Einmal ist … einmal Über das Verharmlosen

InBeziehungsgewalt, Partnerschaft, Trennung, Victim-Blaming
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Ich möchte Dir heute ein Geständnis machen: ich habe selbst nur einen einzigen körperlichen Übergriff meines Expartners erlebt, der nicht besonders schwer war. Dennoch war mir zu diesem Zeitpunkt klar, dass damit eine Tür aufgestossen wurde. Vor dem Raum dahinter hatte ich Angst.

Auch heute noch frage ich mich manchmal, ob ich nicht übertrieben habe, indem ich darauf die Trennung folgen ließ. Ich bin ziemlich überstürzt und mit einem großen Gefühl der Dringlichkeit meiner Intuition gefolgt. Diese sagte: Achtung, Gefahr! Bring Dich in Sicherheit! In den darauf folgenden Wochen und Monaten brauchte ich immer wieder die Rückversicherung über mein Tagebuch, über enge Freunde und über ein Online-Forum zu Gewaltbeziehungen, dass meine Entscheidung richtig war. Bis heute gibt es Momente, in denen ich meine eigene Wahrnehmung in Frage stelle.

Wenn ich heute die Geschichten anderer Frauen lese, die über Jahre massiv psychisch und körperlich misshandelt wurden, kommt mir meine eigene Geschichte sehr klein und unbedeutend vor. Denoch hat sie mich motiviert, mich intensiver mit der Thematik der Beziehungsgewalt zu beschäftigen. Je mehr ich darüber las und erfuhr, desto erschütterter war ich. Mir wurde klar, wie weit verbreitet dieses „Phänomen“ ist und dass es dennoch einfach viel zu wenig Aufklärung gibt. Viel zu wenige Menschen wissen, wie man mit solchen Erfahrungen umgeht und dass es keine Lösung IN der Beziehung gibt.

In den persönlichen Kontakten zu betroffenen Frauen konnte ich feststellen, dass diese ebenfalls häufig ihre Erlebnisse verharmlosten. Ich fand ihre Erfahrungen furchtbar schlimm. Sie selbst relativierten sie aber, fragten sich nach ihrer Mitschuld und Mitverantwortung. Wenn ich wiederum meine Geschichte erzählte, waren sie entsetzt und fanden ihre Erfahrungen im Vergleich dazu harmlos.

Wenn man das genauer erforscht, ist ein Muster dahinter erkennbar, das viele Frauen lange, lange Zeit in Beziehungen hält, die ihnen schaden. Die Überschrift dieses Musters lautet:

„Einmal ist keinmal“

  • Er hat mich doch nur EINMAL geschubst.
  • Er hat mir doch nur EINMAL so auf den Arm geboxt, dass ein kleiner blauer Fleck zu sehen war.
  • Er hat mich doch nur EINMAL abfällig behandelt und beleidigt im Beisein anderer.
  • Er hat doch nur EINMAL mein Geld genommen, ohne mit mir zu sprechen.
  • Er hat mir doch nur EINMAL verboten, mit einem Freund zu sprechen.
  • Er hat doch nur EINMAL gegen meinen Willen mit mir Sex gehabt.
  • Er hat doch nur EINMAL meine Post gelesen / meinen Computer durchforstet / mein Handy ausspioniert
  • Usw.
  • Und am Ende: Er hat gesagt, dass er das NIE wieder tut.

Was steckt hinter diesen Aussagen? Es könnten u.a. folgende innere Botschaften enthalten sein:

  • Stell Dich mal nicht so an.
  • Beziehung ist kein Zuckerschlecken.
  • Beziehung muss man sich erarbeiten.
  • Zu einem Streit gehören immer zwei.
  • Jetzt sei mal nicht so empfindlich.
  • Man kann es auch übertreiben.
  • So schlimm war es doch nun wirklich nicht.
  • Wegen so einer Kleinigkeit stellt man doch nicht seine Beziehung in Frage.

