Gewaltfreie Kommunikation …und mein Bauchweh damit

InBeziehungsgewalt, Victim-Blaming
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Vor einigen Tagen verfolgte ich eine Diskussion in einer Facebook-Gruppe, die sich mit gewaltfreier Kommunikation beschäftigt. Es ging um eine Paarbeziehung, in der eine Frau wiederholt Erniedrigungen, extreme Wutausbrüche und Demütigungen ihres Partners erlebt. Schnell waren viele Ratschläge zur Stelle, wie die Frau die Situation verbessern könnte. Zum Teil kamen folgende und ähnliche Aussagen:

  • Was ist Dein eigener Anteil am Verhalten Deines Partners?
  • Wichtig ist, den Fokus zu verändern von “Wie konnte er mir das antun?” (ich bin ein Opfer) zu “Warum habe ich das mit mir machen lassen?” (ich bin mitbeteiligt und mitverantwortlich)
  • Wie trage ich selbst dazu bei, dass wir in einer Täter-Opfer-Spirale bleiben?
  • Vergebung ist wichtig, um sich zu lösen.
  • Was gibt mir diese Beziehung? Warum brauche ich sie?
  • Ich muss Verantwortung für die Beziehung übernehmen.
  • Zwiegespräche führen wäre hilfreich.
  • Warum verhält er sich so? Wie kann man ihn ändern? Wie versteht man die Hintergründe seines Verhaltens? Woher kommt seine Wut?
  • Dem anderen sollte keine Schuld gegeben werden für sein Verhalten. Er sollte nicht als Täter benannt werden.
  • Man sollte es nicht zu persönlich nehmen und die Perspektive wechseln.
  • Du solltest klare Grenzen setzen.

Beim Mitlesen des Threads bekam ich arge Bauchschmerzen und starke Gefühle von Widerstand.

Ich selbst habe mich auch schon mit gewaltfreier Kommunikation beschäftigt und Zwiegespräche mit meinem Partner geführt. Daneben habe ich viele Bücher gelesen, die den Schwerpunkt auf die eigene Verantwortung für den Verlauf einer Beziehung legen (z.B. “Liebe Dich selbst und es ist egal, wen Du heiratest.”) Auch eine Paartherapie hatte ich schon in Betracht gezogen.

Ich bin sicherlich keine Fachfrau für diese Themen und bin nicht so tief in die Materie eingestiegen, dass ich qualifiziert darüber urteilen kann. Dennoch erlaube ich mir, die Hintergründe für mein ungutes Bauchgefühl zur Sprache zu bringen:

Wesentlich für eine Lösung aus einer destruktiven Beziehung oder Gewaltbeziehung ist meiner Erfahrung nach, die Verantwortung und das Schuldgefühl für das Verhalten des Partners und für den Verlauf der Beziehung hinter sich zu lassen. Das Gefühl “Ich bin verantwortlich” oder sogar “Ich bin Schuld” ist ein entscheidendes Motiv, die Beziehung zu erhalten. Grund: es suggeriert, dass es noch Möglichkeiten gibt, an der Beziehung etwas zu ändern, wenn ich meine Einstellung und mein Verhalten verändere.

Damit wird auch ein weiterer Punkt deutlich: Opfer von Beziehungsgewalt empfinden sich selbst oft nicht als Opfer. Im Gegenteil. Sie empfinden sich als Täter. Dies wird auch vom Täter immer wieder bestätigt. Die innere Verwirrung des Opfers kann so weit führen, dass man noch Jahre nach einer Trennung zweifelt, ob man nicht doch mitschuldig war, gedemütigt oder geschlagen zu werden und ob das Verhalten des Partners damit nicht irgendwo nachvollziehbar und berechtigt war. Wesentlich ist also, sich selbst als Opfer zu erkennen und anzuerkennen und den Partner als Täter zu entlarven.

Vergeben und Verzeihen ist eine weitere gefährliche Komponente im Zusammenhang mit Beziehungsgewalt und Missbrauch. Der Wunsch zu vergeben kann das Erlebte verschleiern und vor einer nachhaltigen Auseinandersetzung mit der erlebten Gewalt schützen. Vergebung wird häufig als ein sehr erstrebenswerter Geisteszustand dargestellt. Bei Beziehungsgewalt kann Vergebung aber in der Beziehung halten – sogar nach einer Trennung. Dem anderen das angetane Unrecht immer wieder zu vergeben und zu verzeihen kann bedeuten, dass man nicht für sich selbst einsteht. Hier kannst Du mehr dazu lesen.

