Väterwerbung für den Mütterjob? Die Fallstricke der Gleichberechtigung

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In den letzten Monaten und Jahren gab es ja so einige Bestrebungen, den „Mütterjob“ Familienarbeit attraktiver für Väter zu gestalten. Interessant ist, wie diese Veranstaltungen vom Bundesfamilienministerium benannt werden. Da heisst es z.B. Vater sein braucht Zeit. Auch setzt man sich neuerdings sehr dafür ein, dass die Unternehmen endlich mal Familienarbeit als gleichberechtigt zur Erwerbsarbeit betrachten und den Vätern dadurch keine Karriere-Nachteile entstehen, dass sie für ihre Familie in Teilzeit gehen. Was bei all diesen Bestrebungen auffällt ist, dass die Väter in einer Art und Weise gepampert und unterstützt und vor allem auch überzeugt werden sollen, wie manche (berufstätige) Mutter es sich nicht zu träumen wagt. Die Quote für Frauen in Vorstandsetagen, die lange nicht umgesetzt ist, führt dagegen zu einem großen Aufschrei und Hatespeech unter Männern. Gespiegelt wird in dieser Herangehensweise an das Thema, dass die Beteiligung an der Familienarbeit für viele Väter nach wie vor eine Wahlentscheidung ist.

All die Bemühungen, die Väter selbst von einem stärkeren Engagement innerhalb der Familie zu überzeugen, führten dazu, dass sage und schreibe 17% der Väter das in nennenswerter Weise umsetzen. Weitere 42% sprechen davon, mehr Zeit für ihre Familie haben zu wollen (sic!). Aber viel dafür tun und Nachteile dafür in Kauf nehmen – wie berufstätige Mütter das schon seit Jahrzehnten tun – wollen sie nicht. Da bleibt mir dann nur die Bemerkung: „Ein schöner Gedanke“ und irgendwo auch ein schöner Traum. Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier – wie Carola Fuchs so schön schreibt – weit auseinander.

Es wird sehr viel Zeit und Geld in die Hand genommen, um Väter von einer gleichberechtigten Beteiligung an der Familienarbeit zu überzeugen, die in der Realität häufig nicht sonderlich gleichberechtigt aussieht. Und wenn dieses Ungleichgewicht dann öffentlich thematisiert wird, kommt schnell der Vorwurf des Maternal Gatekeeping. Die Mutter lässt den Vater nicht ran. Da kann der Vater dann halt nichts machen.

Ich mag dazu mal ein paar etwas ketzerische Gedanken wagen:

  • Was, wenn die meisten Väter einfach keine Lust dazu haben, sich von sich aus maßgeblich an der Versorgung der Kinder zu beteiligen?
  • Was, wenn es Fakt wäre, dass die meisten Männer keinen Bock auf Carearbeit haben?
  • Was, wenn sich dadurch glasklar auch zeigt, wie anstrengend, undankbar und unattraktiv dieser „Job“ ist?
  • Was, wenn wir uns mit dieser „künstlichen“ Zahlen-Gleichberechtigung einen Bärendienst erweisen?
  • Und zu guter letzt: Was, wenn all das Geld und Engagement, das in diese Gleichberechtigungs-Bestrebungen einfließt, den Müttern und vor allem Kindern zugute kommen würde und dort viel besser aufgehoben wäre?

