„Das geht mich nichts an“ Über die Ignoranz

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Heute schreibe ich mal nicht über Dich als betroffene Frau, die Gewalt durch ihren Partner erlebt (hat). Ich schreibe für Dich als Frau oder Mann, der Du glaubst, dass dieses Thema mit Dir nichts zu tun hat.

Mir passiert so etwas nicht.

Lange habe ich das auch geglaubt. Ich war mir sicher: So etwas lasse ich mir nie gefallen. Wenn ich jedoch genauer nachdenke, erinnere ich mich, dass ich den ersten gewalttätigen Partner schon mit Mitte 20 hatte. In dieser Beziehung spürte ich das erste Mal, dass auch mir „so etwas“ passieren kann. Dieser Mann war nicht körperlich gewalttätig, aber psychisch. Vieles habe ich vergessen und verdrängt. Ich erinnere mich allerdings an dieses deutliche Gefühl der Bedrohung und Übergriffigkeit gepaart mit Schuldgefühlen und immer wieder aufflammender Anziehung.

Es passiert jeder vierten Frau.

Als ich mich in den letzten Jahren intensiver mit der Thematik der Gewalt in Paarbeziehungen und Familien befasste, war ich schockiert, wie weit verbreitet das ist. Genauso schockiert war ich darüber, dass dieses Phänomen in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden ist und dass viele Betroffene nicht nur wahnsinnig viel Kraft investieren müssen, um aus der Beziehung zu entkommen. Nach der Trennung werden sie häufig alleingelassen von Gesellschaft, Rechtssystem und Politik.

  • Es werden ihnen Steine in den Weg gelegt, die eine erfolgreiche Trennung erschweren, z.B. über nicht ausreichenden Gewaltschutz oder durch den Zwang zu einer schnellen Umgangsregelung für gemeinsame Kinder.
  • Sie werden überall nach ihrer Mitschuld und Mitverantwortung gefragt, besonders wenn sie alleinerziehende Mütter werden.
  • Sie müssen sich selbst um ihren Schutz kümmern, weil es z.B. zu wenig Frauenhäuser gibt und weil diese chronisch unterfinanziert sind.
  • Vor psychischer Gewalt gibt es in Deutschland so gut wie keinen Schutz.
  • Betroffene können sich nicht sicher sein, dass eine Anzeige nachhaltig verfolgt wird und dass sie wirklich ernstgenommen werden. Sie werden evtl. retraumatisiert, da sie ihre Geschichte immer und immer wieder erzählen müssen oder unangenehme Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen, um Beweise für ihre Anzeige zu liefern.
  • Der Expartner kann über gemeinsame Kinder weiterhin Terror auf die Frau (und die gemeinsamen Kinder) ausüben in Form von Umgangsstreitigkeiten, unterlassenen Unterhaltszahlungen, endlosen Rechtsstreitigkeiten über Sorgerecht und Umgangsrecht, die Unterstellung von Kindesentfremdung, weil das Kind keinen Kontakt will, und im schlimmsten Fall Kindesentzug.
  • Und zu guter letzt: Niemand – außer selbst Betroffene – will ihre Geschichte wirklich hören.

Gewaltschutz ist kein Allgemeininteresse

Spürbar war das für mich zuletzt über die Petition zur Ratifizierung der Istanbul Konvention, die Carola Fuchs ins Leben rief. Diese Petition ist leider von viel zu wenig Menschen unterzeichnet worden, weil viele nicht verstehen, wie wichtig das ist. Ich habe die Petition mehrfach geteilt, aber ich konnte beobachten, dass vor allem betroffene Frauen teilten und zeichneten. Elternblogger, die mit der Thematik bisher nichts zu tun hatten, teilten und zeichneten beispielsweise größtenteils nicht. Klar, Petitionen gibt es wie Sand am Meer. Aber es ist doch schon erstaunlich, dass Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern nicht willens ist, für einen ausreichenden Gewaltschutz von Frauen und Kindern zu sorgen. Genau das ist nämlich der Sinn und Zweck dieser Konvention. Ich frage mich, warum das offensichtlich kein allgemeines Interesse ist.

Ich kann es nicht genug betonen: Gewalt – auch und gerade in Partnerschaften und Familien – geht jeden etwas an.

