Unterhalt, Wechselmodell und anderes Geldspielzeug Ein Rant

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Eigentlich dürfte ich mich nicht ärgern. Seit Monaten habe ich mir endlich mal wieder ein verlängertes freies Wochenende organisiert. Das ist dringend nötig bei meinem Erschöpfungszustand. Die Kinder sind zu Hause bei Oma und Opa. Die Oma ist 70. Es wird nicht mehr lange möglich sein, dass sie die Kinder nimmt. Schon dieses Mal habe ich mehrfach hin- und herüberlegt, ob ich ihr das zumuten möchte und habe bewusst ein Wochenende gewählt, damit der Opa auch zu Hause ist.

Und was ist mit den Vätern? In unserem Fall – wie in gar nicht wenigen anderen Fällen – fallen die Väter zunehmend aus. Zum einen will das Kind nicht mehr. Der andere erwidert auf meine bitter-freundliche Nachfrage, ob er denn in den Herbstferien mal Zeit für seinen Sohn hat, dass er keinen freien Tag mehr hat. Tja. Ob und wie ich das mit meinen freien Tagen und meiner Berufstätigkeit organisiere, interessiert keinen. Wie es dem Sohn damit geht, dass sein Vater seit Jahren kaum noch Zeit für ihn hat (noch nicht mal für einen Anruf oder einen Brief), interessiert auch keinen.

Gestern Abend lese ich dann, dass nun ein Unterhaltsvorschuss für Kinder alleinerziehender Eltern bis zum 18. Lebensjahr gewährt wird – ohne die bisherige Beschränkung auf 6 Jahre. Das ist ein wichtiger Schritt, um Kinder aus der Armutsfalle zu holen. Dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack: In Deutschland übernimmt nun also der Steuerzahler die Kosten, die eigentlich der andere Elternteil – größtenteils der Vater – zu tragen hätte. Statt von staatlicher Seite mal richtig Druck auf die zahlungsfähigen, aber -unwilligen Väter zu machen, regelt man das lieber über staatliche Gelder.

Das macht mich, wie vieles andere in den letzten Tagen und Wochen, ziemlich sauer.

Dazu möchte ich sagen: Meine Söhne sind in der glücklichen Lage, Unterhalt zu erhalten – vom einen Vater freiwillig, vom anderen nur durch Druck einer Beistandschaft beim Jugendamt. Die Beistandschaft unterstützt in unserem Fall wirklich nachhaltig die Interessen des Sohnes (denn darum geht es. Das ist nicht mein Geld). Das ist aber – wie ich von vielen anderen alleinerziehenden Müttern erfahren durfte – ein Glücksfall. Man lese bei Interesse z.B. mal bei mamamotzt. Ich habe jetzt die Zahlen nicht parat. Aber soweit ich es in Erinnerung habe, zahlen mehr als 50% der Väter (sic!) keinen Unterhalt an ihre Kinder. Wie Verena Schulemann vor einiger Zeit schrieb: es ist für den Staat leichter (und wichtiger?) GEZ-Gebühren einzutreiben als säumigen Unterhalt. Jahrelang haben das vor allem alleinerziehende Mütter und insbesondere ihre Kinder ausgebadet. Nur durch den zunehmenden Druck der Alleinerziehenden bewegt sich nun etwas. Durch das neue Gesetz können sich nun aber auch heute noch viele, viele Väter aus der Verantwortung ziehen.

Jaja, ich weiß übrigens was jetzt kommt: Jetzt kommt (tusch!) das Wechselmodell. Erst kürzlich sah ich mir einen Facebook-Livestream an, in dem ein Vater von einer Väterinitiative zu Wort kam, um mit Frau Schwesig zu sprechen. Er konnte frank und frei behaupten, es gäbe ja keine Alleinerziehenden, weil es ja noch den anderen Elternteil gäbe. Man müsste das anders benennen, z.B. getrennterziehend, und endlich mal für Gleichberechtigung der Geschlechter nach einer Trennung sorgen. Die (armen, armen) Väter kämen ja gar nicht zum Zuge bei ihren Kindern, weil sie durch die extrem hohen Unterhaltszahlungen und veraltete Umgangsregelungen (jedes 2. Wochenende) vergrault würden. (Ich übertreibe, ja.) Außerdem müsse das mit dem Unterhalt anders geregelt werden, wenn der Vater sich mehr kümmere, weil dann ja viel höhere Kosten anfallen.

Kurz gesagt: es geht hier – mal wieder – in erster Linie um Geld.

Um wieviel Geld geht es denn? In vielen Fällen um ca. 400 EUR monatlich pro Kind. In noch mehr Fällen ist es viel, viel weniger – oder eben nix. Das Kindergeld wird hälftig angerechnet, und zwar egal, ob der Vater sich wirklich kümmert oder nicht. Unterhalt ist einkommensabhängig und abhängig von der Kinderzahl. Wenn man nichts hat (angeblich), zahlt der Staat. Es gibt z.B. keinen staatlichen Druck, dass man sich doch bitte mal einen neuen Job sucht, damit man sein Kind versorgen kann. Übrigens soll dann mit den 400 EUR (oder weniger) eigentlich alles abgedeckt sein, auch Kitakosten usw. (Bei Facebook kommentierte jemand, dass das mit den Kitakosten wohl juristisch so nicht stimmt. Danke! Ich kenne dennoch viele, die das alles allein zahlen mit dem Argument der Väter, mit dem Unterhalt hätten sie ihre Schuldigkeit getan).

