Die starke Frau ein schweres Erbe

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Die Batterie ist leer

Das wird ein sehr persönlicher Text, der einfach raus muss. In den letzten Wochen haben einige alleinerziehende Frauen (u.a. Mutterseelesonnig und Mama arbeitet) über ihre Erschöpfung geschrieben. Ich möchte mich einreihen. Dabei bin ich – im Gegensatz zu vielen anderen Alleinerziehenden – nicht ganz allein. Oma und Opa sind nebenan, so dass zumindest theoretisch ein Backup vorhanden ist. Ich bin also sozusagen “alleinerziehend light”. Dennoch: die schwierigen Zeiten – die Nächte mit kranken Kindern, die Sorgen über die Kinder, die vielen Entscheidungen, das selbständige Arbeiten mit und um die Kinder herum, die Konflikte, die Launen, meine Selbstzweifel als Mutter – mache ich meist mit mir allein aus. Die Väter sind weit weg und so gut wie nicht präsent. Da dieses Jahr wie bei vielen anderen Familien die Kinder außergewöhnlich häufig krank sind, lebe ich seit Monaten damit, dass ich meine Arbeit nicht in Ruhe erledigen kann, weil immer ein krankes Kind zu Hause ist oder ich mich gar selbst anstecke. Es bleibt auch kein Raum für mich allein, geschweigedenn ein Moment der Muße. Ich spule den Alltag ab wie am Schnürchen, aber mir geht mehr und mehr die Puste aus. Das führte dazu, dass ich mich in den letzten Wochen mehrfach ganze Tage mit Kopfschmerzen und extrem müde hinlegen musste. Die Batterie ist alle. Nichts geht mehr. Ich brauche dann 10 bis 18 Stunden Schlaf und dann geht es wieder. Aber es ist und bleibt immer noch ein Alltag, der von Funktionieren-Müssen bestimmt ist.

Eine Familie starker frauen

Nun ist bei mir das Funktionieren-Müssen sehr verinnerlicht, das Leistung-Bringen und das Nicht-schlapp-machen. Meine Familie ist geprägt von starken Frauen, die wenig Schwäche zeigten, die sich durchkämpften und durchbissen durch widrigste Lebensumstände. Erst in den letzten Jahren begreife ich mehr und mehr, wie sehr mich dieses Bild der starken Frau geprägt hat, mit allen Vor- und Nachteilen. In den letzten Wochen habe ich mich gefragt, wie diese Frauen gestrickt sein mussten, dass sie trotzdem eine fröhliche und freundliche Fassade aufrechterhalten konnten. Nein, es war nicht nur eine Fassade. Es war schon auch echte Lebensfreude. Aber die innere Haltung muss eine andere gewesen sein, eine Haltung, die Schwäche auf keinen Fall zulässt. So sind dann auch die Botschaften entstanden, die von einer Generation in die nächste getragen wurden: “Als Mutter musst Du Deine Krankheit im Stehen nehmen.” “Dafür haben wir keine Zeit (Kaffee trinken, bummeln, über den Markt schlendern, sich hinlegen).” “Was soll ich herumliegen, wenn ich krank bin? Die Arbeit muss getan werden.” “Ich habe keine Probleme. Mir geht es gut.” Es gab jedoch auch “Wenn Du viel leistest, musst Du Dir ab und zu etwas gönnen.”

Wenn ich heute so erschöpft bin, kann ich nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich kann nicht mehr behaupten, ich hätte kein Problem. Ich kann auch nicht mehr sagen, dass ich keine Zeit habe, mich auszuruhen. Die Erschöpfung war in den letzten Wochen teilweise so stark, dass ich mich ihr einfach hingeben musste. Ich merkte, wie ich mich schämte, dass ich nicht funktionierte, dass meine Kinder mich so sehen mussten. Es war mir unangenehm, dass meine Mutter einspringen musste, die ja auch selbst viel zu tun hat. Es ging aber nicht anders. In dem Moment, in dem ich mich hinlegte, war der Schalter umgelegt. Ich musste schlafen.

