders hervorgehoben und beworben werden und der Spiegel sogar titelt “Sind Väter die besseren Mütter”? Das, was eigentlich eine Entlastung sein sollte, führt am Ende dazu, die Bedeutung von Müttern unsichtbar und unnötig zu machen. Das ist wohl auch ein ganz wesentlicher Grund, warum der Feminismus Mütter immer noch nicht wirklich sieht und unterstützt. Der allgemeine Trend geht zunehmend dahin, den Vater zu unterstützen und in seiner Bedeutung und Wichtigkeit für die Familie hervorzuheben, vordergründig u.a. damit die Mütter nicht mehr so belastet sind. Hintenherum landen wir darüber aber wieder beim alten Machtgefüge der Kleinfamilie, denn Wunsch und Wirklichkeit der Gleichberechtigung zwischen Müttern und Vätern klaffen weit auseinander.

Dass dahinter die Rechte und Möglichkeiten für Mütter vernachlässigt werden, fällt kaum jemandem auf. Erst nach einer Trennung, v.a. mit Partnerschaftsgewalt im Gepäck, wird für Frauen überdeutlich, wer in unserem System wirklich unterstützt wird und wer nach wie vor um Unterstützung und Glaubwürdigkeit kämpfen muss und alleingelassen wird.

Eine menschenwürdige und im Sinne der Patriarchatsforschung natürliche Form des Zusammenlebens würde Mütter und ihr Wohlergehen in den Fokus stellen, da es in der Regel der gesamten Gesellschaft gut geht, wenn es Müttern gut geht. Bestrebungen, Mütter wirklich nachhaltig zu unterstützen, könnten auch in Ideen zu anderen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens einfließen, die netzwerkartig und flexibel organisiert sind und die Gesamtverantwortung und -arbeit nicht immer wieder auf eine Einzelperson zurückwerfen. Dazu müsste allerdings bei vielen ein Umdenken zu Lebensform, Lebenssinn und Lebensinhalt stattfinden. Denn es hieße, dass das Leben nicht in erster Linie leistungsorientiert und ausbeutend ausgerichtet wäre, sondern eher bindungsorientiert, erhaltend und kooperativ.

In einer solchen Lebensform wäre es übrigens kein Drama, wenn Eltern sich trennen – weder für die Mutter, noch für den Vater, noch für das Kind – weil der wesentliche gemeinschaftliche Halt durch die Gruppe käme.


Bild: Pixabay, PublicDomainPictures

Inspiration:
Die Mosuo sind ein Volk, das auch heute noch matrilinear lebt.