Die Gleichberechtigungs-Bestrebungen, die vor allem zunächst von der Frauenbewegung getragen wurde, entwickelt sich aktuell mehr und mehr zu einer Gleichberechtigung nach Zahlen, die insbesondere Mütter hintenherum wieder benachteiligt oder sogar gefährdet. Besonders deutlich wird das nach einer Trennung. Denn: erstaunlicherweise wird das Thema „Gleichberechtigung“ von so einigen Vätern plötzlich entdeckt, wenn eine Trennung ansteht oder vollzogen wurde. Auf einmal wird hervorgehoben, wie unheimlich wichtig der Vater für das Kind ist und dass Vaterverlust für ein Kind schlimmer ist als (fast) alles andere. Ob der Vater sich innerhalb der Beziehung schon um seinen Nachwuchs gekümmert hat und sich wesentlich in die Familienarbeit eingebracht hat und auch was der Grund für die Trennung war (> Thema häusliche Gewalt), spielt komischerweise keine Rolle. Ob das Kind selbst Interesse daran hat, z.B. im Wechselmodell durch 2 geteilt zu werden, interessiert auch fast keinen. Wenn das Kind sich wehrt, liegt das natürlich an der Mutter, die das Kind negativ beeinflusst hat. Ob dann später Väter, die das alleinige Sorgerecht erkämpft haben, dafür sorgen, dass die Mutter kaum noch Kontakt zu ihren Kindern hat, interessiert übrigens ebenfalls kaum jemanden.

Die sogenannte allseits von Väterverbänden herbeigeschriene Gleichberechtigung nach Trennungen kommt am Ende insbesondere den Vätern zu Gute, weil sie ihre Wahlmöglichkeiten erhöht und sie von unliebsamen Pseudo-Pflichten (z.B. Unterhalt) befreit. Übersehen wird dabei gern, dass Frauen und besonders Mütter viel weniger Wahlmöglichkeiten als Väter haben. Selbst wenn sie z.B. im Wechselmodell leben, heißt das nicht automatisch, dass sie leichter einen Job finden oder besser bezahlt werden, oder die Jahre, die sie evtl vor der Trennung mit Care- und Familienarbeit verbracht haben, hoch angerechnet bekommen. Nach wie vor haben besonders alleinerziehende Mütter ein besonders schlechtes Standing auf dem Arbeitsmarkt. Das gilt selbst dann, wenn sie sich „getrennterziehend“ nennen. Die Armutsfalle droht diesen Frauen im Wechselmodell besonders, weil kein Unterhalt gezahlt wird und sie dennoch hohe Kosten haben.

Die Väterverbände trommeln indes lautstark und penetrant für ihre Interessen (siehe z.B. Kommentarspalten von Manuela Schwesig), und das insbesondere, wenn es in den Beiträgen um die Unterstützung von Frauen oder Kindern geht. Sie betonen, wie benachteiligt Väter nach einer Trennung sind, wie sie von gatekeependen, alleinerziehenden Müttern am Umgang mit ihren Kindern gehindert werden. Und überhaupt: von „alleinerziehend“ darf man ja neuerdings gar nicht mehr sprechen, auch wenn de facto die meisten Mütter nach einer Trennung alleinerziehend sind. Das soll bitte „getrennterziehend“ heißen, damit die Väter, die sich kümmern wollen (die wenigen), nicht diskriminiert werden. Man darf also die Realitäten mal wieder nicht benennen. Interessant.

An dem Umstand, dass 75% der Kinder nach einer Trennung keinen oder zu wenig Unterhalt erhalten, wird übrigens das von manchen Vätern und ihren Verbänden so sehr herbeigesehnte Wechselmodell auch nichts ändern. Das ist auch ein schöner Gedanke. Oder würden Sie Ihr Kind gern einem Mann geben, der zum Umgang oder Wechselmodell gezwungen wurde? Die Realität ist stattdessen umgekehrt, dass mir etliche Fälle bekannt sind, in denen Mütter und Kinder schon heute zu Umgang und Wechselmodell gezwungen werden, und zwar absurderweise besonders gern nach der Flucht aus einer Gewaltbeziehung. Ob sie das wollen oder nicht, oder ob es ihnen damit gut geht oder nicht, spielt nicht wirklich eine Rolle. Der Vater ist einfach wichtig. Ist ja egal, was er vorher und auch während des Umgangs mit dem Kind und der Ex anstellt oder angestellt hat. Diese Haltung der Familiengerichte und Beratungsinstitutionen ist übrigens ein wesentlicher Grund, warum Schweigenbrechen für Mütter ein großes Risiko darstellt.