Ich weiß nicht, wie es die Frauen meiner Familie geschafft haben – trotz Krieg, Entbehrungen und viel schwierigeren Lebensumständen – stark zu bleiben und nicht umzukippen. Sie müssen in einer ganz anderen Art und Weise fähig dazu gewesen sein, ihre Bedürfnisse zu verdrängen oder vielleicht sogar gar nicht erst zu entwickeln und zu spüren. Vielleicht haben sie sich auch weniger reflektiert, weniger nachgedacht. Vielleicht war einfach von vornherein klar, dass sie funktionieren mussten – komme, was wolle. Vielleicht hat die Erziehung und der Zeitgeist bestimmte Gefühle und Gedanken nicht zugelassen. Klar ist jedenfalls, dass in dieser Zeit über so etwas nicht geredet wurde. Nur in Nebensätzen leuchten manchmal die Momente durch, wo spürbar wird, wie überlastet sie teilweise waren oder wie verzweifelt. Vielleicht ist es ja auch so, dass man vieles nicht spürt und somit auch nicht darunter leidet, wenn man sich über bestimmte Gefühle und Gedanken nicht austauscht, wenn man sie nicht ausspricht oder aufschreibt. Ich erlebte es immer wieder so, dass Probleme entweder verschwiegen oder hinweggeredet wurden. “Jammern” war nicht erwünscht und nicht erlaubt. Eigentlich ging es einem immer gut. Ob das wirklich so stimmte, wage ich heute zu bezweifeln.

alles können

Das mir vorgelebte Bild der starken Frau hat mir selbst Stärke und Mut gegeben. Ich habe nicht so einschränkende Muster erlernt, was Frauen machen oder nicht machen, oder können oder nicht können. Meine Mutter hat immer gern sehr vielseitig gearbeitet und konnte und kann auch heute noch vieles, was manche als “Männerjob” beschreiben. Das habe ich übernommen. Ich habe auch die Fähigkeit übernommen bis an meine Grenze und weit darüber hinaus zu gehen, mir selbst alles abzufordern und eine gewisse Befriedigung darin zu finden, mich selbst dabei zu vergessen und mich völlig zu erschöpfen. Bestätigung habe ich mir über Leistung geholt. Meine Selbstbild war davon bestimmt. Andererseits erlebte ich schon früh, wie sehr mir diese Muster schadeten. Ich verzweifelte an meinen Ängsten, an meinen Zweifeln, an meiner “Schwäche”. Auch depressive Anteile kamen hinzu. Es gab bei mir immer wieder Punkte, wo ich einfach nicht mehr konnte und doch gleichzeitig wollte, weil es sonst mein Selbstbild zu sehr erschütterte und ich mich für meine Schwäche schämte. Ich wollte stark sein. Schwach sein gefiel mir nicht.

ein schädliches Muster

Wenn ich das heute weiterdenke, ist dieser Ansatz der starken Frau zutiefst schädlich und zerstörerisch. Einerseits ist die starke Frau angeblich zu allem fähig und geht mutig und selbstbewusst ihren Weg. Sie lässt sich von nichts umhauen. Aber sie muss auch immer weiter funktionieren. Sie darf keine Schwächen zeigen. Sie darf ihren Bedürfnissen nicht nachgehen. Sie darf möglichst nicht um Hilfe bitten. Sie muss das alles allein können und leisten: Den Frauenjob, den Mutterjob, den Karrierejob, den Haushaltsjob, den Partnerinnenjob usw. Sie darf niemals und nie schlapp machen, außer vielleicht mal einen Tag in der Sauna. Es wird dem Feminismus ja häufig vorgeworfen, dass er an dieser Misere Schuld sei. Ich glaube aber, dass dieses Muster der starken Frau nicht feministisch ist. Es ist ein Muster, dass Frauen vordergründig stärkt, aber hintergründig ausbeutet. Es ist wie der Satz: “Du machst das so gut, machst Du das bitte auch noch? Das schaffst Du doch. Du bist doch stark.” Heute weiß ich, dass hier die richtige Antwort “Nein, danke!” wäre.

Tschüss, starke Frau!

Mir wurde jedenfalls durch die Erlebnisse der letzten Wochen klar, dass ich mich von meinem Ideal der starken Frau mehr und mehr verabschieden muss. Es fällt mir schwer und vor allem macht es mir Angst. Wie soll alles laufen, wenn ich nicht mehr stark bin? Es gibt ja keinen, der meine Aufgaben übernimmt. Aber vielleicht, denke ich, habe ich immer noch viel zu viel abgenommen und übernommen, auch bei den Kindern. Vielleicht wird es Zeit, dass ich wieder mehr Raum für mich einfordere, unbequem werde. Vielleicht ist es am Ende sogar für alle besser, wenn ich nicht mehr die meiste Last auf den Schultern trage. Wenn ich mich von der starken Frau verabschiede, nähere ich mich mir selbst als Mensch, meinen Bedürfnissen, meinen Stärken, meinen Schwächen. Es fühlt sich freundlich an und sanft. Ich habe keine Ahnung, ob das so funktioniert. Aber ich will nicht mehr immer weiter funktionieren. Diese Härte, die in der vermeintlichen Stärke liegt, tut mir nicht gut.


Bild: Pixabay, ErikaWittlieb