Gewalt an Frauen und Kindern wird viel zu oft ignoriert, verharmlost oder sogar direkt oder indirekt gefördert. Frauen, die öffentlich über Gewalterfahrungen und Sexismus sprechen, müssen damit rechnen, dass sie nicht ernstgenommen oder sogar mit einem Shitstorm überzogen werden.

Die Faszination der Ignoranz von GEwalt

Es fasziniert mich auf eine gewisse Art und Weise, wie weitreichend die Ignoranz an diesem Punkt ist, wie wichtig es offensichtlich ist, immer und immer wieder einen Deckmantel des Schweigens über das Thema Gewalt, besonders an Frauen, zu legen. Es ist, als würde es niemand wahrhaben wollen, als wäre es zu schmerzhaft, dass mitten unter uns so große Ungerechtigkeiten stattfinden. Als würde dieses Thema uns allen einen Spiegel vorhalten, in den wir nicht schauen wollen. Die öffentlichen Systeme unterstützen diese Ignoranz, indem sie die finanzielle Unterstützung für Präventions- und Schutzmaßnahmen chronisch knapp halten. Die Rechtssprechung und auch die Presse spiegelt und unterstützt immer wieder die Haltung, dass man das nicht wirklich hören will und dass Frauen lieber ihren Mund halten. Man guckt dann lieber auf einen anderen Teil der Welt und das Elend, das dort stattfindet, als dass man sich dem Horror hinter der sauberen deutschen Haustür zuwendet. Dabei ist ausgerechnet das eigene Zuhause der gefährlichste Ort für Frauen.

Jeder, der die Ignoranz in dieser Richtung fördert und nicht hinsehen und hinhören will, stützt die Fortführung der Gewalt. Jeder, der die Verantwortung für familiäre Gewalt auch beim Opfer sucht, ist selbst Täter. Es gehören nicht zwei dazu, wenn einer misshandelt und schlägt. Hinter einem Täter stehen jedoch viele, die ignorieren, beschwichtigen und sich scheuen, Gewalt zu sehen und zu benennen. Hinter dem Täter stehen auch die, die das Opfer nicht ernstnehmen.

Eine Zukunft ohne GEwalt?

Wenn wir eine gewaltfreie Zukunft anstreben, müssen wir uns insbesondere der Gewalt im familiären Umfeld zuwenden, denn dieses Umfeld ist das Feld, auf dem die Haltung zu und das Bewusstsein für Gewalt gedeiht. Jeder einzelne ist hier gefragt, auch und gerade der, der meint, dass es das bei ihm doch so nicht gibt. Die kleinste Einheit unserer Gesellschaft – das Paar und die Familie – prägt unsere Zukunft. Wenn wir Gewalt in der kleinsten Einheit ignorieren, potenziert sich die Gewalt in der Gesellschaft.


Bild: Shutterstock, Tomas Urbelionis

1 Kommentar

  1. Ich frage mich,wieso man immer (auch) selbst für die Gewalt,die einem angetan wurde,verantwortlich gemacht wird…
    Ich finde,dass es auf der einen Seite schon so ist,dass sich Menschen,die zu Gewalt neigen,irgendwie zu genau denen,die dafür anfällig sind,hingezogen fühlen (so nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip).Auf der anderen Seite ist aber natürlich jeder für das,was er tut,selbst verantwortlich.
    Ich hatte auch mehrere Gewaltbeziehungen,weil ich es halt gewohnt war,so schlecht behandelt zu werden.Aus solchen Beziehungen kann man deswegen auch viel lernen,um diese Prägungen,die einen überhaupt erst in solche Beziehungen gebracht haben,zu verarbeiten und wieder zu sich zu finden.
    Aber da man ja erstmal unbewusst an solche Menschen gerät und niemand anderen Gewalt antun MUSS (man hat ja immer eine Wahl),finde ich es unmöglich,dass die Betroffenen zum Täter gemacht werden.
    Wenn Menschen das tun,könnte man zu ihnen ja theoretisch nach der Logik,die sie haben,auch mal blöd sein und dann auch sagen „selbst schuld,Du hast mich provoziert“…Aber dann ist das mit Sicherheit wieder was ganz anderes.Doppelmoral ist ja sehr weit verbreitet…
    Aber ich selbst schlage Menschen,die mir blöd kommen,gerne mit ihren eigenen Waffen.Danach ist meistens Ruhe.

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