Die nicht mehr allerneuste Idee der Väterinitiativen ist jetzt: das Wechselmodell. Weil – logisch – da muss man ja nichts zahlen an die Ex (ach ne, an das Kind). Bei einer 50% Teilung der Betreuung gibt es – so der Wunsch – keine Unterhaltszahlungen mehr. Wir hatten mal ein So-Gut-Wie-Wechselmodell ohne Unterhaltszahlungen. In diesem Fall fragt aber keiner, wer denn eigentlich die wichtigsten Anschaffungen für das Kind macht (Schuhe, Kleidung, Laufrad, Kinderstuhl, Spielzeug, Schwimmkurs, später Taschengeld etc.) und wer die Termine beim Kinderarzt etc. wahrnimmt (weil der Vater ja arbeiten muss). Pech, wenn das dann mal wieder größtenteils einer macht. Da muss man dann drüber reden. Aber wenn dann der andere sagt: “Schwimmkurs brauchen wir nicht … Spielzeug braucht das Kind hier nicht … für Kindermöbel hab ich kein Geld … ich kaufe (nicht schöne) sondern nur total zerschlissene 2nd-Hand-Kinder-Klamotten (während ich mich in Markenkleidung stecke) und ich habe nur Kinder-Unterhosen … ich muss arbeiten, es gibt kein Kinderturnen.” Pech! Für’s Kind. Ihr könnt Euch denken, worauf das hinausläuft.

Ich habe nichts gegen das Wechselmodell. Aber es ist vom Kind und von den Eltern abhängig, ob das läuft. Wenn das (natürlich hintenrum) als Kostensparmodell für die Väter angelegt ist, geht es nicht um das Wohl des Kindes. Ich möchte ketzerisch in den Raum stellen, dass es in vielen Fällen, in denen das Wechselmodell gefordert wird, aber genau um das geht. Und es geht gern auch um Macht, die den Müttern ja gern in die Schuhe geschoben wird (siehe Mütterthron).

Das Wechselmodell funktioniert (wie eine gute, wirklich gleichberechtigte Elternschaft) nur, wenn beide sich gleich verantwortlich fühlen – finanziell, organisatorisch und vor allem vom Herzen her. Die Eltern müssen sich noch gut verstehen und miteinander reden können. Außerdem sollte das Kind im Mittelpunkt stehen. Es gibt Kinder, die nicht ständig zwischen ihren Eltern wechseln wollen oder denen das einfach nicht gut tut.

Und um eines mal ganz deutlich zu sagen: Bereichern kann man sich am Unterhalt nicht! Der klassische Kindesunterhalt reicht meistens nicht, um die Kosten für die Kinder zu decken (geschweigedenn in Saus und Braus als Mutter faul in der Wellness am Pool zu liegen). Es ist auch so nötig, dass man über Berufstätigkeit und/oder staatliche Unterstützung aufstockt.

Und leider bin ich immer noch nicht fertig mit meiner Litanei. Ob man sich kümmert oder nicht, ist immer noch freie Entscheidung der Väter. Es gibt keine Möglichkeit, einen Vater zu zwingen, sich um sein Kind zu kümmern. Denn: viele, viele Väter kümmern sich nicht. Und das liegt nicht, wie gern behauptet wird, vor allem an den Müttern.

Es gibt Väter, die – nachdem sie monatelang Terror über das Jugendamt wegen angeblichem Kindesentzug gemacht haben – plötzlich einfach von der Bildfläche verschwinden. Es gibt Väter, die sich angeblich gut kümmern (alle zwei Wochen 4 Stunden) und in der Umgangszeit so mit ihrem Kind umgehen, dass das Kind nicht mehr mit ihm zusammen sein will. Als Mutter wird man dann beim Jugendamt danach gefragt, was man denn getan hat. Die Mütter sollen auf das Kind einwirken, dass es gern zum Vater geht. Wie der Vater sich wiederum verhält, ist scheinbar egal. Es kommt selten vor, dass der Vater gebeten wird, sein Verhalten zu überdenken und zu ändern, weil das Kind nicht mehr zum Vater will. Zu Beratungsstellen gehen viele Väter ja sowieso nicht gern. Das Ende vom Lied ist in vielen Fällen, dass das Kind seinen Vater verliert. Der Vater wiederum schiebt die Verantwortung auf die Mutter und das (bockige und von der Mutter schlecht erzogene) Kind.

Der Vater ist mittlerweile so wichtig geworden, dass selbst Väter die gewalttätig sind, ein Recht auf Kindesumgang haben. Das Recht auf Umgang steht in Deutschland sogar vor dem Recht auf Gewaltschutz. Sogar nach einer Trennung aus einer Gewaltbeziehung muss eine Frau daran mitwirken, dass eine schnelle Umgangsregelung zustande kommt. Dass über diesen Weg, der gewalttätige Ex nach wie vor großen Zugriff auf die Frau hat, ist jedem klar. Nur dem Gesetzgeber nicht. Und wenn die Kinder nicht wollen, weil sie Zeugen der Gewalt wurden, liegt das eher am schlechten Einfluss der Mutter, als am Verhalten des Vaters. Eine Mutter, die sich Sorgen um ihre Kinder macht, weil sie Angst vor dem Verhalten des Vaters hat, wird gezwungen gegen ihre Ängste anzugehen und vor den Kindern so zu tun als wäre alles in Ordnung. Und all das nur, damit der Vater Umgang hat. Um die Kinder geht es hier nicht. Das zum Thema: mangelnde Gleichberechtigung zwischen den Elternteilen.

Wie schon Textscheune schrieb: “Getrennte Vaterschaft ist [immer noch] Zucker” – auch weiterhin staatlich unterstützt.


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