Dass das nicht allein ein deutsches Phänomen ist, beweisen die Fälle, über die die Organisation The Women’s Coalition regelmässig berichtet, und auch eine aktuelle Studie aus Großbritannien. Hören und lesen will das keiner wirklich. Stattdessen wird weiterhin überall an einer zahlenmäßig gerechten Gleichberechtigung gearbeitet und viel Geld dafür ausgegeben. Die gerechte Aufteilung des „Gegenstands Kind“ zwischen den getrennten Eltern ist der Gipfel dieser Bestrebungen. Wenn Mütter vor Gericht gegen einen erzwungenen Umgang kämpfen, geschieht das nicht nur, weil sie an sich selbst und ihre Macht oder ihren Machtverlust denken. Es geschieht auch oft nicht, weil sie dem Ex eins auswischen wollen. Stattdessen geht es in nicht wenigen dieser Fälle darum, die Kinder und sich selbst vor einem gewalttätigen Vater zu schützen. Dafür nehmen manche Frauen auch hohe Geldstrafen in Kauf.

Manche Mütterverbände befürchten indessen, dass die neue Unterhaltsvorschussregelung für sie ein Schuss ist, der nach hinten los geht. Denn: sie gehen davon aus, dass viele Väter nun erst recht z.B. ein Wechselmodell erzwingen wollen oder wegen der Betreuungszeiten vor Gericht ziehen, damit sie keine Unterhaltszahlungen mehr leisten müssen und keine Schulden beim Staat anhäufen. Ein aktuelles Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin bestärkt sie in diesen Ängsten. Ich bin nicht generell gegen das Wechselmodell. Aber: besonders wegen Missbrauch und Gewalt und der vielen betroffenen Frauen, die sich aus solchen Beziehungen befreien wollen und sollten, darf das Wechselmodell als Standard-Umgangsregelung nach einer Trennung nicht Gesetz werden. Erfahrungsgemäss landen nämlich besonders die hochstrittigen Fälle vor dem Familiengericht, bei denen z.B. häusliche Gewalt zur Trennung führte. Hier wird dann gern sogar belegte häusliche Gewalt als Druckmittel der Mutter hingestellt, um den Umgang zu verhindern oder einzuschränken. Fakt ist: in vielen familiengerichtlichen Rechtssprechungen erhalten inzwischen die Väter Recht – entgegen der Darstellung der Väterrechtsverbände. Die Haltung vieler Beratungsinstitutionen ist ähnlich väterfreundlich.

Wer also nach wie vor viel dringlicher Unterstützung und Schutz braucht, sind die Mütter und vor allem die Kinder. Und das gilt ganz besonders nach Trennungen und noch mehr nach der Trennung aus einer Gewaltbeziehung. Maßstäbe, die für eine „normale“ und gütliche Trennung angesetzt werden, dürfen nicht auf eine Trennung aus einer Gewaltbeziehung übertragen werden. Und: Eltern, die sich gütlich trennen, landen normalerweise nicht vor dem Familiengericht. Sie einigen sich außergerichtlich über Umgangsregelungen und Finanzen. Für die meisten hochstrittigen Fälle ist der Gleichberechtigungs-Grundsatz, der Vätern noch mehr Rechte und noch weniger Pflichten einräumt, kein guter Weg.