Sich abzugrenzen und deutliche Grenzen INNERHALB der Beziehung aufzuzeigen oder für Verständnis zu kämpfen, hält ebenfalls in der Beziehung. Auch nach einer Trennung bleibt die Beziehung erhalten, wenn immer noch ein Wunsch nach Verständnis von Seiten des Partners da ist.

Umgekehrt ist es ebenso schädlich, Verständnis für den Partner entwickeln zu wollen und sich zu fragen, warum er sich so verhält und was in ihm die Neigung zu extremer Wut und Gewalt ausgelöst hat. Damit wird sein Verhalten gerechtfertigt und nicht in seiner Schwere erkannt. Das destruktive Verstrickungsmuster mit dem Partner wird nicht aufgelöst.

Wenn ich das Verhalten des Partners nicht zu persönlich nehme und meine Perspektive wechsele, hilft mir das vielleicht vorübergehend. Ich bleibe aber auch hier IN der Beziehung und gebe damit unterschwellig eine Zustimmung zum Verhalten des Partners. Der Gewaltkreislauf wird damit nicht durchbrochen. Mit diesem Verhalten stehe ich nicht für mich und meine Gefühle von Missbrauch ein, die genau so berechtigt sind. Ich verändere mich, aber der andere macht früher oder später so weiter wie bisher.

Die Frage “warum habe ich das mit mir machen lassen?” sollte erst gestellt werden, wenn man die Beziehung schon eine längere Weile hinter sich hat. Dazu möchte ich sagen, dass es durchaus Gründe geben kann (!), warum man in einer solchen Beziehung landet. Meine bisherige Erfahrung durch die Beschäftigung mit dem Thema bestätigt mir aber immer häufiger, dass es JEDEM/R passieren kann. Es muss hier nicht zwangsläufig irgendeine Störung aus der speziellen, familiären Vergangenheit der Betroffenen eine Rolle spielen. Stattdessen durchziehen unsere gesamte Gesellschaft Muster von Liebe, Beziehung, Familie und Geschlechterzuschreibungen, die zu seelischer und körperlicher Gewalt in einer Beziehung führen können. Dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, wird auch deutlich, wenn man sich die schiere Anzahl betroffener Frauen zu Gemüte führt (jede 4. Frau ist betroffen). Die Suche nach den Gründen bei sich selbst, ist daher nicht unbedingt zielführend, sondern kann zu einem verdeckten Victim-Blaming beitragen.

Mein Fazit (subjektiv)

Eine Gewaltbeziehung lässt sich nicht verbessern. Wenn einmal Gewalt in einer Beziehung ausgebrochen ist (damit meine ich seelische und/oder körperliche Gewalt), ist Trennung die einzige Lösung. Verhaltensmuster, die in normalen Beziehungen helfen, helfen in einer Gewaltbeziehung nicht, sondern können die Verstrickung sogar verstärken. Methoden zur Verbesserung der Beziehung wie z.B. Zwiegespräche, GFK, Paartherapie, Mediation und auch viele Ratgeberbücher zu dem Thema, verschleiern und verwässern die Tatsache, dass es sich um Gewalt handelt, die von EINER Person ausgeht. Daher können Methoden, die die Verantwortlichkeit beider Partner ansprechen, nicht weiterführen. Die gewaltausübende Person hat im Übrigen eher selten ein Einsehen und den Bedarf, sich zu ändern. Sie/er kann die genannten Methoden stattdessen geschickt nutzen, um dem Partner weiterhin das Gefühl zu geben, er sei schuld und verantwortlich. Die klare Wahrnehmung der Situation wird damit weiter erschwert.

Für die Loslösung aus einer Gewaltbeziehung ist es daher ganz wesentlich eine klare Haltung zu entwickeln, nicht mehr alles zu verstehen, nicht mehr lieb zu sein und stattdessen unbequem zu werden und sogar in Kauf zu nehmen, dass ein anderer unangenehme Gefühle bekommt oder sich sogar verletzt fühlt. Menschen, die Beziehungsgewalt erlebt haben, sollten lernen, sich deutlich abzugrenzen, sich nicht mehr um alle anderen zu kümmern und sich nicht mehr nach den Motiven der anderen zu fragen. Sie sollten lernen, sich in erster Linie um sich selbst zu kümmern, sich selbst in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen und mit all ihrer Kraft für sich selbst einzustehen.


Bild: Pixabay, Efraimstochter