Gemeinsam ist all diesen Botschaften, dass sie Deine eigene Wahrnehmung von Grenzüberschreitung in Frage stellen und verharmlosen. Dein ungutes Gefühl, das sicherlich zumindest am Anfag noch da ist, wird angezweifelt und manchmal sogar ins Lächerliche gezogen. Das machst Du vielleicht selbst innerlich, vielleicht wird es Dir aber auch von Deinem Partner bestätigt und vielleicht sagen Dir das auch Freunde und Familienmitglieder als gutgemeinten Rat.

Nach all dem, was ich inzwischen über psychische und körperliche Gewalt in Beziehungen weiß, bin ich inzwischen folgender Überzeugung:

„Einmal ist einmal“

Diesem Einmal folgen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit viele weitere Einmals, die dann nach kürzerer oder längerer Zeit zu „Mehrmals“, „Vielmals“, „Ständig“ werden. Die Grenze für das, was man als verletzend empfindet, wird Schritt für Schritt ausgeweitet. Umgekehrt wird an den anderen das Signal gegeben: „Ich setze Dir keine Grenze. Ich wehre mich zwar vordergründig. Aber ich bleibe bei Dir. Also stimme ich insgeheim zu, dass Du das mit mir machen darfst.“

Es gibt also noch die Steigerung von

„Einmal ist einmal zu viel“

Komischerweise fällt uns dieser Gedanke überhaupt nicht schwer, wenn wir an grenzüberschreitende und gewalttätige Übergriffe in der Öffentlichkeit nachdenken. Bei Übergriffen und Gewalt im häuslichen Umfeld einer Paarbeziehung setzen wir andere Maßstäbe an. Es kann doch nicht sein, dass in einer Paarbeziehung einer allein zum Täter wird. Was hat sie nur getan, dass er so handeln musste? Das macht er doch nicht einfach so.

Obendrein wird ein Deckmantel der Privatheit darübergelegt.

Heute bin ich der Überzeugung, dass es völlig unerheblich ist, wie oft und wie massiv die Übergriffe und die Gewalt im Vergleich zu Gewalterfahrungen anderer Menschen waren. Was einzig und allein zählt, ist Dein Gefühl der Bedrohung und Grenzüberschreitung. Wenn Du Dich bedroht und ängstlich fühlst wegen Deinem Partner, ist Eure Beziehung in gehörige Schieflage geraten und Du solltest gehen (mit entsprechender guter Vorbereitung). In dem Fall besteht überhaupt kein Grund, Deinen Partner zu schützen oder einen Deckmantel des Schweigens über das Erlebte zu legen (außer Du selbst brauchst erst einmal den Abstand). Niemand darf einen anderen Menschen demütigen oder schlagen – auch in einer Beziehung nicht. Nicht ein einziges Mal. Und da innerfamiliäre Gewalt die Wurzel für außerfamiliäre Gewalt ist, geht Gewalt in der Familie uns alle an und ist keine Privatsache.

Also:

  • Verharmlose nicht.
  • Stell Dich an.
  • Folge Deinem Bauchgefühl.
  • Einmal ist einmal zu viel.
  • Gewalt ist keine Privatsache.

Bild: Pixabay, TaniaVdB

2 Kommentar

  1. Danke für den Beitrag!
    Leider herrscht innerhalb der Gesellschaft immer noch und besonders bei Frauen die Meinung , Gewalt gegen Frauen wäre dem persönlichen Versagen Selbiger anzukreiden.
    Wenn eine Frau geht und eventuell sogar allein bleibt, sind Frauen der Frauen ärgste Feinde.

    • Das kann so sein. Muss es aber nicht. Es gibt auch eine Menge Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Meist sind das aber Frauen, die selbst schon extreme Grenzerfahrungen in ihrem Leben gemacht haben und dadurch bescheiden wurden und nicht mehr so leicht (ver)urteilen. So ist zumindest meine Erfahrung.

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