Bild: pixabay, ImageParty


 

„In nomine patris“ – Die Interessen der Väterbewegung (ARTE-Dokumentation)

Diese ARTE-Dokumentation beleuchtet die Interessen der weltweit agierenden Väterbewegung und ihren starken Einfluss auf juristische und politische Entscheidungen. Neben den Vertretern verschiedener Väterrechtsbewegungen kommen hauptsächlich männliche Soziologen und Psychologen zu Wort, die erklären, welch verheerende Auswirkungen das angebliche Streben der Väter nach Gleichberechtigung auf die Kinder und die Mütter haben kann. Den unnötigen Rotkäppchen-Erzählstrang, der sich durch den gesamten Film zieht, kann man überspringen. Die Dokumentation ist alt und wäre in dieser Form wahrscheinlich heute nicht mehr möglich. Daran ist spürbar, wie weit der Einfluss dieser Bewegung schon fortgeschritten ist.

DISCLAIMER: Schwerpunkt dieser Seite ist häusliche Gewalt an Frauen, die v.a. bei massiver körperlicher Gewalt größtenteils von Männern ausgeht. Es gibt auch Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden und es gibt Männer, die ungerechtfertigt einen Entzug ihrer Kinder erleiden oder (angeblich) von ihren Exfrauen falsch beschuldigt werden. Um diese geht es in diesem Text explizit nicht. Diese Seite bietet kein Forum für Wechselmodellvertreter (bei häuslicher Gewalt eine ganz schlechte Idee) und Männer, die Opfer sind. Wie der Name der Seite schon sagt: die Seite bietet eine Unterstützung für Frauen und benennt Probleme, die Frauen betreffen. Falls Sie Bedarf haben, die männliche Seite sichtbarer zu machen, kann ich Ihnen die Einrichtung eines eigenen Blogs empfehlen. (Dass ich das hier überhaupt schreiben muss, ist schon irgendwo bezeichnend, denn: Gewalt gegen Frauen wird immer noch gern verharmlost oder unsichtbar gemacht.)

3 Kommentar

  1. Liebe Rona,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Bei dieser Diskussion über den geringen Anteil an Care-Arbeit der von Vätern geleistet wird und dem immer wieder vorgebrachten Argument des „maternal gatekeeping“ als Ursache dafür, drängt sich mir immer wieder eine Erinnerung aus meiner Kindheit auf.
    Wie die Jungs das bei uns in der Familie früher machten, wenn sie keine Lust hatten – wie wir Mädchen – beim Abwasch zu helfen. Da glitt ihnen dann, wenn sie doch dazu genötigt wurden, vorzugsweise ein Teller vom besten Sonntagsporzellan ganz ungeschickt aus der Hand. Und wenn das nichts nützte, eins der guten Gläser hinterher… und dann mit Unschuldsblick: „Ich hätte ja sooo gerne geholfen, aber ich glaube wir Jungs sind einfach zu ungeschickt zum Spülen“. Woraufhin die Mutter (Grossmutter/Tante/Kusine…) dann irgendwann entnervt aufgegeben hat und die Arbeit selbst erledigt hat. Ein Schelm wer Böses dabei denkt…

  2. Du sprichst mir aus der Seele. Diese perfide Art der Gleichberechtigung in einer Gesellschaft, die noch lange keine Gleichberechtigung für Frauen schafft, ist wahnwitzig. Und erschreckend, sie wird immer mehr zur einzigen Wahrheit. Alle haben Mitleid mit vermeintlich armen Vätern. Es scheint ein Rollback in patriarchale Strukturen zu sein die erschrecken. Alle Macht den Vätern in Namen der Gleichberechtigung.

  3. So ist es . Es gibt in den Gesetzen keine Gleichberechtigung. Alle Macht haben die Väter. Man sollte meinen, das eine Mutter die ihr KInd zehn Monate in sich trug und zur Welt gebracht hat, weiß was gut für ihr Kind ist. Aber die Mütter werden sozusagen entmündigt und dürfen nicht mehr zum Wohl des eigenen Kindes entscheiden.
    Da werden Urteile beschlossen von Menschen, die das Kind und alle Zusammenhänge nicht kennen. Oder von Beiständen des Kindes, die zehn Minuten mit dem Kind gesprochen haben und meinen sich ein Urteil bilden zu können. Diese Gesetze gehören abgeschafft!

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